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Motorrad-Geschichten aus der Redaktion Immer wieder Wochenende

Die ganz große Freiheit ist maximal fünf Tage entfernt - spätestens dann ist wieder Freitag. Und spätestens am Sonntagabend weiß man wieder, warum man sich das alles antut. Zehn MOTORRAD-Kollegen erzählen, was für sie ein ganz besonders tolles unter vielen tollen Motorrad-Wochenenden ausgemacht hat - 40 bis 3000 Kilometer in drei Tagen.

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Foto: Dentges

Nur 28 Stunden

Noch 25 Kilometer bis nach Hause, und die wertvolle Fracht rutscht beinahe runter. Die wertvolle Fracht ist sechs Jahre alt. Sie heißt Frida und schlummert gerade auf dem Soziusplatz weg.

29 Stunden zuvor: Samstagmorgen, allein mit der Tochter, Freizeitplanung steht an. Zoo? Zu voll. Kino? Todsünde bei diesem Sommerwetter. Rettung kommt vom Gegenüber: „Lass uns das komische Ding fahren!“ Das „Ding“ ist ein Honda Helix, den ich kurz zuvor einem Heim für vernachlässigte Motorgefährte entreißen konnte. Zwei Räder, vier Takte und - tärää: ein Kofferraum! Wir packen Schlafsäcke, Isomatten, Zahnbürsten, Zelt und Kreditkarte ein, vollgetankt ist schon. Starterknopf, Gas, ab die Post!

Eine Stunde später: Hinter Calw schlängeln sich schmale Asphaltbänder. Es riecht nach Nadelholz, warmer Fahrtwind streichelt die Wangen. Fahren im Relax-Modus. Wir wandern durch eine fantastische Schwarzwaldkulisse, per pedes und auf zwei Rädern vorbei an Wiesen, Bächen, einladenden Gasthöfen. Pause - Jacke aus, Kaffee, hausgemachte Schwarzwälder Kirsch, Florida Boy, Cornetto Nuss. Danach volle Action auf der Sommerrodelbahn. Am Zeltplatz spielende Kinder, Eltern lehnen sich in Campingstühlen zurück. Im „Hirsch“ feiner Zwiebelrostbraten und Schwäbische Käsespätzle, ein Kristallweizen und einmal Fanta groß, bitte.

Sternenklare, kühle Nacht senkt sich über die Baumwipfel und die wohlig wärmenden Schlafsäcke. Am nächsten Morgen: Butterbrezel, Berg und Tal, Kurve links, Kurve rechts, Minigolf, Spielpark, Kinder-Bungee, Eisbecher, Rückweg. Noch 25 Kilometer bis nach Hause: Tankstopp, zwei Traubenzucker - und die wertvolle Fracht ist wieder fit. Nach 28 Stunden rollen wir auf den Hof. „Das - war - guuut!“, jubelt die hüpfende Tochter und klatscht in die Hände. Ich nehme den Helm ab und denke: Das war das beste Moped-Wochenende seit Jahren. Nur 250 Kilometer gefahren und dazu noch saulahm. Aber alles schön spontan und sehr herzerfrischend. Prädikat: pädagogisch wertvoll. Perfekt.

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Der Reiz der Schweiz

Foto: Eirich

Wer hat’s erfunden? Genau, die Schweizer. Als hätten die Eidgenossen höchstselbst und von Hand die mächtigen Gebirgsmassive modelliert und die sich heute kunstvoll windenden Passsträßchen hineingefräst, scheint die kleine Alpenrepublik eigens für genussvolle Motorradtouren erschaffen worden zu sein. Klar, Motorrad-Wochenendtouren gab es viele, doch an ein spezielles erinnere ich mich besonders gern, weil alles perfekt war. Das Wetter? Gigantisch. Der fast durchweg stahlblaue Himmel erlaubte großartige Fernsicht auf die beeindruckenden Gebirgszüge. Erstaunlicher- und erfreulicherweise herrschte dennoch kaum Verkehr - mehr Glück geht kaum.

Meine damals bewegte FJ 1200, dieses superkomfortable, bärenstarke, nahezu perfekte Reisemoped machte Laune - der luftgekühlte Brummer und ich waren längst ein eingeschworenes Team. Der Zufall führte mich zudem in ein strategisch günstig gelegenes, gemütliches kleines Hotel, quasi mein Basislager, das günstige Übernachtungstarife und extrem leckere, deftige Speisen zu bieten hatte. Und er bescherte mir auch noch einen äußerst spaßigen Abend in der Gaststube beim einen oder anderen Getränk mit dem freundlichen Personal. Manchmal passt einfach alles.

Die beliebte Runde über Grimsel-, Susten- und Furkapass am nächsten Tag wirkte in anderer Hinsicht berauschend: knackige Kehren, locker geschwungene Kurven, zumeist ordentlicher Belag - ich schwankte ständig zwischen fetzigem Kurvenräubern und genussvollem Bummeln mit Blick auf ein sensationelles Panorama. Großartig, so ein verlängertes Wochenende, wenn es einem das Gefühl vermittelt, viel länger unterwegs und viel weiter weg gewesen zu sein. Die FJ ist längst Geschichte, die Schweiz gibt es noch. Was liegt eigentlich am Wochenende an?

Junge Wilde

Foto: Biebricher

Ein Jugendsünden-Wochenende war wirklich krass. Verrückt und scharf auf Abenteuer, gab’s für uns von Freitagmittag bis Sonntagnacht fast 3000 Kilometer auf bollerigen, ölenden Einzylinder-Enduros. Mit Ausnahme von Essi, der hatte eine weich laufende Transalp samt weißer, angeschwuchtelter Lederkombi. Vier Ruhrgebietskumpels werfen sich auf die Autobahn bis Süddeutschland. Fernlicht, Vollgas, die Transe wackelt am wenigsten. Dann Landstraßen bis in die Schweiz.

Es ist Nacht, als wir am Haus von Freunden ankommen. Erzählen, Wein trinken, guten Wein. Zu früh verkatert wieder raus, auf die Mopeds, Alpenpässe ohne Ende. Hunger, Durst, Harndrang - egal. Der Kurventrip endet nie, und anhalten können wir später. Rein geht es in den Apennin. Wilde Kehren und immer wieder Rennen wie im Film. Dieses geniale Rauschen in den Ohren. Spüren, wie Glückshormone einschießen. Auf den Geraden gewinnt die ausgedrehte Transalp, in den Kurven Olle auf seiner leichten TT 600, die er abwinkelt wie ein Eisspeedwayfahrer.

Irgendwann fliegt er über eine Kuppe, ist verschwunden. Endlich finden wir ihn in einem tiefer liegenden Steinfeld. Ein paar Prellungen, das Moped wird mit Eisenstangen vom Einödhof wieder geradegebogen. Er habe Mädels nachgeschaut. Schon klar. Weit und breit keine zu sehen in dieser Felswüste. Langsam werden wir müde, der Erste kippt in einer Haarnadelkurve um. Also folgen wir einem Schafspfad hoch auf den höchsten Berg. Stellen die Zelte auf. Holen angematschten Käse, hartes Brot und trockenen Wein aus der Gepäckrolle und genießen die überirdische Aussicht. Kein Hotel dieser Welt liegt so genial wie dieser Ort.

Wir philosophieren über das Leben, Olle stellt im Licht der untergehenden Sonne seine Ventile ein. Normal ist der nicht. Dann kommen die Sterne raus. Am Sonntag fahren wir wie die Geisteskranken. Kommen mitten in der Nacht im Ruhrgebiet an. Meine Gepäckrolle war zu nah am Auspuff, ist abgefackelt. Körper zittern, Schädel dröhnen, doch unsere Herzen sind weit.

Endurowandern in den Alpen

Foto: Mayer

Kalt war es, als wir frühmorgens den Schotterpass irgendwo in den italienischen Alpen hochtuckerten. Ein Frühstück auf 2000 Metern über Meereshöhe sollte der krönende Abschluss des Vergleichstests der Leicht-Enduros um die KTM Freeride (MOTORRAD 22/2012) sein. Wer letztlich diese abstruse Idee hatte, dem sei heute noch gedankt.

