Moto Morini Corsaro 1200 ZZ im Fahrbericht

Euro 4-konform und mit ABS

Die rundum überarbeitete Moto Morini Corsaro 1200 ZZ ist das erste ABS- und Euro 4-Modell des italienischen Herstellers. Sie soll die Schwächephase beenden.

Da ist er endlich wieder, der kurzhubigste V2 aller Zeiten. Wir haben ihn vermisst in jüngsten Zeiten, als Moto Morini praktisch vom Markt verschwunden war. Zwölf Jahre nach seinem Debüt feiert der mächtige 1200er mit dem satten Punch fröhliche Urständ in der komplett renovierten Corsaro 1200, die nun den statt wie bisher „Veloce“ den Beinamen „ZZ“ trägt. Noch nicht mal die Umstellung auf Euro 4 macht den V2 matt: 139 PS stehen in den Homologationspapieren. Schon richtig, andere Zweizylinder drücken inzwischen deutlich mehr auf den Prüfstand. Aber doch nicht so direkt und ungezähmt, oder? Vielleicht verklärt auch die Freude über das Wiedersehen und Wiederhören des sonoren rauen Klangs den ersten Eindruck.

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Drehmomentgewitter ab 3.500/min

Der eindrucksvolle Sound aus den neuen Endtöpfen untermalt die exklusive 250-km-Tour mit der Moto Morini Corsaro 1200 ZZ, zu deren Premiere Moto Morini gerade mal vier Journalisten eingeladen hat. Die leicht nach vorn geneigte Sitzposition wirkt im Vergleich zu früher noch versammelter, der relativ breite Lenker des Naked Bikes vermittelt ein gutes Gefühl von Kontrolle und damit vom Start weg Vertrauen. Bessere Manieren hat Moto Morinis Technikchef Massimo Gustato dem Antrieb durchaus anerzogen, das merkt man schon auf den ersten Metern. Denn der Motor geht nicht mehr so ruppig ans Gas, wenngleich es eine leichte und manchmal unfreiwillige Übung bleibt, das Vorderrad abheben zu lassen. Weil außer ABS und einem Quickshifter zum Schalten ohne Kupplung keinerlei Elektronik an Bord ist, hängt die Bodenhaftung beim Beschleunigen allein von der Sensibilität der Gashand ab. Heutzutage ungewohnt, aber sehr charmant: Motorradfahren 1.0, sozusagen.

Auf den Quickshifter, der nur zum Hochschalten dient, könnte man getrost verzichten, denn unter 3.500/min arbeitet er ohnehin nicht. Und darüber hinaus setzt er arg brüsk ein. Mit Kupplung hingegen schaltet sich das Getriebe weich und präzise, weshalb der Schaltautomat im Laufe der Tour völlig in Vergessenheit gerät. Der Motor selbst will in der Euro 4-Version bei Laune gehalten werden. Bei niedrigen Drehzahlen scheint er in Schnappatmung zu geraten, sodass man unwillkürlich einen Gang herunterschaltet. Doch ab etwa 3.500/min entfaltet der V2 ein enormes Drehmomentgewitter, das bis zum Begrenzer bei 9.200/min mit Macht vorwärtsschiebt und freudige Schauer erzeugt.

Direkte Nachfahrin der 1200 Veloce

Das gut ausbalancierte Fahrwerk, bei dem jetzt mehr Gewicht auf dem Vorderrad liegt, passt zu dem kraftvollen Motor. Die Testrunde mit der Moto Morini Corsaro 1200 ZZ führt vom Werkssitz in Trivolzio bei Pavia durch kurvenreiche Apennin-Ausläufer bis zum Penice-Pass. Je länger die Tour dauert, deso besser finden Mensch und Maschine zusammen. Engagiert meistert das rasante Naked Bike jede Art von Terrain, umrundet langsame, enge Kehren ebenso harmonisch, wie es langgezogene, schnelle Kurven flink durcheilt, unterstützt von der haftstarken Erstbereifung, Pirelli Diablo Rosso III. Der Motor ist immer wieder eine Wucht. Und dass ihn das Bosch-ABS bei einer Testbremsung entschieden, aber nicht aggressiv verzögert, erhöht das Vertrauen weiter.

