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Mitte Mai sind das Elsass und die Vogesen der perfekte Einstieg in die Motorradsaison.

Motorradtour Elsass und Vogesen Nicht nur die perfekte Frühjahrstour

Wunderschöne alte Städte an der Weinstraße, verschlungene kleine Straßen, die sich durch die Vogesen schlängeln, und eine gut dosierte Portion französischer Lebensart - das alles bekommt man bei einer Motorradtour durchs Elsass und die Vogesen.

Birgit und ich stöbern durch einen Stapel Landkarten auf der Suche nach dem perfekten Ziel für unsere nächste Motorradtour. Bei einer bleiben wir hängen: der Michelin-Vogesen-Karte. Macht Lust mit irrwitzig gewundenen kleinen Straßen, fast alle mit einem grünen Streifen geadelt. Dazu die historischen Orte der Weinstraße, jeder mit einer Reihe von Sternen verziert. Bingo, das ist unser Ziel. Zumal die Anreise von der Eifel schnell erledigt sein dürfte. Ruckzuck sind die Mopeds beladen, wir nehmen unsere Kawasaki W650 und die Guzzi V7 mit, charakterstarke handliche Zweizylinder, mit denen wir auf den kleinen Vogesen-Straßen sicher eine Menge Spaß haben werden.

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Heiliger Strohsack, was für geile Straßen!

In Saverne, einer netten Stadt in den nördlichen Vogesen, werfen wir Anker. Über Nacht vertreibt ein schnelles Regengebiet die Wärme des Vortags. 25 Grad ade, ab jetzt pendelt sich das Thermometer bei kaum 15 Grad ein. Dafür freut sich der Fotograf, sorgt doch der Wetterwechsel für glasklare Luft, blitzeblauen Himmel und fast endlose Fernsicht. Für die Vogesen-Gipfel drohen die Wetterfrösche allerdings mit Schneeschauern, da bleiben wir lieber noch ein paar Tage unten, wandern über kleine Straßen entspannt nach Süden. Folgen ab Lutzelbourg der D 45 bis hoch zum Roche de Dabo, auf den sich der Weg in einer langen 450-Grad-Kurve hochkringelt. Was für ein toller Fern-Seh-Blick über Straßburg bis zum Schwarzwald und über die frühlingsgrünen Hügel der nördlichen Vogesen, garniert mit gelben Flecken blühenden Ginsters. Ein feiner Einstieg in unsere Tour, der unmittelbar in das Kurvenensemble der D 218 bis Niederhaslach übergeht. Aus dem bisher entspannten Brabbeln der Zweizylinder wird zunehmend eine engagierte Gangart, bei diesen tollen Kurven wollen auch die Angststreifen der Reifenflanken am Geschehen teilnehmen. Noch dürfen sie es, aber es wird nicht lange dauern, bis sie Opfer dieser famosen Radien geworden sind. Unser Mitleid hält sich in Grenzen, in den Vogesen sind schon Millionen von ihnen abradiert worden. Dauergrinsen unterm Helm.

Niederhaslach, Rothau, und schon schraubt sich die D 130 durch den Forêt d’Obernai hinauf nach Hohwald, zum Col du Kreuzweg, dem Champ du Feu und wieder runter bis Barr. Heiliger Strohsack, was für geile Straßen!

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Verwinkelte Kurven, unter der Woche fast verkehrsfrei

