Tuning-BMW R nineT im Vergleichstest

"Dark Night" vs. "Rabbit Racer"

Wer BMW bislang spöttisch mit „Biedere Motoren-Welt“ übersetzt hat, muss dazulernen. Bei diesen Tuning-R nineT tritt metallisch-glänzend gegen düster-dunkel an, Engel trifft Teufel. Sie sind alles, außer gewöhnlich: Martialisch, auffällig, voller Passion. The Show must go on.

Vergleich Tuning-BMW R nineT

Schon Udo Jürgens, tief in seinem Herzen ein alter Rock’n’Roller, wusste es. In seinem Song „Mit 66 Jahren“ sang er denkwürdig: „Ich kauf mir ein Motorrad, und einen Lederdress, und fege durch die Gegend, mit 110 PS.“ Nun, das machen zehntausende von BMW-Fahrern auch mit 33, 44 oder 55 Jahren. Denn die BMW R nineT trägt seit 2013 als letzte BMW den luftgekühlten Boxer mit just 110 PS auf. Das pure Naked Bike wurde den Händlern bereits in seiner ersten Saison 2014 aus den Händen gerissen – und war auch 2016 die zweitbestverkaufte BMW in Deutschland, ein Wahnsinnserfolg. Folgerichtig schoben die Bayern bis zum Frühjahr 2017 noch eine ganze Modellreihe mit vier Schwestermodellen nach.

Arrigoni Dark Knight mit rotierendem Propeller-Logo und Rabbit Ground Custom CafeRacer by Motorrad Senger: MOTORRAD-Testredakteur Thomas Schmieder stellt uns diese zwei BMW R nineT Tuning Motorräder vor.
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Auch die internationale Tuner-Zunft stürzte sich begeistert auf die BMW R nineT. Firmen wie Arrigoni Sport südlich von Zürich – der vermutlich am schönsten eingerichtete BMW-Händler in der Schweiz. Oder Senger Motorrad mit dem hauseigenen Tuning-Label „Rabbit Ground Customizing“ – Hommage an den Hasengrund in der heimatlichen Opel-Stadt Rüsselsheim. Sonic heißt im Englischen Schall, das passt hier prima. Zudem gibt es ein Arkade-Spiel namens „Sonic und der schwarze Ritter.“ Wie sinnig, denn die schwarze BMW von Arrigoni Sport heißt „Dark Knight“. Beide Boxer sind sehr unterschiedlich und sich doch vom Wesen her ähnlich. Auffällig anders als gelebte Leidenschaft für BMW.

Sieben verschiedene Mattschwarztöne

Gemeinsamkeiten haben diese 30.000-Euro-Macho-Bikes viele: Sie sind konsequente Einsitzer mit Höckersitzbänken und demontierten Soziusrasten. Nein, diese Konzepte vertragen keinen Passagier. Beide können, nein, wollen mit ihren Serienmotoren rangenommen werden, nicht bloß flanieren. Dampf haben sie beide, mehr, als man auf Landstraßen gemeinhin voll nutzen kann. Die Boxer erinnern auf dauerfeuchten Winter-Straßen oft daran, dass sie keine Traktionskontrolle haben. Lassen wir der Dark Knight den Vortritt. Falk Dirla, der höchst kreative deutsche Werkstattleiter in Zürich, hat ganze Arbeit geleistet. Er änderte selbst das BMW-Logo raffiniert – in eine silberne Fledermaus.

It’s a dark night: Sieben verschiedene Mattschwarztöne bilden dieses düstere Batmobil. Dabei sind die feinen Halloween-Texturen des Airbrushs erst aus der Nähe zu erkennen. Black beauty. Abgesehen von den Speichen der Serienräder und den Brembo-Bremsscheiben ist an diesem Motorrad alles schwarz gepulvert, lackiert oder eloxiert. Nomen est omen. Und normal zu sein ist ganz besonders schlimm. Selbst die kreisrunden Motogadget-Blinker in den Lenkerstummeln wirken düster. Dabei leuchten sie bei Bedarf hell.