Wie beim Antrieb, handelt es sich bei der ganzen Moto Morini Corsaro 1200 ZZ um eine direkte Nachfahrin der Corsaro 1200 Veloce von 2005. Die wurde kräftig überarbeitet. Neu sind unter anderem die Geometrie mit längerer Schwinge, erhöhtem Federweg vorn und anderem Lenkkopfwinkel, dazu das aufgefrischte Design und die vielen exklusiven Komponenten wie die geschmiedeten Alu-Räder oder die radial verschraubten Vierkolben-Monoblock-Stopper von Brembo. Gabel und Federbein, beide voll einstellbar, stammen vom Bologneser Spezialisten Mupo und funktionieren auf glattem Asphalt gut, auf unebenen Strecken allerdings reichen sie Schläge schon mal direkt an Rücken und Handgelenke weiter.

Ungebrochene Faszination des V2

Als Gesamtpaket beschert die feurige Moto Morini Corsaro 1200 ZZ der Marke eine gelungene Rückkehr. Mit ihrem machtvollen Antritt bleibt sie eine anspruchsvolle Maschine für routinierte Fahrer, die auf elektronische Helfer wie Traktionskontrolle oder Fahrmodi verzichten können. Beim Test kamen Vorserien-Motorräder zum Einsatz. Quickshifter und Fahrwerksabstimmung werden bis zum Marktstart im Mai weiter verbessert, zudem ersetzt Morini den Plastik- durch einen Alu-Tank. Finish und Verarbeitung zeugen von Liebe zum Detail – im Werk wird jeder Bolzen, jede Mutter von Hand verschraubt.

Bleibt als große Hypothek der Preis: 19.900 Euro kostet die Moto Morini Corsaro 1200 ZZ, für ein Oldstyle-Motorrad ohne nennenswerte Elektronik eine heftige Ansage. Dafür liegen die angestrebten Stückzahlen in einem sehr überschaubaren Rahmen. Und so hat Moto Morini wohl trotz des exorbitanten Preises die Chance, eine Marktnische zu erobern – dank der ungebrochenen Faszination ihres V2.

Neustart als Manufaktur

Mit 80 Jahren startet Moto Morini ins dritte Leben – diesmal als Manufaktur: Die Motorräder werden von Hand gefertigt, Sonderwünsche der Kunden gern berücksichtigt. Die Stückzahlen liegen niedrig, die Preise hoch.

Das ist happig: 19.900 Euro kostet die Moto Morini Corsaro 1200 ZZ. Wie rechtfertigt sich so ein Preis für ein Motorrad, das an moderner Elektronik nur ABS und einen Quickshifter zum Hochschalten ohne Kupplung bietet? „Wir verbauen nur äußerst hochwertige Komponenten, fast alle aus Italien. Und wir arbeiten von Hand, das steigert die Qualität, kostet aber“, erklärt Ingenieur Massimo Gustato. Er arbeitete früher in der Rennsportabteilung von Aprilia sowie bei Bimota und entwickelte die neue Corsaro ZZ. Deren praller V2 stammt ursprünglich von Franco Lambertini, der schon im ersten Leben von Morini die legendäre 3 1/2 verantwortete. Inzwischen in Rente, ist Lambertini der Marke weiter freundschaftlich verbunden.

18 Leute arbeiten im kleinen Werk in Trivolzio, 40 Kilometer südlich von Mailand, wohin Morini vor drei Jahren umzog und den Stammsitz bei Bologna aufgab. 2011 hatten die beiden Mailänder Sandro Capotosti und Ruggeromassimo Jannuzzelli die Marke nach der Insolvenz im zweiten Leben ersteigert. Sie wollten die Motorräder nur noch im Internet verkaufen. Das ging schief, Capotosti schied aus. Eigentümer ist heute die Firma Autjann, die der Familie von Jannuzzelli gehört, welcher als Marketing-Berater von Morini firmiert. In diesem Jahr sollen 150 Motorräder gefertigt werden, darunter auch „One-off“-Exemplare, also Unikate ganz nach Kundenwunsch. Als künftige Produktionsgrenze nennt Jannuzzelli maximal 500 Stück.

Derzeit baut man eifrig am Händlernetz, in Deutschland will Morini die Händler direkt beliefern. Zwei haben schon unterzeichnet, weitere Interessenten wollen dem Vernehmen nach den MOTORRAD-Fahrbericht der Moto Morini Corsaro 1200 ZZ abwarten. Na denn!

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