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Alpen-Tourentipp: Motorradreise und Gipfeltour Dem Himmel ein Stück näher als mit dem Motorrad möglich

Kehre um Kehre schraubt man sich über die Alpenpässe in schwindelige Höhen, aber wirklich ganz oben ist man trotzdem nie. Links und rechts ragen die schroffen Gipfel noch ein paar Meter weiter in den stahlblauen Himmel. "Da bleibt nur eins: Wanderstiefel schnüren und rauf auf den Berg", meint MOTORRAD-Redakteur Werner Koch.

Eine letzte Kehre, schwupps, und oben! Jetzt noch ein lauschiges Plätzchen mit Panoramablick und einen schaumigen Cappuccino. Helm runter, Sonnenbrille auf, zurücklehnen, durchatmen. Solche Augenblicke brennen sich ein, bleiben für die Ewigkeit. Vielleicht ist das Glück, die Zufriedenheit in der grandiosen Bergwelt noch eine Spur mächtiger als sonst wo auf der Welt. Womöglich deshalb, weil die Berge auch ganz anders können. Brutal, gespenstisch, unheimlich. Jeder hat’s schon erlebt, schwarze Wolken, fetter Nebel, Eiseskälte zwischen Regen und Schnee und keine Besserung in Sicht. Dann kehrt sich die Faszination der Berge ins krasse Gegenteil, und man sucht den schnellsten Weg, raus aus dem Jammertal. Genau so, wie man jede Minute, jede Sekunde auskostet, wenn die Sonne vom azurblauen Himmel knallt.

Erwischt ihr euch dann gelegentlich beim Gedanken, ganz oben zu stehen? Nicht auf der Passhöhe, sondern ganz oben, dort wo die schroffen Gipfel am blauen Himmel kratzen und die verschnörkelte Passstraße mit ihrem ganzen Trubel als Märklin-Eisenbahnlandschaft weit unter einem zurückbleibt. Heißer Tipp für alle Alpenfreaks, die körperlich rüstig genug sind, um ein paar Stunden Anstieg zu bewältigen: Unbedingt machen - Ausrufezeichen. Weil das Erlebnis Alpentour durch eine Gipfelbesteigung noch eine Prise intensiver wird. Hand drauf: Wer’s wagt, wird’s nicht bereuen.

Ihr habt die nächste Alpentour bereits im Kopf oder auf dem GPS? Dann versucht, euch bei  Google Earth einen Überblick über die an der Strecke liegenden Gipfel zu verschaffen. Fast noch besser, weil übersichtlicher, lässt sich die Tourenplanung auf der guten alten Landkarte zusammenpuzzeln. Auf exakten Alpenkarten im Maßstab 1:100000 oder 1:75000 sind nicht nur kleinste Bergstrecken aufgezeichnet, sondern auch alle Gipfel mit Höhenangabe und die wichtigsten Wanderwege und deren Ausgangspunkte.

Bei der Auswahl der Kletterpartie sollte man sich nicht zwingend auf den höchsten Gipfel festlegen, sondern auf den schönsten. Und auf den, für den Kondition und Erfahrung passen. Eine gute Übersicht über das, was auf einen zukommt, verschafft man sich über einschlägige Literatur, Internetseiten oder den örtlichen Fremdenverkehrsverband. Noch besser wird die Bergfahrt natürlich mit Freunden. Hockt euch zusammen, denkt drüber nach, was geht, und was nicht geht. Wer’s packt und wer die Besteigung lieber vom Biergarten aus verfolgt.

Bei Tagestouren, die vom Gasthof starten, ist das Gepäckproblem gelöst, weil es im Zimmer oder bei abendlicher Abreise meist kostenlos im Trockenraum gebunkert werden kann. Schwieriger wird die Lage, wenn man den Ausgangspunkt mit dem Motorrad anfährt. Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, beim nächstbesten Hotel oder einer Pension freundlich nachzufragen, ob man Packtaschen, Helm und Kombi in den Trockenräumen, die im Winter für die Skiausrüstung dienen, abstellen kann. Schlechte Erfahrungen dagegen gab’s mit der hemdsärmeligen Methode, den Helm ans Motorrad zu binden. Schon mal einen vom heftigen Sommergewitter pitschnassen Helm übergestülpt? Genau, schaut euch lieber nach einem Trockenraum um, auch wenn’s ein bisschen mit Rennerei verbunden ist.

