Test BMW C1 Family’s Friend

Gebt euch die Kugel

Kinder zeigen mit den Fingern, Motorradler biegen sich vor lachen, Neugierige nehmen die Verfolgung auf. Wer C1 fährt, erlebt die Welt von einer neuen Seite. Was bleibt, sind Gefühle – auch heitere.

Jämmerlich. Die ersten Kilometer – wirklich jämmerlich. Torkelnd, schlingernd, ungelenk. Stress vor jeder blöden, kleinen Kurve. Er wird kippen, ganz bestimmt. Das Übergewicht kriegen und Dach voraus zu Boden gehen. Was für eine Nummer: Familiy’s Friend am Donnerstag früh sauber im Straßengraben versenkt.
Fährt kinderleicht, hatte der BMW-Händler gesagt. »Sie müssen nur Gas geben und bremsen, den Rest erledigt der C1 von allein. Dank Fliehkraftkupplung und stufenloser Automatik. Prima Sache. Kein Kuppeln, kein Schalten. Ist – mit Verlaub – narrensicher.« Schließlich wolle BMW auch Automobilisten in den 125er-Käfig locken. Na, das möcht’ ich sehen. Leute ohne Zweiraderfahrung, mit so einem Gebäude unterwegs.
Sicherheitsgurte kreuz und quer, die Rübe unbehelmt im Wind, zwei Dachsäulen, die selbst lächerlichsten Schräglagen einen erschreckenden Ausdruck verleihen. Hoher Schwerpunkt, behäbiges Handling, verzögert einsetzende Kraftübertragung. Und über allem dieses Käseglocken-Gefühl. Beim BMW C1 kommt einiges zusammen.
Erstaunlicherweise gewöhnt man sich daran. Zwei, drei Stündchen in der komfortablen Fahrgastzelle, und die Anfangsschwierigkeiten sind überwunden. Oberste Devise: nicht irritieren lassen, auch nicht vom kreischenden Publikum, das sich angesichts des bayerischen Kabinettstückchens prächtig amüsiert. Stets hart am Gas bleiben. Beim Anfahren, beim Abbiegen, immer. Das treibt dem C1 das Kippeln aus. Und langsam stellt sich so etwas wie Fahrspaß ein.
Witzig vor allem: die Perspektiven. Aus der Kugel heraus wirkt die Welt wie ein Jahrmarkt. Wenn der BMW in Schräglage geht, fühlt man sich unweigerlich zurückversetzt in hellblaue Raumschiffchen und zitronengelbe Flieger, die an Metallarmen im Kreis herumwirbeln. Auch von außen sieht der C1 eher nach Karussell-Fahrzeug denn Businessclass aus. Wahrscheinlich nicht unbedingt im Sinne der Erfinder. Gebaut wird das skurrile Vehikel übrigens bei Betrone in Italien.
Der Einzylinder-Viertakt-Motor ist gebürtiger Österreicher, stammt von Rotax, wurde jedoch in Bayern kultiviert – mittels zweiter Nockenwelle, Einspritzung samt Motormanagement und geregeltem Katalysator. Volle 15 PS klatscht das Kerlchen an die Kupplung, geht obenraus wie’s Lottchen. Im Antritt wirkt der 125er allerdings etwas bemüht. Hat auch mächtig was zu schaffen: Immerhin wollen hier 201 Kilogramm in Schwung gebracht werden.
Den seitens BMW versprochenen homöopathischen Verbrauch von 2,9 Litern Super pro 100 Kilometer hat dieses Motörchen nie. Wohl aber den roten Bereich – bei Tacho 120 auf einem abschüssigen Stück Autobahn. In der Ebene bringt’s der C1 auf echte 106 km/h und nimmt damit trotz seiner Leibesfülle einen der vorderen Plätze unter den Achtelliter-Viertakt-Rollern ein. Nicht zuletzt ein Verdienst der guten Aerodynamik.
Samstag – Großkampftag in der City: Schon wieder fast einen Passanten erschlagen, der wissen wollte, wozu die riesigen Hebel unterm Lenker gut sind. Der Schlumpf streckt neugierig seine Nase herein und kriegt einen der Sicherheitsgurte ans Hirn. Wie mit dem Katapult gezogen schnalzen die Dinger zurück, sobald die Auslöser betätigt werden. Äußerst fragwürdig. Da haben die Damen und Herren BMW einen Hochsicherheitstrakt auf zwei Räder gestellt, dessen Schutzwirkung an die eines modernen Kleinwagens heranreicht, und dann so etwas. Wie? Ach ja, die Hebel: Mit denen bockt man die Fuhre auf und ab. Der Kleinere klappt den Hauptständer aus und ein, der Große hebt und senkt das Vorderrad. Raffiniertes System.
Beim Fahrwerk hat BMW ohnehin in die vollen gelangt: Alu-Space-Frame-Technik, Telelever, zwei ausreichend straffe hintere Federbeine – da geht was. Verglichen mit herkömmlichen Rollern liegt der C1 topstabil. Und dann diese Bremsen: packen zu, als gelte es ein 150-PS-Bike zu stoppen. Das aufpreispflichtige ABS geht allerdings leicht übermotiviert zu Werke, beginnt einen Tick zu früh mit der Regelarbeit.
Montag früh, dicker Stau auf der A 81. Null Problem mit dem Durchmogeln. Rücken schön zur Seite, die Blechhütten. In der Stadt findet der dicke C1 jedoch nur schwer eine Lücke. Zu breit, zu hoch, zu schwerfällig. Mit Sturmfrisur und Ohrensausen im Büro angekommen. Mütze liegt zu Hause auf dem Küchentisch. Sollte nicht passieren. Weil’s um den Kopf herum mächtig zieht. Nervtötend. Genau wie das laute, einfältige Mhööööb-Mhööööb des Motors.
Mittwoch, letzter Testtag, und noch immer kein Regen. Wenn man einmal darauf wartet. Hätte so gerne gewusst, wie nass man wird. Stattdessen heftige Diskussionen im Kollegen-Kreis über die Sicherheit im BMW. Ein Horrorszenarium am anderen: »Was, wenn man direkt neben einem Hydranten umkippt? Angeschnallt. Ohne Helm. Oder bei einem Unfall die Arme ausbreitet?« Wie gut, dass solche Gedanken bei Motorrädern nicht aufkommen.
Bei 10685 Mark fängt C1 fahren an. Mit dem unifarbenen Basismodell. Family’s Friend kostet einen Tausender mehr. Und der Executive, das ist der für die VIPs, schlägt mit 12185 Märkern zu Buche. Außen schwarz, innen braun mit Handyhalter und Leselampe. Damit kann man sich die Kugel so richtig stilvoll geben.
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