Kurztest

Honda XLR 200 R

Zäh, drahtig und mit spartanischer Genügsamkeit
greift die kleine Honda XLR 200 R das Thema Enduro neu auf.

Viel haben die japanischen Konstrukteure vom ursprünglichen Begriff Enduro nicht übriggelassen. Waren es am Anfang der Stollen-Epoche noch unbeholfene Scrambler, notdürftig zurechtgemachte Straßenmaschinen mit hochgezogenen Auspuffrohren und grob profilierten Reifen, mutierten die ersten wirklich brauchbaren Enduros für Gelände innerhalb weniger Jahre zu schwergewichtigen Straßenfegern mit betont reiseorientiertem Anspruch. Die Federwege gekappt, die Reifengummis feingerippt, blieb außer der Optik nicht viel übrig vom geländegängigen, robusten und wendigen Schluchtenflitzer. Off Road-Freaks griffen deshalb zu den gemäßigten Wettbewerbs-Geräten. Yamaha TT 600, Honda XR 600 R, Suzuki DR 350 und natürlich zu den Hardcore-Bikes von KTM und Husqvarna. Sie waren die letzte Rettung der Schmuddelkinder. Jungs und Mädels, die mit Vorliebe im Sand buddeln, bekommen jetzt von der Motorrad-Zentrale in Dasing eine neues, leckeres Angebot: gerademal 124 Kilogramm leicht, 17 PS stark, 5990 Mark teuer und so robust wie ein Kantholz - die Honda XLR 200, einer von vielen interessanten Eigen-Importen der bayerischen Motorrad-Zentrale. Auf den ersten Blick eine ganz normale Enduro, findet der sachkundige Betrachter jede Menge pfiffige Details. Etwa die nach hinten offenen Ausfallenden der Schwinge, die den Radausbau zum Kinderspiel machen. Oder die nur leicht gekröpften und damit weniger bruchgefährdeten Speichen, die stabile Aluminium-Hohlkammerfelgen mit den leichten Radnaben verspannen. Auch der Luftfilter ist in Windeseile ausgebaut. Warum Honda hier jedoch anstatt der auswaschbaren Schaumstoff-Filter einen Papiereinsatz verwendet, weiß wohl niemand so genau. Funktionelle Schalter, ein abschließbarer Tankdeckel, breite, wirkungsvolle Schutz«bleche« und Radabdeckungen und das übersichtliche Cockpit runden die Ausstattung ab. Es fehlt an Nichts - und trotzdem ist nichts zuviel. Selbst der winzig kleine Rechteckscheinwefer weist mit überraschend viel Leuchtkraft dem Spätheimkehrer den richtigen Pfad.Der bewährte, luftgekühlte Zweiventiler läßt sich nicht lange bitten und blubbert spontan auf Knopfdruck los, ein Kickstarter fehlt gänzlich. Von einem kleinen Rohrbügel geschützt, kauert die Starterbatterie unter dem linken Seitendeckel und sollte auch Ausrutscher unbeschadet überstehen. Feine Vibrationen und kerniges Poltern künden vom simplen und nicht mehr ganz taufrischen Bauprinzip des XLR-Motors. Dafür lassen sich die beiden Ventile ohne Spezialwerkzeug im Handumdrehen einstellen. Auch nicht schlecht - und vor allem billig.Im Drehzahlkeller etwas kraftlos, hangelt sich der 200er Motor dennoch wacker und ohne spürbaren Schwächeanfall zum Leistungszenit, womit er selbst Trial-Einlagen mit mittlerem Schwierigkeitsgrad bewältigt, die durch den unglaublich großen Lenkeinschlag auch auf engstem Raum gelingen.Mit jeder Menge Bodenfreiheit gerüstet, kraxelt die kleine Honda lässig über Kanten und Absätze, wobei ein Rohrbügel das Motorgehäuse vor derbem Gestein in Schutz nimmt. Festen Halt, selbst in der schmierigsten Lehmpampe, findet der Enduro-Reiter dabei auf griffig verzahnten Stahlrasten - wie es sich für eine Enduro eben gehört. Obwohl Gabel und Federbein von der einfachen Sorte sind und ohne Dämpfereinstellung auskommen, stecken sie luftige Sprünge und knietiefe Löcher locker weg, ohne dabei durchzuschlagen. Und das nicht nur über wenige Meter, sondern auch nach zig strapaziösen Kilometern über löchrige Wellblechpisten in sengender Hitze. Lediglich in langen, tiefen Wellen und an harten Absprungkanten vermißt der ganz eilige Reiter einen Tick an Zugstufendämpfung. Die kleine Honda tendiert in solchen Situationen zu nervöser Instabilität.Hinter dem kurzen, schmalen neun Liter großen Stahlblechtank und an den schlanken Seitenverkleidungen findet man genügend Bewegungsfreiheit, um die Honda mit gezieltem Körpereinsatz auf Kurs zu halten. Federleicht läßt sie sich durchs Gelände bugsieren, wechselt blitzschnell die Spur und pfeilt sauber durch Anlieger und enge Kehren. Fleißiges Schalten gehört natürlich dazu, wobei die großen Drehzahlsprünge zwischen den ersten drei Gängen an steilen Auffahrten oder im tiefen Boden dazu zwingen, das Motörchen gnadenlos auszupressen. Dafür schalten sich die fünf Gangstufen kurz und exakt.Die fein dosierbare, 245 Millimeter große Scheibenbremse mit Doppelkolbensattel bringt die XLR 200 auf losem und glitschigem Untergrund sicher zum Stehen und macht selbst bei streßigen Asphalteinlagen nicht schlapp. Das ist auch gut so, denn von der zierlichen Trommelbremse im Hinterrad darf man nicht allzuviel Unterstützung erwarten. Leicht knatschig und zahnlos erfüllt das Bauteil gerade so seine Pflicht. Ein gelungener Kompromiß sind die Bridgestone Trail Wing 27/42-Reifen mit ausreichend guter Traktion auf losem Boden und makelloser Fahrstabilität auf griffigem Asphalt. Ausdauernde Straßenetappen setzen dem Hinterteil allerdings mächtig zu. Schmal, stark nach vorn abfallend, drückt die Enduro-Sitzbank gnadenlos aufs Steißbein. Menschen über 1,80 Meter beklagen zudem den für eine Enduro recht engen Kniewinkel. Dafür bleibt die Sitzhöhe von rund 870 Millimeter auch für kleingewachsene Landstreicher erschwinglich.Freude kommt auch beim Tankstopp auf. Mit 2,7 Litern/100 km bei gezügelter Fahrweise, 3,2 Litern in strammem Landstraßentempo und 7,0 Litern bei der schonungslosen Geländehatz schont die XLR 200 Geldbeutel und Umwelt gleichermaßen. .
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