Foto: Koch
Ausgelassene MOTORRAD-Leser beim Gipfeltreffen.
Ausgelassene MOTORRAD-Leser beim Gipfeltreffen.

Für Motorradfahrer, die zwar liebend gern zu Gipfelstürmern werden, das jedoch ohne Schinderei und Wasserblasen an den Füßen machen möchten, bleiben die Bergbahnen, die jedoch oft nicht direkt zum Gipfel fahren. Ein paar Höhenmeter zu Fuß müssen meist noch sein. Aber bitte nicht wundern, wenn man für den Fahrpreis in luftige Höhen das Geld einer ganzen Tankfüllung verballert.

Es muss nicht der Großglockner sein. Gipfel mit Fernsicht gibt es jede Menge. Sogar auf der Hausstrecke. Meist ist man 100-mal achtlos daran vorbeigebrettert, die Nase im Drehzahlmesser, den Blick auf die Kurven fokusiert, immer hurtig der Straße nach. Nimmt man sich mal die Zeit und erforscht die Landschaft genauer, wird man sich wundern, was man für nette Flecken verpasst hat, auf denen es was zu sehen gibt. Jepp, ich gebs zu, ich habe es jahrelang nicht geblickt mit dem Blick. Schwäbische Alb, Schwarzwald, im Fränkischen, durch die Rhön, über die Vogesen, die Alpen kreuz und quer - immer volle Suppe, Kurven um jeden Preis, aber keine Zeit, die Zeit mal anzuhalten. Hol ich jetzt nach. Und schwupps, schließt sich die ganze Clique dem Höhenrausch an, steigt auf verfallene Burgen und Ruinen, stiefelt unzählige Treppen hoch auf wackelige Aussichtstürme oder kraxelt im Klettergurt eingeschnürt über schwindelige Alpenkämme. Dann hockt man oben und erfreut sich am Blick über die Landschaft, die man bislang nur im Tiefflug durchstreift hat. Das gute Gefühl nach einer endlos langen Alpentour per pedes: Unten wartet das Krad. Draufsetzen, starten und wenns noch so steil wird, einfach Gas und hoch den Berg. Herr, was für eine göttliche Erfindung, so eine knatternde Verbrennungsmaschine. Und genau dieser bissige Kontrast zwischen körperlicher Quälerei, nur um dem Himmel ein Stück näherzukommen, und der lässigen Fortbewegung im Motorradsattel macht diese geniale Kombination aus.

Die Idee zu dieser Idee entstand, na wo? Genau, auf einem Gipfel. Exakt 767 Meter über null, dort, wo man vom oberschwäbischen Bussen, einen Steinwurf südlich der Donau, bei klarer Sicht alle Gipfel des Allgäuer Hauptkamms abzählen kann. Wieder einmal fußte der Gedanke auf einem eher marathonverdächtigen Spleen: „Morgens zu Fuß auf die Bussen-Kirche, dann auf einer Enduro quer durchs Allgäu und nachmittags im Stechschritt auf den 2533 Meter hohen Widderstein, den mächtigsten Berg am Horizont.“ Eine Woche später war auch diese spinnige Idee erledigt. Was blieb, war eine traumhafte Motorradstrecke zwischen zwei höchst markanten Bergketten, die in ihren Feinheiten ausgearbeitet und ohne Hetze unter die Räder genommen, ein halbes Dutzend höchst lohnenswerter Aussichtsberge verbindet. Ein Genuss, den die Teilnehmer der geführten zweitägigen MOTORRAD action team-Touren (www.actionteam.de) mit Bestnoten kürten. Weil meine netten Reisegefährten die Idee zur kombinierten Motorrad/Wandertour über fünf Tage ganz verführerisch fanden, freue ich mich jetzt schon auf die verschwitzen, aber höchst entspannten Biker, die oben auf der Berghütte das Weizenbier und die Speckplatte ganz besonders lecker finden. Ich sags doch: dem Himmel ein Stück näher.

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