Vergleichtstest Big Bikes

Fisherman`s Friends

Kawasaki Zephyr 1100, Suzuki GSF 1200 Bandit, Yamaha XJR 1200 - wie fahren die denn? Nicht fragen, probieren!

Oder doch erst mal studieren: »Es ist eine völlig andere Welt des Fahrens... Wer die körperliche Konstitution, Zähigkeit und Härte mitbringt, frei im Sturm von 160 bis 180 km/h sitzend über die großen Europawege zu fegen, rechnet nicht mehr in 150-km-Wochenendausflügen, der rechnet nur noch in 500-Meilen-Reisen. Es ist kein Motorrad für unreife Gesellen oder Leute, denen das Temperament durchgehen kann, es ist ein wildes Urtier, das einen Herrn braucht und einen Knecht zertritt.« Markige Worte, die Ernst »Klacks« Leverkus in »Das Motorrad« 8/1966 fand.

Hintergrund seiner in kruppstählerne Sätze gegossenen Impressionen: ein Proberitt auf der rund 60 PS starken und 190 km/h schnellen vierzylindrigen Münch Mammut 1100 - aus heutiger Sicht die Mutter aller unverkleideten Big Bikes.30 Jahre später wissen wir, daß Klacks` »Herr und Knecht«-Theorie den Zeitläufen, die uns einerseits massenhaft kraftstrotzende, pfeilschnelle Supersportler und andererseits sinkende Unfallzahlen beschert haben, nicht standgehalten hat. Und doch hat er Recht behalten in seiner Einschätzung, daß potente, hubraumstarke Naked Bikes, wie sie von der Kawasaki Zephyr 1100, der Suzuki GSF 1200 und der Yamaha XJR 1200 repräsentiert werden, ihren Besitzern gewisse Eigenschaften - zumindest körperlicher Natur - abverlangen.»Meine Wangen schienen flatternde Signalwimpel zu sein, ... ich mußte mich nach vorn ducken, daß dieser gewaltige Winddruck den Oberkörper nicht nach hinten warf.« Gut, heute trägt man Integralhelme, doch der Kampf mit den Elementen hat nichts an Dramatik verloren. Bei Tempo 200 reißt und zerrt es an der Oberbekleidung, die Haltekräfte an den breiten Lenkstangen sind jenseits von gut und böse und animieren zu tiefen Verbeugungen - nicht zuletzt in der Hoffnung, hinter den Instrumenten einen Hauch von Windschatten zu finden.

Die höchste Leidensfähigkeit fordern die Zephyr 1100 und die XJR 1200: Die zu den niedrigen Sitzflächen relativ hoch plazierten Lenkerenden erschweren konditionsschonendes Abtauchen. Die Suzuki bietet aus einer sportlicheren Grundhaltung mit stärker gebeugtem Oberkörper etwas bessere Voraussetzungen für vorbeugende Maßnahmen.»Angst? - Natürlich. Die ersten drei schnellen Autobahnkilometer. Aber dann merkte ich, daß das Fahrwerk einwandfrei in der Spur blieb.« Angst? - Nein. Gänzlich unbeeindruckt vom rüttelnden Fahrtwind zieht die Yamaha ihre Bahn. Spurrillen sind ebensowenig ein Thema wie zackige Vertikalbeschleunigungen auf quer zur Fahrtrichtung verlaufenden Absätzen - die lassen allenfalls das Hinterrad bisweilen kurz den Kontakt zum Untergrund verlieren.

Leicht abgehoben durch die Katapultwirkung der wenig schluckfreudigen Federungselemente fühlt sich der Kawasaki-Pilot des öfteren. Obendrein muß er tolerieren, daß seine Maschine immer wieder auf Anregungung äußerer Störeinflüsse in anhaltendes, dezentes Schwänzeln verfällt. Das ist nicht gefährlich, nicht einmal sonderlich störend, sorgt aber zumindest für hochgezogene Augenbrauen. Die Suzuki, als einzige mit einer langhubigen Zentralfederung gesegnet, segelt geschmeidiger als die Konkurrenz über Fahrbahnunstimmigkeiten, leistet sich aber gleichwohl hin und wieder nervöse, jedoch harmlose und sofort abklingende Zuckungen.

»Oben merkte ich erst, daß das wieder eine ansonsten lange und zähe Steigung gewesen war. Nichts davon gemerkt.« Die segensreiche Wirkung des Hubraums. Topspeed - gut und schön, doch was den wahren Reiz der Big Bikes ausmacht, ist die souveräne Kraft, die aus weit gespannten, fülligen Leistungskurven entspringt und die Gasgriffstellung zum bestimmenden Geschwindigkeitsfaktor macht. Aus Leerlaufdrehzahl ruckfrei beschleunigen? Sowieso. Aus 2000 bis 3000/min im fünften Gang mit einem Dreh am Gasgriff nach vorn preschen - eine der schönsten Übungen. Oder doch mal unter Ausnutzung aller Getriebestufen und mit gen Himmel zuckendem Vorderrad vollrohr beschleunigen - auch nicht schlecht. Bei allen leistungsrelevanten Spielchen kommt auf der Suzuki die größte Freude auf. Der GSF 1200-Motor vereinigt aufs feinste Biß, Schmalz und schiere Power. Gemessene 110 PS in Verbindung mit 236 Kilogramm Lebengewicht lassen die Suzuki in jeder Lebenslage über ihre Mitstreiterinnen triumphieren: Beschleunigung, Duchzug, ob solo oder zu zweit, die GSF ist eine Klasse für sich.

Auch die XJR ist mit 109 PS beileibe kein Kind von Traurigkeit. Doch fast 20 Kilogramm Mehrgewicht lassen sie im Vergleich zur Suzuki in Sachen Beschleuniging und Elastizität klar zurückfallen. Noch stärker gerät die Kawasaki ins Hintertreffen. Mit 99 PS bei den Prüfstandsmessungen zwar ebenfalls glänzend aufgelegt (Nennleistung 93 PS), trägt sie schwer an der Last ihrer 272 Kilogramm. Außerdem scheint die unter dem Namen eines milden Windes (Zephyr) segelnde Maschine besonders unter den winterlichen Temperaturen gelitten zu haben.

Wetterfühlig ist die Kawasaki auf jeden Fall, wenn es nach durchfrorener Nacht ans Starten geht. Zögerliches Anspringen, hüsteln, absterben, wieder anspringen, verschlucken, absterben - es dauert, bis die Zepyr Arbeitsbereitschaft signalisiert. Ebenso unausgeschlafen präsentiert sich die Konkurrenz nach winterlichem Tiefschlaf: Röcheln, hüsteln, spotzen - von fröhlichem Tatendrang keine Spur. Wenn die drei dann endlich rollen, ist wenigstens keine Filigrantechnik an den Chokehebeln nötig: »Dank« magerer Vergaserabstimmung gehören materialmordende Drehzahlorgien bei voll gezogener Starthilfe der Vergangenheit an. Das kommt besonders der Yamaha zugute: Ihr Chokehebel sitzt unerklärlicherweise fernab vom Lenker, an der Vergaserbatterie. In anderen Punkten widersetzt sich die XJR ebenfalls ergonomischen Trends: Die Konkurrenz hat in der Reichweite verstellbare Bremshebel - die Yamaha nicht.

Auch bei den Federungskomponenten wollten die Väter der XJR Manipulationen seitens des Fahrers keinen Vorschub leisten. An der Abstimmung der Gabel läßt sich nichts drehen, und die beiden Federbeine erlauben lediglich eine Anpassung der Federbasis an den Beladungszustand. Doch Glück gehabt: Das Yamaha-Fahrwerk reagiert feinfühlig auf kleinste Bodenunebenheiten und bietet - im Zusammenspiel mit der komfortabelsten Sitzbank in der Runde - ein behagliches Ambiente.

Daß die Gabel bei scharfen Bremsmanövern mit der gut dosierbaren Vorderradremse bis auf Anschlag in die Knie geht, muß ebenso in Kauf genommen werden wie gelegentliches Durchschlagen der Hinterradfederung. Eine schlagende Verbindung geht auch die Zephyr mit der Besatzung ein. Die Gabel spricht zäh an und hat Mühe, kurze, trockene Stöße wegzufiltern. Die straffen, in Zug- und Duckstufendämpfung einstellbaren Federbeine versuchen vergeblich - vor allem im Solobetrieb -, so etwas wie Komfort zu vermitteln. Die Suzuki bietet den besten Kompromiß zwischen Bequemlichkeit und Fahrsicherheit. Sensibles Ansprechen und die Nehmerqualitäten der mit einer progressiven Kennung gesegneten Zentralfederung an der Hinterhand sorgen dafür, daß die GSF 1100 auch auf schlechten Straßen bei zackigem Tempo gut aussieht.»Die Maschine ... ist bestimmt kein »Eisenhaufen«. Sie läßt sich handlich und leicht fahren...«

Das trifft am ehesten auf die Suzuki zu. Zwar ist auch sie objektiv betrachtet ein dicker Brocken und hat nicht das messerscharfe Handling eines Supersportlers. Dennoch bietet sie im Tetrzett die größten Anreize, es öfter mal fliegen zu lassen. Agiler, leichtfüßiger und dynamischer als die Mitstreiterinnen läßt sich die GSF durch die Gegend zirkeln: ohne Furcht vor störenden Fahrwerksreaktionen auf holprigem Untergrund, mit der sicheren Gewißheit, die Fuhre bei Bedarf mit zwei Fingern am Bremshebel zusammenstauchen zu können. Gangwechsel haben Seltenheitscharakter, gelingen aber trotz fehlender Übung schnell, glatt und geräuschlos.

Die Yamaha, schon optisch das wahre Big Bike im Dreier-Vergleich, liebt es eine Spur gemütlicher, ist von etwas behäbigerem Temperament: etwas schwerfälliger beim Einleiten der Schräglage, nicht ganz so zielgenau bei der Ausführung von Lenkbefehlen, einen Hauch labiler in der Kurshaltung auf holprigen Kurvenbelägen. Alles in allem dennoch eine bekömmliche Mischung, die durch ein exakt schaltbares Getriebe und gut dosierbare, standfeste Bremsen abgerundet wird.

Die Kawasaki, mit ihren Speichenrädern jetzt noch sichtbarer ein Vertreter der alten Schule, gerät bei sportlichem Tun ein wenig ins Hintertreffen. Damit sie der Suzuki und Yamaha auf den Fersen bleiben kann, muß etwas häufiger im Getriebe gerührt werden, was angesichts harter und bisweilen lautstarker Gangwechsel nicht die reine Freude ist. Bei flotter Fahrt durchaus handlich, gibt sich die Zephyr in engen Biegungen etwas hüftsteif, und auf schlechtem Untergrund in Schräglage weichen ihre Vorstellungen vom rechten Weg bisweilen von denen des Fahrers ab.

Die vordere Bremsanlage, obwohl »nur« mit Schwimmsätteln bestückt, verzögert anstandslos, wenn auch mit relativ hohen Handkräften.»... die Männer, die damit ihre Freizeit genießen werden, die werden nicht zahlreich sein.« Werden sie doch, denn die unverkleideten Big Bikes bieten die preisgünstigere Möglichkeit, ausreichend Leistung aus großem Hubraum in reinster Form zu genießen. Man muß es nur mal probieren, um auf den Geschmack zu kommen.
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