Top-Test Aprilia Pegaso

Flugbegleiter

Einfach durchstarten, den Alltag hinter sich lassen. Die neue Aprilia Pegaso 650 i.e. lädt zum relaxten Langstreckenflug über Asphalt und Schotter ein. First Class oder Economy? Mal sehen, was das Flügelross zu bieten hat.

Foto: Gargolov
Top-Test Aprilia Pegaso
Top-Test Aprilia Pegaso
Nach dem erlösenden Hitzegewitter riecht die Luft nach feuchter Erde und frischem Grün, Insekten klatschen im munteren Takt gegen das Visier – endlich Sommer. Ideale Bedingungen, sich einen Tag Auszeit zu gönnen und dem stickigen Büromuff zu entfliehen. Tief durchatmen und ziellos umherschweifen – mit jeder Menge Zeit im Gepäck.
Auf Nebenstrecken, die der Touristenstrom gewöhnlich links liegen lässt, war die Aprilia Pegaso von jeher zu Hause. Mit ihrem bekannt robusten Einzylinder und ihrer Tourenausstattung sind ihre Anlagen zum Landstreicher unverkennbar. Die jetzt vorgestellte vierte Generation wartet mit einer interessanten Neuerungen auf. Die Italiener schickten die beiden Gleichdruckvergaser in den Ruhestand, ab sofort übernimmt eine elektronische Einspritzanlage mit je einer Drosselklappe und Einspritzdüse in den beiden Einlasskanälen die Gemischaufbereitung. Wer beim Stichwort Einspritzung an einen geregelten Katalysator denkt, wird enttäuscht. Da auch mit der ungeregelten Variante die momentan gültige Abgasnorm Euro 1 erfüllt wird, sah man bei Aprilia keinen Handlungsbedarf - schade.
Mit gemessenen 44 PS bei 6600/min sowie 54 Nm bei 4800/min liegt die italienischen Reiseenduro auf gewohntem Niveau. Und auch ansonsten blieb beim bewährten Rotax-Einzylinder mit seinen fünf radial angeordneten Ventilen alles beim Alten, ebenso beim Fünfganggetriebe und der per Seilzug betätigten Mehrscheibenkupplung. Ebenfalls ein alter Bekannter ist der Leichtmetallrahmen mit den verschraubten Stahlunterzügen und dem geschraubtem Stahlheckrahmen, der sich nun schwarz lackiert präsentiert.
Im Zuge der Modellpflege erhielt die Bremsanlage vorne neue Sättel samt neuer Beläge und hinten eine größere Scheibe. Außerdem wich die 40er-Upside-down-Gabel einem konventionellen Exemplar mit 45 Millimeter Standrohrdurchmesser. Dass damit gleich noch der Federweg von 180 auf 170 Millimeter gekappt wurde, ist nur konsequent. Schließlich entwickelte sich die Pegaso seit ihrer Präsentation anno 1991 kontinuierlich weg vom Dual-Bike für den gemischten Asphalt-Offroad-Einsatz hin zum reinen Fun- und Reisemotorrad mit Enduro-Optik.
Entsprechend schnell ist das Kapitel Geländeeignung abgehandelt, obwohl die recht grob profilierten Pirelli MT 80 vielversprechend aussehen. Für mehr als hin und wieder ein Stück Feldweg taugt die heutige Pegaso nicht. Auf losem Untergrund leidet das Flügelross zum einen unter dem hohen Gewicht, das im Laufe der Jahre von 191 auf 204 Kilogramm stieg. Zum anderen besitzen Gabel und Federbein sowohl in der Federrate wie auch der Dämpfung praktisch keine Reserven für eine forsche Gangart. Darüber hinaus reduziert ein Schutzbügel im Bereich des Seitenständers die Bodenfreiheit auf 140 Millimeter mit aufsitzendem Fahrer.
Ohne Schutzgitter muss der großflächige Wasserkühler den Elementen trotzen. Und auch die polierten Gabelrohre stehen ungeschützt in der Einflugschneise von aufgewirbelten Steinen. Dass die Italiener nicht mit Schottereskapaden ihrer Kunden rechnen, belegen außerdem der nicht klappbare Schalt- und Fußbremshebel. Immerhin verstecken sich unter einer Gummiabdeckung gezackte Stahlfußrasten für den Fall der Fälle. Und die großflächige Kunststoffwanne bewahrt den Einzylinder wirkungsvoll vor all zu heftigem Schotterbeschuss, dämpft überdies dank Ausschäumung die Motorgeräusche.
