Yamaha YZF-R1, YZF 1000 R (VT: Nürburgring)

Yamaha YZF-R1 gegen YZF 1000 R Thunderace: Genug ist nie genug

Kein Japaner baut derzeit so kompromisslose, so radikale Sportmotorräder wie Yamaha. Und die Fans lieben Yamaha dafür, reißen den Händlern die YZF-R1 förmlich aus den Händen. Bei Yamaha bedeutet dieser Umstand jedoch nicht, dass ältere, aber sehr verdiente Mitarbeiter einfach vor die Tür gesetzt, sprich aus dem Programm genommen werden.
Nein, man führt sie einer neuen Bestimmung zu. So geschehen im Fall der Thunderace. Ende 1995 als Stern am Supersporthimmel aufgegangen, erlebt sie nun ihren zweiten Frühling. Yamaha nennt sie neuerdings »Supersporttourer«, hat aber über all die Jahre versäumt, die »Ace« auf eine standesgemäße Erstbereifung zu stellen. Und so rollt sie wie eh und je auf dem Metzeler ME Z2 in die Eifel ein, einem Reifen, der eher für Laufleistung denn hyper Griffigkeit bekannt geworden ist. Um Chancengleichheit mit der supersportlichen Schwester herzustellen und weil die Entwicklung im Reifenbau in den letzten Jahren rasant vorangeschritten ist, bekommt die Thunderace deshalb ein Pärchen der zwischenzeitlich von Yamaha homologierten Metzeler ME Z3 Racing montiert.
Und es hilft. Eine wahrhaft vertrauensbildende Maßnahme, diese neuen Reifen. Grip in allen Lebenslagen und viel Gefühl für das, was der Asphalt unter einem so alles parat hält. Und das braucht es auch, denn schließlich bewegt man nicht irgendein Motorrad über die Nordschleife, sondern ein Kraftpaket mit satten 146 PS Nennleistung, bei der R1 sollen es, zumindest auf dem Papier, gar noch deren vier mehr sein.
Leistung im Überfluss also, in der Regel genügt auf diesen Muskelprotzen der letzte Gang, um sehr beschwingte Runden um die Nordschleife zu drehen. Bei beiden will diese nahezu unbändig erscheinende Kraft jedoch wohldosiert eingesetzt werden.
Schon nach wenigen Kilometern wird klar: Beim Supersportler R1 steht das R nicht etwa für Racing, sondern vor allem für eins – Respekt. Wie kein anders Serienmotorrad verlangt diese Yamaha danach – und nach einer realistischen Selbsteinschätzung. Der Gasgriff der R1 ist definitiv nix für Grobmotoriker. Weil’s ein schmaler Grat ist zwischen dem wunderbar beglückenden Gefühl, von diesem sagenhaft kräftigen Vierzylinder in die scheinbare Schwerelosigkeit katapultiert zu werden und einem Adrenalinflash verbunden mit Litern von Angstschweiß auf der Stirn.
Und das trotz der gelungenen Modellpflege für die 2000er-Version: sanfterer Leistungseinsatz, bessere Schaltbarkeit, weichere Grundabstimmung des Fahrwerks, eine bei allen Testern als bequem durchgehende Sitzposition und verbesserter Windschutz. Das alles macht die Modellatletin leichter fahrbar.Trotzdem stellt dir die R1 immer wieder die Frage: Wer ist hier der Chef, du oder ich?« Kurzum, es braucht einen sehr versierten Fahrer mit viel Nordschleifenerfahrung. Doch selbst Rennprofis wie Lindner oder Sebileau haben ihre liebe Mühe, das immer wieder gen Himmel steigende Vorderrad der R1 im Zaum zu halten, das Potenzial dieser faszinierenden Yamaha voll auszuschöpfen. Ihr extremes Leistungsgewicht setzt auf der Nordschleife klar die Grenze.
Andererseits stellen genau jene Herren nach ihrem Turn auf der Thunderace ernüchtert fest, dass die Zeit eben nicht stehengelieben sei. Nein, ein Supersportler ist die YZF 1000 R nach heutigen Gesichtspunkten sicher nicht mehr. Aus Sicht eines Rennfahrers bedeuten 29 Kilogramm Mehrgewicht natürlich Welten. Wenig verwunderlich also, dass der Supersporttourer nicht so agil und handlich durch die Eifellandschaft braust wie die durchtrainierte Schwester. Erschwerend kommt hinzu, dass die Thunderace unbequemer ist. Wegen ihres bauchigen Tanks sitzt man auf ihr mit weit abgewinkelten Knien. Dafür kann sie einem etwas bieten, wovon man nicht nur auf der Nordschleife eine gehörige Portion gebrauchen kann: Gelassenheit. Lenkerschlagen, bei der R1 eine unschöne Begleiterscheinung, ist für die Ace kein Thema. Sehr satt, sehr sicher gleitet sie um den Kurs, von allen anwesenden Sporttourern bietet sie ohne Frage die größten Fahrwerksreserven. Was ihrem Fahrer genügend Zeit gibt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Streckenverlauf. Und deshalb fällt einem Nordschleifen-Greenhorn auf diesem sanften Riesen eine zügige Gangart zweifellos leichter als auf der R1.
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