Kurztest Yamaha XV 1100

Je oller, je doller

Zwölf Jahre auf dem Buckel, aber noch ganz schön aktiv: Frisch geschminkt und mit ungebrochener Spannkraft, denkt die XV 1100 noch lange nicht an den Ruhestand.

Strenggenommen geht sie erst ins sechste Lebensjahr, denn vorher hieß sie XV 1000. Großzügig betrachtet geht sie auf die sechzehn zu, denn die XV 1000 entstand ihrerseits aus der noch älteren XV 750. Unbestritten jedenfalls: Die XV 1100 ist eine betagte Dame.Aber eine, die ihr Alter mit Würde trägt und sich treu bleibt, die nicht versucht, mit dem jungen Gemüse der Chopperszene um das Prädikat »beste Harley-Kopie« zu streiten. Ein frisches Farbenkleid, neu gezeichnete Auspufftöpfe - fertig ist das Modell 1996. Und wie geht`s? Bestens. Trotz verschärfter Emissionsvorschriften leuchtet das Lebenslicht der XV mit alter Strahlkraft. 62 PS ballen sich auf der Kurbelwelle, die das Miteinander der im 75-Grad-Vau angeordneten Zylinder koordiniert. 62 PS, mit einfachsten Mitteln - Zweiventiltechnik, Luftkühlung - herbeigezaubert. Doch nicht nur die Fülle, auch die Qualität des Leistungsangebots macht Laune. Anders als bei manch anderen großvolumigen Chopper-Zweizylindern geht der Marsch durchs Drehzahlband bei der XV nicht auf kurzem Weg von Hängen nach Würgen: Schon bei 2000 Touren läuft der Motor schön rund, um auf Vollgaskommando sauber, mit konstantem Leistungszuwachs und unter sonorem Ansauggrummeln hochzudrehen - wenn`s sein muß bis jenseits 7000/min. Die im Kurbelhaus rotierende Ausgleichswelle zeigt dabei die gewünschte Wirkung: Sie läßt zwar ständig spüren, daß der Motor lebt, unterdrückt aber lästige Erschütterungen.Daß die Besatzung vorzugsweise in der Einzahl auftritt, ist dem knappen Platzangebot auf dem rückwärtigen Teil der Sitzbank zuzuschreiben. Deren bessere, weil längere und breitere Hälfte schmeichelt sich mit kuschelweicher Polsterung ein und verspricht bequemes Dahingleiten.Doch das Sofa lügt: Nach spätestens zwei Stunden verlangt der Körper nach Abwechslung, will heraus aus der Zwangslage, die Fußrasten, Lenkerenden und Sitzkuhle diktieren. Darf er dann auch, denn die XV ist dem Kraftstoff herzlich zugetan: 5,4 Liter bei konstant Tempo 100 und zehneinhalb Liter bei strammer Autobahnfahrt - da freut sich die Mineralölwirtschaft über die regelmäßigen Tankstellenbesuche.Immerhin ist das Geld gut angelegt, denn der trinkfreudige V2 steckt in einem Fahrwerk, das die XV 1100 eher zum Motorrad als zum Chopper stempelt. Abgesehen von einem etwas unsicheren Geradeauslauf bei Schrittempo zeigt die Yamaha keine ausgeprägten Unarten. Sie kippelt nicht in engen Kehren, sie lenkt ohne Gegenwehr und erfreulich präzise in schnellere Kurven ein und läßt sich auch bei raschen Schräglagenwechseln nicht lange bitten. Bei schneller Fahrt - immerhin läuft die Maschine über 170 Sachen - gibt´s keine Unreinheiten im Gangbild, auch nicht, wenn Spurrillen den Kurs kreuzen. Die im linken Schwingenholm versteckte Kardanwelle hält sich mit Lastwechselreaktionen vornehm zurück - nicht zuletzt »dank« der kurzhubigen, straffen Federbeine. Deren Komfortangebot hält sich naturgemäß in Grenzen, vor allem kurze, harte Stöße dringen weitgehend ungemildert zum gefederten Teil der Maschine durch. Auch die Telegabel übt sich in selektiver Wahrnehmung: Sie sieht unbeeindruckt über Kleinigkeiten hinweg, reagiert aber nachgiebig auf stärkere Eindrücke. Etwa auf zackige Bremsmanöver, die die vordere Doppelscheibe bei energischem Griff zum Handhebel liefert. Unter dem Strich jedenfalls ist die XV 1100 eine gut abgestimmte Kombination aus gutgehendem Motor und unproblematischem Fahrwerk - und der Gegenbeweis zur These, eine alte Frau sei kein D-Zug.
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