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Unterwegs: Best of Piemont mit dem Motorrad Von Colle della Maddalena bis zum Colle dell´Agnello

Das Piemont gehört zum Besten, was die Alpen und Italien zu bieten haben. Straßen und Pisten aus dem Bilderbuch, urwüchsige Dörfer, hervorragende Küche. Prädikat: unbedingt erfahrenswert.

Wenn Sie jetzt, genau jetzt, sagen müssten, wo man im Spätherbst noch gut für eine Woche hinfahren könnte, was würden Sie sagen? Spanien? Nein, nein, für eine Woche zu weit weg. Dolomiten? Och, nicht schon wieder. Mosel? Jetzt reichts aber! Oktober, November, der ganze Wintermist wartet vor der Haustür - und dann zur Mosel? Nein, das müssen wir anders angehen. Was tun Sie eigentlich, wenn Ihnen nichts einfällt? Ich bin in den Supermarkt gegangen. Nicht in der Hoffnung auf eine Eingebung, sondern weil ich dringend eine Luftver-änderung brauchte.

Vom Glotzen auf die trübe Wolkenbrühe vor meinem Küchenfenster brummte mir der Kopf wie eine schlecht eingestellte Königswellen-Ducati. An der Kasse passierte es dann, eine Rentnerin drängelte an der Schlange vorbei zur Kassiererin: "Tschuldigung, ham Sie schon Mong Scherie?" Da fiel es mir wie Schoko-riegel aus der Packung: Piemontkirsche! Gerade war ich an der Kasse vorbei, da hing ich auch schon am Handy: "Thierry, was ist mit Piemont? Bist du dabei? Und Raoul?"

Eine Woche herbstliche, aber noch wärmende Sonne für büro- und neongebleichte Körper sollte es werden … Zwei Zelte ducken sich bei zarten minus fünf Grad unter der 2800 Meter hohen Felsorgel des Rocca la Meia. Der Reißverschluss des Zeltes knirscht in der Kälte, und eine Prise Eiskristalle bläst mir ins Gesicht. Es ist schon hell, aber die Sonne wird noch eine Stunde brauchen, bis ein wärmender Strahl die weiß verkrusteten Zeltwände auftaut. Im Windschatten der 800er und der Adventure versucht Thierry, dem Kocher eine dauerhafte Flamme für den Kaffee abzuringen.


Raoul hat sich bis über die Ohren vermummt, und ich versuche so zu tun, als ob mir nicht kalt sei. Nur mühsam kann ich den Gedanken an den Grund unseres Hierseins verdrängen. Die Oma im Supermarkt Auf dem Weg ins Valle Maira räuchern Holzfeuer die Luft mild. Der nahende Herbst lässt sich auch hier nicht wegdiskutieren, aber er ist noch lange nicht so garstig wie nördlich der Alpen. Außerdem kramt die Sonne gerade ein paar wärmende Strahlenbündel hervor und macht die vergangene Nacht vergessen. Stachelige Kastanien kugeln unbeholfen über den Asphalt. Ziegen trollen sich von der Straße, Erntemaschinen schaufeln durch die Felder.

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Foto: Schäfer

Wir sind auf dem Weg nach Alba, der Heimat der mit Branntwein gefüllten Praline, die uns ins Piemont gebracht hat. Noch ist die Stadtgrenze nicht erreicht, da dringt der wohlbekannte Duft von Deutschlands meistverkauftem Nuss-Nougat-Brotaufstrich in den Helm. Keine Frage, Ferrero ist eine der wenigen Firmen, die man auch ohne Wegweiser findet: immer der Nase nach. Die Ankunft im Epizentrum der Schokoladenproduktion sorgt bei uns für lange Gesichter.

Statt eines märchenhaften Confiserie-Châteaus prangt hinter einem verödeten Parkplatz ein mausgrauer Industriekomplex, der auch Strumpfhosen oder Bremsbeläge herstellen könnte. Da wir schon mal hier sind, wollen wir wenigstens eine Führung durch das Haselnuss-Nougat-Piemontkirschen-Paradies machen. Aber der Petrus dieses Paradieses hat mit uns kein Einsehen. Führungen gibt´s nicht, basta! Für Michele Ferrero, den Chef der zweiten Generation, muss die größte Schoko- ladenfabrik Europas auch nicht schön sein.

