Münch Mammut 2000

Münch Mammut 2000 im Fahrbericht

Die Rückkehr des Mammuts

Vor 15 Jahren hatte ich eine 50er Hercules. Eine Suzuki GS 500 war für mich ein Big Bike. Die Münch Mammut 2000 kostete 174.000 Mark und war so unerreichbar wie der Mars. Heute, 15 Jahre später, werde ich eine fahren. Pass auf, wenn deine Träume wahr werden ...

Ehrfurcht wabert durch die Morgenkonferenz. Münch Mammut 2000 – da horchen auch die ganz abgebrühten Kollegen auf. Augenbrauen heben sich. Capo Pfeiffer, seinerzeit einer der Handvoll Journalisten, die die Metall gewordene Exklusivität bewegen konnten, warnt: „Mammut 2000? Pass auf, Bub, is‘ gefährlich!“ Doch der Hinweis verhallt kaum wahrgenommen im Synapsen-Nirvana. Meine Gedanken sind seit Tagen auf Wanderschaft.

15 Jahre ist es her, dass Friedel Münchs Idee vom Automotor im Zweirad, mit der er in den Siebzigern die Vorstellung des Machbaren sprengte, in Form der Münch Mammut 2000 ihren zwangsbeatmeten, ultimativen und letzten Ausdruck fand. 15 Jahre alt war ich, als das Neuzeit-Mammut den Titel von MOTORRAD zierte, und die einleitenden Zeilen des Fahrberichts in Heft 23/2001 sind in mein Stammhirn gemeißelt: „Ein Mammut ist der urzeitliche, große Bruder eines Elefanten. Tonnenschwer, unglaublich stark und nicht gerade zimperlich, wenn es seinen Hunger zu stillen galt, mähte der Pflanzenfresser die üppige Fauna längst vergangener Zeiten problemlos nieder... Das Mammut hatte keine natürlichen Feinde – bis auf den Mensch. Als Einzelner suchte er freilich schnell das Weite, aber in Horde auftretend, brachten die Zweibeiner manches Mammut zur Strecke.“

Anzeige

Mehr Motorrad ging einfach nicht

Beinahe prophetische Zeilen. Zusammen mit der mächtigen, überlebensgroßen Präsenz der Turbo-Maschine Grund genug für einen planlosen, aber tief beeindruckten Pfälzer Schüler, sein junges Herz an die Münch Mammut 2000 zu verlieren. Andere hatten Poster von McLarens und Lambos im Zimmer, mich begleitete über Monate das Mammut. Sie war edel. Sie war schön. Und sie war der ultimative Stich im Motorradquartett. Hubraum? 1.998 Kubik, Stich. Leistung? 256 Peh-Ess. Stich. Drehmoment? 359 Newtonmeter. Gewicht? 390 Kilo. Preis? 176.000 Mark. Stich. Stich. Stich. Mehr Motorrad ging einfach nicht. Und mehr Motorrad hat es bis heute nirgends sonst gegeben.

Statt geplanter 250 sind dann nur 15 Stück entstanden, bis Thomas Petsch, zusammen mit dem 2014 verstorbenen Friedel Münch Vater der Münch Mammut 2000, der Serienfertigung den Stecker ziehen musste. Um einen Cosworth-Zylinderkopf hatten sie ein komplett eigenständiges Motorrad auf die Räder gestellt, und so etwas kostet sehr, sehr viel Geld. Rahmen, Räder, Schwinge, Kupplung, Getriebe – alles speziell für das Turbo-Tier konstruiert und gefertigt. Visionär, mutig, verrückt, ein solches Mammut-Unterfangen in Angriff zu nehmen. Vielleicht ein kleines Wunder, dass sie überhaupt so weit gekommen sind, bis es am Ende unbezahlbar wurde.

Kann die Münch Mammut 2000 gebändigt werden?

