Vergleichstest Cagiva Navigator gegen Kawasaki ZRX 1100

Die Eilpraktiker

Sie wollen ein komfortables Straßenmotorrad mit gut 100 PS, aufrechter Sitzposition und breitem Lenker. Naked Bike, Funbike oder so was. Wie wär’s mit einer Navigator? Oder doch lieber einer ZRX 1100?

Hm, gar nicht so leicht, die Navigator in ein Schema zu pressen. Eigentlich steckt sie in der Schublade »Reiseenduro«. Der leistungsstarke, drehzahlgierige V2 ist noch okay, doch bei reinrassigen Straßenpellen, geringer Bodenfreiheit, »Motorschutz« aus Hartplastik samt Ölfilter und –kühler in Bodennähe hört der Geländespaß wirklich auf. Deshalb blieb der Navigator im Vergleichstest mit Ihresgleichen (MOTORRAD 11/2000) nur Platz zwei.
Der Navigator-Urahn, die Elefant 650 von 1984 mit Ducati Pantah-Motor war noch ein echtes Geländemotorrad. 54 PS beschleunigten die 208 Kilogramm schwere Großenduro auf Tempo 170. Stollige Bereifung mit 21-Zoll-Vorderrad schufen beste Voraussetzungen fürs Toben abseits öffentlicher Straßen.
Auf asphaltierten Rennstrecken liegen die Wurzeln von Kawasakis nacktem Bigbike ZRX 1100. 1983 kam die Z 1000 R als Replica des Superbikes, mit dem Eddie Lawson 1981 und 1982 die US-Superbike-Meisterschaft gewann, nach Deutschland. Der grüne Kracher war im Prinzip eine auf sportlich geschminkte Z 1000 J und ging deshalb eher als bequemer Allrounder denn als echtes Heizgerät durch. Egal, Hauptsache stilechte Optik mit kleiner Lenkerverkleidung, Stufensitzbank und zwei Federbeinen.
Damit kann die aktuelle ZRX 1100 ebenfalls dienen. Zusätzlich fährt sie eine Vier-in-eins-Anlage samt Aludämpfer und eine piekfeine Schwinge aus Alu-Rundrohr mit Unterzügen und Exzenter zum Kettenspannen und Anheben des Hecks spazieren. Ja, genau so ein Teil, mit dem Eddie und Wayne anno dunnemals im Kreis rumkutschiert sind.
Wer fragt bei soviel rennölgeschwängerter Historie nach schnöden PS-Zahlen? Sie? Na gut, der wassergekühlte Vierzylinder stammt aus dem Tourensportler GPZ 1100 und lässt maximal 111 PS auf den 170er-Hinterreifen los. Ein Pferdchen mehr als die Navigator zwar, doch das macht sich im richtigen Leben nicht bemerkbar, so vehement legt sich der Ex-TL 1000-V2 in seinem pseudo-reiseenduralen Exil ins Zeug. Gleichmäßige Leistungsentfaltung bei unerhört spontanem Antritt schon in der unteren Hälfte des Drehzahlspektrums gehören zum Pflichtprogramm der Navigator. Die Kür beginnt, sobald sich der Pilot fleißig durch die Sechsgangbox zu switchen beginnt, und seine Umgebung mit hinreißenden Trompetenklängen inklusive gelegentlichen Fehlzündungs-Donnerschlägen eindeckt.
Gegen solch Donner und Doria setzt Kawa softeres Sausen und Brausen. Verhaltene Vibrationen, die ab 4000 sahnigem Rundlauf weichen, sorgen für Unterhaltung, die unspektakuläre, souveräne Kraftentfaltung für Entspannung. Ein kernig schlürfendes Ansauggeräusch gibt es obendrauf. Is’ halt eine echte Kawa.
Doch so unterschiedlich das Muskelspiel ausfällt, so ähnlich sind die gemessenen Beschleunigungs- und Durchzugswerte.
Spätestens ab Tempo 140 spielt die Motorakustik im Fahrerohr nur noch die zweite Geige, tosende Windgeräusche beherrschen die Gehörgänge. Munter fallen die heranbrausenden Elementen auf der Kawa über den Fahrer her, die kleine Verkleidung hält nur das Allerärgste ab. Spätestens jetzt freut sich selbst der harte 80er-Jahre-Fan, keinen breiten Superbike-Lenker an die ZRX gebastelt zu haben, denn schon mit dem Originalteil beutelt es ihn hin und her – zu Lasten des ansonsten guten Geradeauslaufs.
Die Cagiva entlastet mit ihrer nach hinten gezogenen Scheibe den Oberkörper, doch dafür gibt’s die volle Dröhnung auf den Helm, jedenfalls für Piloten über 1,70 Meter Körpergröße. Jenseits der 160er-Marke wird’s extrem laut - und strapaziös für die Nackenmuskeln. Wer also die vom Drehzahlbegrenzer vorgegebene Höchstgeschwindigkeit von 213 km/h auszunutzen gedenkt, sollte einen guten Chiropraktiker im Bekanntenkreis haben.
Glücklicherweise beschränkt sich therapeutischer Bedarf auf den Nackenbereich, denn Kawa und Cagiva huldigen ansonsten ergonomischer Korrektheit. Menschen zwischen Größe S und XL werden mit offenen Armen und angenehmen Details wie einstellbaren Handhebeln empfangen. Als rundum vorbildlich darf der Cagiva-Arbeitsplatz mit seiner bequemen Bank und dem relativ schmalen Tank gelten. Lediglich der nach hinten gekröpfte Lenker stößt bei großen Fahrern auf Kritik. Vom Platz in der zweiten Reihe kommt selbst bei längeren Ausflügen kein Gequengel: Polsterung, Beinwinkel, alles gut.
Kawasaki-Hinterbänkler hadern mit den enorm hoch angebrachten Fußrasten. Schade, denn das weiche Sitzpolster und die soliden Haltegriffe gehen ebenfalls in Ordnung. Genau wie der Federungskomfort im Zweimannbetrieb. Das voll einstellbare, straffe Fahrwerk bietet ausreichende Reserven selbst bei voller Beladung. Solo könnte die Gabel etwas mehr Sensibilität in punkto Ansprechverhalten vertragen und das Vorderrad noch satter führen. Ein Manko, das weniger auf gut ausgebauten Schnellstraßen, sondern vielmehr auf Naked-Bike-Terrain, wie etwa hoppeligen, nachlässig geflickten Landsträßchen zum Tragen kommt. Eine leichte Unruhe in der Frontpartie zwingt zu Aufmerksamkeit und gelegentlichen Korrekturen. Das ist zwar nicht schlimm, steht aber völlig relaxtem Fahrvergnügen im Weg. Schade, denn ihre ausgeprägte Handlichkeit, die aufrechte Sitzposition und die hervorragende Sechskolben-Bremse vorn animieren zu ausgiebigen Kurvenexkursionen.
Danach lechzt auch die Cagiva mit ihrem Gedicht von einem Fahrwerk: Gabel und Dämpfer bieten zwar weniger Einstellmöglichkeiten als bei der Kawa, doch die Cagiva-Leute hatten ein gutes Händchen für die Abstimmung. Üppige Federwege, feines Ansprechen bei angenehm straffer Auslegung zeigen selbst reparaturbedürftigen Straßen die kalte Schulter. Spätbremsen geht problemlos, nur in Schräglage stellt sich das Teil spürbar auf.
Wo wir gerade in der Meckerecke sind: Die Kontrollleuchten der Cagiva lassen sich bei Sonnenschein kaum ablesen, der ungünstig gekröpfte Seitenständer läßt sich umständlich ausklappen, und die Verlegung mancher Kabel wirkt wenig vertrauenerweckend. In puncto Verarbeitung leistet sich die Kawasaki keine Schnitzer, ja erfreut sogar mit netten Details wie einem Regenkombi-tauglichen Staufach unter der Sitzbank. So zeigt am Ende jeder der beiden Eilpraktiker eigenständigen Charakter. Nur in Schubladen pressen lassen sie sich nicht.
Anzeige

