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Motorradreisen: Alpenpässe in Norditalien Die Vergessenen Pässe

Natürlich gibt es noch viel mehr Pässe mit urigem Charme im Norden Italiens. Wir haben diese fünf herausgesucht, weil sie einen guten Kompromiss aus Höhe und Exotik bieten.

Bravo, Vivione! Der Pass führt vom Val Camonica mitten in die Bergamasker Alpen und damit in eine äußerst reizvolle Landschaft der Lombardei. Das nur zwei bis drei Meter breite Asphaltsträßchen windet sich durch eine Bergszenerie, die jeden Modelleisenbahn-Fan vor Neid erblassen lassen würde. Die Befahrung des Vivione ist Genuss in reinster Form. Wenig Verkehr, zahllose Kehren, Panoramablicke auf die Adamello-Gruppe, die idyllische Passhöhe mit Bergsee und die Möglichkeit, mal einen harmlosen Abstecher ins Gelände zu unternehmen, machen diesen Pass zu einem grandiosen Natur- und Fahrerlebnis. Außerdem lässt er sich gut mit dem Gavia- oder dem Mortirolopass kombinieren. Unser Tipp: Auf der Passhöhe in die Wirtschaft einkehren und die himmlische Ruhe genießen. Der Passo Duran in der Region Venetien ist ein Geheimtipp. Er liegt südöstlich der Sella-Runde, verläuft viel durch Wald, wobei zwischendurch immer wieder grandiose Aussichten geboten werden. Die schmale Straße ist von stark wechselnder Asphaltqualität und oft ungesichert. Es ist also Vorsicht geboten, vor allem in den unübersichtlichen Ecken. Ein Pass zum Heizen sieht anders aus, doch der Duran entfaltet einen urigen Charme, wenn man sich Zeit nimmt, Straßenführung wie Umgebung genießt und sich über Blumen, alte Dörfchen, bemooste Brücken oder skurrile Bäume freuen kann. Auf der Passhöhe treffen sich oft viele Motorradfahrer, das Rifugio Tomé und das Rifugio San Sebastiano laden zum Verweilen und Übernachten ein. Pässe in der Nachbarschaft sind Staulanza, Giau, Fedaia, Cibiana, Cereda, San Pellegrino und San Oswaldo. Unser Tipp: Bergtour auf den nahe gelegenen 2488 Meter hohen Cima San Sebastiano.

Traurige Berühmtheit erlangte der Passo Rolle im Dolomitenkrieg (1915 bis 1918), weil eine der Hauptkampf-linien entlang der Bergkette am Pass verlief. Erfreulicher ist die Geschichte der Wälder um San Marino di Castrozza und Paneveggio, aus denen der berühmte Geigenbauer Stradivari das Holz für seine Instrumente holte. Auch die Venezianer besuchten den Forst, um für ihre Schiffe das beste Holz zu schlagen. Motorradfahrer fahren von Predazzo nach Fiera die Primiero oder umgekehrt und genießen besonders auf der Südrampe zügige Kurven und freche Schräglagen. Spätestens hinter der touristisch zugebauten Passhöhe sollte man anhalten, um einen Blick auf die turmartigen Gipfel der Pala-Gruppe oder die sehenswerte Landschaft des Parco Naturale Paneveggio zu werfen. Der Rolle lässt sich kombinieren, z. B. mit den Pässen Valles, Cereda und Colbricon. Unser Tipp: Den vom Rolle ausgehenden Valles hoch- und runterfahren.
Ohne Frage ist der Staulanza von den hier vorgestellten fünf Pässen derjenige mit den schnellsten Kehren. Besonders auf der Nordseite überzeugt die gut ausgebaute Verbindung zwischen Selva di Cadore und Zoldo Alto mit tollem Asphalt und rennstreckenmäßigen Radien in typischer Dolomitenlandschaft. Auf der Südseite beeindrucken engere Schleifen, überraschend liebliche Ausblicke und der aufstrebende Ort Zoldo Alto mit seinen Fraktionen Mareson, Pecol, Pianaz und Fusine. Der Asphalt ist nicht mehr ganz so gut, reicht aber immer noch für spaßbringende Schräglagen. Von Selva di Cadore geht es auch auf den Passo Giau. Die Pässe Fedaja, Falzarego und Duran sind vom Staulanza ebenfalls leicht erreichbar. Auch wenn Landschaft und Passhöhe nicht ganz so spektakulär scheinen, gewinnt der Staulanza auf jeden Fall die Fahrspaß-Wertung. Hinfahren, ausprobieren!Unser Tipp: Das Rifugio auf der Passhöhe offeriert leckere Speisen, außerdem gibt es in der Nähe zwei lohnenswerte Klettergärten.