Ein Wunder auch für mich, denn 15 Jahre später erhalte ich den Schlüssel zu einer von Petschs eigenen Münch Mammut 2000. Man verzeihe die Floskel: Ein Traum wird wahr. Nur: Will ich das überhaupt? Will ich den Traum möglicherweise an der harten Realität zerplatzen sehen? Denn sie kann unmöglich so gut sein wie in meiner Vorstellung. Besser als Fantasie belassen, als nostalgieschwere Erinnerung? Hätte ich mit Knight Rider auch machen sollen, statt auf Youtube noch einmal eine Folge zu schauen, und David Hasselhoff samt KITT so harsch zu entzaubern.

Und: Werde ich dem Mammut überhaupt gewachsen sein? „Im dritten Gang Gasgriff auf Anschlag... nicht die Kupplung dreht durch. Es ist das Hinterrad! Urplötzlich stürmt das Mammut los, als wolle es seinen lästig gewordenen Dompteur abschütteln...Gemessene 380 Nm, zu viel für Fahren in Schräglage, für die meisten Situationen überhaupt... Schwierig zu dosieren... Erst im vierten Gang wird der Schlupf erträglich, doch da rennt die Münch Mammut 2000 bereits über 180... Ungutes Gefühl in des Testers Magengegend... Angst...“

Video: Johannes Müller über die Münch Mammut 2000

Vor 15 Jahren fuhr Testredakteur Johannes Müller eine 50er Hercules. Die Münch Mammut 2000 zierte damals den Titel der MOTORRAD Ausgabe 23/2001 und kostete 174.000 Mark. Heute, 15 Jahre später, ist Johannes sie gefahren.
Video: Johannes Müller über die Münch Mammut 2000.

Kolossal ruht es auf seinem Seitenständer

Wie der Steinzeitmensch, klein, allein, ohne Freund und Faustkeil, fühle ich mich beim Anblick des Urviechs. Kolossal ruht es auf seinem Seitenständer in einer Würzburger Tiefgaragen-Höhle. Es riecht nach Benzin und geborstenen Knochen. Mit wackligen Gliedmaßen wollen die acht Zentner in die Senkrechte gewuchtet werden. Rechts reicht es so eben, den Ballen auf den Boden zu bringen, links angelt die viel zu kurz geratene Zehenspitze nach dem Seitenständer. Nur ein Grad zu viel Schräglage, und der Urzeit-Elefant begrübe mich. Zündung. Der Zweiliter erwacht. Sonor, fein, hubraumsatt brummt er aus dem dicken Underseat-Auspuff, atmet eher Gelassenheit als Urgewalt. An diese erinnert alsbald aber die Kupplung, die, klar bei so viel Drehmoment, eine gewaltige Handkraft erfordert. Wie Granit auspressen. Hart rastet Gang eins ein, die Münch Mammut 2000 ruckt ungeduldig. Weit hinten und unten finden sich Steigbügel, weit vorne, hinterm 23-Liter-Tank Stoßzähne. Ultrabreit, massiv, mächtig. So, als hätte man ein normales Motorrad um 50 Prozent gestreckt. Der Name ist Programm. Wird das Mammut mir beim Einkuppeln den Kopf abreißen?

Nein, es fährt. Wie ein Motorrad. Bemerkenswert sanft, fast fromm schiebt der Sechzehnventiler, hängt fein am Gas, rollt dank üppiger Schwungmasse quasi mit Leerlaufdrehzahl dahin. Bis etwa 2.500 Touren ist vom Lader wenig zu spüren. Gut. Denn natürlich ist das Gewicht, der hohe Schwerpunkt immer voll da. Der Lenkeinschlag ist klein, Bedacht und Entschlossenheit fordert der Koloss. Aber nach einigen Kilometern kommt man sich näher, weicht die Angst gesundem Respekt. Sauber schaltet das Getriebe. Gediegen, träge, aber durchaus neutral und berechenbar zieht die Münch Mammut 2000 mit dem 200er-Hinterreifen auf 6,25-Zoll-Felge ihre Bahn, schiebt zwar merklich, aber vertretbar nach außen. Satt, straff federt die Öhlins-Gabel an der Front, hart, erdig die beiden hinter der Ölwanne liegenden Federbeine. Die mussten dorthin wandern, denn der große Auspuff und die voluminöse Schwinge ließen keinen anderen Platz. Nur eine der zahlreichen, außergewöhnlichen technischen Lösungen an diesem einzigartigen Motorrad.

