Yamaha YZF-R6 (2017) im Fahrbericht

Wie gut ist das 2017er-Modell?

Die neue Yamaha YZF-R6 soll eine lange Erfolgsgeschichte fortführen und gleichzeitig den Sport in der 600er-Klasse am Leben erhalten. Ob die neue Yamaha YZF-R6 den dazu nötigen Drive mitbringt, zeigt der Test.

Die Euro 4-Homologationsbestimmungen endgültig das Ende der 600er-Sportler ein: Entwicklungskosten und Verkaufszahlen stehen in keinem lukrativen Verhältnis mehr. Honda, Suzuki, Kawasaki und Triumph sind aus dem 600er-Supersportgeschäft aktuell raus. Yamaha rechnet dagegen anders und bringt die brandneue Yamaha YZF-R6 an den Start. „Es stand hier nie zur Debatte, die 600er aussterben zu lassen“, so Yamaha. Denn dazu habe die Yamaha YZF-R6 eine zu lange Tradition und eine zu starke Fangemeinde, die auf die drehzahlgierige Maschine schwöre. So jedenfalls die romantische Erklärung.

Jens Kuck und Tobi Münchinger haben die neue Yamaha YZF-R6 in Spanien gefahren.
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Optisch stark an die YZF-R1 angelehnt

Außerdem kann die Marke mit den gekreuzten Stimmgabeln im Emblem das umfangreichste Programm an Straßensport-Motorrädern überhaupt aufweisen. Ohne die Yamaha YZF-R6 würde ein Baustein fehlen. Und im Hobbyrennsport sowie auf dem Gebrauchtmarkt erfreut sich die R6 seit dem legendären Modell RJ11 von 2006 in der Tat enormer Beliebtheit. Wenn irgendwo beim Renntraining eine Sechshunderter mitmischt, handelt es sich meist um eine R6. Damit flugs zum 2017er-Modell. Optisch wurde die neue R6, intern RJ27 genannt, stark an das Superbike YZF-R1 angelehnt.

Beide Maschinen besitzen eine Verkleidungsfront mit zentralem Lufteinlass plus LED-Leuchten sowie das luftige, strömungsgünstig gestylte Heck. Vor allem an der Aerodynamik der Yamaha YZF-R6 tüftelten die Ingenieure herum. Die schlanker gezeichnete Linie der Maschine soll eine Verbesserung um acht Prozent gegenüber dem Vorgängermodell bringen und die Neue damit zur windschnittigsten Yamaha überhaupt machen.

Gabel dämpft selbst bei harten Bremsattacken konstant

Neu ist auch der leichte Aluminium-Tank, der 1,2 kg Gewicht im Vergleich mit dem Stahltank des Vorgängermodells einspart. Die kompaktere Batterie und der zwei Zentimeter kürzere Heckrahmen aus Magnesium stehen ebenfalls im Zeichen des Leichtbaus. Trägheit lässt sich die neue Yamaha YZF-R6 ganz bestimmt nicht anlasten, denn ihr Handling fällt extrem flink aus. Dazu passt der jetzt serienmäßige Quickshifter QSS, der die Gänge schnell und sauber durch das tadellos funktionierende Getriebe schaltet. Dass die Agilität der Maschine nicht in Nervosität umschlägt, liegt neben der bewährten Geometrie an den positiven Eigenschaften des neuen Fahrwerks.

Die aus der R1 stammende 43-mm-KYB-Gabel (voll einstellbar) dämpft selbst bei harten Bremsattacken wunderbar konstant und spricht gut an, was in klarem Feedback fürs Vorderrad resultiert. Auf der Bremse einzubiegen und die Linie dann in Schräglage nochmals enger zu ziehen, klappt mit der neuen Yamaha YZF-R6 mühelos. Das neue Kayaba-Federbein spricht nicht ganz so klasse an wie die Gabel. Aber die Sechshunderter bleibt bei den meisten Fahrmanövern in Balance, sie zeigt beim harten Anbremsen eine bessere Spurstabilität als die Vorgängerin.