Denn vielleicht war es auch die Tatsache, dass sich meine Sinne nicht mehr auf Federung, Sitzposition oder Getriebeübersetzung fokussierten. Ganz bestimmt war es aber dieser fast magische Moment, als wir wie aufsteigende Vögel den Dunst des Tals durchstießen und uns von einer Sekunde auf die andere in einer anderen Welt wiederfanden. Das vom warmen Morgenlicht beschienene, hübsche Bergkirchlein, das satte Grün des taunassen Grases, die angezuckerten Bergkappen im Hintergrund - welch ein atemberaubendes Panorama!

Und wir mittendrin. Mit dem guten Gefühl, gerade mit diesen Motorrädern die richtige Wahl getroffen zu haben, um jene Idylle so wenig als möglich zu stören. Die butterweichen Trialreifen hinterlassen den Gebirgsboden unversehrt, das gut gedämmte Geblubber der kleinen Singles verliert sich nach ein paar Metern, den Rest übernimmt die zurückhaltende Gashand. Vielleicht hat sich deswegen Bergbauer Giuseppe später sogar mit einem jovialen Handschlag von uns verabschiedet, vielleicht deswegen die italienische Wandergruppe anstatt nach den Kennzeichen unserer Motorräder nach dem kürzesten Weg zur nächsten Berghütte gefragt.

Übrigens: Aus dem Frühstück wurde ein Brunch. So lange, wie selten einer zuvor. Und aus dem Testabschluss ein felsenfester Vorsatz: Ein Wochenende ist in dieser Saison für eine Enduro-Wanderung fix eingeplant. Mindestens eins. Oder warum glauben Sie steht eine nagelneue Trialmaschine startklar in meiner Garage? Eine mit butterweichen Reifen und gut gestopftem Schalldämpfer.

Dreck und Schwerkraft

Foto: Schümann

An den Geschmack der frischen Erde kann ich mich noch erinnern, als wärs gestern gewesen. Modrig, leicht salzig wie Blut, orchestriert von fiesem Knirschen zwischen den Zähnen. Als ich die Augen öffnete, bliebs zuerst dunkel. Nur am Visierrand ein bisschen blauer Himmel und darunter die Steilabfahrt, deren Opfer ich eben und kopfüber geworden war. „Scheiße!“, schlich es mir langsam und fantasielos über die Hirnrinde. Dann, schon etwas schneller: „Jetzt liegt die dicke Berta auf mir drauf.“ Aber es tat nichts weh - dank Protektoren und frischem, weichem Erduntergrund.

Die R 100 GS mit dem 35-Liter-Paris-Dakar-Tank hatte sich im Fallen gedreht. Wie zum Hohn zeigte das linke Lenkerende jetzt steil nach unten, dahin, wo ich mit Berta gemeinsam hatte zum Stehen kommen wollen. Naja, hatte sie sich halt mit mir zusammen hingelegt. Kardan und Hinterrad auf mir drauf.

Dreck-Klümpchen schoben sich durch den Kragen, fanden den Weg bis rein in die Unterhose, während ich mich robbend, der Schwerkraft folgend langsam nach unten befreite. Heinrich hatte den unfreiwilligen Stunt gesehen, seine Yamaha abgestellt und kam keuchend an: „Alles okay?“ Statt einer Antwort spuckte ich Erde und nickte. Noch ein paar Sekunden das Rauschen in den Ohren abklingen lassen und warten, dass der Puls wieder unter 100 fällt. Dann konnte ich wieder stehen.

„Pass auf, kann sein, dass durch die Kopfüber-Lage die Bremse vorn keinen Druck hat“, warnte Heinrich. „Pump erst mal, bevor du die Maschine aufhebst.“ Und tatsächlich, drei-, viermal ließ sich der Bremshebel leer bis zum Anschlag durchziehen. Heinrichs Tipps waren mitunter echt wertvoll. Endurofahren hat er auch nach diesem Ausflug in den Baustellenaushub des heutigen Engelbergtunnels an der A 81 nie gelernt. Ich übrigens auch nicht. Aber ich bin froh, es wenigstens ein Wochenende lang versucht zu haben.

Total "Blade"gelaufen

Foto: Herder

Hochzeitstag. Und mir fehlt noch ein nettes Geschenk für die beste aller Ehefrauen. Macht nichts, denn ich habe fürs Wochenende die Dauertest-Fireblade, am Freitag einen ganzen Tag Urlaub und knapp 800 Kilometer für den wöchentlichen Weg nach Hause. Da lässt sich prima ein kleiner Einkaufsabstecher einplanen. Rauf auf die A 81, ab auf die A 7, nach rund 600 Kilometern Vollgas schlage ich mich gegen Mittag in Höhe Soltau Richtung Osten in die Büsche. Ich besuche im Wendland meinen Lieblings-Cartoonisten Marunde, darf in seinen Schätzen stöbern, mit ihm etwas über seine alte BMW plauschen und ihm sensationelle Originale (Schweinezyklus, dreiteilig) abschwatzen. Die verschwinden im Rucksack, dem einzigen Gepäckstück.

Zurück zur A 7, hinterm Elbtunnel Richtung Westen und nach 250 Vollgas-Kilometern stehe ich pünktlich zur Teatime bei Frau Herder auf der Matte, Hochzeitstag gerettet.Am Samstagvormittag bringe ich meiner Herzdame schonend bei, dass ich noch mal kurz bei meinem Kumpel Ernst-Henning vorbeischauen möchte. Der fährt irgendwo im Osten ein 24-Stunden-Endurorennen. Die Führung gibt die Freigabe, die Fireblade und ich blasen Richtung Berlin, schwenken Richtung Süden, um dann Punkt 17 Uhr und damit auf die Minute genau zum Start des Baboons-24-Stunden-Rennens an der Rennstrecke in der Nähe von Torgau zu sein.

Nach Rennhalbzeit habe ich genug gesehen, verspüre Lust auf ein ausgiebiges Frühstück und mache mich um fünf Uhr morgens auf den 500 Kilometer langen Rückweg Richtung Nordseeküste. Die A 9 und alles danach sind völlig frei, es ist ein herrlich sonniger Maimorgen, und um kurz nach neun sitze ich frisch geduscht am sonntäglichen Frühstückstisch. Es folgt ein kurzer, aber äußerst erholsamer Schönheitsschlaf, und gegen Mittag wird es Zeit, die 800 Kilometer Rückweg nach Stuttgart anzugehen. Hochzufriedenes Fazit am Sonntagabend: knapp 3000 Kilometer in drei Tagen, tolle Menschen getroffen und ein tolles Motorrad bewegt.

Indian Summer in den Bergen

Foto: Lohse

Die Luft schmeckt schon verdammt nach Herbst. Zu Hause wird es noch ein paar schicke Wochen geben. Aber in den Alpen fällt bald der erste Schnee und damit die Schranke vor den meisten Pässen. Freitagmittag, die E-Mails tropfen nur noch zaghaft rein. Jetzt muss nur noch der Chef vom Dienst überzeugt werden, dass es mit dem Text noch bis Montag reicht. Geschafft, in der Tiefgarage wartet die Dauertest-Thunderbird noch auf ihre letzten Kilometer bis zur 50000er-Marke. 1500 könnten es übers Wochenende werden. Das sollte Fuhrparkmeister Froberg überzeugen. Der Schlüssel des dicken Twins liegt wie ein fettes Versprechen in der Hand.

