Vergleichstest Suzuki SV 650 S gegen Yamaha FZS 600 Fazer

VAU-TEUFELT NOCHMAL

Die SV 650 ließ ihre Konkurrenz stets Höllenqualen leiden. Ob die neue Auflage Kohlen nachlegen kann, klärt ein Vergleich mit der Yamaha Fazer.

Gar nicht leicht, einen ebenbürtigen Gegner für die neue Suzuki SV 650 S zu finden. Angesichts der fast schon provokanten Lässigkeit, mit der ihre Vorgängerin der versammelten Mittelklässler-Riege einheizte, muss schon ein gestandener Abo-Testsieger und Publikumsliebling wie die Yamaha FZS 600 Fazer ran. Allroundig, gutmütig, preiswert. Wie die SV.
Bei der gibt’s für 6640 Euro gemessene 76 PS, Yamaha stellt für 90 Fazer-Pferde 7990 Euro in Rechnung – und liegt damit im PS-pro-Euro-Verhältnis ganz leicht vorn. Doch im echten Leben zählen andere Dinge, und Suzuki und Yamaha zeigen anschaulich, wie man Motorräder kreiert, die jedermann und jederfrau auf Anhieb Nestwärme vermitteln, bei Bedarf aber auch richtig losbrennen können - ganz gleich, ob mit pochendem V2 oder säuselndem Reihenvierer. In der zweiten Generation bei beiden Protagonisten gar noch ernsthafter als zuvor.
Seit dem 2002er-Facelift eifert die kleine Fazer ihrer Tausender-Schwester optisch sehr deutlich nach, Suzuki lässt die SV 1000 und SV 650 sowieso zeitgleich von der Leine. Ob die Kleine deshalb so böse aus der Wäsche guckt? Bislang eher drollig dreinblickend, prägen ab sofort harte, glatte Schnitte das Design von Rahmen und Verkleidung. Die SV wirkt erwachsener, reifer. Technisch hat sich ebenfalls einiges getan: So spannt sich zwischen den Gussteilen von Lenkkopf und Schwingenlagerung des Aluminiumrahmens neuerdings einteiliges Druckgussfachwerk statt verschweißten Gitterrohrs. Kostengünstiger und leichter. Schöne neue Welt. Yamahas schwarzlackierte Stahlrohr-Doppelschleife beschwört dagegen auf sympathische Art den Geist des vergangenen Jahrtausends.
Den Geist verschärften Überholprestiges ruft die SV’sche Verkleidung. Vom Aussehen einer umgedrehten Schaufel nicht unähnlich, entfaltet ihre doppelbescheinwerferte Front auf linken Autobahn-Fahrspuren eine räumende Wirkung. Selbst vollgasfeste Vorausfahrer schlüpfen willig nach rechts. Blöd nur, wenn es nach dem Verschwinden des beflügelnden Windschattens leicht bergauf geht. Denn dann purzeln die Ziffern auf dem Digitaltacho, und es wird gaaanz zäh für den bereits tief hinter der Verkleidung kauernden SV-Fahrer. In solchen Situationen zieht die Fazer lässig ihre 14 Mehr-PS aus dem Hut und der Suzuki mit Topspeed 213 davon. Allerdings bei deutlich höherem Körpereinsatz des Piloten, denn Fazer-Treiber jeglicher Körpergröße segeln ab Tempo 140 hart am Wind und müssen sich am Rohrlenker festhalten oder die Oberschenkel besonders fest an die knubbeligen Flanken des 22-Liter-Tanks pressen. SV-Fahrer genießen in ihrer nach vorn orientierten, integrierten Sitzposition bei höheren Tempi ein angenehmes Kräftegleichgewicht hinter Lenkerstummeln und Halbverkleidung.
Klar, aufrechte Bikes wie die Fazer sind nicht für Tempi jenseits 160 km/h geschaffen. Also, Blinker rechts, runter vom Vielspurband und hinein in die Welt der Bundes-, Landes-, und Kreisstraßen. Zum ersten Mal in diesem Jahr darf der heimische Asphalt mal wieder zeigen, für was er taugt. Das hartnäckige Hoch Helga verschenkt Vor-vorfrühlingshafte Gefühle und zaghafte Plusgrade. Leider kann der Sonnenschein den winterlichen Salzschmier auf den Pisten weit weniger erfolgreich hinwegwischen als die dazugehörige Depression.
