Motorradfahren in der Schweiz Motorradtour durch das Appenzellerland

Zugegeben, die Schweizer haben eine attraktive Flagge. Aber muss man die 14400 Quadratmeter groß und über eine Tonne schwer an einer Bergflanke aufhängen? Eine kurvenreiche Recherche durch den Osten der Schweiz auf dem Motorrad.

Foto: Eisenschink

Die Anfahrt per Fähre über den Bodensee von Meersburg nach Konstanz verläuft ziemlich trübe. Nichts zu sehen von der sonst beeindruckenden Alpenkette über dem schweizerischen Ufer. Am 1. August 2009 war die Sicht gut. Da müssen einige der Bewohner des schwäbischen Bodensee-Ufers ihre Augen ungläubig gerieben haben. War da doch drüben über dem See im Appenzell eine überdimensionale Schweizer Fahne zu sehen, die sich fast über eine gesamte Bergflanke erstreckte.

Wir wollen der Fata Morgana nachgehen. Lenken gleich nach dem Anlanden unsere beiden BMW 650 GS Richtung Schweiz, die sofort Flagge zeigt. Auch sprachlich. Von "Schwyzer Chäs-Fondue" lesen wir da auf der Weiterfahrt. Und von "Schoggi", "Herzli" und "Grüessli". Und immer wieder flattert das eidgenössische Kreuz auf rotem Grund in Gärten und an Hauswänden. Auch in Arbon mit seiner pittoresken Altstadt unweit des Bodensee-Ufers. Da tuckern wir kurz durch die Gassen und sehen ein wohl über fünf Quadratmeter großes Banner genau über unseren Köpfen quer über der Walhallastraße hängen.

Die Flaggen-Recherche ist nicht der einzige Grund, hier zu sein. Das Appenzell ist eine sagenhafte Entdeckerlandschaft für Kurvennaturen, weil die hügeligen Vorberge der Alpenketten ein Labyrinth an Straßen und Sträßchen beheimaten, die sich verschnörkelt durch eine grüne Landschaft winden. Die Straße von Rorschach nach Heiden ist so eine Buckelpiste für Motorradfahrer. Ein Winzling, den man in der Karte erst mit der Lupe suchen muss. Aber Straßen, auf denen zwei Autos kaum passieren können, sind im Appenzell keine Seltenheit. Also gleich weiter in diesem Stil und kurvig von Heiden rüber nach St. Gallen. Für die nächste Kurvenkombination müssen wir durch die Stadt, verfahren uns und landen am Roten Platz. Nein, nicht der in Moskau. Der in St. Gallen. Und der ist tatsächlich flächendeckend mit knallrotem Bodenbelag ausgelegt. Da können sich die Moskauer eine Scheibe mit dem Schweizer Messer abschneiden. Sogar einen rot eingekleideten Springbrunnen bieten die St. Galler. Fast ist man versucht, bei so viel Rot irgendwo am Boden das weiße Kreuz zu suchen. Aber keine Sorge, die Schweizer Flagge hängt wenige Kreuzungen weiter an einem Hauseck.

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Foto: Eisenschink

Dann haben wir die Abfahrt nach Trogen und Altstätten gefunden. Hier beginnt unsere Tour durch das nördliche Appenzell, die nur einen Zweck hat: möglichst alle Kurven auf diesen kleinen Straßen in eine Runde zu packen. Also über Heiden runter ins Rheintal, wieder hoch nach Heiden und über den herrlich gewundenen Ruppenpass erneut runter ins Rheintal. Schmale Straßen sind das, meist keine Leitplanke, keine Mittellinie. Dafür blühende Löwenzahnwiesen als Begrenzung. Der Tag neigt sich, und so geht es nochmals hoch ins Appenzell und flott über Gais und Teufen zurück nach St. Gallen.

Der nächste Tag ist ein besonderer im Appenzell. Geht doch nicht nur die Flagge auf das 15. Jahrhundert zurück, sondern auch ein alter Brauch der Ostschweizer Eidgenossen: die Landsgemeinde. Dabei werden unter freiem Himmel Bürgerentscheide über Gesetze direkt per Handheben getroffen. Viele männliche Stimmbürger tragen dabei noch den seit Generationen vererbten Degen. Die Frauen hatten bei dieser ältesten Form der direkten Demokratie das Nachsehen - bis zum 29. April 1990. Erst dann wurde im Kanton Appenzell Innerrhoden das Frauenwahlrecht wirksam.

Heute ist Tag der Landsgemeinde. In der Stadt Appenzell geht es nur noch zu Fuß weiter - und auch das mühsam. Alle Gassen der Stadt sind gerammelt voll. Unten die Menschen, über den Köpfen die Fahnen. Vorbei an Verkaufsständen mit Biberli, Chrempfli und anderen Leckerli bahnen wir uns den Weg zum Landsgemeinde-Platz und erleben die letzte Abstimmung. Dann strömen uns Degenträger entgegen. Fast ist man versucht, an den Griffen das bekannte Schweizer-Messer-Design zu suchen. Aber das markante Klappmesser wurde erst im 19. Jahrhundert zu einem Aushängeschild der wehrhaften Eidgenossen.