Durchatmen in Barr, einem der vielen Orte entlang der Elsässer Weinstraße, die so schön sind, dass wir es anfangs kaum glauben können. Keine herausgeputzten Freilichtmuseen, sondern lebendige alte Städte mit verwinkelten Gassen und großzügigen Plätzen, wunderbar restaurierten Fachwerkhäusern, oft aus dem 16. und 17. Jahrhundert, viele in gelb, blau und rot, fette dunkle Holzbalken, verziert mit kunstvollen Schnitzereien. Und es kommt noch besser. Obernai und Barr sind lediglich die Appetizer für all die anderen Orte weiter südlich. Die sind über die bolzgerade N 83 schnell zu erreichen, aber das ist nicht in unserem Sinn. Lieber biegen wir westwärts ab, mäandern über staubige Wege zwischen den endlosen Weinbergen und finden die nächste Traumstraße, die sich durch die Hügel hinauf in die Vogesen schlängelt. Hoch nach Le Hohwald, zum Col du Kreuzberg, runter nach Fouchy und dann über die fadendünne D 48 über den 603 Meter hohen Col de Fouchy, einen der spannendsten Pässe im Elsass. Unübersichtlich, langsam, verwinkelte Kurven und Kehren durch den Kiefernwald, unter der Woche fast verkehrsfrei. Eine Genießerstrecke, die doch volle Konzentration erfordert, denn als uns wie ein Überfallkommando zwei alte blaue Renault Alpine brüllend entgegenkommen – trainieren die für die nächste Histo-Monte-Rallye? – bleibt uns nur ein handtuchbreiter Raum zum ungeschorenen Passieren. Puh!

Runter ins Tal nach Rombach und gleich wieder hoch zur gewaltigen 900 Jahre alten Burg Haute Koenigsbourg, einem der absoluten Touristenmagnete. 500.000 Besucher pro Jahr, riesige Parkplätze, Dutzende Reisebusse, alle wollen die wohl eindrucksvollste Burg des Elsass sehen. Wir nicht, ist uns zu voll. Lieber treiben wir unsere zweizylindrigen Klassiker durch die Wälder, lauschen ihrem bassigen Sound, fühlen das pulsierende Leben aus ihren Maschinenräumen und rollen schließlich nach Ribeauvillé. Wieder so eine mittelalterliche Bilderbuchstadt.

Foto: Jo Deleker
Früh morgens ist man in Riquewihr noch allein. Dann kommen die Touris. Dennoch ein wunderschöner Ort.
Früh morgens ist man in Riquewihr noch allein. Dann kommen die Touris. Dennoch ein wunderschöner Ort.

Ribeauvillé hat sich voll und ganz dem Tourismus verschrieben. Da wirkt das nahe Riquewihr schon deutlich authentischer. Zwar schieben sich auch hier an Wochenenden Touristen durch die Gassen, aber morgens um halb acht an einem Wochentag ist kein einziger zu sehen. Lieferwagen rumpeln über grobes Pflaster, Geschäfte stocken ihre Waren auf, ein Schulbus sammelt Kinder ein. Keiner stört sich daran, dass wir mit den Mopeds zwischen den bunten Fachwerkhäusern kreuzen und Fotos machen. Riquewihr wird unser Favorit unter all den historischen Elsass-Städten, obwohl die Konkurrenz mit Bergheim, Kaysersberg oder Obernai beachtlich ist.

Auf dem Campingplatz von Kaysersberg richten wir unser Basislager für die nächsten Tage ein. Von hier sind die Höhepunkte der Region prima zu erreichen. Apropos Höhepunkte. Das kalte, aber sonnige Wetter bleibt uns treu, Zeit, den höchsten Gipfeln der Vogesen auf den spätwinterlichen Pelz zu rücken. Von den Weinbergen, die sich kilometerweit über die Hügel rund um die alten Städte ausbreiten, sehen die sanften und rundlichen Kuppen der Vogesen harmlos aus, obwohl sie das nahe Rheintal um 1200 Meter überragen. Erst die Bergfahrt nach oben macht die Dimensionen deutlich. Die Steigungen nehmen kein Ende. Wir wedeln durch feinste Kurven zum Col de Freland, dem Col des Bagnelles und weiter zum Col du Bonhomme. Mehr als 30 Kilometer durch dichten Wald ohne Aussicht und ohne Verkehr. Der Höhengewinn verläuft konträr zur Temperatur, oben, jenseits der 1000-Meter-Marke, sind es nur noch sieben Grad. Aber die Sonne wärmt. Und oben öffnet sich endlich der Wald, macht kargen, grau-gelben Wiesen und Mooren Platz, garniert mit Schneeresten und knorrigen Kiefern.

