Vergleich Cruiser

Zu cool für diesen Sommer

Es war die Fliege. Saß lüstern auf der Lederjacke und schiss unbeschwert. »Mit der Freiheit ist es Essig«, sagte Matze und erschlug sie mit der flachen Hand. Am Ende dieses Tages sollte nichts mehr so sein, wie es vorher war.

Foto: Künstle
Welches ist der coolste Cruiser?
Welches ist der coolste Cruiser?
Matze rauchte. Es sah aus, als würde es schmerzen.
Die Sonne hing am Himmel wie ein Flutlicht, vom Fenster des Gebäudes tropfte mausgraue Tristesse. Wir streiften die
Oakleys auf die Nasen und blickten durch blaue Gläser in des
Tages Mission: Volksbefragung. Welches unserer Bikes kommt am coolsten rüber? Ein nicht unerheblicher Grund, sich ein solches
Eisengebirge zu kaufen. Der Sommer rollte sich vor uns aus wie ein roter Teppich und war ebenso fett wie unsere Power-Cruiser: Honda VTX 1800 – ungekrönte zweizylindrige Hubraumkönigin. Harley-Davidson V-Rod – mit fetzigem, von Porsche entwickeltem 1200er-Motor. Kawasaki VN 1500 Mean Streak – sechs Zentner Freiheit als Dumpingangebot. Yamaha Road Star Warrior –
1700 cm3, keine hat mehr Drehmoment.
Die ewig gleiche Frage drängte sich auf: Wohin? Nun, es gab da diese Straße. Scheinbar unendlich. Den Horizont als Ziel. Zumindest kam es uns so vor. Vier Jethelme. 6067 Kubik. Acht Kolben. 370 PS. 510 Newtonmeter Drehmoment. Donnergrollen, Erdbeben. Matze stoppte unerwartet. Es war ein Schulhof. Flimmernder Teer, 36 Grad im Schatten. Schweißtropfen wie Perlenketten. Wir drapierten die Motorräder. 50er-Roller umzingelten sie brüskiert. Noch 13 Minuten bis zur großen Pause. Zwei Zigarettenlängen. Tief durchatmen. Lässig anlehnen, abwarten. Die Kids der 12. Klasse ergossen sich über die Bikes wie Wasser aus einem Dammbruch. Welcher Cruiser ist der coolste? Glasklare Meinungstrennung.
Die Boys: »Egal, Hauptsache Harley. Das ist Image. Da spielt Geld keine Rolle. Für das Echte gibt es keinen Ersatz.« Das hatten wir doch schon mal irgendwo gehört. Im Kino? Als Plakat-Message? Dabei stand die Harley V-Rod sinngemäß im Schatten der 1800er-Honda. Bei den Babes herrschte Uneinigkeit. »Harley – klar der
optische Favorit. Glänzend, schön zierlich und sooo leise.« Laut ist also out? »Wir mögen es nicht aufzufallen, im Mittelpunkt zu stehen.« Da behaupte noch einer, die heutige Jugend sei selbstsüchtig.
»Andernfalls scheint die Honda den einzig gemütlichen Soziusplatz zu haben. Da noch ein Topcase drauf, um sich auf langen Reisen anzulehnen, und die Sache ist perfekt.« Darauf hatten wir keine Antwort. Was auffiel, war die sprachliche Ästhetik der Mädels.
Worte wie geil waren Fremdkörper. Praktisches Denken gebar
ihren Liebling: die Honda VTX. In Rainers Gesicht zementierte sich ungewohntes Grinsen.
Es verlor sich wie unsere Fährte. Zumindest, wenn man die Reste abgeschliffener Fußrasten nicht weiter verfolgte. Ein Restaurant der weltgrößten amerikanischen Imbisskette baute sich wie aus dem Nichts vor uns auf. Ungefähr so unentbehrlich wie alkoholfreie Caipirinhas. Tickernd harrten die Bikes vorm Eingang.
Und bekamen im Nu Gesellschaft. Vier junge Damen aus Dresden.
Cindy, Nastasia, Nicole und Doreen. Krankenschwestern. Nach einmaliger Umrundung der Probanden stand ihre Diagnose fest: Harley knapp vor Yamaha. »Weil die Harley wegen ihres Chroms so schön sportlich kommt. Und die Warrior des dicken Rohres wegen.« Dickes Rohr? »Klar, der Linie halber.« Ach so. Der Kreis der Begutachter wurde größer. Für Shelby aus Oklahoma lag die Kawasaki vorn: »Sie sieht am weiblichsten aus.« Turhan, ein Stammkunde, stand mehr auf Technik: »Die Yamaha is voll krass.
Toll verarbeitet, geiler Auspuff, Doppelscheibe vorn.« Haben die alle. »Echt, ey?« Eine Harley bog auf den Hof. Fat Boy, 45 Grad Zylinderwinkel. Besitzer Nick Haag rückte die Brille gerade, ließ Blicke kreisen: »Nur mit der Kawasaki kann ich als Harley-Fan was anfangen. Schöne Linienführung. Die V-Rod sieht aus wie meine 250er-MZ.« Klar,
Mann, völlig cool also. Ob er sie denn kaufen würde, die Kawa?
»Niemals ’nen Japaner. Wenn’s unbedingt sein muss, dann eben
doch die V-Rod.«
Wenn’s unbedingt sein muss. Vor zwanzig Jahren hätten wir uns um eine Harley geprügelt. Warum? Die bisschen Azubi-Kohle grenzte die Auswahl ein. Honda CM 400 T, Kawasaki Z 440 LTD, Yamaha
XS 650 Custom, Suzuki GS 450 L. Die Japaner gaben sich extrem schmerzfrei: Stufensitzbänke, gezwirbelte Hochlenker, Fransen –
fertig war der Chopper. Das Schlimmste: Outlaws unter den Fahrschullehrern bedienten sich dieser Folterinstrumente. Und stürzten eine ganze Generation potenzieller Biker ins Unglück. Zum Abgewöhnen! Früher war eben doch nicht alles besser.
Wir hatten’s überlebt. Depressionsfrei, keine sonstigen Schäden. Rockten mit den Boliden auf der Suche nach geeigneten Parkplätzen zwei Jahrzehnte später vor einem trendigen Frisörshop auf. Mod’s Hair: Paris – Tokio – Mailand – Moskau – Reutlingen. Na bitte. Wer sonst, wenn nicht die Damen fürs Haar-Styling könnten darüber urteilen, was hipp ist. Besitzerin Katrin Schmid und Angestellte Grafika Essid erklommen unsere Eisengebirge. Grafika, gerade frisch im Besitz des Motorradführerscheins, fiel die Wahl leicht: »Harley V-Rod. Weil sie so schön klein und kompakt ist und am meisten glänzt.« Das kannten wir schon. Chefin Katrin: »Auf jeden Fall die Yamaha. Pompöser Auftritt, sehr maskulin, äußerst männlich. Was noch fehlt, ist der persönliche Touch. Airbrush auf Seitendeckeln und Tank, vielleicht Nieten oder Fransen.« Nun, schenkt man Trendgöttin Madonna Glauben, sind Fransen seit ihrem vorletzten Album Music wieder in.
