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So, das ist der weltberühmte Widdumer Weiher. Wo der liegt? Bei Widdum natürlich, wo denn sonst?

Frühjahrstour Allgäuer Seen Unterwegs auf einsamen, urigen Landstrichen

Zwischen vollgepressten Alpenpässen und eintönigen Zubringer-Autobahnen gibt es noch die einsamen, urigen Landstriche. Also, Gas raus und runter von der Bahn. Es lohnt sich. Eine Frühjahrstour um die Allgäuer Seen.

Nein, hier geht’s garantiert nicht weiter, hier gibt’s nur Hühner und Kühe. Aber von deiner blöden Abzweigung keine Spur.“ Verzweifelt versucht sich Redaktionskollege Thomas Schmieder, mein Roadbook via Handy erklären zu lassen. „Keine Panik, Thomas – einfach am Biergarten links, dann rechts durch den Hühnerhaufen und steil hoch Richtung Auerberg. Ganz einfach.“ Na ja, ich geb’s zu, ganz so einfach ist die Tour entlang der Allgäuer Seen nicht zu finden. Schließlich wollen wir uns nicht auf den Bundesstraßen zwischen Wohnmo­bilen und 30-Tonnern von einem Überhol­manöver ins nächste stürzen, sondern das Land bis in die letzten Winkel erkunden. In aller Ruh und auf Wegen, die wie gemacht sind für unsere Leidenschaft. Kein aufgeregtes Kilometerfressen, weil nicht die Distanz, sondern das Erlebnis zählt.

Die Zeit muss gefüllt sein mit neuen Eindrücken, Bildern und Strecken, auf denen wir geforderter sind und nicht nur Benzin abfackeln. Wieder lernen, sich zu orientieren. Süden, Westen, Norden, Osten, am Sonnenlauf die Uhrzeit lesen, an Hügeln und Tälern, Wäldern und Wiesen die Route bestimmen. Landkarten als Übersicht, aber nicht als Strickmuster für die kürzeste Strecke. Umwege eingehen, weil man was verpassen könnte. Auch deshalb, weil uns genussvolles Motorradfahren nicht von A nach B transportieren soll, sondern uns die lässige Freiheit gibt, einfach mal abzubiegen, wenn winzige Sträßchen in engen Flusstälern verschwinden. Wird’s nix, drehen wir einfach um. Führt uns der unbekannte Weg zu alten Mühlen, urigen Gasthöfen oder traumhaften Aussichtspunkten, sind wir ein Stückchen reicher geworden.

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BMW R 80 G/S steigert Ausfahrt fast zur puren Euphorie

Wie gemacht für solche Erkundungen ist die BMW R 80 G/S Baujahr 1982. Natürlich ein bisschen aufgemöbelt, genau das rechte Vehikel. 20-Liter-Tank, Stollenreifen für die ganz abenteuerlichen Pfade, 190 Kilogramm leicht und mit knapp 70 PS perfekt motorisiert, steigert solch ein flinkes Krad die ohnehin traumhafte Ausfahrt fast zur puren Euphorie. Auch nach weit über 100 Touren mit Fahrrad und Enduro durch den zauberhaften Süden von Deutschland gibt es immer noch viel zu entdecken. Und zu erzählen. Zum Beispiel über die schönsten zusammengepuzzelten Motorradstrecken im Alpenvorland. Das Puzzle selbst gibt es für unsere MOTORRAD-Leser als detailliertes Roadbook, natürlich auch elektronisch fürs Navi – und für jeden mit MOTORRAD-Helden-Ausweis auch noch kostenlos. Wer hingegen auf Papier steht, muss sich schon mehr anstrengen – oder eine Radkarte im Maßstab 1 : 70 000 oder kleiner zulegen. Dann aber, das ist garantiert, kann man ein Allgäu bestaunen, das man anders kaum zu sehen bekommt.

Blinker rechts. Schon vor Memmingen suchen wir das Weite und verschwinden über Rot an der Rot in die über 700 Meter hohe Hügelkette rund um den Tristolzer Berg. Bei Fernsicht reiht sich hier oben die komplette Alpenkette von der Zugspitze bis zum Schweizer Säntis auf. Nördlich hebt sich der 767 Meter hohe Bussen mit Kirchturm aus dem oberschwäbischen Flachland. Vorbei am Wurzacher Ried, einem der größten Hochmoore Europas, kreuzen wir die ersten Allgäuer Seen bei Eintürnen. Und schon wieder haut uns der freie Blick auf die Alpen aus dem Sattel. Wobei, sattelfest sollte man jetzt sein, denn die Kurvensause Richtung Leutkirch hat es in sich. Doch ­keine Sorge, Städte und Stau werden auf klitzekleinen Sträßchen elegant umfahren. Stattdessen schlängeln wir uns durch das urig bodenständige Allgäu mit seinen ur­alten Gehöften und unzähligen Weihern, Seen und glasklaren Flüsschen.