Das trotz des bisweilen rutschigen Parketts Lust statt Frust aufkommt, liegt am freundlichen Wesen der Testkandidatinnen. Hier muss niemand verkrampft auf die Lippen beißen, die Schultern hochziehen oder den Gasgriff mit spitzen Fingern betätigen. SV und Fazer werben selbst bei weniger Erfahrenen erfolgreich um Vertrauen. Zum Beispiel durch ihre Gleichmäßigkeit. Plakativ ablesbar am lehrbuchmäßigen Verlauf der Fazer-Leistungskurve. Sobald mehr als 2000/min anliegen, liefert das modifizierte Thundercat-Triebwerk verwertbaren Schub – ohne Zacken bis weit in fünfstellige Regionen. Nur im tiefsten Keller wirkt es etwas blutleer, als ob ein paar Gramm Schwungmasse fehlen würden. Zudem führt üppiges Spiel im Antriebsstrang zu harten Lastwechseln, die das eigentlich sanft ansprechende Aggregat ruppiger erscheinen lassen, als es ist. Was auf das ohnehin lautstark agierende Sechsganggetriebe abfärbt. Dem bewusst Gasgebenden offeriert der von 33er-Vergasern gefütterte Reihenvierer hingegen ein feines Kulturangebot – allerdings bar jeglicher Abgasreinigung.
Damit kann die 2003er-SV dienen. Zunächst fällt jedoch der Ölkühler auf, der anfangs an der kleinen SV nicht bvorgesehen war; die Einspritzung und die Auspuffanlage mit U-Kat sind auch neu. Da der Twin zudem über ein Sekundärluftsystem verfügt, überspringt er ab sofort die Euro-2-Hürde und kassiert satte 25 MOTORRAD-Punkte bei den Schadstoffwerten. Ebenfalls punkteträchtig sind der nahezu perfekte Kaltlauf sowie der geringe Kraftstoffverbrauch des 90-Grad-V2. Die Leistung gelangt über eine fein dosierbare Kupplung und das ab und zu widerspenstig rastende Sechsganggetriebe an den 160er-Hinterreifen.
Unter anderem in dieser Dimensionierung liegt ein weiteres Erfolgsgeheimnis der beiden agil umherflitzenden Allrounder: Ohne wegen publikumswirksamer Breit-Puschen wie besoffen ums Eck zu wanken oder sich bei Unebenheiten aufzurichten, geben stellen Fazer und SV das Gleichgewichtsorgan ihres Fahrers auf eine harte Ausdauerprobe. Federleichtes Einlenken, stabiles Schrägliegen und angstfreies Herausbeschleunigen selbst aus verzwickten Kurvenkombinationen lassen einen umherswingen bis es rauscht im Kopf.
Pluspunkt der mit den neuen Dunlop 220 bereiften SV: Bei zunehmendem Tempo nimmt ihre Stabilität zu. Schnelle Richtungswechsel erfordern zwar mehr Kraft als bei der Fazer, dafür folgt die 196 Kilogramm leichte Suzuki stets penibel der eingeschlagenen Linie. Bis auf einen dezent spürbaren Lastwechselschlag fügt sich ihr V2 nahtlos in die flüssige Darbietung. Er kommt früh aus den Startlöchern, ohne in der Nähe der drehzahlmäßigen Ziellinie bei 11000/min ernsthaft zu schwächeln. Ab etwa 5500 Umdrehungen liefert der pochende Twin sogar noch einen muntermachenden Extra-Kick.
Mit einem Kick kann der Fazer-Vierer nicht dienen, sie fasziniert vor allem mit fulminanter Handlichkeit, Ergebnis radikaler Fahrwerksdaten plus eines schmalen 110er-Vorderreifens. Auf leichten Impuls lenkt der mit Dunlop D 207 besohlte 213-Kilo-Allrounder ein, verlangt jedoch wegen der stuckrig ansprechen Gabel im Kurvenverlauf ab und zu Korrekturen. Da wird die gewünschte Linie schon mal etwas freier interpretiert, stellt sich die Fuhre unter dem harten Biss der vorderen Stopper zart auf. Eigensinnigkeiten, die der stabileren SV fremd sind. Ihre ebenfalls nur in der Federbasis einstellbare Gabel spricht feiner an und bietet etwas höhere Dämpfungsreserven, die vorderen Stopper dürften hingegen williger zulangen. Neben leichtem Shimmy, das die Yamaha ebenso plagt, und einem unbequemen Soziusplatz allerdings die einzigen Schwachpunkte, die sich die teuflisch gute Suzuki leistet – und damit der Serien-Testsiegerin Fazer eins überbrennt.
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Technische Daten: Suzuki SV 650 S