Als geschätzt reichster Mann Italiens wohnt er ohnehin lieber in Monte Carlo als in Alba. Sein Vater Pietro hatte 1940 die Frühstückscreme erfunden, Michele machte sie dann weltbekannt. Aus der Konditorei von Pietro wurde ein Konzern. Allein dessen Werbe-etat beläuft sich auf mehr als das Zehnfache von dem, was Bayern München im vergangenen Jahr an Gewinn eingefahren hat. Ein Foto als Andenken unserer Reise zur Heimat von Mon Chéri ist schnell geknipst.

Wir satteln gerade auf, als eine Gruppe Kinder das Werkstor bei Petrus verlässt. Die Kleinen sind mit prallen Plastiktüten beladen, durch die sich Micheles Produktpalette abzeichnet. Dabei hatte Petrus doch eben noch behauptet, es gäbe keine Führungen. Die jetzt doppelte Enttäuschung macht sich in einem grimmigen Schwur eines bekennenden Frühstücksjunkies Luft: Wenn ich wieder zu Hause bin, kaufe ich nur noch Nusspli!

Als wollte uns das Schicksal wieder versöhnen, wartet vor den Toren Albas ein Trostpflaster, wie es besser kaum sein könnte. Die Langhe-Panorama-Straße in Richtung Ceva. In zügigen Kurven mit dem Grip eines Lakritz, das zwischen den Backenzähnen klebt, weicht die gerade noch missvergnügliche Stimmung einer regelrechten Euphorie. Die sportliche Fahrweise müssen wir noch um eine sportliche Sichtweise ergänzen.

Weil die Strecke fast ununterbrochen auf einem Berggrat über weiten Tälern verläuft, geht der Blick wie beim Tennisspiel, links-rechts, links-rechts, links-rechts. Aufschlag links, Advantage rechts. In Ceva haben wir Spiel, Satz und Sieg abgeräumt. Aber ein paar Stunden Sonnenlicht hat der Tag noch im Köcher. Einmal gut warm gefahren lassen wir die Reifen auch im Tanarotal nicht kalt werden. Das Ende des Piemont vor Ligurien, besser gesagt der Colle di Termini, ist unser heutiges Ziel.

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In Ormea zweigen wir auf eine Piste ab, die stramm aufwärts führt. Alle paar Hundert Meter biegen Wege von der Hauptroute ab. Mit ein wenig Instinkt und noch mehr Glück verhaspeln wir uns kein Mal, bis wir die Passhöhe in einer kleinen Staubfontäne erreichen. Die jetzt abendliche Stimmung ist eine Wucht. Ein Ozean aus Wolken drückt vom Mittelmeer gegen die Berge Liguriens. Wir stehen mit den Motorrädern weit oberhalb. Die Sonne tropft gerade hinter die See-alpen und macht aus den weit entfernten Gipfeln einen Scherenschnitt der Giganten. Thierry ist auf eine Kuppe gelaufen und schrumpft in dieser Landschaft auf Zwergenmaß.

Stunden später, mitten in der Nacht, sind wir plötzlich nicht mehr alleine hier oben. Die Motorengeräusche mehrerer Pkws wecken uns auf. Geblendet von Scheinwerfern und Taschenlampen robben wir aus den Zelten. "Polizia!" Haben wir etwas Verbotenes getan? Die Herren fanden vor einigen Tagen mehrere Spritzen an unse- rem Schlafplatz und wähnten Junkies hier oben. Aber das einzige Dope, über das wir verfügen, ist eine Schachtel Mon Chéri.

Ein Frustkauf in Alba. Von den vielen rosa Päckchen ist gerade mal eines übrig geblieben. Am nächsten Morgen fahren wir die von der Pistensektion grau gewordenen Reifenflanken auf dem Weg nach Mondovi wieder schwarz. Der Seitenständer der Achthunderter muss sich von überschüssigem Metall trennen. Hinter Elva wabern Wolkenfetzen über die Straße, bis wir auf dem Colle di Sampeyre mehr nach Gehör als auf Sicht fahren. Zur etwas angespannten Fahrweise tragen mehrere Kühe bei, die sich im dichten Nebel als mobile Hindernisse präsentieren.

Kühe, Ziegen, Schafe, sie alle könnten quadratkilometerweise Auslauf über die benachbarten Wiesen haben. Aber Nebel oder nicht, diese Viecher chillen immer am oder auf dem Asphalt.

Da wir gerade bei Tieren sind: Einer der skurrilsten Alpenpässe ist der Colle dell´ Agnello. Nicht breiter als eine Kuhhaut, aber zappelig wie ein Lämmerschwanz wuselt er zur französischen Grenze hinauf. Kurz hinter Casteldelfino taucht die Straße in einen matten Nebel ein. Im Rückspiegel kann ich die Scheinwerfer von Thierrys GS nur noch als Funzeln erkennen.