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Foto: Eisenschink

Das größte Aushängeschild der Appenzeller ist der Säntis. Der 2500 Meter hohe Grande des Doppelkantons ist von der Stadt Appenzell aus schon gut zu sehen. Eine Serpentinenstrecke windet sich hoch bis zur Schwägalp direkt am Fuß einer beeindruckenden 1000-Meter-Felswand. Was für eine Vorstellung, dass in dieser Wand die 120 mal 120 Meter große Mammutflagge hing. Selbst wenn wir das Ereignis um gut zwei Jahre verpasst haben, so ist doch allein die Vorstellung aufregend. An guten Wochenenden wird die Säntisalm von Hunderten Motorradfahrern frequentiert - dann ist der Parkplatz vor dem Berghotel voll. Wir brotzeiten auf der Terrasse der Schwägalp und legen den Kopf in den Nacken. In der ersten Reihe an einer Felswand zu sitzen, ist ein Erlebnis. Auch wenn gerade keine Fahne daran hängt.

Wir wollen weiter staunen und übernachten in der Schwägalp. Der nächste Morgen birgt eine Überraschung: Nachts hat es geschneit, alles weiß, die Straße glatt und der Himmel verhangen. Eigentlich wollten wir mit der Gondel auf den Säntis. Doch heute sehen wir lieber zu, dass wir unsere Maschinen vorsichtig einige Hundert Meter tiefer manövrieren, wo kein Schnee liegt. Schnell hat sich der bekannte Fahrspaß auf den schmalen Straßen des Appenzells eingestellt, und wir arbeiten uns über Wattwil und den Rickenpass Richtung Zürichsee vor. Wo östlich des Sees in Gommiswald ein Leckerli für jeden Oldtimer-Freund zu finden ist: die Garage von Bruno Rüegg. Bis zur Decke hat der bekannte Fahrzeugrestaurator seine geräumige Werkhalle mit zwei- und vierrädrigen Schätzli gefüllt.

"Diese 600er-Indian Scout von 1923 habe ich bei einem Bauern aus dem Dreck ausgegraben - einen Tag bevor der Alteisenhändler kam, odr?", erzählt Bruno Rüegg in kernigem Schwyzerdütsch. Und er will nicht aufhören, uns eine Rarität nach der anderen zu erklären. "Jetzt hab ich so richtig Zeit dafür", bekennt der glückliche Rentner, dessen Garage für jeden Interessierten offensteht. Glücklicherweise auch, wenn der Meister gerade an seinen Fahrzeugen schraubt. Und das tut er eigentlich jeden Tag zu fast jeder Stunde.

Wir wollen weiter. Entlang des Obersees, dem Ostteil des Zürichsees, kommen wir nach Rapperswil. Das architektonische Juwel in perfekter Seelage verführt schon von Weitem mit seinem markant über die Hausdächer ragenden Schloss zu einem Halt.

Foto: Eisenschink

Wir vertreten uns die Füße in der perfekt zwischen See und Burgberg platzierten Altstadt, erklimmen für einen Seeblick den Schlossberg und flanieren an der Seepromenade und am Hafen. Noch schnell einen Kaffee mit dem sagenhaften Panorama, dann ab zu den Bergen, die hinter der Kaffeetasse so verlockend über den See geschaut haben. Schnurgerade führt der Seedamm quer über den See nach Pfäffikon. Dort ragen die Berge schon vom Ufer hoch zum Etzelpass. Der ist kurviger Einstieg für eine Seentour durch die Ostschweiz, die über den Sihlsee zum Ägerisee und Zugersee und weiter zum Vierwaldstättersee führt. Hinter Schwyz dann wieder engste Kurvenstrecken: Über den Ibergeregg-Pass geht es nach Oberiberg und wieder zum Sihlsee. Ein weiterer See geht noch: Der lang gestreckte Walensee liegt tatsächlich wie ein gigantischer Meeressäuger zwischen den Bergwänden und bietet einmal mehr großes eidgenössisches Landschaftskino. An seinem Nordufer türmen sich in artiger Reihe die Churfirsten, deren Südflanken senkrecht in den See abfallen und für bei Seglern gefürchtete Fallwinde sorgen. Die je nach Zählung sechs bis 13 Churfirsten bilden die Appenzeller Alpen und sind ein Kletterparadies auch für weniger trainierte Kletterer, also durchreisende Motorradfahrer wie uns, die mal Alpinisten spielen wollen.