Leistungsdiagramm dürfte die Form eines Wolkenkratzers haben

Heraus aus der Stadt, der innere Fünfzehnjährige und die Neugier sticheln: „Mach mal Vollgas!“ Vollgas? Dazu braucht es Mut-Tabletten, viel Platz und einen gefestigten Charakter. Versuchen wir es trotzdem. 2.500 Touren, der Lader hält inne, fängt unter leisem, aber verheißungsvollen Zischen an, mehr und mehr Luft-Brennstoff-Gemisch in die Einlasskanäle zu atmen. In einem rasiermesser-schmalen Bereich spült eine satte Drehmomentwoge den Jumbojet voran, bis dann, unvermittelt und vehement, die ganz dicke Laderkeule zuschlägt. Keule? Bei 3.000 Umdrehungen gleicht die Leistungsabgabe eher einem Meteoriteneinschlag. Ein Turbomotor alter Schule, nach großem Loch kommt unfassbare Power. Das Leistungsdiagramm der Münch Mammut 2000 dürfte die Form eines Wolkenkratzers haben.

Klar, dass so etwas kein Hinterreifen dieser Welt verkraftet. Traktionskontrolle? Gab es damals nicht, passte auch so gar nicht. Ansatzlos geht der 200er von der Haft- in die Gleitreibung über, malt dicke schwarze Striche auf den Asphalt. Während in meiner Erinnerung die warnenden Worte vom Boss nachhallen („Pass auf...“), wird aus Respekt wieder gesunde Angst. Es folgen weitere Versuche, des Biestes Herr zu werden, ihm meinen Willen aufzuzwingen oder wenigstens aufzuzeigen. Die führen entweder zu mehr schwarzen Strichen oder ziemlich großen Augen unterm Helm ob der explosiven Beschleunigung von beinahe einer halben Tonne Motorrad mit Fahrer, wenn der Hinterreifen denn einhakt. Bestimmt, eine Kompressor-Kawa beschleunigt härter, vor allem narrensicherer, aber nein, sie erzeugt bei Weitem nicht dieses unfassbar kinetische Gefühl von so viel, so vehement katapultierter, schierer Masse. Und ganz sicher nicht diese unbeschreiblich archaische Sensation einer kaum kontrollierbaren Gewalt.

Zähmung des Mammuts fordert den ganzen Mann

Der Ritt auf der Kanonenkugel, er wurde oft bemüht, dürfte aber kein anderes Motorrad so treffend umschreiben wie die Münch Mammut 2000. Mit dieser Erkenntnis rollen wir zurück zu seiner Höhle. Genug Adrenalin für einen Tag. Zahm, wieder gutmütig, ohne Ladedruck. Alles gut gegangen beim Mammut-Rodeo. Hier und da glaube ich, in den Blicken der Passanten so etwas wie Respekt zu sehen. Einigen scheint bewusst, dass unter ihnen die letzten großen Landsäuger weiterleben.

„Die Zähmung des Mammuts fordert den ganzen Mann und ist garantiert nichts für Zweirad-Greenhorns. Das waren Münch Mammut allerdings noch nie.“ Es sind auch meine finalen Meter mit der Münch Mammut 2000. Echte Wehmut. Entzaubert? Im Gegenteil. Der Traum, die Vorstellung, sind der Erfahrung und somit der Realität gewichen. Es war überhaupt nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Es war viel besser.

Technische Daten Münch Mammut 2000

  • Vierzylinder-Reihenmotor
  • Turbolader mit Ladeluftkühlung
  • Hubraum 1.998 cm³
  • Verdichtungsverhältnis 9,0:1
  • Leistung 188 kW (256 PS) bei 5.250/min
  • Drehmoment 359 Nm bei 4.500/min
  • Radstand 1.540 mm
  • Lenkkopfwinkel 62 Grad
  • Nachlauf 115 mm
  • Gewicht 390 kg
  • Tankinhalt 22,7 Liter
  • Preis (2001) 86.000 Euro

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote