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Deutschland-Marathon: Unterwegs in Schleswig-Holstein Volle Kraft voraus in Schleswig-Holstein!

In Schleswig-Holstein gibt es nichts, was es nicht gibt - sogar einen Skilift. Den Vergleich mit der weiten Welt muss man im hohen Norden auch nicht scheuen. Dirk Schäfer streift für den fünften Teil des Deutschland-Marathons duch das Land zwischen den Meeren.

Unterwegs in Schleswig-Holstein

Natürlich will jeder etwas Besonderes sein. Mancher braucht dafür Geld, ein anderer nur eine Idee. In Schleswig-Holstein findet man beides. Die Ersteren zum Beispiel auf Sylt, die anderen vielleicht als Initiatoren des Welt-Fischbrötchentags. Oder beim Kitesurfen in Sankt Peter-Ording. Am Horizont bläht der Wind ein paar Kites, als ich mit der Enduro auf den weitläufigen Strand fahre. Ha, Sand unter den Stollen! Und das in Deutschland! Da kommen fast Südfrankreich-Gefühle auf. Nicht wegen der hohen Temperaturen, sondern weil man hier ganz legal, wie vielfach auch zwischen Marseille und Spanien, über festgefahrenen, streuseligen Strand fahren kann. Zumindest ein paar Hundert Meter weit.

Bis eine Reihe eingeschlagener Pflöcke die Großmut deutscher Freizügigkeit eindämmt. Da könnte ich doch… Es ist ein erfreulicher Zufall, dass auf der BMW noch die groben Socken der letzten Balkanreise kreiseln. Im kleinen Sandkasten von Sankt Peter-Ording herumzubolzen verbietet sich zwar mit Blick auf sensible Touristen selbstredend. Dennoch kann ich dem unmoralischen Angebot zu einem hübschen kleinen Drift nicht widerstehen. Ach Sahara, bist du weit weg! Ein ähnlicher Gedanke scheint auch den Fahrer eines Landrovers zu durchdringen. Der ziert sich deutlich weniger als ich und malt die olympischen Ringe in den Sand. Die nächste Flut wird sie, wie schon so vieles, mitnehmen.

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Solange die Flut noch auf sich warten lässt, erfährt man das vielleicht unscheinbarste und häufig unterschätzte Naturerbe der Menschheit: das Watt, die offene Grenze zwischen Land und Meer. Der Leuchtturm von Westerhever versucht, eben jene Grenze zu markieren. Von Land aus lugt nur seine Spitze mit der Fresnel-Linse über den Deichkamm. Die Sonne löscht ihre Strahlen schon in der kühlen Nordsee, als ich zwischen blökenden Schafen und aufgeregt flatternden Austernfischern auf das Leuchtfeuer zugehe. Fast 40 Kilometer weit reicht das Licht auf die abendliche See hinaus. Ähnlich weit kommt mir der Fußmarsch vor, den ich bis zum Ursprung des gleißenden Lichtkegels zurückzulegen habe. Aber Deutschlands schönster Leuchtturm mit den beiden Zipfelmützenhäuschen nebenan verdient die kleine Anstrengung.

Im aufgehenden Morgenlicht laben Kühe sich am frischen Grün auf den Poldern, die hier Köge heißen. Eben diese Köge haben die ordnungsgemäße Trassierung der Straßen und Wege verhindert. So schlägt der Asphalt auf dem Weg nach Friedrichstadt alle paar Hundert Meter abrupte Haken. Der rare Gegenverkehr zwingt mich oder ihn in die wenigen Ausweichstellen. Gibt’s keine, zwänge ich die Enduro über die Grasnarbe an Traktoren und Lieferwagen vorbei. Auf schottischen Singletrails könnte es nicht skurriler sein.

Reise-Serie: Deutschland-Marathon

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Foto: Schäfer

Nord-Ostsee-Kanal der Suezkanal des Nordens

Apropos Schottland: Waren Sie schon mal am Suezkanal? Warum ich das frage? Weil dem Suezkanal der Ruf vorauseilt, dort würden die Ozeanriesen durch den Sand fahren. Tun sie auch. Nur sind sie wegen der Dämme praktisch nirgendwo zu sehen. Aber Überseeschiffe durch Felder und Wiesen gleiten zu sehen, das geht sehr leicht und ist vor allem viel näher. Entlang der Versorgungswege des Nord-Ostsee-Kanals gehe ich auf Tuchfühlung mit der Bordwand der dicken Pötte. Keine Frage, der Nord-Ostsee-Kanal ist nicht nur der schönere Suezkanal. Länger als der Panamakanal ist er auch. Mehr Schiffe schippern ohnehin durch keine andere künstliche Wasserstraße der Erde. Und der fast 120-jährige Kanal setzt in Rendsburg noch eins drauf. Oder besser gesagt: Ich fahre drauf. Auf die Schwebefähre.

Wo andere eine Brücke bauen oder eine Fähre zwischen den Ufern pendeln lassen, plante der Ingenieur Friedrich Voß im 19. Jahrhundert gleich beides. Eine Eisenbahnbrücke und darunter eine Fähre, die nie ins Wasser kommt. An Stahlseilen hängt die Schwebeplattform unter der Eisenbahnbrücke und bringt ein paar staunende Neuseeländer und mich auf die südliche Seite des Kanals. Vom anderen Ufer tönt plötzlich laute Marschmusik übers Wasser. Die Schiffsbegrüßungsanlage spielt die Nationalhymne von Panama, der Heimat des nächsten Schiffs im Kanal, und die Neuseeländer verstehen die schleswig-holsteinische Welt nicht mehr.

Foto: Schäfer
Und es gibt sie doch: echte Schräglagen, hier in der holsteinischen Schweiz.
Und es gibt sie doch: echte Schräglagen, hier in der holsteinischen Schweiz.

Die Holsteinische Schweiz lockt

Ich räume ein, dass es mir – rein fahrerisch betrachtet – langweilig zu werden droht. Der Himmel in Babyblau, darunter die immer gleichen Wäldchen oder Felder, die Straße als kürzeste Verbindung zweier Punkte. Aber die Rettung naht in Plön. Zwischen den 16 Seen, die zum wässrigen Stadtgebiet gehören, zweigen herrliche Straßen ins ungeahnt kurvige Paradies der Holsteinischen Schweiz ab. Den aufkommenden Mangel an Schräglagen kompensiere ich schnell zwischen Malente und Wangels, Lütjenburg und Hohwacht.

Aber da sind noch andere Stellen, die den Puls schnellen lassen. Von Kirchnüchel zum Bungsberg, dem Mount Everest Schleswig-Holsteins, mit Skilift. Und plötzlich stehe ich wieder in Malente. Wieso …? Seit Plön hatte ich die Karte nur grob im Auge. Dem ewig allwissenden GPS hatte ich kurzerhand das Licht ausgeknipst und mich einfach von einer Straße auf die nächste treiben lassen, die Kurven instinktiv erschnüffelt. Der ungewollte Rundkurs macht die Neuorientierung – am besten bei einem fetten Kaffee – nötig. Und warum nicht hier in Malente?

Foto: Mairdumont/Werel

Vielleicht hätte ich am Ortsschild besser aufpassen sollen. Über Karte und Kaffeetasse beuge ich mich nicht einfach in Malente, sondern in Bad Malente-Gremsmühlen. Jetzt wird mir auch klar, warum dieser Duft von 4711 und Tosca die Bäderluft schwängert. Das Oma-Odeur vertreibt noch nicht mal der Mandelkuchen, der sich bald zum Kaffee, erst auf dem Tisch und dann in meinem Magen, gesellt.

Neu orientiert, unterquere ich die bauschigen Ostseewolken, die kolonnenweise über den Himmel ziehen. Pferdewiesen fliegen vorbei. Zwischen ein paar Baumreihen erahne ich die Ostsee und holpere über Kopfsteinpflaster durch die Hintertür nach Heiligenhafen. Von den Heiligen und dem Hafen sehe ich zunächst nichts. Stattdessen marschiert ein Spielmannszug einsam über den fast leeren Marktplatz. Karneval ohne Kamelle. Am Yachthafen ist etwas mehr Halligalli. Schlappe 1000 Schiffe warten auf ihre Freizeitkapitäne und den nächsten Törn durch den Fehmarnsund. Aber heute wird daraus nichts mehr. Die Skipper müssen gleich zu Abend essen.

Von Puttgardens Skandinavienfähren rollen unablässig Fahrzeugpulks nach Fehmarn und auf die Vogelfluglinie. Der Norden Europas ist auf einmal zum Greifen nah. Aber die Aussicht auf skandinavische Abenteuer tausche ich diesmal gegen die, der Ostsee weiter durch Mecklenburg-Vorpommern folgen zu können. Doch zunächst liegen mit Kellenhusen und Grömitz namhafte Ostseebäder auf dem Weg. Durch schattige Wäldchen treibt die Straße auf die struppige Küste zu. Wie man schon fast am Klang der Namen erahnen kann, macht Kellenhusen mehr auf familiäres Menorca, Grömitz mehr auf volle Lotte à la Gran Canaria. Wobei die Nasen hier lange nicht so hoch getragen werden wie auf Sylt.