Die Krönung der wilden Kreation ist der Motor-Stirndeckel. Das Originalteil ist aus schnödem ABS-Kunststoff, doch hier sitzt ein edles Alu-Frästeil. Es gibt per Schauglas den Blick auf die darunterliegende Riemenscheibe der Kurbelwelle frei. Drauf haben die Mannen von Arrigoni Sport einen sich mit Motordrehzahl drehenden BMW-Propeller gepflanzt! Sinnfrei aber faszinierend – siehe Video oben. Damit der Propeller optimal zur Geltung kommt, musste ein schmalerer und dafür breiterer Ölkühler her, er gibt den Blick frei auf die Würdigung von BMWs Beginn als Flugmotoren-Hersteller. Ein großer Spaß, nachrüstbar an alle luftgekühlten Vierventiler! Bestellungen trudeln aus der ganzen Welt ein. Und der Schwarze Ritter fährt auch gut. Seine Gabel bietet dank 10er-Gabelöl von Motul spürbar mehr Dämpfung, arbeitet vor allem in der Zugstufe schön sämig. Dafür spricht das Serien-Federbein poltrig an, es sollte von Haus aus mehr können.

Rabbit Racer mit extremer Sitzposition

Umgekehrt ist es beim „Rabbit Racer“: Dessen Öhlins-Federbein mit Ausgleichsbehälter hält reichlich Reserven und genügend Negativ-Federweg parat. Einfach ein Gedicht, wie sauber es anspricht. Geradezu lasch gedämpft wirkt dagegen die Serien-Gabel, daran ändern Öhlins-Federn naturgemäß nichts. Erste Herausforderung mit beiden BMW R nineT ist aber schnöder Stadtverkehr: Auf dem Silver Surfer ist die Sitzposition viel zu überstreckt.

Zwar sind die weit ausgestellten Lenkerstummel vier Zentimeter höher, aber eben auch viel weiter vorn angeklemmt als bei der Dark Knight. Sie liegen noch vor den Standrohren der Upside-down-Gabel, gehören aber weiter nach hinten. Die daraus resultierende Haltung ist extrem fordernd. Nach zwei Kilometern in Großstadtschluchten tut das Kreuz weh, schmerzen die Handgelenke. Bei Schleichfahrt kommt vorm Heidenspaß die Höllenqual. Dieses Bike braucht Auslauf! Breitschultrig-gestreckt sind Nehmerqualitäten in Ober- und Unterarmen gefragt, eine echte Gorilla-Statur. In dieser Schorsch-Meier-Gedächtnishaltung rutscht ständig die Jacke hoch. Gut, dass es noch Nierengurte gibt. Immerhin, der individuell aufgepolsterte Sitz von www.takeseat.de ist durchaus bequem.

Dark Knight mit 7,25 Meter Wendekreis

Das gilt auch fürs Wunderlich-Sitzmöbel der Dark Knight. Ihre ABM-Lenkerstummel liegen zwar extrem tief, aber näher zum Fahrer. Eine geduckte, sehnige Erscheinung ist das, sinnlich-sportiv, quasi eine deutsche, pardon: Schweizer Ducati. 7,25 Meter Wendekreis sind bei jedem U-Turn verdammt lästig. Der geringe Lenkanschlag ist dem Hilfsrahmen für die Ducati-Verkleidung geschuldet. Breit baut sie, bringt tatsächlich richtig Windschutz, obwohl Falk Dirla ihre Scheibe verwegen flach gekappt hat. Selbst bei Tachoanzeige 230, wenn der Motor ruckelnd im Begrenzer hängt, ist kaum Abducken nötig. Dabei rennt der Schwarze Ritter wie am Schnürchen geradeaus.

Sound ist nicht wirklich nachbarfreundlich ...