Als wir am Abend Liechtenstein erreichen und vom Rheintal die Berge des Alpsteins mit dem Säntis drüben im Appenzell sehen, können wir nicht so einfach nach Hause fahren. Wir müssen auf diesen Berg, erneut der Riesenflagge nachspüren. Jetzt noch mit der letzten Gondel? So, wie es am 30. Juli 2009 auch der Fahne erging: Mit ihren 1,2 Tonnen Gewicht wurde sie von der Säntisbahn hochgebracht und am nächsten Tag von Kletterern an Seilen auseinandergezogen. Das 80 000 Franken teure Spektakel zum Nationalfeiertag - mit zwei Risiken: Wolken und Wind. Das erste Risiko war schnell passé. Am 1. August gaben die Wolken den Blick frei, die Flagge war im gesamten Appenzellerland und bis über den Bodensee zu sehen. Aber das zweite Risiko! Ein wenig Luftbewegung reichte aus, und schon geschah es: Der edle Zwirn schabte am scharfkantigen Fels und riss am Abend von oben nach unten durch. Der eine Tag reichte aber immerhin aus, um mit der größten Schweizer Flagge - der zweitgrößten der Welt - einen Rekord zu setzen.

Foto: Eisenschink

Infos und Tourentipps

Reisedauer
4 Tage

Gefahrene Strecke
680 Kilometer

Anreise
A 7 über Ulm bis Memmingen, von dort entweder auf der A 96 nach Bregenz, in Österreich mit Vignette bis Dornbirn und über Lustenau in das östliche Appenzellerland. Oder von Friedrichshafen oder Meersburg vom nördlichen Ufer mit der Fähre über den Bodensee (www.bsb-online.com).

Reisezeit
Der Bodensee ist Wärmequelle der Region und ideal für einen Saisonstart schon im März. Aber das Appenzell steigt schnell auf über 1000 Meter hoch und ist oft erst ab April überall auf den Straßen schneefrei, reine Bergstrecken wie zum Säntis deutlich später. Im Herbst kann man meist bis in den Oktober in der Region touren.

Unterkunft
Ideal am Bodensee-Ufer gelegen: „Hotel Mozart“, Hauptstrasse 82, 9400 Rorschach/Schweiz, Telefon 00 41/7 18 44 47 47, www.mozart-rorschach.ch. Beliebter Motorradtreff und in erster Reihe am Säntis: „Berghotel“ Schwäg-alp, 9107 Schwägalp/Schweiz, Telefon 00 41/7 13 65 66 00, www.saentisbahn.ch. Modern wohnen in historischem Ambiente am Zürichsee: „Hotel Hirschen“, Fischmarktplatz 7, 8640 Rapperswil/Schweiz, Telefon 00 41/ 5 52 20 61 80, www.hirschen-rapperswil.ch. Schnell zu erreichen und ideal für eine Seenrunde südlich des Zürichsees: „Hotel Ramada“, Chaltenbodenstrasse 16, 8834 Schindellegi/Schweiz, Telefon 00 41/4 47 88 99 99, www.ramada-feusisberg.ch

Foto: Werel/Mairdumont

Sehenswert
Am Bodensee-Ufer sind Romanshorn, Arbon und Rorschach lohnende Stopps. St. Gallen ist mit seiner Stiftskirche und Stiftsbibliothek Weltkulturerbe. Frühstück auf dem Säntis, Sonnenaufgangs- oder Vollmondfahrt auf den Gipfel bietet die Schwebebahn Schwägalp-Säntis (www.saentisbahn.ch). Die Schwägalp mit ihrem Bergblick ist beliebter Motorradtreff. Das Restaurant „Schnuggebock“ in Teufen (Äussere Egg 977, www.waldegg.ch) ist gleichzeitig ein kleines Heimatmuseum. Ein großes Heimatmuseum ist in Urnäsch das sehenswerte Appenzeller Brauchtumsmuseum (www.museum-urnaesch.ch). Alles über den berühmten Appenzeller erfährt man in der Alpschaukäserei Schwägalp oder der Appenzeller Schaukäserei in Stein (www.schaukaeserei.ch). Oldtimer-Restaurator Bruno Rüegg findet man in der Kaltbrunnerstrasse in Gommiswald (www.rueegg-oldtimer.ch).

Literatur

„Schweiz mit Liechtenstein“ von Neuenschwander/Schneider, Reise Know-How Verlag, 24,90 Euro. INFOS: Schweiz-Tourismus, Gratis-Info-Telefon 0 08 00/10 02 00 30, www.myswitzerland.com. Infos über die Regionen auch bei Appenzellerland-Tourismus in Heiden (www.appenzellerland.ch), Zürichsee-Tourismus in Rapperswil (www.zuerichsee.ch) oder St. Gallen-Bodensee Tourismus in St. Gallen (www.st.gallen-bodensee.ch).

Karte
Die Generalkarte Schweiz, Östlicher Teil/Zentralschweiz, 1:200 000, Marco Polo, 8,50 Euro.

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