Foto: Schäfer
Sein Licht reicht 40 Kilometer hinaus auf See: Leuchtturm Westerheversand.
Sein Licht reicht 40 Kilometer hinaus auf See: Leuchtturm Westerheversand.

Ein Stück Geschichte

Mit einer stetigen Brise von der Seeseite lasse ich mich südwärts treiben. Die Skandinavienfähren hängen mir noch als Hirngespinste im Kopf. Als ich sie fast los bin, taucht am Horizont die klotzig-weiße Silhouette des Hotelturms von Travemünde auf. Und da sind sie wieder, die Ostseefähren, die Erlebnisse in neuen Ländern verheißen. Warum dem Drang nicht nachgeben? Ich steuere auf die nächste Fähre und löse ein Ticket. Wohin? Zum Priwall, der Südseite der Travemündung, Richtung Mecklenburg-Vorpommern. Auch das ist die Verheißung eines neuen Landes.

Jetzt sind’s nur noch wenige Meter bis zur Landesgrenze, die einmal Staatsgrenze war. Vor ein paar Jahrzehnten beäugten hier DDR-Grenzer noch die FKK-Touris von Travemünde. Eben jene revanchierten sich mit dem Blick vom Hotelturm hinter den Eiser­nen Vorhang. Das Hartmetallische hat der Vorhang längst abgeschüttelt. Dafür öffnet er sich jetzt weit für die nächste Etappe auf dem Deutschland-Marathon.

Schlängelnd bahnt sich ein schmaler Asphaltstreifen seinen Weg durch Hecken und Felder. Das braune Schild, das auf die deutsche Teilung hinweist, fliegt vorbei, ich nehme es nur aus den Augenwinkeln wahr. Schleswig-Holstein, du liegst hinter mir. Aber, ich hätt’s nicht gedacht: Du bist wirklich etwas Besonderes!

Foto: Schäfer

Infos

Allgemeines
Hauptstadt: Kiel
Fläche: 15799 km2
Gründung: 1946
Regierung: Koalition SPD, Grüne und Südschleswigscher Wählerverband
Einwohnerzahl: 2840000

Anreise/Reisezeit
Auftakt für die Passage durch Schleswig-Holstein­ ist die rund 50 km nördlich von Hamburg gelegene Elbfähre in Glück­stadt. Von Köln oder Erfurt sollte der Spritvorrat für 430 Kilometer reichen. München trennen 850 km von Glückstadt. Mit DB Autozug (www.dbautozug.de) lässt sich die Anreise bis Hamburg-Altona verschlanken. Schleswig-Holstein wartet mit mildem Klima und schnell wechselnden Wetterlagen auf. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Wind, der immer wieder in den Lenker greift und das Geradeausfahren
nahezu unmöglich macht.

Die Strecke
Auf glatte 700 Kilometer bringt es die Strecke durch den hohen Norden. Es ist ein Irrtum zu glauben, dabei würde man sich die Reifen eckig fahren. Spätestens die Holsteinische Schweiz präsentiert sich als lohnenswertes Kurvenrevier. Um Westerhever herum haben die verkehrsarmen Straßen schottischen Singletrail-Charakter. Ausweichstellen ermöglichen das problemlose Passierenlassen des Gegenverkehrs.

Übernachten
Weit im Norden – nicht nur der Republik, sondern auch Schleswig-Holsteins – erwartet Bergers Landgasthof müde Tourer. Das Doppelzimmer mit Frühstück gibt’s für 80 Euro. Chef Uwe Berger fährt selbst und hat Tipps für die Region parat. An einer ehemaligen Zollstation in Plön, an der früher Reisenden die Portemonnaies leer gefegt wurden, liegt das Hotel ­fegetasche.de. Besonders nett: ein lauer Sommerabend auf der Terrasse mit Blick auf den Edebergsee. Doppelzimmer mit Frühstück ab 80 Euro.

Aktivitäten
Wer sich neben der Motorradtechnik noch für andere Techniksparten interessiert, wird in Schleswig-Holstein vielerorts fündig. Zum Beispiel an der ­Rendsburger Hochbrücke, auf der die Eisenbahn den Nord-Ostsee-Kanal überquert und unter der eine Schwebefähre verkehrt. Oder am Eidersperrwerk, mit dem die Nordseeflut im Zaum gehalten wird. Schleswig-Holstein ohne
Segelschiffe ist fast nicht vorstellbar. Neben der Kieler Woche im Juni sind die Travemünder Woche im Juli und die Klassiker-Regatten in Laboe besuchenswert. Wer selbst mal die Pinne in der Hand halten möchte, findet Anfängerkurse bei camp24-7.de.

Karten
Marco-Polo-Karte „Schles­wig-Holstein“, 1:200000, 8,99 Euro.

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