Test

Honda RVF 400

Klein, schön und schnell - Honda RVF 400, ein Spielzeug nicht nur für junge Leute.

Bei den meisten Zeitgenossen verliert sich die Leichtigkeit des Seins mit dem Älterwerden, wird der spielerische Umgang mit sich und der Welt vom Ernst des Lebens erstickt. »Frau, Haus, Kinder - die volle Katastrophe«, wie es Alexis Sorbas so treffend ausdrückte.

Aufs Motorradfahren übertragen, sieht die Entwicklung vom lustbetonten zum vernunftgesteuerten Handeln so aus: Mit 16 vollrohr auf der getunten 50er durch die Gegend gebrannt, anschließend mit einer RD 250 die Straßen unsicher gemacht, dann auf eine fette, leistungsstrotzende Vierzylinder umgesattelt - um am Ende schließlich doch auf einer R 100 GS oder einer XJ 900 zu landen.


Doch halt, es geht auch anders. Etwa so: Man beginnt sein motorisiertes Zweiradleben - ganz vernünftig - auf einem 50er Roller, fährt dann verhalten-sportliche Mittelklassemaschinen, wechselt ins Endurolager (ja ja, die XT) - und wird eines Tages Motorrad-Tester. Womit sich das Verlangen nach einem privaten Untersatz in einem Überangebot an vielfältigen Fahrgelegenheiten verliert, was schon unter finanziellen Aspekten so schlecht nicht ist.

Der Punkt »Motorrad-Tester« verrät dem aufmerksamen Leser, daß es sich im zweiten Fallbeispiel um ein Einzelschicksal handelt - um das des Autors, um meines. Und daß dieser Lebenslauf eine ebenso überraschende wie kostspielige Fortsetzung hat, hängt mit der Honda RVF 400 zusammen.

Den Anstoß gab Kollegin Monika Schulz, deren jugendlich-frische Sicht der Dinge ich oft und oft mit Gewinn auf mich wirken lasse. »Ey, die ist ja so geil, die RVF«, sprudelt es eines Morgens aus Moni heraus, und wenn es morgens aus Moni heraussprudelt, dann muß etwas dahinterstecken. Prompt mache ich mich also zu einer Besichtigung des kleinen Wunders auf, das mittlerweile im gleißenden Licht des Fotostudio funkelt. Auf den ersten Blick outet sich die 400er als Taschenausgabe der RVF 750 alias RC 45. Die- selbe Linienführung, aber in weniger wuchtiger, weil in maßstäblich verkleinerter Form. Keine Frage, die RVF 400 trägt ihre Sportlichkeit lockerer, spielerischer vor, unbelastet von der Bürde, in verschärfter Form um Superbike-Titel kämpfen zu müssen.

Dabei hat die 400er - oberflächlich betrachtet - alles, was die RC 45 gut und (45 000 Mark) teuer macht: Upside-down-Gabel mit gülden eloxierten Standrohren, am Vorderrad wichtige Vierkolbenbremszangen und schwimmend gelagerte Scheiben, hinten selbstverständlich Einarmschwinge mit Umlenkhebelei, dazwischen ein makellos verarbeiteter Brückenrahmen aus Aluminiumprofilen. Der wiederum beherbergt den kompakten 90-Grad-V4-Motor, der zwar nicht ganz neu ist (er schnurrte schon in der VFR 400), aber immer noch durch ein bemerkenswertes Aufgebot an filigraner Viertakttechnik beeindruckt.

Um seine 60 PS zu mobilisieren, muß der Kleine tief in fünfstellige Drehzahlregionen vorstoßen. Die Voraussetzungen für Jubeln ohne Reue liegen in der Kurbelwelle, die mit gerade mal 42 Millimeter Hub die Kolbengeschwindigkeit im Zaum hält, und in der konstruktiven Ausführung des Ventiltriebs: Anstelle schnöder, rasselnder und peitschender Ketten kümmert sich eine Kaskade von Stirnrädern um den Antrieb des Nockenwellen-Quartetts. Die über die beiden Zylinderköpfe gestreuten 16 Ventile werden von filigranen Schlepphebeln befingert - Tassenstößel wären technisch »schöner«, dafür sind die Hebelchen mit ihren Shims für die Ventilspiel-Justage praktischer.

