Test

Kawasaki VN 800 Classic

Wenn schon Chopper, dann Harley, dachte man sich bei Kawasaki.

Da bleibt einem dann doch kurz die Spucke weg. Das ist der Gipfel - ist so unglaublich dreist, daß es schon wieder gut ankommt: Freilich haben wir´s im Fall VN 800 Classic nicht mit dem ersten Harley-Plagiat zu tun, wohl aber mit dem impertinentesten. Eine schamlosere Kopie des amerikanischen Traums gab´s noch nie, abgesehen - vielleicht - von der VN 800 ohne Classic, die in MOTORRAD 11/1995 ihre Einstandsparty feierte, bei der sie gar die strenge Revision zweier leibhaftiger Hells Angels unbeschadet überstand.»Frechheit siegt«, sagt eine schlaue, modernistische Lebensweisheit.

Bei Kawasaki wurde man vermutlich von einer ähnlichen Erkenntnis ergriffen, als die jungen VN-Modelle entstanden: So haben die Designer erst gar nicht versucht, etwas Eigenständiges auf die Räder zu stellen, machten sich nicht heimlich ans Chopper-Ideal Harley-Davidson heran, sondern kupferten ganz offensichtlich ab. Frei nach dem Motto: Ehrlich währt am längsten. Und warum eigentlich nicht? Warum sollten die Japaner so blöd sein, sich krampfhaft etwas anderes auszudenken, wenn die meisten Easy Rider doch nur das eine wollen: US-Custom-Bikes.

Die VN 800 Classic hat´s zweifellos geschafft - sieht schwer nach Highway, Burger-King und very good times aus. Von der ordinären VN 800 unterscheidet sie sich hauptsächlich durch ihr 17mal besseres Design. Classic eben. Mit dem fetten 16-Zoll-Vorderreifen, der dick umhüllten, chromblitzenden Gabel und den wulstigen Schutzblechen kommt sie ähnlich daher wie eine Fat Boy. Es fehlen halt noch die Vollscheibenräder, der Zahnriemen zum Hinterrad und die Shotgun-Sidepipes. Aber das dürften die Leute aus Nippon über kurz oder lang schon hinbiegen.

Daß die Fernost-Harley gut 500 Kubik weniger hat als ihr Vorbild, weiß sie sauber zu kaschieren: Den mächtigen, wassergekühlten Vau-Zwo umgibt die Aura eines Hubraumriesen. Sympathischerweise verbirgt sich dahinter auch noch Substanz: Mit 56 Pferdestärken bewegt sich der Vierventiler in Chopper-Kreisen auf hohem Niveau. Welch vorteilhafte Auswirkungen dieses Leistungsstreben hat, zeigen die Meßwerte.

Ja, ja, schon klar: Ein Cruiser - unter dieser Bezeichnung läuft die VN in den USA, was an sich richtig ist, weil sie ja überhaupt kein waschechter Chopper ist, obwohl sie hierzulande Chopper genannt wird und niemand weiß ... wo waren wir noch gleich? Ah, jetzt - also: Ein Cruiser (oder something like that), so die landläufige Meinung, muß überhaupt nicht flott aus dem Quark kommen, muß beim Beschleunigen nicht um Sekunden feilschen, muß nicht drehfreudig zu Werke gehen, muß dies nicht und das nicht. Aber was, wenn er‘s doch macht - was dann?

Ganz einfach: Man freut sich. Schließlich gibt es Schlimmeres als einen lebendigen Motor. Todlangweilige, vermeintlich traditionelle Ansprüche zum Beispiel. Was soll den bitte schön so furchtbar daran sein, wenn sich eine VN 800 schleunigst von der Trägheit ihrer 256 Kilogramm Masse befreit und im Notfall über 170 km/h schnell rennt? Zumal sie auch beim Kapitel Durchzug nicht durchhängt. Aufgrund der langen Gesamtübersetzung sehen die Zahlen hier zwar nicht sonderlich rosig aus, nichtsdestotrotz darf aber der letzte Gang ab 40 km/h die Rolle des Alleinunterhalters übernehmen.

Seitens des Triebwerks spricht demnach nichts gegen relaxte Faulenzer-Touren, und fahrwerksseitig bietet die VN für derartige Unternehmungen ebenfalls eine gute Basis: breiter Lenker, niedrige Sitzhöhe, tiefer Schwerpunkt, vorverlegte Fußrasten, easy Handling - alles so, wie es sich gehört. Zumindest für Leute ab 1,65 Meter. Wer seinen Helm nicht so hoch trägt, muß die Haxen ziemlich strecken, um mit den kleinen Mauken an Schalthebel und Bremspedal zu gelangen.