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Der Jaufenpass ist die kürzeste Verbindung zwischen den Südtiroler Touristenhochburgen Sterzing und Meran. Entsprechend stark frequentiert ist der Pass während der Saison. Die Asphaltqualität wechselt zwischen gut und mäßig, es wird viel repariert. Die Südseite bietet etwas weitere Kehren als die engen Serpentinen der Nordseite. Auf beiden Seiten muss man mit einem schnellen Wechsel zwischen Licht und Schatten rechnen und entsprechend aufpassen. Achtung auch vor Reisebussen. Früh am Morgen oder später am Nachmittag ist die Welt auf dem Jaufen aber voll in Ordnung. Unser Tipp: Von der Passhöhe aus auf den westlichen Kamm steigen und die tolle Aussicht nach mehreren Seiten genießen.

Die Route: Einsteigen in die Route der vergessenen Pässe kann man wahlweise über Garmisch und Innsbruck oder über Füssen und Imst. Es mutet fast unfair an, unsere Route hervorzuheben, da es im Norden von Italien, insbesondere in den Dolomiten, vor faszinierenden Motorradstrecken nur so wimmelt. Doch immerhin hat Alpenkenner und MOTORRAD action team-Tourguide Daniel Lengwenus dieser Runde sein Gütesiegel verpasst. Der Strecken-Guru sieht die Tour als Anregung und attestiert jedem Pass und seinen Nachbarn, dass sich auch eine genussvolle Einzelbefahrung lohnt. Ganz nach Gusto und Fahrernatur.

Die Bewertung: Die Punkteskala stellt die aus den letztjährigen MOTORRAD-Ausgaben bekannten, von uns entwickelten "Passdisziplinen" dar. Der generelle Fahrspaß beinhaltet eine Bewertung der Fahrbahnbeschaffenheit in Kombination mit dem Abwechslungsreichtum der Strecke, des Natur- und Fahreindrucks. Das Kurvenerlebnis ist in schnell und langsam unterteilt, weil es hier Variationsmöglichkeiten gibt, je nachdem ob die jeweilige Kehre runden Strich und flüssigen Fahrstil zulässt, gut einsehbar ist und auf ihre Art süchtig macht. Die Passhöhe als geografisches Ziel eines jeden Passes wird extra bewertet hinsichtlich ihrer Pausenqualitäten samt Aussicht. Das Naturerlebnis während der Passbefahrung ist ein weiteres Kriterium. Es kann wie im Falle von Vivione, Duran oder auch Rolle so dominieren, dass auch Langsamfahren zum absoluten Genuss wird. Natürlich gibt es Überschneidungen der einzelnen Disziplinen, und unsere Bewertungen unterliegen subjektiven Einschätzungen. Was bedeutet, dass sie diskutiert werden können.

Übernachten: Empfehlen können wir diesmal das Rifugio San Sebastiano auf dem Passo Duran (www.passoduran.it, Telefon 00 39/04 37/6 23 60), stellvertretend für alle anderen ausgewählten Hotels im Norden Italiens, die im MOTORRAD-Hotelführer 2011 gelistet sind. Der tankrucksackfreundliche Hotelführer ist unter der Telefonnummer 07 11/1 82/13 74 bestellbar und wird unseren Lesern gratis zugesandt.
Karten/Literatur/Adressen: MairDuMont-Generalkarte Südtirol-Trentino und Veneto-Friaul, Maßstab 1:200 000, je 8,50 Euro, Großer Alpenstraßen-Führer, Denzel-Verlag, 39,90 Euro, www.alpentourer.de,
www.dolomitesworld.com

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