Motorrad-Tagestour: Drei-Länder-Giro Motorrad-Tagestour: Österreich - Italien - Schweiz

Diese abwechslungsreiche Tour schaffen auch wenig erprobte Motorradfahrer entspannt an einem Tag. Sie empfiehlt sich für Transitreisende auf dem Weg ins Sommerurlaubsziel.

Foto: Dentges

Es stehen an: 168 Kilometer, Steigungen bis zu 15 Prozent, insgesamt 3300 Höhenmeter, Richtzeit acht Stunden. Ambitionierte Radler starten beim Drei-Länder-Giro frühmorgens in Nauders/Österreich, keulen das Stilfser Joch hoch (Italien) und rollen anschließend flott durchs schöne Schweizer Engadin mit weiteren schönen Pässen. Drei Länder an einem Tag, wunderbare Landschaft, Tausende Kurven. Eine wirklich tolle Runde für Zweirad-Fetischisten. Wäre nur nicht dieses ätzend anstrengende Pedalieren, könnte man sich glatt auch als Motorradfahrer dafür erwärmen.

Aber was heißt hier „könnte man“? Kann man. Wir starten in Nauders, Landhaus Engadin. Der Bikerwirt hat uns schon beim Bier am Abend zuvor die wichtigsten Streckentipps gesteckt, nun verdrücken wir erst mal in aller Ruhe ein paar Semmeln, stressen wollen wir uns bei dieser Tour nämlich nicht. Die bes-ten der rund 2500 Radjungs und -mädels, die jedes Jahr im Juni freiwillig die Marathon-Tour (besser gesagt: Tortur) wagen, strampeln mit mehr als 300 Watt die Berge hoch. Ganz ordentlich, aber nichts gegen die 66 000 Watt, welche unser Reisemobil Victory Hammer S stemmt. Die Karbon-Rennräder der Hobbysportler wiegen unter sieben Kilo, allein der Auspuff des Cruisers wiegt mehr, das ganze Motorrad 320 Kilo. Trotzdem sollte das Ami-Bike den Rundkurs inklusive ein paar Kaffeepausen in der Richtzeit abspulen können, dazu braucht es keine kohlenhydratreichen Energieriegel, sondern nur ein paar Liter Benzin. Also, volltanken und los geht’s!

Von Nauders blubbern wir gen Süden, die italienische Grenze ist nach kurzer Zeit erreicht. Der Reschenpass ist bei Motorradfahrern beliebt, allerdings eher als Transitstrecke, um möglichst schnell abseits von Autobahnen nach Bella Italia zu gelangen. Die Straße selbst ist für Kurvenjäger und Strecken-gourmets eher magere Kost. Am Lago die Resia rückt ein Kirchturm ins Blickfeld, der scheinbar im Wasser schwimmt. 1950 staute man drei Seen zu einem auf, eben diesem Reschensee. Die Bewohner des Dorfes Graun und ein Teil des Dorfes Reschen mussten schon seit 1939 im „nationalen Interesse zur Stärkung der nationalen Industrie“ in größere Städte zwangsumsiedeln, ihre 163 Häuser jagte man in die Luft und die Trümmer versanken bei der Stauung in der Flut. Nur den romanischen Kirchturm aus dem 14. Jahrhundert ließ die Südtiroler Landesregierung aus Denkmalschutzgründen stehen, und dieser ist nun der Grund für den obligatorischen Fotostopp, den wohl alle Touristen an dieser Stelle einlegen - um sich dann am Imbissstand vielleicht noch eine Bratwurst zu gönnen. Für Rennradler absolutes No-Go, für Cruiserfahrer hingegen gilt: Mit vollem Bauch rollt es sich besser.

Auf den ersten Kehren des Stilfser Jochs rollt es auch noch ganz gut, doch die schwere Fuhre will mit Nachdruck ums Eck gezwungen werden. Der Straßenbelag ist, sagen wir mal vorsichtig, eher zweite Wahl, und bei der knackigen Steigung muss die Gashand in jeder Serpentine geschickt mit einem sensiblen Bremsfuß kombiniert werden, damit es rund läuft. Pedalierende Biker kämpfen an dieser Stelle mit Muskelkrämpfen, motorisierte Biker eher mit zu vielen Muskeln am Motorrad. Beide Parteien ringen am Stilfser Joch mit dem Berg, und genau das ist der Kick. Nichts für Anfänger, aber unser schweres Eisen kommt mit diesen recht extremen motorradalpinen Bedingungen besser zurecht als befürchtet.

Doch noch weit vor der Passhöhe (2757 Meter) ist kurz nach Kehre 34 Schluss. Sperrung wegen Bauarbeiten? Schnee? Müßig zu spekulieren, nun heißt es umdrehen, und statt über den spektakulären Umbrailpass in die Schweiz einzureisen, führt der Weg über die nur wenig inspirierende Bundesstraße via Glurns und Pontevilla nach Santa Maria Val Müstair im Schweizer Kanton Graubünden. Ein nettes Örtchen, in dem die Mehrheit der rund 500 Einwohner Rätoromanisch spricht. Und ein guter Punkt für eine kurze Rast, bevor es auf den Ofenpass (2149 Meter) hinaufgeht. Links und rechts von der sauber asphaltierten Straße bunt blühende Wiesen, weiße Bergspitzen und ursprüngliche Wälder. Vor ein paar Jahren wurde dort sogar ein Braunbär gesichtet. Der Ofenpass diente laut Archäologen schon Steinzeitmenschen als Übergang vom Etsch- ins Inntal, aber erst im Mittelalter bekam die Route als Handelsweg zwischen dem Engadin (Schweiz) und Vinschgau (Italien) eine größere Bedeutung.

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Foto: Dentges

Heidi sind Geschichtsfakten im Moment wurscht. Die Schweizerin kurbelt in dieser fantastischen Berglandschaft völlig verschwitzt von Kehre zu Kehre - auf einem Mountainbike. Ihr Lebensgefährte, Fitness-Freak, hat sich vor einer halben Stunde wenig partnerschaftlich abgesetzt, will lieber „sein Tempo“ fahren. Projektmanagerin Heidi löst beruflich sonst ganz andere Probleme, nimmt es mit Schweizer Gelassenheit hin und gönnt sich eine Pause von der ganzen Strampelei auf den Ofenpass. Sie genießt das Panorama, atmet frische Luft, lässt Sonne ins Gesicht. Schielt dabei ein wenig neidisch auf unser motorbetriebenes Zweirad und den damit verbundenen Bergauf-Komfort, aber, ganz Sportsfrau, wie sie ist, wünscht sie noch eine schöne Weiterfahrt und radelt dann in Richtung Passhöhe weiter.

Oben auf dem Pass am Wirtshaus ist es rappelvoll. Findet hier gerade ein Bikertreffen statt? Keineswegs, aber Passhöhen scheinen offenbar magnetische Anziehungskraft auf Tourenfahrer zu haben. Setzen da Zündung und Verstand aus, oder warum reiht sich sonst Maschine an Maschine, und an der Kasse steht eine Schlange? Werktags, wohl bemerkt. Uns ist es zu voll, statt doof rumzustehen, fahren wir lieber weiter. Auf der Jagd nach einem feinen Stück der berühmten Engadiner Nusstorte. Die gibt es bestimmt auch im Tal. Also lassen wir den Schweizer Nationalpark hinter uns, den Tunnel Munt La Schera zum italienischen Livigno (zollfreier Einkauf) links liegen und versuchen unser Glück im kleinen Ort Zernez. Schließlich ist schon beinahe Kaffeezeit, und der Magen knurrt böse.

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Foto: Dentges

Rund 6000 Kalorien verbrennt ein Rennradfahrer, der den Drei-Länder-Giro erfolgreich hinter sich bringt. Gefühlte 6000 und eine Kalorie hat ein Stück Engadiner Nusstorte. Der mächtige und wunderbar klebrige Kuchen aus geriebenem Butterteig mit karamellisierten Walnüssen knallt voll rein, aber hallo. Dazu am besten ein Milchkaffee, Zigarette für danach, besser noch: Verdauungsschnaps oder Schläfchen. Fahrer pappsatt, süffig-satt auch der Sound beim Anlassen der Victory, der Dreiländertrip kann munter weitergehen. Die Sportradler müssen über Süß und Scuol immerhin noch rund 50 Kilometer abspulen, die Streber unter ihnen schaffen das in unter eineinhalb Stunden. Wir cruisen gemächlich entlang des Inns. Kein atemberaubendes Flusstal, aber es bietet einen schönen kurvenreichen Straßenverlauf und genügend Möglichkeiten, in kleinen Ortschaften mit malerischen Brücken kurze Pausen einzulegen.

Abschließend führt nach der schweizerisch-österreichischen Grenze ein kleiner Pass über die bewaldeten Berge zurück nach Nauders. Radfahrer quälen sich über diese letzte Steigung des Drei-Länder-Giros, werden sie wohl verfluchen. Dabei ist die Straße sehr nett zu fahren - wenn man denn statt platt gefahrener Beinen souveräne 140 Newtonmeter an der Kurbelwelle anliegen hat. Motor sei Dank. Beim Hinunterrollen nach Nauders dürften sowohl Motorrad- als auch Radfahrer wiederum gleich glücklich sein. Geschafft, puh! Im Gasthof vielleicht noch ab in die Sauna, danach Pizza oder Schnitzel, großes Bier oder Apfelschorle, Theken-Talk. Ein rundum runder Tag für alle Biker, so oder so.

Foto: Werel

Infos

Reisezeit:
Möchte man den Drei-Länder-Giro als komplette Runde abspulen, ist das Zeitfenster für diese Tour vergleichsweise klein. Stilfser Joch (Passo Stelvio) und Umbrailpass führen auf über 2500 Meter Höhe, dort kann es schnell mal schneien, oder andere Wetterunbilden verderben den Fahrspaß. Relativ sicher und ohne Sperrungen kommt man von Mitte Juni bis Ende September durch.

Streckenprofil:
Teilstücke des Umbrailpasses sind nicht asphaltiert. Wer im Soziusbetrieb bei extremer Beladung seinen Big-Cruiser (oder ähnlich sperrige Maschinen) nicht souverän beherrscht, sollte besser auch gleich das anspruchsvolle Stilfser Joch mit seinem flickgeschusterten Fahrbelag und den sehr engen Kehren auslassen. Die Runde lässt sich gut ab Santa Maria/Schweiz bzw. Glurns/Italien abkürzen. Die Straßen im Engandiner Teil (inklusive Ofenpass) und das Teilstück von Nauders gen Vinschgau (mit Reschenpass) sind gut ausgebaute Landstraßen mit überwiegend weiten Kurvenradien. Weitere Infos zum Giro auf der Website des Radrennens: www.dreilaendergiro.at.

Übernachten:
Das in Nauders/Österreich zentral gelegene Landhaus Engadin in Nauders, Telefon 0043/5473/87351, www.landhaus-engadin.com, bietet für Motorradfahrer geführte Touren, Tourenvorschläge sowie eine Garage. Zimmer mit Frühstück: ab 27 Euro (pro Person); Ferienwohnungen: ab 40 Euro (Einheit).

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