Da Gangwechsel bei Butterfahrten nun jedoch nicht die große Rolle spielen und die Trommel am Hinterrad zu den mieseren Seiten der VN zählt, soll diese Geschichte nicht überbewertet werden. Stiftet der quirlige Motor zum Kurvenräubern an, heißt es dann eben: nach vorne rutschen, Ellbogen raus, die Lenkerenden unter die Achselhöhlen geklemmt, und ab geht‘s.

Wahrhaftig läßt sich die Classic ausgesprochen keck durch die Gegend pfeffern, von der mangelnden Schräglagenfreiheit mal abgesehen. Verglichen mit der älteren VN 800 verzeichnet sie ein schönes, fettes Plus unter der Rubrik Agilität. Dieser Verdienst geht aufs Konto der geänderten Fahrwerksgeometrie: kleineres Vorderrad + steilerer Lenkkopf + kürzerer Nachlauf = mehr Handlichkeit. Außerdem sticht die neue 800er neutraler durch Kurven, obgleich sie auf höhere Geschwindigkeiten - genau wie ihre Vorgängerin - mit rührenden Bewegungen reagiert. Ja, auch dann, wenn´s geradeaus geht.

Wie schlecht ein Motorrad à la Kawasaki VN für die hitzige Autobahn-Jagd taugt, dürfte hinlänglich bekannt sein. Der ewige Windjammer, das Gezeter ob schmerzender Nackenmuskeln, langer Arme, verkrampfter Hände, verbissener Kiefer und so fort soll hier nicht ein weiteres Mal für Langeweile sorgen. Allerdings, doch das nur am Rande, kann man sich auf dem Classic-Liner – wenn‘s denn sein muß - recht gut zusammenfalten, da der Lenker nicht sooo breit und hoch geraten ist: Nase hinter Tankkonsole und Lampentopf versteckt, Füße auf die Soziusrasten, Rückspiegel so weit wie möglich runtergedreht. Elegant sieht das freilich nicht aus, aber es hilft.

Geholfen hat übrigens auch die Umrüstung der Vorderradbremse von Ein- auf Doppelkolbensattel, selbst wenn die Wirkung der Einscheiben-Anlage noch immer keinen Anlaß für Begeisterungsausbrüche bietet. Soll die Fuhre schnell zum Stillstand kommen, ist nach wie vor hemmungsloses Reinpacken gefragt, worauf die 41er Gabel - wen wundert‘s - mit Verwindung reagiert.

Insgesamt hinterlassen die Federelemente einen recht zwiespältigen Eindruck. Zwar agiert die Maschine nicht so hart, wie es mangels sichtbarer hinterer Stoßdämpfer scheint, allzu komfortabel geht´s allerdings nicht zu. Bügelt das versteckte Zentralfederbein tiefe, breite Asphaltfalten noch einigermaßen ordentlich nieder, zuckt die VN über fiese, hucklige Pisten wie ein Fisch auf dem Trockenen. Jeder kleine Teerpickel wird bei der Besatzung vorstellig. Vermittler dieser Bekanntschaften sind nicht zuletzt die breiten, bockelharten Reifen, die null Eigendämpfung besitzen.

Nun hat ein Bike wie die Classic aber nicht unbedingt die Aufgabe, den Softie zu mimen: Auch im Zeitalter der Zahnarzt-Cruiser und Anwalts-Rocker darf so einem Chopper noch dieses Flair von Peter Fonda und Dennis Hopper anhaften. Soll die VN 800 Classic ruhig ein bißchen rauhbautzig sein. Schade nur, daß diese Stimmung ausgerechnet an den Schalldämpfern verpufft. Was den beiden seitlich angeordneten Flüstertüten entweicht, hört sich ziemlich läppisch an. Mit Sound haben diese Töne nichts zu tun. Das kann - mit Verlaub - sogar eine Harley besser.
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Kawasaki VN 800 Classic (T) (Archivversion)

Laß dich knutschen, du komische Harley, laß dich herzen, drücken und bewundern. Hör nicht auf die, die dich albern nennen, nur weil du keinen amerikanischen Namen trägst. Vergiß auch jene, die sich an deiner Hubraumschwäche stören - sie wissen es nicht besser. Verlaß dich auf deine inneren Werte und auf dein gelungenes Outfit: Denn besser als du kann ein Chopper kaum aussehen und besser fahren schon gar nicht. An deiner Aussprache solltest du noch etwas feilen, aber sonst: alles okay - für ein Custom-Bike. Ja, genau, die Lampe, die ist absolut spitze, richtig cruisig, vor allem mit blauem Himmel und so, wer da noch ein Kino braucht, ist im falschen Film.

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