Test Harley-Davidson FXDX Dyna Super Glide Sport

Legendenbildung

Neunzig Jahre nach dem ersten Zweizylinder aus Milwaukee kommt nun mit beinahe eineinhalb Litern Hubraum, zwei Nockenwellen und 68 PS die Zukunft des amerikanischen 45-Grad-Big Twins.

Sie wagen es! Harley stellt der seit 1984 gebauten Evolution-Engine den runderneuerten Nachfolger Twin Cam 88 zur Seite. Nun kann ja jeder Japaner einen prima V2 bauen, wenn aber Harley draufstehen soll, muß unbedingt auch Harley drin sein. Der legendäre 45-Grad-V-Twin verkörpert für die Harley-Gemeinde nämlich ungefähr das, was der Katechismus einem Katholiken ist. Die reine Lehre. Das Herz.
Und die Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne ist gelungen. Bereits beim Anlassen klopft die Twin Cam 88-Engine Harley-Spirit aus jeder Kühlrippe. Handfestes Vibrieren, torkelnder Rundlauf und der lässige Schub des langen Hubs und der wuchtigen Schwungmasse im Anrollen. Dann wartet der Technokrat auf irgendwelche Signale der Neuzeit - und wartet glücklicherweise vergeblich.
Bemerkbar wird der betriebene Aufwand erst im direkten Vergleich mit dem Vorgänger: Der alte Evolution-Motor schlegelt zwar bis 110 km/h unnachahmlich lasziv mit den Pleueln, darüber scheint er sich jedoch im vibrationstechnischen Selbstzerstörungsmodus aufzulösen. Sein Antritt im Drehzahlkeller ist bescheiden, für entspannte Fahrweise muß er immer im mittleren Drehzahlbereich gehalten werden.
Ganz anders der Twin Cam 88-Motor. Viel früher liefert er brauchbaren Vortrieb, ohne unwirsch aus dem Vergaser zu fetzen, spürbar energischer stemmt er die Maschine vorwärts, und wenn das alte Aggregat schon längst nicht mehr dreht, kurbelt er unverdrossen weiter. Klasse!
Das Getriebe ist unverändert in einem vom Triebwerk entkoppelten Gehäuse untergebracht. Geräuschvoll, aber exakt lassen sich die Gangstufen über ellenlange Schaltwege sortieren.
Passendes Umfeld für den runderneuerten Big Twin bildet die FXDX Dyna Super Glide Sport. Eine eigentümliche Mischung aus Charakter und Performance. Das Ganze garniert mit strengem Schwarz, das manchen zu unscheinbar vorkommt, für viele jedoch als Nonplusultra gilt. Auf alle Fälle hat die mattschwarze Beschichtung der sonst verchromten Oberflächen einen Vorteil bei schlechtem Wetter: Die Harley-Chopper schauen nach kurzer Zeit aus wie ein Weihnachtsbaum, den man einer Horde Dreijähriger zum Schmücken überlassen hat; die Super Glide bleibt stets sie selbst. Ein großes, schwarzes Motorrad. Eines zum Fahren und nicht nur zum Angucken.
Nun ist die Bezeichnung Sport ja wirklich das Letzte, was ein derartiger Eisenhaufen verdient hat. Aber Sport ist nun mal eine relative Angelegenheit. Einerseits fällt selbst Schachspielen darunter, andererseits verstehen echte Racer unter dieser Bezeichnung sowieso Dinge, die bei normal veranlagten Zeitgenossen nervöse Zuckungen und chronische Schlafstörungen verursachen würden.
Ein verkürzter Nachlauf, der flache Lenker und die Doppelscheibenbremse im Vorderrad sind in Milwaukee Grund genug, einem Motorrad den Beinamen Sport mit auf den Weg zu geben. Uns soll´s recht sein. Die lange Maschine schwenkt leichtfüßig, neutral und ohne die Zweideutigkeiten eines auf übermäßige Handlichkeit getrimmten Fahrwerks in jeden Radius. Nur wer es mit dem Reinhalten übertreibt, bekommt Probleme, da die schwere Fuhre dann zu gequälten Pendelbewegungen neigt.
Natürlich kann ein Fahrwerk mit derart kurzen Federwegen nicht komfortabel abgestimmt sein, trotzdem schlägt sich die FXDX selbst auf Straßen dritter Ordnung fantastisch. Die große Masse ist einfach schwerer in Unruhe zu bringen als die paar Pfunde einer modernen Supersportmaschine, Zugstufe hin, Druckstufe her. Gegen zügige Fortbewegung hat die Super Glide also nichts einzuwenden, selbst die gebotene Bodenfreiheit läßt das schwarze Riesentrumm nicht zum Angstgegner werden.
Auch die Bremsen werden ihrem Namen gerecht. Mit einer Besonderheit: Vorn ist die Bremskraft zwar absolut ausreichend, sie nimmt jedoch nur linear zu. Für kompromißlose Verzögerung ist kräftiger Zug am Handhebel nötig. Insofern ist es eine prima Sache, daß die Fußbremse schon bei leichtem Druck aufs Pedal wuchtig verzögert. Schnell hat man es sich daher angewöhnt, normale Bremsarbeit der Fußbremse zu überlassen. Leider blockiert bei Schreckbremsungen das Hinterrad dann schneller als der Fahrer »Huch« flüstern kann.
Das sind gewöhnungsbedürftige Eigenheiten, genauso wie die seltsam aufrechte Sitzposition - Soziuskomfort ist im übrigen nicht vorhanden-, das blödsinnig unter dem Fahrerhintern angebrachte Zündschloß, der zum Ausklappen kaum erreichbare Seitenständer und die klobigen Blinker-, Kill-, Start- und Fernlichtschalter.
Trotzdem. So eine Harley und die FXDX im speziellen ist ein extrem alltagstaugliches Motorrad. Insbesondere Fahrer, die in Flensburg schneller Punkte sammeln als Waschmittel-Treuebonus-Schnipsel, sollten von einer Dyna Super Glide Sport nachhaltig beruhigt werden, ohne jemals über Langeweile zu klagen. Wenn das nicht wahre Alltagseignung ist.
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Fazit