Der novemberliche Anflug auf den Flughafen von Frankfurt am Main wird sich nicht anders anfühlen. Aber eine Kehre unterhalb der Passhöhe reißt der Wolkenbrei endlich auf: Halleluja! Wie von einer Kanzel übersehen wir das abendklare Frankreich und die von der Sonne rot angeleuchteten Nebel über dem Piemont. Hat sichs gelohnt? Thierry lacht und deutet über die Bergkämme: "Guck dir das an!" Auf der Suche nach einem Paar Ohrstopfen taste ich durch meine Jacken-tasche. Da ertasten die Finger ein hartes Klötzchen. Ich zupfe es hervor. Das letzte Mon Chéri. Ach ja, fast hätte ichs vergessen: Die Piemontkirsche gibts gar nicht. Sie ist nur eine Erfindung von Werbestrategen.

Toureninfos

Anreise/Reisezeit
Das Piemont liegt an der Grenze Italiens zu Frankreich und ist vom nahen Mittelmeer nur durch den schmalen Streifen Ligurien getrennt. Ausgangspunkt der Reise ist der Col de Larche/Colle della Maddalena (1991 m) exakt auf der französisch-italienischen Grenzlinie. Ab Düsseldorf dreht sich der Kilometerzähler 1100, ab Berlin 1350 und ab München 780 Kilometer weiter.

Beim Transit durch die Schweiz oder Österreich müssen Autobahnvignetten erstanden werden, in Frankreich und Italien fällt auf den Highways Maut an. Mit ausreichend Zeit im Gepäck lassen sich An- und Abreise mit anderen alpinen Highlights, z.B. der Route des Grandes Alpes (www.grande-traversee-alpes.com), verknüpfen. Eilige oder Komfortsuchende werden mit dem Autozug bis an den Rand des Reisegebiets, nach Alessandria gebracht.

Die Strecke: Die Distanz vom Colle della Maddalena zum Colle di Termini und zurück zum Colle dell´Agnello beträgt rund 500 km.

Man kann die Runde komplett auf Asphalt befahren, die Schotterpassagen sind keine zwingenden Elemente. Weil die Route - auch ohne die Offroad-Einlagen - über zum Teil kleinste Straßen führt, muss der Reiseschnitt recht niedrig angesetzt werden. Selbst wenn man die alpinen Pisten beiseite lässt, sind schon die asphaltierten Straßen anspruchsvoll.

Der gut geteerte Colle dell´Agnello (2774 m) schlägt wie der Colle d´Esischie und der Colle di Sampeyre auf Denzels Skala schon mit Schwierigkeitsgrad zwei bis drei zu Buche. Die Offroad-Etappen zum Rocca la Meia und Colle di Termini verlangen nach gröber profilierten Reifen. Mit ausreichender Erfahrung können auch schwere Reiseenduros auf den zum Teil gerölligen Pisten bewegt werden. Der Lohn sind Ausblicke, die zum Besten gehören, was die Alpen zu bieten haben.

Übernachten
Noch auf der französischen Seite des Colle dell´ Agnello, in Saint-Véran, waren wir in der rustikalen Herberge "L´Estoilies" von Monique und Olivier Weber zu Gast (www.estoilies.com). Die Doppelzimmer im familiär geführten Haus beginnen bei 22 Euro pro Person. Vor der Felswand des Rocca la Meia und am Colle di Termini haben wir die Zelte gleich neben der Piste aufgebaut.

Aktivitäten
Die hervorragende Küche Italiens hat im Piemont ihre ganz besonderen Ableger. Alba ist für seine Trüffeln berühmt, und die frischen Kastanien schmecken in Cuneo besonders gut. Die Reben für Barolo und Barbera wachsen im Piemont. Asti bietet sich für die Verkostung guter Tropfen an. In der einmaligen Bergwelt des Piemont bieten Trekking- oder Mountainbiketouren erfrischende Abwechslung.

Mountainbikes kann man zum Beispiel über die Touristeninformation des Valle Maira mieten: iatvallemaira@virgilio.it

Foto: Claudia Werel/MAIRDUMONT

Karten
Marco Polo, Italien 1, Piemont - Aostatal im Maßstab 1:200 000, reicht für alles, was man auf dieser Reise an Orientierung benötigt. ISBN 3829740190, 8,50 Euro.
Reisedauer: 5 Tage

Gefahrene Strecke
520 Kilometer

Karte
Claudia Werel/MAIRDUMONT

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