Und seit ihrem letzten Album American Life wieder out. Gegenüber von Mod’s Hair gastierte ein Imbiss. Wir ließen uns nieder. Brotkrümel, Kaugummis, Hundeschiss. Links versuchten drei Damen den Boden ihrer Kaffeetassen durchzurühren. Rechts retteten zwei grauhaarige Männer mit Brauereigeschwür einige Quadratmeter Regenwald. Deutschland, wo bist du gelandet? Bier saufen für den WWF, 30-km/h-Zonen wegen wandernden Fröschen. In Frankreich undenkbar. »Welche von den vier Harleys fährt denn am besten?« Eine längst überfällige Frage. Die mit dem dicken Auspuff. »Hab’s gewusst. Sieht man gleich.« Der Grauhaarige drehte sich um. Stolz, als hätte er reißfestes Klopapier erfunden. Und widmete sich wieder der Regenwald-Rettung. Was uns fehlte, war die repräsentative Stimme des Volkes. Breit gefächert.
Aldi-Süd, wenige Minuten später. Vor einer Kulisse von Einkaufswagen setzten sich unsere Bikes in Szene. Um Missverständnissen vorzubeugen, hatten wir die Frage geändert: Welche der vier Harleys sagt Ihnen am meisten zu und warum? Die Altersspanne war breit. Zwischen 17 und 70 Jahren. Vorwiegend beeindruckte die V-Rod. Vor allem Frauen. »Zierlich, glänzend, feminin.« Das schien ein altes Vorurteil zu bestätigen: Nicht nur in Schuhläden greifen die Damen zielsicher zum Teuersten. Besonders interessant: Bikerveteranen. Im wohlverdienten Rentnerstadium, Zeit und
Erinnerungen im Überfluss: »...und dann bekamen wir diesen französischen Eumel. Die hat Benzin gefressen, das glaubt ihr nicht. Und Öl. Hatte Beiwagenantrieb und Kulissenschaltung, war ein Langhuber mit nur 1:7 Verdichtung. Und dann im Afrikachor, ich sag’ euch was... im Übrigen finde ich die Harley spitze. Wenn wir die damals gehabt hätten...« Danke, Herr Eisenmann. Das Ehepaar Fengler, 40 Jahre verheiratet, wollte auf der Honda VTX Probe sitzen. Liebe auf den ersten Blick. Wegen der klassischen Form. Er: »...hab’ sie alle gefahren. Jawa 250 und 350, dann kam der Krieg. Ende ’45 sah ich sie verstaubt in der Scheune. Eine 450er-Triumph. Baujahr Anfang 30. Im Tausch gegen vier Tonnen Kohle war sie mein. Sprit gab’s nur gegen Antrag, bei Bewilligung zehn Liter pro Monat. Was Drama, wenn du fahren willst.« Sie: »Das waren die tollsten Urlaube, mit dem Motorrad. Gemeinsam gelitten, gemeinsam gefreut. Total zusammengeschweißt hat das.« Sie kam wie Kai aus der Kiste. Eine Blondine. Direkt neben uns. Eine Bikerjungfrau. Nie gefahren, nicht im entferntesten daran gedacht. »Was soll an diesen Bikes und Motorrad fahren schon dran sein?«
Okay, Baby, wenn du’s wissen willst: Powercruisen, das ist der Duft endloser Weizenfelder. Eine einsame Straße zum Horizont. Eine mechanische Freundschaft, die dir dein lädiertes Ego streichelt. Ein Regengesicht, hinter dem permanent die Sonne scheint. Tunnel, in
denen du dich zurückfallen lässt, um den Sound des Aufholens aufzusaugen. Der Händedruck eines Trappers. Die Riffs von Hendrix,
Kravitz und Morissette, übergossen mit Honig. Schaufenster als Spiegel der Freiheit. Zerfetzte Mücken. Staubschmuck. Fahrtwind aus dem Auge des Hurrikans. Kolbenhübe wie Wellness. Powercruisen ist
unabhängig. Eigenständig. Überragend. Die einzige Art von Motorradfahren, die langsam ebenso emotional ist wie schnell. Das pausenlose Feeling, die Welt gehöre dir. Cooler geht’s nicht. Blondie kaufte drei Viererpack Joghurt mit links drehender Milchsäure. Und verschwand.
»Mit der Freiheit ist es Essig«, sagte Matze und erschlug die Fliege auf dem Tank der Kawasaki. Es war eines seiner Hobbys. »Was wir brauchen, ist das Urteil eines Experten.« Die Sonne hatte leichte Schräglage, vor den Lounges flanierte braun gebrannte Haut. Es gab da einen, der es wissen musste: Stefan Kraft, Designer. Ein Mann weniger, aber aussagekräftiger Worte. »Über diese beiden«, sagte er und sein Finger deutete auf Harley und Yamaha, »spricht man einfach. Über die anderen nicht. Zu viele davon sehen sich ähnlich. Die Harley wirkt wie eine homogene Masse mit feiner Struktur, aus dem Vollen gefräst. Die Yamaha rückt vom gewohnten Cruiserbild ab, wirkt bullig, martialisch. Eine neue Rasse von Motorrad. Ein Mix aus Speedbike, Dragstrip und Streetfighter in Anlehnung an das Cruisertum.«
Die Sonne streifte den Horizont, am Ende der langen Straße bellten zwei Hunde. Wir standen am Clubhaus der Hell’s Angels Stuttgart. Männer mit Harley-Genen. Immer für eine Überraschung gut: »Die Yamaha klingt besser als jede neue Harley aus der Kiste. Und ist die Einzige der vier ohne diesen neumodischen Wasserkühl-Firlefanz. Der Lenker und die Auspuffanlage der Kawa sind auch nicht schlecht. Sogar aus der Honda kann man was machen.« Und die Harley? »Welche Harley? Das Ding ist keine Harley. Da stimmt ja nicht mal mehr der Zylinderwinkel.«
Fröstelndes Blubbern hallte von den Wänden wider. Die Welt war verrückt. Mean Streak und V-Rod – die femininste Versuchung, seit
es Powercruiser gibt. Honda VTX – überdimensionaler Abschleppfaktor durch Sitzkomfort. Und letztlich die Road Star Warrior: männlich, potent, auffällig. An der letzten Ampel schrieben Honda und Yamaha einen Beschleunigungsgruß. 15 Meter lang, sechs Zentimeter breit.
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Kommentar: Cruisin’ Black Forester