Naturgemäß ist der Windschutz hinterm Minischild à la Startnummernfeld des Renn-Kaninchens viel mickriger: Kopf und Schultern liegen ziemlich frei im anbrausenden Orkan. Dafür trägt bei höheren Tempi endlich der Fahrtwind mit. Eine Wohltat bei Kälte sind hier die Heizgriffe. Boxerig, ja böse klingen beide Maschinen. Kommt nicht so häufig vor, dass bei BMWs der Briefträger vergisst, seine Post einzuwerfen, der Tankwart nachzufüllen, die Verkäuferin zu kassieren. Der Akrapovic-Auspuff des „Rabbit Racer“ klingt ohne Kat und dB-Eater im Leerlauf dumpf, grummelt tief bassig im Schiebebetrieb. Wie ein Bayern-Fan, wenn sein Club ausnahmsweise mal verliert. Unter Last wird der Klang dann aggressiv, brüllend-voluminös.

Noch krasser, nicht wirklich nachbarfreundlich, bollert der Schwarze Ritter: Stellst du die Klappe im Kesstech-Auspuff elektrisch per Stellmotor und Knopfdruck auf Durchzug, blasen biblische Trompeten zum Sturm auf Jericho. Akustisch ist das eine ganze Menge Rabatz, fast schon unangenehm laut. Geht man für so etwas nicht in der Schweiz mindestens zehn Jahre ins Kittchen? Der Boxer läuft ein wenig rau, wie schlecht synchronisiert. Im Leerlauf schüttelt er sich mitunter wie ein Pudel nach dem Bad. Doch das hat die gleiche Ursache wie winterliche Startschwierigkeiten: Eine der je 430 Gramm leichten Lithium-Ionen-Batterien von Ultrabatt war defekt, der Startstrom zu schwach. Falk Dirla verpflanzte sie untern Tank, um ein freies Rahmendreieck zu realisieren.

Reifenwahl für die BMW R nineT-Umbauten

Deutlich vibriert auch die Senger-BMW, kernig wie frisches Vollkornbrot. Verbuchen wir mal unter Serienstreuung. Kein Vertun: Die sozial engagierte Firma bietet auch Motor-Tuning für Zweiventil-Boxer an, pumpt Vierventiler auf bis zu 1250 Kubik und 130 PS auf. Senger baut regelmäßig Benefizbikes für karitative Aktionen, etwa zur Unterstützung von Kinderkrebsstationen. Die Vertretung gibt es schon seit 1992/93. 2014 ging der Laden dann auf die beiden Söhne über. Im Kurvendickicht klappt ihr Tuning-Bike recht leicht ab, braucht aber in Schräglage stets etwas Nachdruck, um exakt auf Kurs zu bleiben.

Hier macht sich vermutlich der flachere 50er-Querschnitt des Hinterreifens negativ bemerkbar. Die Metzeler fahren spürbar weitere Bögen, bauen bei Kälte weniger Grip auf. Da heißt es, sich vorsichtig ans Limit heranzutasten. Eine Ode an die Fräskunst sind herrliche und teure Kineo-Speichenräder. Wunderbar funktionieren die Pirelli Supercorsa SP der Dark Knight: klebrig-haftstark. Zudem machen sie mit dem moderneren 55er-Querschnitt neutraler und zielgenauer. Dabei wiegt der Schwarze Ritter knapp 222 Kilogramm (genauso viel wie eine Serien-R nineT) und ist damit sieben Kilogramm schwerer als der Rabbit Racer, wirkt aber eher handlicher.

Aus dem Vollen gefräste Ventildeckel

Am silber-gold-blauen Bike ist der gebürstete Alu-Tank ohne sichtbare Schweißnähte ein Traum. Hier ist der Ansaugschnorchel per Alublende verlängert – im Gegensatz zur Arrigoni: An ihr ist er gekappt, um Platz für die weit nach hinten gezogene Verkleidung zu schaffen. Haptisch ist der Rabbit Racer eine Erfüllung, alles was man anfasst, fühlt sich gut an in der Hand. Alleine seine Rizoma-Teile schlagen mit vollen 4.500 Euro zu Buche. Highlights sind die aus dem Vollen gefrästen Ventildeckel. Echte Feinripp-Kühlrippen, eine Liebeserklärung an die hohe Kunst der CNC-Metallbearbeitung. Doch auch die klappbaren Handhebel, die edlen Lenkerstummel, die fein gefrästen Fußrasten oder die tolle obere Gabelbrücke machen den Rabbit Racer begehrenswert.

