Top-Test Yamaha XJR 1300

Das Original

Yamaha lies sich mit ihrem Debüt gewaltig Zeit, doch dafür beweist die erfolgreiche XJR-Baureihe einen langen Atem. Längst gehört sie zum Establishment. Das überarbeitete 2004er-Modell im Top-Test.

Foto: Jahn
Klassisch naked: Yamaha XJR 1300
Klassisch naked: Yamaha XJR 1300
Die Geschichte der XJR begann
mit einem historischen Irrtum. Fast alle dachten damals, im Jahr 1994, Yamaha ließe sich eine Chance entgehen. Das Big-Bike-Revival war bereits voll im Gange: Honda CB 1000, Kawasaki Zephyr 1100 und Co. sorgten für mächtig Furore. Doch Yamaha schien das nicht zu kümmern. In Europa bestünde kein großes Interesse an einem solchen Motorrad, wurde aus Firmenkreisen kolportiert. In Japan dagegen gab es eine XJR 1200. Die Redaktion wollte nicht bis zum Sanktnimmerleinstag auf dieses Big Bike warten und organsierte eine japanische Version. Kollege Jupp Schmitz orakelte nach dem Test: »Hinter der Spätvorstellung der XJR steckt wohlkalkulierte Verzögerungstaktik, nach dem Motto: Mal abwarten, Tee trinken und schauen, was die Konkurrenz auf die Beine stellt, um dann noch eins draufzulegen.«
Wie Recht er haben sollte. Denn die XJR kam ab September 1995 langsam, aber umso gewaltiger. Und hat viele da-
maligen sowie einige spätere Konkur-
rentinnen überlebt. Jüngstes Opfer: die
Honda X-11, die für 2004 nicht mehr im deutschen Programm weilt. Die mächtige Yamaha verfügt anscheinend über das schlüssigere, weil zeitlosere Konzept. Ähnlich wie die legendäre Levis 501, die nie aus der Mode kommt.
Beim intensiven Studium diverser Tests der vergangenen Jahre kristallisiert sich ein weiteres Kuriosum heraus. Die XJR war bei Vergleichstest bislang nie ein potenzieller Sieger. Den Platz an der Sonne überließ sie höflich anderen. Als wisse sie um ihre einzigartige Persön-
lichkeit. Ein klassenloses Motorrad, das verbindet. In den vergangenen Jahren müssen Heerscharen frustrierter Cruiserfahrer – auf der Suche nach mehr Dynamik – und gestresste Supersportfans, die sich nach mehr, viel mehr Komfort sehnten, zur XJR übergelaufen sein. Sie bringt Leistung und Stil auf einen Nenner, mit
ihr kann man sich überall blicken lassen. Das kommt an.
Erst recht, seit Yamaha 1999 die XJR 1300 vorstellte. Größerer Hubraum – der endgültige Durchbruch. Die wichtigsten Änderungen: Schmiedekolben, beschichtete Aluzylinder, eine Kennfeldzündung mit Drosselklappensensor, ein größerer Ölkühler, die heute beinahe schon legen-
däre Bremsanlage der R1, ein Facelift für Seiten- und Heckverkleidung und – last but not least – zeitgemäße Reifendimensionen: vorne endlich ein 120er anstelle des seltenen 130er-Formats, hinten ein breiterer 180er.
Glorreiche Testsiege fuhr allerdings auch die erstarkte, modernisierte Version nicht ein. MOTORRAD kritisierte gebetsmühlenartig die unharmonische Fahrwerksabstimmung. Hinten kamen Stereofederbeine diverser Herkunft zum Einsatz, doch deren Abstimmung fiel mal zu hart und unsenibel aus, im Falle der exklusive-
ren XJR in SP-Aufführung überraschten die Öhlins-Federbeine als Softies. Die Gabel wiederum glänzte mit einem sehr empfindsamen Ansprechverhalten, war jedoch hoffnungslos unterdämpft und verfügte über viel zu weiche Federn. Neuer-
liche Modifikationen für das Modelljahr 2002 brachten kaum spürbare Verbes-
serung, sieht man einmal von der bereits zuvor löblichen, nun für Fahrer und Passagier noch bequemeren Sitzposition ab.
Die unausgewogene Abstimmung führ-
te zu Punktabzügen, auch bei der Brems- und Kurvenstabilität und der Schräglagenfreiheit. Kurzum: Dieses gediegene, wundervoll verarbeitete Motorrad mit seinem ebenso druckvollen wie laufruhigen Vierzylinder vergab leichtfertig Chancen. Wieder ließ sich Yamaha aufreizend
viel Zeit. So darf man ruhig unterstellen,
dass die Euro-2-Abgasnorm nicht ganz unschuldig an den Modifikationen für das 2004er-Modell ist. Diese machte nämlich ungeregelte Katalysatoren notwendig. Überraschenderweise beließen es die Japaner bei Vergasern, statt quasi in einem Aufwasch auf eine Saugrohreinspritzung umzurüsten.
Und wenn wir schon mal dabei sind, dann verpassen wir dem guten Stück gleich noch eine andere Fahrwerksabstimmung – so oder so ähnlich muss es
bei Yamaha diesmal gelaufen sein. Liebe Tuner, rechnet bei der XJR künftig nicht mehr mit großen Zuwächsen beim Fahrwerkszubehör. Irgendwer hat in Japan tatsächlich brauchbare Federn für den Boliden gefunden. Von einer vollkommenen Harmonie der Front- und Heckpartie zu reden wäre zwar übertrieben, die Gabel dürfte ruhig noch einen Tick härter sein. Aber die Richtung stimmt. Obwohl die Yamaha vorn etwas von ihrem sänftenartigen Komfort verliert, ist der Gewinn an Fahrspaß ungemein.
Was sich im Top-Test-Parcours, der auch einem solchen Klassiker nicht erspart bleiben kann, erfahren lässt. Tester Karsten Schwers gelingen mit leichter Hand standesgemäße, mit der direkten Konkurrenz vergleichbare Zeiten im schnellen und langsamen Slalom. Eine straffere Fahrwerksabstimmung bedeutet mehr Ruhe für das Dickschiff. Sie verbessert gleichzeitig die Zielgenauigkeit und die Handlichkeit. In letzterem Punkt ist
die XJR der Honda CB 1300 nun sogar überlegen. Zum Teil mögen hierzu auch die neuen, leichteren Felgen beitragen. Geblieben ist das nach wie vor etwas
kippelige Einlenkverhalten.
Auf der Jagd nach Zehnteln braucht es zudem Schräglagenfreiheit. Wovon das aktuelle Modell deutlich mehr bietet, denn selbst bei dieser harten Prüfung – Karsten treibt es gerne schräg – setzen nur die Fußrasten, aber keine starren Teile mehr auf. Der MOTORRAD-Top-Tester, was seine Probanden betrifft sonst ebenso emotions- wie gnadenlos im Urteil, erlag außerdem dem Charme der Dicken. »Es tut verdammt gut, mal wieder eine XJR zu fahren.« Beinahe entschuldigend erklärt er die Zeiten im langsamen Slalom: »Da wäre noch mehr drin gewesen, aber mit den dicken Schalldämpfern räume ich leider immer die Pylonen ab.«
Also fährt er einen weiteren Bogen und kann so den unnachahmlichen Druck aus abgrundtiefen Drehzahlen, von dem die Yamaha trotz der U-Kats nichts ver-
loren hat, ohne Reue genießen. Der Vierzylinder geht so weich ans Gas, das lästige Lastwechselreaktionen nicht wahrnehmbar sind, sie einem ergo auch nicht die
Linie verhageln können. Noch eins zum Thema Leistung: Yamaha liefert offiziell mit versicherungsgünstigen 72 kW (98 PS) aus; eine rasch erledigte, eintragungs-
fähige Umrüstung auf 78 kW ist zwar
prinzipiell möglich, die wirkt sich jedoch nachweislich erst im oberen Drehzahl-
bereich positiv aus.
Wobei man sich dann auf öffentlichen Straßen in punkteverdächtigen Regionen bewegt. Flensburg-, nicht Top-Test-Punkte. Und das entspricht nicht dem Naturell der Yamaha. Wohl hat sie an Sportsgeist gewonnen. Was aber wenig daran ändert, dass man ihr Potenzial auf Landstraßen nur in Ausnahmefällen annährend ausschöpft. Nicht heizen, sondern souve-
ränes, sportlich-entspanntes Fahren ist die Stärke der XJR. Weshalb man sich vorzugsweise in Gang Numero fünf des
gut abgestuften Getriebes bewegt. Schön auch, dass die 1300er ihre Trinksitten messbar geändert hat. Sie genehmigte sich gut einen halben Liter weniger als beim letzten Vergleichstest (MOTORRAD 9/2003). Ob das die Reihenfolge beim nächsten Test positiv beeinflusst? Bald wissen wir mehr.
An den Bremsen, dies zum Schluss, wird es jedenfalls nicht liegen. Hier hat Yamaha mittels geänderter Hauptbremszylinder ebenfalls nachgelegt und die
Dosierbarkeit verbessert. Karsten hat’s umgesetzt. 10,1 m/s2 mittlere Bremsverzögerung sind ein Top-Wert. Auch – oder eben gerade – für ein Original.
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Was sonst noch auffiel - Yamaha XJR 1300

