Test Ducati ST 2

Giro d´Italia

ST 2: Sport Tourismo, zweiter Anlauf. Angetrieben vom frischen Wind des neuen Managements, wagt Ducati den Vorstoß ins beliebteste Zwittersegment.

Bologna, 23. April, 9,00 Uhr. Windstille, 20 Grad, keine Wolke am Himmel. Ducati Motor S.p.a., sagenumrankte Geburtsstätte zweirädriger Legenden. Seit 1990 domininieren die norditalienischen Desmo-Twins die Superbike-Szene. 916, Monster, SS-Typen, das klingt martialisch, nach Sport, nach Wettkampf. Und dann das: IFMA 1996, kofferbewährt und vergleichsweise brav steht die ST 2 da und trotzt aller ducatistischer Kompromißlosigkeit. Sporttourer, Tourensportler, Fleisch mit Fisch. Eine Ducati, die es mit japanischen Alleskönnern à la Honda VFR 750 aufnehmen will. Immerhin: Die erste Pressevorstellung verlief vielversprechend. Mal schauen, was die Serie kann.
Schlüsselübergabe. Dann kann’s losgehen. Platz nehmen auf der touristischsten Ducati heißt sich wohlfühlen vom ersten Moment an. Bequeme, hochgekröpfte Lenkerhälften, ein schmaler Tank mit perfektem Knieschluß, die Fußrasten nicht allzuweit oben beziehungsweise hinten. Das alles unterbaut mit einer heimeligen Sitzbank. Gute Voraussetzungen für touristische Ansprüche. Untermalt vom Rasseln der etwas schwergängigen Trockenkupplung, nimmt der große Desmo-V-Twin willig seine Arbeit auf. Das Triebwerk entstammt dem letzten - allerdings glücklosen - Versuch von Ducati, einen Sporttourer zu etablieren. 904 cm³ Hubraum hatte damals der wassergekühlte V2 in der 907 i.E. Die aktuelle Version erbte den 68er Hub, wuchs aber in der Bohrung um zwei Millimeter. Zusätzlich erhöht ein größeres Polrad die rotierende Masse. Die großen Ventile (38 Millimeter Auslaß, deren 43 Einlaß) bleiben, ebenso der Desmo-typisch gewaltige Ventilhub von 11,8 Millimetern. Geändert wurde das Nockenwellenprofil. Eine Airbox sorgt für stabile Druckverhältnisse im Ansaugtrakt. Damit Leistung und Abgas stimmen, regelt ein modernes Marelli-Zünd-/Einspritzmanagement die Gemischzufuhr und die Abfackelung desselben. Soviel zur Theorie. Aber wie fühlt sich das an?
Drehmomentstark und spontan - also genau richtig für den Bologneser Stadtverkehr. Zwar sollte der Drehzahlmesser nicht unter 2500/min fallen, aber darüber steht turbinenartiger Schub zur Verfügung. Nur ganz oben, über 8000 Umdrehungen, zeigt sich die Italienerin etwas temperamentlos. Die Gangwechsel würden geschmeidig vom Fuß flutschen, wäre da nicht der viel zu kurze Ganghebel, bei dem wohl an italienischen Kinderfüßen Maß genommen wurde. Schalten muß man allerdings dank ausreichend Drehmoment nicht oft, um die Ducati durch die Fiat-schwangere Rush-hour zu surfen. Zudem hat der Fahrer eine gute Übersicht, und mit ihrem niedrigen Schwerpunkt läßt sich die Maschine spielerisch durch den Stau dirigieren. Dann die Stadtgrenze. Rauf auf die »Tangentiale« rund um Bologna, Richtung Süden, Richtung Berge. Und auch im Stadtautobahnverkehr gilt: Cooles Dahingleiten, gelegentliche Zwischenspurts erledigt die ST 2 souverän. Die sphärischen Rückspiegel zeigen in breitem Panorama glückliche Gesichter überholter Italiener. Vollständig und übersichtlich informiert das Cockpit über die Fahrzustände. Der Motor hängt im mittleren Drehzahlbereich ebenfalls gut am Gas, reagiert einspritztypisch spontan auf jeden Befehl. Der Großraum Bologna ist zu Ende, die Ausfahrt zur Landstraße erreicht. Wunderbar leicht und zielgenau lenkt sie ein, die Italienerin - kein Wunder bei der sportlichen Fahrwerksauslegung. Die neuen Metzeler ME Z4-Null-Grad-Stahlgürtelreifen unterstützen, neutral und handlich, das gute Fahrverhalten. Auf winkligen Landsträßchen geht’s Richtung Futa-Paß. Sonnenschein, Dolce vita. Kurz in die Espresso-Bar, und dann den Paß rauf.