Kommentar: Cruisin’ Black Forester
Cruisin’ is cool. Doch was braucht man für perfektes Cruising? Klar, am besten ‘ne Schwungmasse wie von ‘nem alten Lanz-Bulldog und ebenso viel Drehmoment. So dass man selbst im fünften Gang anfahren kann. Und diesen bis zum Jüngsten Gericht drin lässt. Durchzug in seiner fettesten Form. Was aber macht einen Verbrennungsmotor zum Dampfhammer? Moderate Steuerzeiten und Einlassquerschnitte – alles Kinderkram. Wirklich Drehmoment bringen nur big Bore und long Stroke, also ‘ne Menge Cubic Inches. Bei der V-Rod gilt: cooler Motor, aber magerer Hubraum. Geht zwar höllisch gut, ist jedoch unendlich übersetzt und braucht Drehzahlen wie ein Sportler. Fehlanzeige. Kawasaki Mean Streak: Volumen fett, doch kein Druck. Vergiss es! Honda VTX 1800 – zwei Maß Hubraum, Happiness garantiert. Noch mehr Spaß? Geht nur mit der Road Star Warrior. Die Yamaha-Boys haben aus der schlappen Wild Star die meisten Newtonmeter rausgezockt. Und das bei niedersten Drehzahlen. Brothers and Sisters, cooler geht’s fast nicht.

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