Keine Frage, die Wahlheimat der Pegaso sind Landstraßen und -sträßchen. Also ab zum Gleitflug durch den nördlichen Schwarzwald. Hier, wo die Kurvenradien noch naturbelassen und die Asphaltdecken handgeflickt sind, ist die Italienerin in ihrem Element. Spontan und sauber dosierbar reagiert der Rotax-Single auf die Kommandos des Fahrers und glänzt mit astreiner Konstantfahrt. Das für viele Einspritzmotoren typische wie nervige Konstantfahrruckeln kennt die Pegaso nicht – gut gemacht. Bis auf einen deutlich spürbaren Lastwechselschlag beim Übergang vom Schiebe- in den Lastbetrieb bietet die Abstimmung der Einspritzanlage keinen Anlass zur Kritik. Trinksitten und Startverhalten sind okay.
Mit steigender Drehzahl wirkt der Fünfventiler jedoch zunehmend bemüht und legt nur noch lustlos an Geschwindigkeit zu. Das spiegelt sich in mäßigen Durchzugswerten wider. Am wohlsten fühlt sich der Einzylinder zwischen 3500 und 6000/min, wobei ab etwas 5500/min hochfrequente Vibrationen in den Lenkerenden und Fußrasten das Ende des Spaßbereichs ankündigen. In dieser Drehzahlspanne wirkt die Aprilia angenehm elastisch und stressfrei, die gebotene Power reicht dank sauberen und fülligen Drehmomentverlaufs locker aus, um ohne hektische Schaltarbeit zügig über die kurvenreichen Bergaufstrecken zu zirkeln. Das ist auch gut so, denn das Getriebe arbeitet etwas hakelig, und die Gänge rasten unpräzise ein. Speziell beim Hochschalten aus der ersten Schaltstufe springt der Zweite gelegentlich heraus.
Überraschend agil und handlich trotz ihres recht hohen Gewichts wirkt die Pegaso im Netzwerk der verschlungenen Nebenstrecken. Die Kurvenstabilität geht in Anbetracht des möglichen Tempos voll in Ordnung, und die meisten Tourenfahrer werden mit der gebotenen Schräglagenfreiheit zufrieden sein, da sie auch für eine flottere Fahrweise genügend Reserven bietet. Sobald jedoch Bodenwellen oder derbe Asphaltflicken ins Spiel kommen, macht das zu weiche Federbein mit pumpenden Bewegungen auf sich aufmerksam. Das lässt sich auch mit vorgespannter Feder und beinahe vollständig zugedrehter Zugstufe nicht verhindern. Ist noch ein Sozius mit an Bord, kapituliert das Federbein vollends.
Ebenfalls etwas zu soft ist die Gabel geraten, die bei hartem Bremsen weit eintaucht, ohne jedoch auf Block zu gehen. Bei dieser Gelegenheit verwindet sie sich spürbar. Weit störender sind da die enormen Handkräfte, die notwendig sind, um ordentliche Verzögerungswerte zu erzielen. Zumal der Handhebel von der Bremse wie auch von der Kupplung weit vom Lenker abstehen und sich nicht einstellen lassen.
Pluspunkte verschafft sich die Aprilia wieder, wenn sie ihre Besatzung möglichst schnell ins nächste Kurvenrevier bringen soll. Gefräste Längsrillen oder Autobahnfugen beeinflussen ihre Geradeauslaufqualitäten bis hin zur erzielbaren Höchstgeschwindigkeit von munteren 165 km/h kaum. Mit ihrem ausnehmend guten Windschutz und dem üppigen Platzangebot für Fahrer und Sozius sind mit der Pegaso auch längere Highway-Etappen problemlos drin. Das Reisetempo pendelt sich bei etwa 130 km/h ein, wobei der Single mit etwa 5500/min lässig vor sich hin schnurrt. Ideal für lange Überlandflüge ist auch die enorme Reichweite dank des 22 Liter fassenden Kunststofftanks. Da stecken bis zu 449 Kilometer drin. Pausen kann der Aprilia-Fahrer so nach eigenem Gusto wählen und muss sich nicht dem Takt der Zapfsäulen anpassen.
Wer das Landstraßenbummeln bis zur letzten Minute genießen will, kann den Heimweg getrost im Dunkeln antreten. Der hochwertige Scheinwerfer leuchtet die Fahrbahn gleichmäßig und schön breit aus, so dass man auch auf kurvenreichen Strecken den Überblick behält. Für eine sichere Landung nach dem gelungenen Überlandflug.
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MOTORRAD-Messwerte