Was sonst noch auffiel PositivTrotz Überarbeitung keine PreiserhöhungHervorragende RücksichtVerringerter Spirtverbrauch NegativNur durchschnittliches LichtLeichtes Shimmy (Lenkerflattern) ErstbereifungDunlop D 252 »J«; harmonieren alles in allem gut mit der schweren Yamaha. Etwas kippeliges Einlenkverhalten, gute Haftung. Das zeigt sich auch in sehr guten Ver-zögerungswerten, kaum Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage, aber Shimmy im kalten und warmen Zustand Änderungenzum Modell 2003Neue Schalldämpfer mit U-KatGeänderte VergaserabstimmungLeichtere Drei-Speichen-RäderGeänderte Doppelscheibenbremse vornStraffer abgestimmte FederelementeModifizierte Hauptbremszylinder vorn und hintenNeues Multifunktionscockpit mit elektronischem TachoWegfahrsperre serienmäßig Fahrwerkseinstellung im TestFederbasishinten: unterste Stufe (eins von drei)vorn: vier Ringe sichtbarDie Yamaha XJR-Gemeinde im Internet:www.yamaha-xjr1200.de

Fazit - Yamaha XJR 1300

So mögen wir das: stetige Modellpflege, keine halbherzigen Lippenbekenntnisse. Yamaha entlockt seinem sanften Riesen ebenso gekonnt wie unvermutet sportliche Talente. Die straffere Fahrwerksabstimmung nebst geänderter Bremsanlage plus modifizierte Vergaserabstimmung sind rundum gelungen, denn die XJR 1300 gewinnt auf der ganzen Linie.

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