Trotzdem wirkt die Dark Knight eigenständiger: sprungbereit wie ein schwarzer Panther. Jedes Detail spricht für sich. Daher gebührt das Schlusswort dem Designer Georg Godde und nicht Udo Jürgens. Selbst BMW-Veredler, beklagt Godde sogar die „inflationäre Modellflut der R nineT-Familie“. Er meint: „Nine T-Customizing ist in der Regel geprägt von teuren Anbauteilen wie Lenkerarmaturen, CNC-gefrästen Ventildeckeln und andersartigen Lackiervarianten, sprich, es bleibt oberflächlich und verändert nicht die originale Grundlinie!“ Das kann man der Dark Knight nun wirklich nicht vorwerfen. Arrigoni Sport hat die Chance der Veränderung konsequent genutzt. Kompliment. Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile.

Vorzeige-Roadster und Aushängeschilder

Ende 2013 läutete die R nineT eine neue Ära bei BMW ein, hip statt bieder, klassisch inspiriert und doch modern. Weltweit schufen Tuner auf dieser Basis sehr individuelle und veredelte bayerisch-berlinerische Faustkämpfer.

Die R nineT war die Hommage an 90 Jahre BMW Motorrad: eine luftgekühlte Fahrmaschine, reduziert aufs Wesentliche, essenziell, pur und puristisch für ungefilterte Erlebnisse. Passion macht Emotion, auf Leidenschaft folgt Liebe: Inzwischen ist sie nach der 12er-GS die meistverkaufte BMW. Und das, obwohl 15.200 Euro Basispreis ohne Nebenkosten nicht gerade günstig ist. Trotzdem trifft der Flat Twin eine zahlungsfähige Klientel mitten ins Herz: Nach Jahrzehnten des in Metall und Plastik gegossenen Pragmatismus haben die Bayern wieder Aussehen über Ausstattung, ästhetische Formen über Funktion gestellt.

Von der professionellen Warte aus sieht es BMW-Liebhaber/-Tuner und Diplom-Designer Georg Godde aus Gelsenkirchen (www.cafemoto.de) so: „BMW kann auch Lifestyle und deutlich emotionalere Produkte als das, was man bislang kannte – dies ist die Kernbotschaft der R nineT. Ihre Erfolgsstory fußt „auf dem Hipstersegment und auf Leuten, die das aktuelle BMW-Design sonst nicht anspricht.“ Für den Designer Godde „ist die R nineT kein typisches Retro-Bike wie etwa Triumphs Bonneville-Modellfamilie, die optisch wie Kopien historischer Triumph-Modelle wirken. Dagegen sei die BMW „von den Proportionen her ein modernes, gedrungenes Naked Bike, ein gut gemachter, emotionaler und fahraktiver Powerboxer ohne viel Klimbim.“

Dies beruht auf „einigen wenigen Details wie der einheitlich klassisch-schwarzen Lackierung, die zusammen mit akzentuierten Elementen aus poliertem Alu (Tank!) sowie Speichenrädern an die BMWs der 50er-Jahre erinnern.“ Von dieser Position aus lässt sich die R nineT in vielfältige Richtungen hin weiterentwickeln. Die Zahl der verschiedenen Tuning-R nineTs ist mittlerweile Legion. Die stärkste R nineT baute Edelweiß Motorsport aus Essen – die „nineT One“ mit akzentuiertem Design von Cafemoto. Der maskulin-drahtige Boxer mit 1405 cm³ drückte auf dem Prüfstand böse 142 PS und 138 Newtonmeter, siehe MOTORRAD 2/2016.

Weltweit gibt es viele weitere, radikale oder elegante Umbauten mit und ohne Verkleidung, viele jedoch ohne Straßen-Zulassung. Dazu zählen vier verwegene Kreationen aus Japan, die schon 2014 im Stil cooler Renn-Klassiker, Tracker oder Clubman-Racer entstanden. Ola Stenegard, Chefdesigner der R nineT: „So viele unglaubliche Innovationen, tolle Details und irre Ideen haben mich begeistert!“ Fahrer und Fans von BMWs Vorzeige-Modell treffen sich online per www.ninet-forum.de. Viel Spaß.

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