Vier Vergaser besorgen die Gemischaufbereitung, womit der erste gravierende Unterschied zur RC 45, deren V4 von einer aufwendigen Einspritzanlage gefüttert wird, aufgedeckt wäre. Bei genauerem Hinsehen treten weitere Differenzen zutage: Die RVF 400 hat ein relativ simples Zentralfederbein ohne Ausgleichsbehälter und ohne Einstellmöglichkeiten für die Druckstufendämpfung, und auch die Gabel läßt sich nur in Zugstufe und Federbasis beeinflussen. Trotzdem gar keine so schlechte Bilanz für die Bonsai-RVF, die im Gegenzug einen Preisvorteil von 30 000 Mark verbuchen kann.

Und doch: Knapp 15 000 Mark sind immer noch eine Menge Holz für 400 Kubik und 60 PS, mögen sie noch so attraktiv verpackt sein. Aber nüchterne Preis/Leistungs-Kalkulationen haben an Bord der RVF 400 keinen Platz. Platz haben dagegen meine 180 Zentimeter Körpergröße, die saugend zwischen Lenkerstummel und Sitzbankhöcker passen, sogar den Kopf bringe ich ohne Verrenkungen hinter die extrem flache Verkleidungsscheibe - das Ding sitzt wie ein Maßanzug. Dennoch hege ich die Befürchtung, mit diesem Untersatz auf schnellstem Wege vom rüstigen Mittvierziger zur sprudelnden Einnahmequelle für den Physiotherapeuten zu werden.

Der schnellste Weg führt zunächst einmal durchs Stuttgarter Verkehrsgewühl, und schon geraten zwei meiner Vorurteile ins wanken: Die RVF kommt ohne Krawalldrehzahlen und Kupplungszauberei aus den Startlöchern und läßt sich klaglos im Tiefdruckgebiet ihres Leistungsbandes bewegen, störend ist allein ein Lastwechselgeklackere im Antriebsstrang, wenn der Motor von Zug- auf Schubstufe wechselt. Und so unbequem, wie es den Anschein hat, ist die Maschine gar nicht.Erst recht nicht, wenn statt des städtischen Slaloms Freestyle-Fahren auf möglichst kurvigen Strecken ansteht. Plötzlich ist sie da, die so oft heraufbeschworene Einheit von Mensch und Maschine: Wie siamesische Zwillinge trägt es uns in beglückender Schräglage durch Kurven jedweden Krümmungshalbmessers, der Motor faucht, vom Schaltfuß auf Trab gehalten, in atemberaubender Stimmlage, das Fahrwerk liegt in der Hand wie ein perfekt ausbalanciertes Werkzeug, das seine Arbeit wie von allein tut.

Es ist diese spielerische Leichtigkeit, die den Charme der RVF bis in die hinterletzte Bremszone trägt: Ein zarter Griff zum Hebel, und die Maschine wirft energisch, aber perfekt berechenbar überschüssige Geschwindigkeit über Bord.Überschüssige Geschwindigkeit ist auf der Autobahn ein Fremdwort, besonders bei Motorrädern, denen ungezügelter Vorwärtsdrang auf die Verkleidung geschrieben ist. Die RVF gibt sich alle Mühe, ihrer Optik gerecht zu werden. Mit angelegten Ohren knackt sie die 200-km/h-Marke - genug, um auf halbwegs belebten Strecken bei der Musik zu sein.Beim Stichwort »Musik« fällt mir Hans Albers ein: »Komm doch, süße Kleine, sei die meine, etc...« Vermutlich wird`s darauf hinauslaufen.
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