Test

Aprilia Leonardo 125

Lange genug ließ Aprilia das Publikum auf den zwölf PS starken Viertakt-Vierventiler warten. Seit Juni ist der Leo los.

Entbehrungsreiche Zeiten neigen sich dem Ende zu. Als im Sommer 1995 erste technische Details und Fotos des Aprilia Leonardo publik wurden, lief der von technischen Finessen nicht eben verwöhnten Roller-Gemeinde hörbar das Wasser im Munde zusammen. Einen starken Viertakt-125er mit vier Ventilen und Wasserkühlung, Scheibenbremsen vorn und hinten sowie Zwölf-Zoll-Fahrwerk hatte es noch nie gegeben. Achtelliter-Viertakter, so das ungeschriebene Dogma, waren Öko-Mobile für die Vernünftigen unter den Rollerfahrern. Sollten die schwarzen Schafe mit Lust auf Fahrdynamik sich doch mit Zweitaktern vergnügen.Wollten sie aber nicht - jedenfalls nicht alle. Der Techno-Roller avancierte sofort zum Objekt ungestillter Begierde, denn Aprilia konnte nicht liefern. Nicht, wie zunächst versprochen, im Januar 1996 und auch nicht zum Saisonstart im März. Der Leonardo wurde zum gejagten Phantom.Das Phantom fährt sich gut - nicht nur nach den Maßstäben für Phantome, sondern auch nach denen für knapp 6000 Mark teure Roller. Im Leerlauf schüttelt sich der Kurzhuber ein wenig, als wollte er darauf hinweisen, daß er fürs Herumstehen und Warten nicht gebaut wurde. Das findet der Fahrer auch, und so ist die Basis für eine harmonische Beziehung geschaffen. Auffordernd reckt der Leonardo seinem Besitzer den Gasgriff am angenehm hohen Lenker entgegen.Gut, daß eine Riemenautomatik Motor und Hinterrad des Aprilia verbindet. Sonst ließe der drehfreudige Rotax-Treibsatz den linken Fuß des Fahrers kaum zur Ruhe kommen. Die Automatik dagegen wählt immer eine passende Gesamtübersetzung im Bereich zwischen eins zu acht und eins zu 29.Damit kommt der Leo, gehandicapt von 140 Kilogramm Lebendgewicht, aus dem Stand zunächst etwas verhalten in die Gänge, legt dann aber kontinuierlich an Tempo zu. Um im Stadtverkehr der Vierrad-Fraktion davonzufahren, reicht sein Temperament locker. Im Gegensatz zu den deutlich sprintstärkeren Zweitakt-Kollegen vom Schlage eines Piaggio SKR 125, TPH 125 oder Hexagon 125 entledigt sich der Aprilia seiner Verfolger ohne Gebrüll und schwenkt auch kein Duftfähnchen als Zeichen des Triumphes. Leise und fast vibrationsfrei dreht der Vierventiler hoch und treibt den Leo auf respektable 103 km/h Höchstgeschwindigkeit - da können die sportlicher ausgelegten Zweitakter nicht mit. An Steigungen und im Soziusbetrieb dagegen holt den Aprilia-Roller die Erdenschwere wieder ein. Sein Durst bleibt dabei bescheiden, sein Qualitätsanspruch nicht: Super plus muß es sein.Leos hohe und im unteren Bereich schmale Statur läßt ihn behende durch Lücken flitzen. Nur beim Rangieren fällt auf, daß sein Wendekreis rund einen halben Meter größer ist als der vergleichbarer 125er Roller. Dafür erfreut der Aprilia mit überlegener Fahrstabilität und Zielgenauigkeit. Motorradfahrer mögen kritisieren, daß seine auf Komfort ausgelegte Federung das Hinterteil in welligen Kurven etwas nachschwingen läßt, aber nach Roller-Maßstäben ist Leos Fahrwerk Spitze.Auch seine Bremsen haben Niveau. Wenn sie nach einigen hundert Kilometern richtig eingebremst ist, zeigt die 220-Millimeter-Scheibe im Vorderrad ordentlich Biß. Ihr Druckpunkt könnte allerdings deutlicher ausfallen. Ein spürbares Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage freilich ist nicht der Bremse, sondern dem breiten 120/70er Vorderreifen anzulasten. Erste Sahne ist die fein dosierbare hintere Scheibe. Weil Roller hecklastiger sind als Motorräder, setzt man sie gern ein.Zeigt sich der Leo mit seinen üppigen 9,2 Litern Tankvolumen, starkem Doppelscheinwerfer und einem geräumigen Gepäckabteil unter der Sitzbank durchaus zu längeren Touren aufgelegt, so nervt er großgewachsene Fahrer mit seiner weichen, stark gestuften und rutschigen Sitzbank. Die kräftige Zwölf-Ah-Batterie dürfte den E-Starter stets ausreichend versorgen und läßt so den fehlenden Kickstarter verschmerzen. Ein echtes Ärgernis ist der zwischen Verkleidung und Auspuff versteckte Ölpeilstab. Daß der Aprilia weder auf dem Trittbrett noch am Heck Lasten schleppen mag, verzeiht man ihm schon eher. Ein Leo ist schließlich kein Muli, sondern für zügig-kultiviertes Vorankommen gebaut. Und das beherrscht er.
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