Nichts wie raus aus dieser wuseligen Rushhour Stuttgarts. Auf der A 81 Richtung Bodensee weht der Wind verheißungsvoll um die Nase. Rechts abbiegen, ein Schwenk durch die hohen Tannen im Schwarzwald? Nichts da, der Blick will heute noch höher hinaus. Schaffhausen, Winterthur, Zürich werden durchgereicht, aber Eile mit Weile: Der Radarstrahl eines eidgenössischen Jägers und Sammlers würde nun mächtig aufs Gemüt schlagen. Wo es doch gerade so prima läuft. Der Splügen sollte heute noch drin sein. Und von da aus direkt runter über diese SS 36 nach Chiavenna und weiter zum Comer See. Links- oder rechtsrum? Hm, ob es in Acquaseria noch diese kleine Pizzeria unten am Ufer gibt? Und dieses fantastische Risotto? Das wäre doch die Krönung für diesen Freitag …

Am Samstag lasse ich mich einfach nur von der T-Bird um den See treiben. In Mandello stampfen wir an den Toren des Adlers vorbei: Wie wird dein wechselvoller Flug wohl weitergehen? Ein letzter Espresso in einem kleinen Straßencafé in Tirano, bevor es wieder rüber in die Schweiz geht. Die Via da Bernina Richtung St. Moritz ist wie leer gefegt. Unter dem blauen Himmel breitet sich ein gigantisches Farbenspiel aus. Und es ist erst Samstagnachmittag…

40 Kilometer reichen völlig

Foto: Hertler

Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich vorsichtig auf den Starterknopf drücke. Grollend meldet sich der V2-Motor zu Wort. Sie läuft, die Gladius läuft tatsächlich! Wie viele Tage, Wochen, Monate habe ich auf diesen Moment gewartet? Gekauft hatte ich die 650er-Suzuki nach dem 50000-Kilometer-Dauertest von MOTORRAD. Ziemlich günstig, aber dafür mit einem Problem: Sie war in Einzelteile zerlegt, wie das nach einem Dauertest eben üblich ist. Und mit Einzelteilen meine ich gefühlte Millionen von Schrauben, Muttern und Platten.

Ehrlich gesagt konnte ich mir damals kaum vorstellen, dass aus diesem Haufen Metall jemals wieder ein funktionierendes Motorrad entstehen sollte. Zum Glück helfen Freunde und Kollegen tatkräftig beim Wiederaufbau mit. In ihrer Freizeit, weshalb es eher schleppend vorangeht. Während der kurze deutsche Sommer draußen verglüht, schwitzen und schrauben wir in der Werkstatt.

Nach drei Monaten, die mir wie Jahre vorkommen, ist der magische Augenblick endlich da. Der Motor läuft wie eine Eins, sachte ziehe ich die Kupplung und mache mich aufgeregt und stolz auf den Weg nach Hause. Die lang ersehnte Jungfernfahrt soll nur ein kleiner Vorgeschmack sein, denn daheim wartet mein Bruder, der mit mir gleich auf große Wochenendtour gehen will. Aber es kommt anders: Mit großem Gejohle empfangen meine Freunde mich und die Gladius vor der Haustür. Im Garten brutzelt schon das Fleisch auf dem Grill, das Bier ist kalt gestellt, und die überraschende Motorradtaufe nimmt ihren Lauf.

Aus der Tour wurde dann natürlich nichts mehr. Statt atemberaubender Kurvenstrecken hatte ich an meinem ersten Motorradwochenende gerade mal 40 lausige Kilometer durch Stuttgart und Umgebung vorzuweisen. Doch die waren die reine Glückseligkeit. Genauso wie die spätsommerliche Party mit meinem neuen Bike und meinen alten Freunden.

I muass auffi, auffi auf’n Berg

Foto: Humke

Wenigstens einmal im Jahr musste es eine größere Motorradtour werden, als nur sonntags zum Egli-Essen über die Schwäbische Alb nach Bottighofen am Bodensee oder durch den Schwarzwald zu kurven. Wir waren eine Clique von zirka 20 Freunden, die nach dem Gymnasium durch unser Motorradhobby in ständigem Kontakt geblieben sind. Als Studenten und Auszubildende hatten wir die Möglichkeit, bereits am Freitagnachmittag das Wochenende einzuläuten.

Bei der Anfahrt von Stuttgart über die A 7 ließ der Blick auf das Alpenpanorama erste Urlaubsgefühle entstehen. Als Ausgangsbasis hatten wir die Eicheneck-Hütte in Immenstadt im Allgäu gemietet, die mit einem Außengrill, Sitzbänken und viel Platz ein entspanntes Wochenende unter Freunden möglich machte.

