Test: Honda CBF 500

Vollwertkost?

Harry H. ist völlig verunsichert. Beim wöchentlichen Motorradstammtisch wogt die Diskussion hoch. Karsten K., Besitzer der neuen Kawasaki ZX-10R stempelt Stefan S. mit seiner ein Jahr alten Suzuki GSX-R 1000 zum Loser ab, weil die nur 165 PS leistet, und das ist im neuen 1000er Supersport-Ranking einfach megaout. Harry H., Besitzer einer alten Honda CB 500, verhält sich still, will sich nicht als Underdog outen. Denn er liebäugelt mit dem Kauf der neuen CBF 500 – mit gerade mal 57 PS. So viel wie seine CB, mit der er sich keineswegs untermotorisiert fühlt.
Warum auch? Die CBF braucht nur 5,2 Sekunden von null auf hundert, 10,7 auf 140, Werte, von denen selbst Fahrer sportlicher Pkw nur träumen können. Und 184 km/h Höchstgeschwindigkeit sind auf Landstraßen des Guten immer zu viel. Für solche Leistungen will der Zweizylinder natürlich ordentlich gedreht werden. Doch das fällt ihm nicht schwer; den erhöhten Puls tut er allenfalls durch leichte Vibrationenen in den komfortabel platzierten Lenkerenden und Fußrasten kund.
Und sonst? Beim Fahrverhalten stieß Harry H.s CB 500 mit ihrem labilen Fahrwerk immer an ihre Grenzen. Nicht so die CBF. Das komplett neue Fahrwerk mit überarbeiteter Gabel und Zentralfederbein verhält sich im Vergleich zum Vorgängermodell geradezu mustergültig. Nichts verwindet sich mehr, nichts schaukelt sich mehr auf. Selbst in schnellen Kurven mit Bodenwellen zieht die CBF 500 unbeeindruckt ihre Bahn. Die straff gedämpfte Gabel und das ebenso straff gedämpfte Federbein halten die CBF jederzeit sauber in der Spur. Die breiten Radialreifen sowie die ordentliche Schräglagenfreiheit erlauben sogar durchaus sportliche Fahrweise. Handlich, ohne großen Kraftaufwand lässt sich die inklusive Antiblockiersystem immerhin 211 Kilogramm schwere Honda von einer Schräglage in die nächste kippen und folgt sauber der angepeilten Richtung. Selbst bei forcierter Gangart zeigt der Twin keinerlei Schwächen. Das Fahrwerk ist dem Motor nun in jeder Situation überlegen. Kein Vergleich zur CB 500 die bereits auf topfebenem Asphalt in Kurven ein reges Eigenleben führte. Kleiner Wemutstropfen: Der 120er-Vorderreifen stellt sich beim Bremsen in Schräglage abrupt auf, ein 110er wäre die eindeutig bessere Wahl gewesen.
Stichwort Bremsen. Der Dreikolben-Schwimmsattel im Vorderrad packt ordentlich zu, lässt aber das letzte Quäntchen Gefühl für den Druckpunkt vermissen. Doch sollte es einmal eng werden, kann der CBF 500-Fahrer ohne Reue einfach voll zupacken, den Rest erledigt das ABS. Mit deutlich spürbaren Regelintervallen kündet es von seiner Funktion und bringt die CBF 500 auch bei schlechten Bedingungen sicher zum Stillstand.
Und welche Erkenntnis gewinnt jetzt Harry H.? Dass Honda mit der CBF 500 ein vollwertiges Motorrad zu einem attraktiven Preis geschaffen hat, dessen Fahrleistungen auf Landstraßen für zügige Fortbewegung allemal ausreichen, dessen Fahrwerk erstklassige, ja schon sportliche Qualitäten bietet und ihn dank dem Antiblockiersystem im Gegensatz zu seinen Freunden aus der Heizerfraktion mit dem neuesten Stand der Technik verwöhnt. Und einer Ergonomie, die auch auf langen Strecken für Entspannung sorgt. Einem schmalen Knieschluss stehen allerdings zwei völlig überflüssige Kunststoffblenden im Weg.
Die Frage nach dem Fahrspaß beantwortet die CBF 500 also mit einem klaren Ja. Und eines ist sicher. Wenn Harry H. nach einer ausgedehnten Tour nach Hause kommt, kann er sich entspannt zurücklehnen in dem Bewusstsein, die Qualitäten seines Motorrads voll ausgekostet zu haben, im Gegensatz zu den gestressten Klubkollegen Karsten K. und Stefan S., die noch lange von dem bohrenden Gefühl geplagt werden, immer alles, aber viel zu wenig gegeben zu haben.
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