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Hier fliegt dem leidenschaftlichen Alpen-Freak das Blech weg

Hunger? Nach der knackigen Achterbahnfahrt von Ratzenried nach Eglofs folgt man der Oberen Argen zum „Badgasthof Malleichen“. Sollte dabei euer Navi aussteigen, mich würd’s nicht wundern. Macht aber nix, hier, rund um Wangen im Allgäu, kennt jedes Kind den Weg nach „Malloiche“. Nach der Rast im Biergarten zwingt uns ein paar Kilometer weiter das enge Tal der Argen auf die Bundesstraße 12, die wir bei Seltmans schon wieder verlassen. Über ­eine steile Rampe erreichen wir das über 1000 Meter hoch gelegenen Diepolz, von wo aus sich der Allgäuer Hauptkamm mitsamt seiner Seen wie eine Luis Trenker-Gedächtnistapete ausbreitet.

Rote Flüh, Aggenstein und Gimpel zur Linken, der markante Grünten, der Wächter des Allgäus, und die Oberst­dorfer Alpen zur Rechten, darunter der Niedersonthofener See – hier fliegt dem leidenschaftlichen Alpen-Freak einfach mal das Blech weg. Das ganze Szenario kann man sich auch ein paar Meter weiter bei Kaffee und ­Kuchen im „Berggasthof Alpenblick“ – der Name ist hier Programm – vorführen lassen.

Über das östliche Ufer der Iller zum Oberjochpass

Genug für heute? Bodenständig und einfach darf man sich im „Gasthof Krone“ mit dem Wirtsrostbraten und einem süffigen Bier aus Missen belohnen, bevor es am anderen Tag von einem Allgäuer See zum nächsten geht. Wer die komplette Runde unter die Räder nehmen will, muss früh aufstehen. Über das östliche Ufer der Iller zum Oberjochpass, bleibt ab Burgberg keine andere Wahl als die Bundesstraße 308. Hurtig die Serpentinen zum Oberjochpass hinauf, um noch vor neun Uhr in Tannheim die Abzweigung zum Vilsalpsee zu erwischen. Danach ist Schicht im Schacht und die Zufahrt zu dem traumhaft gelegenen Bergsee nur noch mit dem Bus möglich. Zurück nehmen wir das Engetal nach Pfronten, das wir auf kurzem Weg kreuzen und in Richtung Zell dem staugeplagten Vilstal entkommen.

Nördlich der Verkehrshauptroute Kempten – Füssen geht unsere Erkundungstour kreuz und quer durch das Alpenvorland, bis wir den nördlichsten und höchsten Aussichtspunkt auf dem Auerberg erreichen. Früher zur Bergrennstrecke umfunktioniert, führt die wellige Einbahnstraße zu einem wunderbaren Aussichtsturm mit Gasthof. Die Zeit muss sein. Nach ein paar Abstechern zu den nördlichen Seen des Allgäus, das hier an Ba­y­erisch-Schwaben grenzt, schweben wir ­hinunter ins Illertal, wo die Möglichkeit besteht, auf der Autobahn A 7 die Heimreise in Richtung Norden anzutreten. Was für uns und unsere rüstige BMW R 80 G/S so nicht infrage kommt. Unsere nächsten Zielorte heißen Niemandsfreund, Blöden, Gwigg und Wassers. Wo die liegen? Natürlich am Arsch der Welt, wo denn sonst?


Foto: Karte: MAIRDUMONT/Claudia Werel
Reisedauer: 2 Tage; gefahrene Strecke: zirka 350 Kilometer.
Reisedauer: 2 Tage; gefahrene Strecke: zirka 350 Kilometer.

Weitere Infos

Trotz der Nähe zu den Alpen taugt die Allgäuer Seen-Tour durch das milde Klima im Voralpenland auch für eine der ersten Frühlingsausfahr­ten im Jahr.

ACTION TEAM-TOUREN 2015: Wer sich MOTORRAD-Redakteur und Allgäu-Kenner Werner „Mini“ Koch anschließen möchte, kann dies bei der vom ­MOTORRAD action-team ausgeschriebenen Allgäuer-Seen-Tour Nummer 3 gerne tun. Termin: 11. bis 13. September 2015. Alle Infos dazu auf: www.motorradonline.de/actionteam oder unter der Telefonnummer 07 11/1 82-19 77.

ANREISE: Das Allgäu ist durch die ausgebauten Anreisewege in die Alpen schnell zu erreichen. Die A 7 führt ab Ulm direkt ins Zentrum des Voralpenlandes und weiter über Füssen und Fernpass in die österreichischen Alpen und nach Italien. Von München kommend, stößt die A 96 bei Mem­mingen dazu. Allerdings gehören die nördlich vorgelagerten Land­schaften zu den schönsten in Süddeutschland und sollten, wenn es die Zeit zulässt, in die Anreise integriert werden. Von Nordwesten kann die Schwäbische Alb über Bad Urach, Münsingen und weiter über den Federsee Richtung Bad Wurzach eingebunden werden. Von Norden bieten sich die westlichen Wälder um Augsburg in Richtung Kaufbeuren an. Bei diesem Einstieg kann die Route auch entgegen der vorgestellten Fahrt­richtung absolviert werden. Von Westen führen sehr abwechslungsreiche Nebenstrecken über Sigmaringen und das Donautal ins oberschwäbische Bad Wurzach. Auf keinen Fall sollten die überfüllte und langweilige B 31 (längs zum Bodensee) oder die B 32/ B 311 (Sigmaringen – Riedlingen – Ulm) benutzt werden. Als Alternative zu den obigen Hauptverkehrsstraßen lassen sich sehr schöne und verkehrsarme Routen auf den unzähligen ­Nebenstrecken ausbaldowern.

LOHNENSWERTE ZIELE: Für Freunde von Kirchen und Kultur sind die Klosteranlagen in Rot an der Rot und Ochsenhausen gleich zu Beginn der Tour einen Abstecher wert. Wer’s nicht lassen kann, darf auf Schloss Neuschwan­stein bei Füssen dem bayerischen König Ludwig II. huldigen. Technik-Freaks sollten einen Abstecher nach Wolfegg in Betracht ziehen, um das Auto- und Technik-Museum von Fritz B. Busch (www.automuseum­-busch.de) zu besuchen und sich von sehenswerten Autos und Motorrädern in die Zeit des Wirtschaftswunders zurück­beamen zu lassen.

ESSEN UND SCHLAFEN: Wer glaubt, die Allgäuer, allen ­vor­an Kommissar Kluftinger, ernährten sich überwiegend von Kässpätzle mit Röstzwiebeln und Bier, liegt fast richtig. Fast, denn neben der landestypischen Kalo­rienbombe, die wie ein komprimierter Haufen Pattex auch dem Motorradfahrer auf den Magen schlagen kann, haben die Allgäuer Wirtsleute noch andere, deftige Leckereien auf der Karte.

Foto:
Allgäu
Höchster Berg: Großer Krottenkopf, 2657 m; Größter See: Großer Alpsee; Größte Stadt: Kempten; Motorradtreff: Oberjoch-Passhöhe.
Allgäu Höchster Berg: Großer Krottenkopf, 2657 m; Größter See: Großer Alpsee; Größte Stadt: Kempten; Motorradtreff: Oberjoch-Passhöhe.

MOTORRAD-Roadbook

Autobahn A 7 Ulm – Füssen, Ausfahrt 126 Erolzheim/Iller, Bechtenrot, Bonlanden, Binnrot, Eichenberg, Mettenberg, Rot, Spindelwag, Mühlberg, Ellwangen, Tristolz, Füramoos, Adelshofen, Wolfartsweiler, Menhardsweiler, Eggmannsried, Graben, Wengen, Ziegholz, Haidgau, Kimpfler, Rohrbach, Eintürnen, Eintürnenberg, Weitprechts, Metzisweiler, Holdenreute, Wiggenreute, Immenried, Übendorf, Rötsee, Weitershofen, Ellerazhofen, Herrot, Gebrazhofen, Wolferazhofen, Engerazhofen, Winterazhofen, Beuren, Enkenhofen, Christazhofen, Göttlishofen, Ratzenried, Gießen, Eglofs, Eglofstal, „Bad­gasthof Malleichen“ (www.malleichen.de), Gestratz, Happach, Ringenberg, Maierhöfen, Großholzleute, Nellenberg, Seltmans, Missen, Börlas, Niedersonthofen, Oberdorf, Martinszell, Burgberg, Sonthofen, Hindelang, Unterjoch, Tannheim, Vilsalpsee, Grän, Engetal, Pfronten, Meilingen, Berg, Zell, Oberdolden, Kögelweiher (www-alpe-koegelhof.de), Anwanden, Felben, Berkmühle, Roßfallen, Unterhalden, Aussichtspunkt Beichelstein-Alpe (www.alpe-beichelstein.de), Heimen, Brandegg, Hopferau, Hopfen, Ried, Ussenburg, Roßhaupten, Huttlerweiher, Sameister, Kinsegger Weiher, Langenegger Weiher, Bernbeuren, Auerberg-Aussichtspunkt (www.auerberghotel.de), zurück nach Buchen, Bichel, Hofen, Seehof, Steinbach, Heggen, Sulzschneid, Kohlhunden, Ettwiesen, Fechsen, Leuterschach, Engratsried, Thalhofen, Hattenhofen, Immenhofen, Seemoos, Aitrang Sommer, Langer Weiher, Reinhardsried, Schotten, Günzach, Sellthüren, Immenthal, Untrasried, Probstried, Autobahn A 79.

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