Fazit Cagiva - 1. Platz

So, jetzt wissen wir’s: Die Cagiva Navigator ist einfach ein Motorrad. Basta. Und was für eins: mordsmäßig Leistung, das es einem die Arme lang und das Vorderrad himmelwärts zieht. Selbst auf langen Strecken superbequem und locker zu fahren. Nur bitte keine großartigen Geländepartien einplanen, dafür ist sie definitiv nicht gemacht. Jetzt noch etwas Feinschliff bei der Detailverarbeitung und ein Kat für’s Umweltgewissen, und die Vareser haben eine richtige Spaßmaschine mit einer ordentlichen Portion Nutzwert im Programm.

Fazit Kawasaki - 2. Platz

Eins steht außer Frage: Charakter hat sie. Wie aus dem Vollen geschnitzt, steht die muskulöse ZRX 1100 da. Aber trotz des martialischen Auftritts ist sie ein zuverlässiger, wenn auch Kat-loser Alltagspartner. Das locker-leichte Handling und die sanfte Kraftentfaltung überspielen gekonnt das satte Gewicht von fünf Zentnern - Fahrspaß gibt’s hier ab Werk. Und wenn’s sein muß, ist der Brummer auch für die schnelle Tour zu haben. Auf Reisen könnte jedoch der Soziusplatz eine ernsthafte Beziehungskrise herbeischwören.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote