Kawasaki Z 650 im PS-Fahrbericht

Fairer Gegenwert für 6.700 Euro

Die ER-6n ist tot, es lebe die Kawasaki Z 650! Ob die neue Zett nur eine leicht abgewandelte ER-6n mit modernerem Namen ist, zeigt unsere erste Testfahrt.

Erster Gang, 30 km/h, Gas auf und gleichzeitig am Lenker gezupft: Hoppla, das war etwas zu viel des Guten! Das Vorderrad der Kawasaki Z 650 schnellt unerwartet fix und weit Richtung Himmel. Jetzt rasch hinten bremsen, sonst droht der Abgang per Rolle rückwärts. Beim ersten Wheelie-Check überrascht die Kleine mit viel Punch in der Mitte, der solche Showeinlagen begünstigt. Doch nicht nur Einrad-Artisten profitieren von der geänderten Motorcharakteristik des Reihentwins aus der Vorgängerin ER-6n. Auch Normalos dürfte es freuen, dass sie den Zwilling für Zwischenspurts nicht mehr so stark auspressen müssen. Und die von 72 auf 68 PS gekappte Spitzenleistung? Geschenkt! Allenfalls Drehzahl-Junkies monieren die ab zirka 8.000/min etwas eingeschränkte Drehfreude. Drücken statt Drehen: Fürs neue Fahrgefühl legte sich Kawasaki mächtig ins Zeug.

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Änderungen am Motor für die Kawasaki Z 650

Die wichtigsten Maßnahmen betreffen die Steuerzeiten und den geänderten Drosselklappendurchmesser. Bei Punkt eins verringerten die Techniker die Überschneidung, also jenen Zeitpunkt, an dem beide Ventile gleichzeitig geöffnet sind. Das erhöht die Füllung des zündfähigen Gemischs im Brennraum, was das Drehmoment steigert. Als zweiten Schritt reduzierten die Grünen den Durchlass der Drosselklappen von 38 auf 36 Millimeter. Auswirkung: höhere Gasgeschwindigkeit, ebenfalls bessere Füllung. Hierzu trägt  auch die geänderte Form der Ansaugkanäle bei. Außerdem wuchs das Airbox-Volumen, und das Gemisch wird nun von neuen Einspritzdüsen zerstäubt. Der neue Auspuff mit dichteren Wabeneinsätzen der Katalysatoren und ein frisches Mapping vervollständigen die Änderungen am Motor. Dazu verhindert die servounterstützte Anti-Hopping-Kupplung der Kawasaki Z 650 ein Stempeln des Hinterrads bei frühzeitigem Herunterschalten. Trotz feiner Vibrationen, die ab mittleren Drehzahlen das charakteristische Zweizylinderstampfen begleiten, bietet der muntere Twin einen sehr hohen Unterhaltungswert. Zumal er bedrohlich dumpf ansaugt und wie ein Großer aus dem Auspuff bollert.

Mehr noch als am Motor werkelte Kawasaki am Fahrwerk. Statt eines Brückenrahmens kommen in der Kawasaki Z 650 nun ein komplett neu entwickeltes Stahlrohrgeflecht und eine ebenfalls neue Schwinge zum Einsatz. Allein an diesen beiden Bauteilen möchte der Hersteller knapp 13 Kilo eingespart haben. Auch die leichteren Räder tragen zum geringeren Gewicht bei. Insgesamt verspricht Kawasaki eine Reduzierung um stattliche 19 auf 187 Kilo (vollgetankt). Die Schwinge nimmt das Federbein nun zentral über ein Hebelsystem auf. Wir erinnern uns: Bei den ER-6-Modellen wurde der Monoshock noch seitlich am Rahmen direkt angelenkt. Dumm nur, dass der Versteller der Federbasis nun von beiden Seiten verbaut ist und das Einstellen zur Fummelarbeit ausartet. Leichtere Räder und andere Bremssättel (Nissin statt Tokico), eine um 15 auf 790 Millimeter gesenkte Sitzposition und um den gleichen Wert nach unten gewanderte Fußrasten komplettieren die wichtigsten Fahrwerksänderungen.

Zielgenau und stabil in Kurven

Was aber bringen sie? In erster Linie ein klasse Handling. Leichtfüßig brennt die Kawasaki Z 650 durchs gewundene Asphaltband. Keine Kurve ist ihr zu eng, keine Kombination zu tricky. Dazu ­tragen auch der um ein halbes Grad steilere Lenkkopfwinkel und der geschrumpfte Nachlauf bei. Trotz dieser Handling-fördernden Änderungen stürmt die kleine Kawasaki Z 650 zielgenau und stabil in und um die Ecken – Linie suchen leicht gemacht. Einzig das Setup der Federelemente wirft Fragen auf. Die auffallend soft abgestimmte Gabel wandert bei starkem Ankern rasch Richtung Anschlag. Das Absorbieren von Bodenwellen muss nun der Reifen übernehmen, er neigt als Folge früh zum Blockieren. Auch hinten herrscht bei zügigem Tempo viel Bewegung. Doch statt wie die Gabel komfortabel anzusprechen, haut das Federbein dem Piloten die Stöße von markanten Bodenwellen ungeniert ins Kreuz – autsch!

Schön knackig wirken die Bremsen. Weder zu scharf noch zu lasch ausgelegt, steigt die Leistung analog zur Bremskraft. Allerdings regelt das ABS nach wie vor früh und mit groben Intervallen. Doch bei aller Kritik gilt es zu bedenken: Die Kawasaki Z 650 ist weder sündteurer High-End-Racer noch prunkvolles Super Naked. Stattdessen bietet sie für knapp 6.700 Euro einen fairen Gegenwert. Das dürfte nicht nur Einsteiger und Wiedereinsteiger freuen, sondern auch gestandene Maschinisten ins Grübeln bringen, die sich für ein Zweitmotorrad interessieren. Zumal die Kawasaki Z 650 mit ihrem neuen, aggressiveren Design mehr als je zuvor auf den Spuren ihrer berühmten Ahnen wandelt.

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