SUZUKI SV 650 SMotorWassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, Kurbelwelle querliegend, je zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, elektronische Saugrohreinspritzung, Ø 39 mm, Transistorzündung, ungeregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, E-Starter.Bohrung x Hub 81,0 x 62,6 mmHubraum 645 cm³Nennleistung 53 kW (72 PS) bei 9000/minMax. Drehmoment 64 Nm (6,5 kpm) bei 7200/minSchadstoffwerte (Homologation)CO 2,01 g/km, HC 0,44 g/km, NOx 0,11 g/kmKraftübertragungMechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.FahrwerkBrückenrahmen aus Aluguss, geschraubtes Rahmenheck, Motor mittragend, Telegabel, Standrohrdurchmesser 41 mm, verstellbare Federbasis, Zweiarmschwinge aus Aluprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis, Doppelscheibenbremse vorn, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 290 mm, Doppelkolbensättel, Scheibenbremse hinten, Ø 240 mm, Zweikolbensattel.Reifen 120/60 ZR 17; 160/60 ZR 17Bereifung im Test Dunlop D220 LFahrwerksdatenLenkkopfwinkel 65 Grad, Nachlauf 100 mm, Radstand 1430 mm, Federweg v/h 130/137 mm.Maße und GewichteSitzhöhe* 820 mm, Gewicht vollgetankt* 196 kg, Zuladung* 204 kg, Tankinhalt 17 Liter.Garantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Blau, SilberLeistungsvarianten 25 kW (34 PS)Preis 6640 EuroNebenkosten 130 Euro* MOTORRAD-Messungen

Technische Daten: Yamaha FZS 600 Fazer

YAMAHA FZS 600 FazerMotorWassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor, zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Tassenstößel, Nasssumpfschmierung, Gleichdruckvergaser, Ø 33 mm, Transistorzündung, keine Abgasreinigung, E-Starter.Bohrung x Hub 62,0 x 49,6 mmHubraum 599 cm³Nennleistung 70 kW (95 PS) bei 11 500/minMax. Drehmoment 61 Nm (6,2 kpm) bei 9500/minSchadstoffwerte (Homologation)CO 4,69 g/km, HC 2,79 g/km, NOx 0,19 g/kmKraftübertragungMechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, O-Ring-Kette.FahrwerkDoppelschleifenrahmen aus Stahlrohr, Telegabel, Standrohrdurchmesser 41 mm, verstellbare Federbasis, Zweiarmschwinge aus Aluprofilen, Zentralfederbein mit Hebelsystem, verstellbare Federbasis und Zugstufendämpfung, Doppelscheibenbremse vorn, schwimmend gelagerte Bremsscheiben, Ø 298 mm, Vierkolbensättel, Scheibenbremse hinten, Ø 245 mm, Zweikolbensattel.Reifen 110/70 ZR 17; 160/60 ZR 17Bereifung im Test Dunlop D207 F/JFahrwerksdatenLenkkopfwinkel 66 Grad, Nachlauf 88 mm, Radstand 1415 mm, Federweg v/h 120/120 mm.Maße und GewichteSitzhöhe* 800 mm, Gewicht vollgetankt* 217 kg, Zuladung* 180 kg, Tankinhalt/Reserve 22/3,6 Liter.Garantie zwei Jahre ohne KilometerbegrenzungFarben Blau, Silber, GelbPreis 6990 EuroNebenkosten 145 Euro* MOTORRAD-Messungen

1. Platz - Suzuki SV 650 S

Mit 665 Punkten heizt Suzukis aufgefrischte Mittelklasse-Athletin der Konkurrenz richtig ein. Mit Charme, stabilem Fahrwerk und tollem Motor. Für 6640 Euro bietet der quirlige, sparsame V2 im Zusammenspiel mit dem neuen Chassis nämlich locker-flockiges Fahrvergnügen, ohne dabei nervös zu wirken. Und sauber ist er obendrein.

2. Platz - Yamaha FZS 600 Fazer

Bisher konnte die 600er-Fazer jeden Vergleichstest für sich entscheiden. Bisher, denn die neue SV 650 S legt die Messlatte ein Stück zu hoch. Trotzdem wird die flinke, ausgewogene Yamaha weiterhin ihre Fans finden. Allein schon wegen des sanft und gleichmäßig anschiebenden Vierzylinders und der problemlosen Fahrbarkeit.

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