Kurztest Suzuki TU 250 X Volty

Kleiner Stromer

Volty - ein Name, der elektrisiert. Sollte Suzuki tatsächlich ein Elekromotorrad gebaut haben? Nein, die TU 250 X stromert mit 250 Kubik, die 250 Volt bleiben in der Steckdose.

Als Hermann Watt zufällig der Suzuki TU 250 X begegnete und diese sich mit ihrem Beinamen Volty vorstellte, traf den Elektriker beinahe der Schlag. Seine Widerstände schmolzen, und seine Liaison mit der Stromerin war beschlossene Sache.
Chromblitzend und zierlich von Statur, hatte die Volty Hermanns Herz im Handumdrehen erobert. Die weichen, etwas schwülstigen Linien der Tank-Sitzbank-Kombination hatten Hermann zuerst auf eine Neukonstruktion des Hauses Suzuki schließen lassen. Doch auch nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Volty nichts anderes als eine renovierte GN 250 ist, glühten Hermanns Dioden immer noch vor Begeisterung.
Kein Wunder, bei den Erbanlagen: Der Motor konnte schon in den 250er DR- und GN-Modellen überzeugen. Das luftgekühlte, von einem 34-Millimeter-Vergaser beatmete Vierventil-Triebwerk dreht munter hoch und produziert 20 PS bei 8000 Kurbelwellenrotationen. Um kribbelnde Kriechströme zu unterdrücken, bestückten es umsichtige Ingenieure mit einer Ausgleichswelle. Sehr zur Zufriedenheit von Herrmann, spürt er doch nur spontane, von Vibrationen kaum getrübte Leistungsentfaltung. Der E-Starter sorgt in Verbindung mit dem am Vergaser versteckten Choke für eine unproblematische Startprozedur, nur das Getriebe paßt nicht so recht in das gute Bild der Antriebseinheit. Die Schaltung ist zwar leichtgängig, die Gänge rasten zuverlässig ein, doch stören die langen Schaltwege. Außerdem nervt der große Sprung zwischen viertem und fünftem Gang. Längere Anstiege werden so zu lärmenden Drehzahlorgien oder niedertourigen Quälereien.
Der muntere Einzylinder ist in einem konventionellen Einschleifenrahmen mit geteilten Unterzügen verpackt. Das weich abgestimmte Fahrwerk suggeriert vordergründig Komfort, ist aber vorn wie hinten unterdämpft. Das Überfahren von Bodenwellen quittiert die Volty mit deutlichem Nachschwingen. Schon beim weniger nachdrücklichen Einsatz der einzelnen vorderen Scheibenbremse gibt die 37er Gabel auf und schlägt unsanft durch. Die Hinterhand kann es kaum besser, spätestens, wenn Hermann nicht allein unterwegs ist, ist sie überfordert. Die Schräglagenfreiheit ist knapp bemessen, bei flotter Fahrt schraddeln die Rasten über den Asphalt.
Von der Langstreckentauglichkeit seiner Volty war Hermann anfänglich nicht überzeugt, doch bei einer spannungsgeladenen Tour belehrte sie ihn eines Besseren. Denn mit ihrer bequemen Sitzbank, der aufrechten Sitzposition und der passenden Lenker-Fußrasten-Ergonomie trug sie ihn streßfrei durch die Lande. Der Zwölf-Liter-Tank reichte für knapp 300 Kilometer, im Windschatten eines »fliegende Holländers« auf der Autobahn schaffte er gar eine 400-Kilometer-Etappe zwischen zwei Tankstopps.
Kein Wunder, daß Hermann Watt mit der Volty hoch zufrieden ist, daß die Spannung zwischen ihm und seiner Maschine kein bißchen nachgelassen hat. Wenn dann wieder mal der Funke überspringt, läßt er mit verliebten Blick seine Hände über das schmale Heck der Volty gleiten und flüstert leise: »Laß mich dein Pluspol sein.“
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