Yamaha YZF-R6 leistungsmäßig etwas schwach

Die Bremsanlage der neuen Yamaha YZF-R6 stammt gleichfalls aus der R1 und macht ihren Job mehr als solide. Sie beißt fest in die 320 Millimeter großen Bremsscheiben, und der Druckpunkt bleibt über den Turn hinweg stabil. Weiterhin ist ein ABS neu an Bord – es regelt sportlich spät. Im Vergleich zur ebenfalls neuen Traktionskontrolle (TCS) ist es aber nicht einfach so über einen Schalter am Lenker abschaltbar. Die TCS hat sechs Stufen und lässt sich während der Fahrt umstellen, ab dem vierten Gang aufwärts sogar bei nicht vollständig geschlossenem Gasgriff. Obwohl es sich bei dieser Traktionskontrolle um ein vergleichsweise simples System ohne Schräglagensensorik handelt (Basis für den Eingriff ist der Drehzahlabgleich von Vorder- und Hinterrad, woraufhin das System Zündzeitpunkt und Einspritzmenge reguliert), steht es auch schnellen Fahrern ab Stufe drei nicht mit voreiligem Intervenieren im Weg.

Was leider auch daran liegen mag, dass die neue RJ27 leistungsmäßig etwas schwach auf der Brust wirkt. Im unteren und bis in den mittleren Drehzahlbereich hinein konnten schon die Vorgängermodelle keine Nägel mit der bloßen Hand einschlagen. Das machten sie dafür im Drehzahlbereich ab 12.000/min bis in den Begrenzer jenseits der 14.500/min mehr als wett und brannten dort ein regelrechtes Feuerwerk ab. Zwar jodelt auch die neue Yamaha YZF-R6 laut Drehzahlmesser bis über 16.000/min. Sie wirkt dabei aber selbst im Fahrmodus A mit dem schärfsten Ansprechverhalten (es gibt A, B und Standard) fast schon ein wenig zäh. Ein Blick ins Datenblatt liefert die Erklärung: 118,4 PS Spitzenleistung – das ist weniger Power als die erste R6 von 1999 aufbrachte. Zudem ist die neue Yamaha YZF-R6 noch nicht einmal leichter als das Vorgängermodell – trotz Alutank und Magnesium-Heckrahmen wiegt sie ein knappes Kilogramm mehr. Schuld daran sind die Elektronik plus weitere Anbauteile. Und natürlich die eingangs erwähnte Zulassungsnorm, denn ohne großvolumigen Auspuff mit entsprechenden Katalysatoren geht es halt nicht mehr. Dem Motor unter Euro 4 mehr Leistung zu entlocken, sei enorm schwierig, erklärt der japanische Techniker.

RJ27 mit Rennstrecken-Kit

Sobald es allerdings um den reinen Betrieb auf der Rennstrecke geht, und dort werden die meisten R6-Besitzer ihr Sportgerät einsetzen, gelten andere Regeln. Euro 4 oder eine Straßenzulassung interessiert dort nicht. Für einen einzigen Turn steht während der Präsentation eine mit YEC-Teilen (hauseigene Tuningschmiede von Yamaha) aufgemotzte Yamaha YZF-R6 zur Verfügung. Sie ist nach World-SSP-Reglement aufgebaut und verfügt über eine Akrapovic-Komplettanlage mit einer speziellen ECU plus Mapping und dazugehörigem Racing-Kabelbaum. Das ABS ist bei dieser Yamaha YZF-R6 entfernt und die Traktionskontrolle stillgelegt. Dafür hat sie neben der Rennverkleidung und einem haftfreudigen Rennsitz aus Moosgummi einen Schaltautomaten mit astreiner Blipper-Funktion.

Rein in die erste Kurve – und Gas! Plötzlich ist sie da, die aggressive Drehfreude. Rein mechanisch wurde am Motor nichts verändert, und trotzdem geht diese Yamaha YZF-R6 ab wie Schmitz' Katze! Herrlich, wie flink die 600er Kurvensektionen durcheilt und wild kreischend mit Zug auf der Kette aus den Radien stürmt. Gäbe es dieses Paket zum günstigeren Kurs und mit Straßenzulassung, stünde die neue R6 bestimmt nicht nur bei den hartgesottenen Racing-Freaks bald ganz hoch im Kurs. Bei den Händlern steht die Maschine ab Mitte April. Allerdings sieht die Realität wahrscheinlich so aus, dass sich bei einem Basispreis von fast 14.000 Euro nur echte Fans für die neue Euro 4-Sechser entscheiden werden.

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