BremsmessungBremsweg aus 100 km/h 39,1 mMittlere Bremsverzögerung 9,9 m/s2Bemerkungen: Gute Verzögerungswerte nur mit extrem hoher Handkraft möglich. Gabel verwindet sich dabei spürbar, jedoch ohne Auswirkungen auf die Kursstabilität. Handling Parcours I. (enge Bögen)Beste Rundenzeit 29,1 svmax am Messpunkt 53,7 km/hBemerkungen: Bedingt durch den breiten Lenker und die schmale Bereifung geringe Lenkkraft. Große Federbewegungen beim Schräglagenwechsel sorgen für Unruhe im Fahrwerk, die Pirelli Enduro-Reifen rutschen gutmütig und mit breitem Grenzbereich. Rasten setzen leicht auf. Am engen Umkehrpunkt stört der harte Lastwechsel, Motor sollte deshalb unter Last gehalten werden. Handling-Parcours II. (weite Bögen) Beste Rundenzeit 22,5 svmax am Messpunkt 95,4 km/hBemerkungen: Leichte Verwindung der Gabel beim schnellen Schräglagenwechsel und große Federbewegungen, dadurch eingeschränkte Lenkpräzision. Trotzdem gutmütiges und berrschbares Fahrverhalten.Kreisbahn 46 m 0Rundenzeit 1,3 svmax am Messpunkt 51,6 km/hBemerkungen: Rasten und Motorschutz setzen leicht auf, dabei ist die Reifenhaftgrenze erreicht, das Motorrad wird dann unruhig, bleibt aber aufgrund der gutmütigen Reifen beherrschbar.

Die wichtigsten Änderungen - Aprilia Pegaso 650 i.e.

Elektronische Einspritzung mit zwei Drosselklappen und je einer Einspritzdüse anstelle der bisherigen GleichdruckvergaserUm die Abgasreinigung kümmert sich jetzt ein ungeregelter KatalysatorEine konventionelle 45er-Telegabel ersetzt die bisherige Upside-down-Gabel mit 40 Millimeter GleitrohrdurchmesserDie hintere Bremsscheibe wuchs im Durchmesser von 220 auf 240 Millimeter Vorn neue Bremszangen und –belägeDer bekannte Verbundrahmen aus seitlichen Aluprofilen und geschraubten Stahlunterzügen ist jetzt schwarz lackiertZusätzliche Schalldämmung rund um den Motor

Fazit - Aprilia Pegaso 650 i.e.

Leider nur Economy – die Pegaso 650 i.e. blieb ihrer Linie auch nach der Modellpflege treu und bietet eine solide, aber unspektakuläre Basis für ausdauernde und genussvolle Touren. Mit der hauptsächlich hinten zu weichen Fahrwerksabstimmung sowie einem hakigen Getriebe verspielt die Aprilia den Anspruch auf einen First-Class-Platz unter den Reiseeinzylindern.

Tops und Flops

Tops:Guter Wind- und Wetterschutz mit nur geringer WirbelbildungGroße Reichweite dank 22-Liter-TankUmfangreiches Bordwerkzeug in ordentlicher QualitätFür die Montage eines Hauptständers vorbereitetViel Platz auch für große FahrerEntspannte, aufrechte SitzhaltungGuter, leicht einzustellender ScheinwerferSerienmäßige HandprotektorenFür 600 Mark Aufpreis gibt’s das Sondermodell »Garda« mit serienmäßigen Koffern, Hauptständer und hydraulischer FederbasisverstellungFlops:Hakeliges, unpräzises GetriebeHohes GewichtTankdemontage nur mit Helfer möglichFederbein und Gabel zu weichUnpraktischer GepäckträgerHandhebel nicht einstellbarWenig offroad-tauglich

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