Brechpunkt, Sudelkopf, Col du Platzerwasel

Wir sind auf der Route des Crêtes, der berühmten 60 Kilometer langen Panoramastraße, die von den Franzosen im Ersten Weltkrieg über den Vogesen-Hauptkamm gelegt wurde. Eine gute Straße mit schnellen Kurven, an warmen Wochenenden fegen hier Tausende Biker entlang. Die Aussichten sind grandios, nach Westen über blaue Gletscherseen und die Hügel von Lothringen, nach Osten übers Rheintal bis zum Schwarzwald. Die Bikertreffs Le Hohneck und Col de la Schlucht sind an diesem Mai-Morgen fast ausgestorben.

Fahrerisch ist die Route de Crêtes für unsere 48-PS-Maschinen keine Offenbarung, die schnellen Kurven sind eher Jagdrevier für Multistradas und Fireblades, aber da gibt es ja die zahlreichen engkurvigen Bergstraßen hinunter ins Flachland und die nächste wieder hoch. Die sind für uns das passende Geläuf. Col du Silberloch, Col de Brechpunkt, Le Sudelkopf, Rocher de Nutzkopf, Col du Platzerwasel – lustige deutsch-französische Namensmixturen.

Zeugnis menschlichen Schwachsinns

Am Hartmannswilerkopf sinkt die gute Laune. Die Gedenkstätte und der Soldatenfriedhof erinnern an die Gemetzel des Ersten Weltkriegs, wo Hunderttausende Soldaten gezwungen wurden, sich in endlosen Grabenkämpfen umzubringen. Das düsterste Kapitel in der Geschichte des Elsass und Zeugnis menschlichen Schwachsinns, der sich leider allzu oft Bahn bricht. Schweigend schleichen wir durch das emotionale Museum, sehen Bilder von Schützengräben und Grabkreuze. Bedrückend und unfassbar. Langsam rollen wir runter nach Kaysersberg, und erst beim größten und besten Flammkuchen weit und breit kehrt bessere Laune zurück.

Morgen früh fahren wir wieder hoch in die Berge, es gibt noch so viele Kurvenwunder rechts und links der Route des Crêtes abzusurfen. Warum in die Alpen fahren, wenn es im Elsass und den Vogesen so viel zu entdecken gibt? Alte, wunderschöne Städte und endlos viele Strecken und Pässe, die so viel Spaß machen, dass man nicht wieder weg möchte.

Foto: Jo Deleker
Reisedauer: eine Woche; Gefahrene Strecke: 1000 Kilometer.
Reisedauer: eine Woche; Gefahrene Strecke: 1000 Kilometer.

Infos

Elsass und Vogesen, ein vielfältigeres Motorradrevier so nah vor der eigenen Haustür dürfte kaum zu finden sein. Ein toller Mix aus alten Weinstädten und zahllosen, bergigen Traumstrecken.

Anreise/Reisezeit: Von Norden kommend folgt man der A 5 bis Karlsruhe oder Straßburg, steigt entweder in die nördlichen Vogesen bei Saverne ein oder beginnt im Süden bei Mulhouse. Von Mai bis Oktober (diese beiden sind die schönsten Monate) kann man die Region problemlos befahren. Manche Bergstraßen werden beim ersten Schnee im November geschlossen.

Übernachten: Entlang der Weinstraße finden sich Unterkünfte in allen Kategorien. Vorbuchen ist allenfalls zu den Reisestoßzeiten im Hochsommer oder den langen Wochenenden im Mai/Juni nötig. Als Basislager für Tagestouren bieten sich Kaysersberg oder Colmar an sowie im Norden Obernai oder Molsheim. Entlang der Route des Crêtes gibt es rustikale Pensionen.

Die besten Straßen: Der Autor empfiehlt: Col du Bramont von La Bresse zum Lac de Wildenstein, D 48 Munster–Orbey, Route des Crêtes vom Grand Ballon nach Cernay, D 42 von Bergheim zur Haute Koenigsbourg, Col de Fouchy, D 416 und D 11 von Ste-Marie über Aubure nach Fréland, rund um Le Hohwald.

Literatur/Karten/Adressen:

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