Als legitimer Nachfolger der seit vierzehn Jahren etablierten Evolution-Maschine verbindet der Twin Cam-Motor befriedigende Leistungsstärke und Leistungsabgabe, Laufkultur und Alltagseignung mit dem unsterblichen Harley-Poltern. In der Dyna Super Glide Sport findet er sein optimales Umfeld: Sie wird den Anforderungen an ein sozialverträgliches Motorrad gerecht, ohne ein windelweiches Marketing-Gerät zu sein. Wer eine moderne Vinvent C Rapide sucht, eine klassische Fahrmaschine, der wird mit diesem Motorrad glücklich werden.

Twin Cam 88: Das ist neu - Harley-Davidson Dyna Super Glide Sport

Ein vertrautes Gesicht, aber innen vieles anders
Die Motordeckel übernehmen keine Lagerfunktion mehr, so wird durch fehlende Krafteinwirkung die Öldichtigkeit verbessert. Geänderte Zylinderköpfe sowie Auslaßventile mit kleinerem Tellerdurchmesser optimieren den Verbrennungsablauf. Die Bohrung wurde um 6,5 Millimeter vergrößert, der Hub um 6,4 Millimeter verringert. Das so geänderte Hub/Bohrungs-Verhältnis verbessert Vibrations- und Ansprechverhalten des 45-Grad-V-Twin. Kurbelwellenunwucht wird durch Fixierung des Hubzapfens mittels eines geraden Preßzapfens so gut wie ausgeschlossen. Der Ölkreislauf wurde völlig umgebaut, unterhalb der Zylinderfüße sitzt eine Düse, die zur zusätzlichen Kühlung Öl unter die Kolbenböden spritzt. Deutlich vergrößerte Kühlrippen tragen ebenfalls zu verbesserter Kühlung bei. Der Twin Cam 88 kommt serienmäßig mit zwei ungeregelten Katalysatoren.

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