„Ich steh bis zu den Waden in einem Kuhfladen und zermalm auf der Alm einen Halm.“ Das Musikstück „Der Watzmann ruft“ von Wolfgang Ambros war 1980 voll im Trend und passte wunderbar zu unserer Urlaubsstimmung. „Graousknecht, gib mir sofort mein Löffel“ - „Löffel Hollereidullijöh“. Der laue Frühsommerabend, begleitet von einer Akustik-Gitarre und geistigen Getränken, wurde lang. Aber früh am Samstag, noch bevor die Wochenend-Ausflügler das Allgäu bevölkerten, waren wir bei wolkenlosem Himmel bereits unterwegs. Der „Bua“ im Watzmann-Musical hatte unsere Stimmung sehr gehoben: „I muass auffi, auffi auf’n Berg.“ Bei jedem Ampelhalt sah man das breite Grinsen hinter den Visieren. „Mir kommen alle no dran.“

Vorbei am Alpsee über Oberstaufen und Hittisau zum Hochtannbergpass. Bei fast kitschig-schöner Landschaft über Flexenpass und Imst zum Hahntennjoch, eine Schleife über Kelmer und Berwanger Sattel zum Gaichtpass und durch das Tannheimer Tal zurück über Sonthofen nach Immenstadt. Die Autofahrer erwarteten uns bereits am Grill. Ich erinnere mich bis heute gerne an das einzigartig befriedigende Gefühl, nach einer Motorradtour im Kreis guter Freunde einen herrlichen Abend zu verleben.

Ganz viel Cruiser fahren

Foto: Fuchs

Start am Samstag um 13 Uhr zwischen Hamburg und Stade, Maisfelder, lange Geraden, Victory-Terrain. Das Sand-Oval in Scheeßel. Kaffee im Café „Alegria“ bei Soltau; Aufsitzmäher-Racer Andreas hat einen alten Bahnhof umgewidmet. Erster Sündenfall: auf der A 7 ein Stück nach Süden. Dann über Land Richtung Braunschweig. In den einzelnen Wohnwagen links und rechts brennt Licht. Mein Tanklämpchen auch. Sprit fassen in Schwülper-Hülperode. Höhö. Vorbei an Braunschweig. „Dabei ist das so schön“, sagen die einen. „Da willste nich tot überm Zaun hängen“, sagen die anderen. „Wo will man das schon?“, frage ich.

Langsam mehr Kurven. 18 Uhr Goslar, Stadt des Verkehrsgerichtstags. Klingt nach Bürobunkern, ist aber ein Bilderbuch-Städtchen mit grob gepflasterter Altstadt - schwerer Boden. Hier ein Zimmer zu suchen würde in Slapstick ausarten. Die „Harzlodge“? Ausgebucht. Clausthal-Zellerfeld. Alkoholfrei schlafen? Nee! B 3, eine grandiose Berg-und-Tal-Bahn, dann Serpentinen.

„Wo Werra und Fulda sich küssen, sie ihren Namen büßen müssen.“ Holpriger Reim, holprige Straßen in Hann. Münden. Nachtlager in Landwehrhagen. Aufbruch tags drauf um halb zehn. Plötzlich schaut die B 27 vorbei. Die führt bis Stuttgart, und ich klink mich ein, Eschwege, Sontra. Gibt’s in Sieglos einen Fußballverein? Pause in der „Klosterschänke Volkersberg“. Südterrasse mit Blick in die Rhön - schön.

Weiter B 27, in Neuwirtshaus rechts runter. Hinter Wolfsmünster steht eine wunderhübsche Brücke über die Saale - MOTORRAD-Leser Steffen Zimmermann hat sie fotografiert. Gemünden, Radarfalle, Tauberbischofsheim, willkommen in Braten-Würstchenberg. Fast kenn ich mich wieder aus: Mainhardt, vierspurig an Waiblingen vorbei. So haben mein Steiß und ich uns lange nicht auf Stuttgart gefreut. 18.10 Uhr daheim. Die Ur-Idee „autobahnfrei“ ist gescheitert - aber geil war’s.

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