Holpriger, zerfurchter Asphalt fordert die Showa-Federelemente, die sensibel ansprechen und trotz komfortabler Grundabstimmung auch auf sehr schlechten Straßen immer Herr der Lage bleiben. Gelobt seien die langen Federwege und die ausgereifte Schubstangen-Hebelatur hinten. Gabel und Federbein sind zudem vielfach einstellbar. Die ST 2 springt gierig von Kehre zu Kehre. Anbremsen, Umlegen, Gas. Ganz selten streifen die Fußrasten und der Hauptständer den Asphalt. Selbst bei hohem Tempo bleibt die Ducati handlich und neutral. Der Motor spielt seine 87 auf dem MOTORRAD-Prüfstand ermittelten PS bis etwa 8500/min aus, dann ist Schluß mit munter. Endlich auf der Paßhöhe, zeigen sich drei Dinge: Es liegt Schnee am Straßenrand, die Aussicht ist super, und der Hintern tut nicht weh. Bella Italia! Ein paar Fotos fürs Album und abwärts. Jetzt können die Bremsen zeigen, was sie können. Hm. Typische Ducati-Brembo-Bremse vorn: Bremswirkung okay, Druckpunkt matschig. Punktgenau dosieren fällt schwer. Immerhin, übermäßig nachlassen tut sie nicht. Der hintere Stopper zeigt fast keine Wirkung.
Noch mal einige Kilometer Landstraßenspaß, dann Autostrada uno, Richtung Gotthard. Ducken, kurzes Ignorieren des Tempolimits, hartes Beschleunigen durch die Gänge. Erst bei 230 km/h bleibt die Tachonadel stehen, die spätere Messung bestätigt beachtliche 229 km/h Topspeed. Der Windschutz könnte für einen Tourer besser sein, für einen Sportler liegt man hinter der Spoilerscheibe gut geschützt. Tankstellen braucht der ST 2-Pilot nur selten, durchschnittlich sechs Liter verbrennt er auf 100 Kilometer. Aufregen kann er sich bei Stopps über den heimtückischen Seitenständer, der oft unvermittelt wegklappt.
Maut bezahlen, runter von der Autostrada, rauf auf den Gotthard-Paß. Denn selbst nach vielen hundert Kilometern macht die ST 2 noch Lust auf Kurven. Leider verhindert auf halber Höhe eine geschlossene Schneedecke das erhoffte Vergnügen. Schade, also doch Vignette. Durch den Tunnel und die Schweiz geht’s zurück auf heimatliche Autobahnen. Die bequeme Sitzpostion und das gute Licht machen auch die letzten rund 350 bei Dunkelheit gefahrenen Kilometer noch sehr erträglich. Stuttgart, 24. April, 23.30 Uhr, Windstille, 6 Grad, Redaktionsgebäude. Ein langer Tag voller italienischer Momente ist vorüber.
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Mein Fazit

Die Bologneser haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die Ducati ST 2 ist nicht nur eine echte Ducati, schön anzusehen und mit starkem Charakter, sie ist außerdem ein rundum gelungener Sporttourer. Reisen, einmal durch den Kontinent? Kein Problem. Sportlich fahren, Stilfser Joch hoch und runter? Reines Vergnügen. Der bullige Desmo-Twin läßt niemals Hektik aufkommen, verwandelt spontan jeden Dreh am Gas. So muß das sein. Das stabile Fahrwerk hält die Fuhre mit seinen komfortablen Federelementen immer sicher in der Spur. Auch bei Highspeed bleibt die ST 2 handlich. Herz, was willst du mehr? Vielleicht einen weniger heimtückischen Seitenständer. Oder praxisgerechte Fußhebel. Aber insgesamt gilt: Bravo, Ducati!

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