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Unterwegs: Frankreich - Auvergne Unterwegs in Frankreichs Auvergne

Wie ein Lavastrom überziehen kurvige Motorradsträßchen die Auvergne, eine durch erloschene Vulkane geprägte Region im Zentrum Frankreichs. Wir zeigen die zehn besten Strecken.

Och, eigentlich hat ja schon die Anfahrt höllisch Spaß gemacht, grinst Daniel, als wir wieder mal versuchen, eine Kandidatin unserer Top-Ten der besten Motorradstrecken durch die Auvergne ins enge Punktekorsett zu zwängen. Die Qual der Wahl.

Ein Blick auf die mit spaghettikringeligen Sträßchen gespickte Karte reicht um zu wissen: alles im grünen Bereich! Egal, wohin du fährst - Spaß ist garantiert. Und damit natürlich auch Schweiß bei der Vorauswahl von möglichst kurvigen Titelaspiranten... Dass sich manche Verbindungsetappe dann als mindestens genauso attraktiv entpuppt wie die eine oder andere der zehn Kandidatinnen selbst, tja, c‘est la vie.

Zentraler Standort für die Erkundung der nördlichen Auvergne ist le Mont-Dore. Das den verblichenen Charme der Belle Epoque verströmende Thermalbad liegt am Fuße des Puy de Sancy, mit 1885 Metern höchster Berg der Region. So schroff der Puy, so zackig unsere erste Piste, die D 36 über den Col de la Croix St.Robert nach Besse-et-St-Anastaise. Thermalkur für Kühlwasser, Motoröl und Reifen. Besonders auf jenem ausgebauten, durch Doppelleitplanken statt Stacheldrahtzäunen gesicherten Abschnitt, wo der Course de côte internationale du Mont-Dore stattfindet, ein alljährlich Anfang August ausgetragenes Bergrennen. Den Rest des Jahres dominieren hier oben die stillen Momente, plätschert allenfalls ein Bach vor sich hin, oder der einheimische Africa-Twin-Treiber macht seiner Sozia eine Liebeserklärung bei der Fahrt in den Sonnenuntergang. Da gegen 21.30 Uhr in le Mont-Dore nur noch die Pizzeria Don Camillo geöffnet hat, fällt die Wahl des besten Restaurants leicht. Die Ergebnisse unserer Streckenwertung finden sich übrigens am Ende dieser Geschichte.

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Foto: Daams
An der Strecke Nummer zwei: mittelalterliches Montpeyroux.
An der Strecke Nummer zwei: mittelalterliches Montpeyroux.

Um die Unterstützung einer ortskundigen Jurorin bei DSDAS - Deutschland sucht den Auvergne Superstar - einzuholen, sind wir in Montpeyroux mit der Tourismus-Beauftragten Vanessa Michy zum Mittagessen verabredet. Selbst wenn der gemeine Genussbiker auf der Karte rot eingezeichnete Straßen meist meidet: die D 996, unsere zweite Kandidatin, wird er mögen. Zunächst führt sie als Achterbahn zum Col de la Croix Morand, danach lohnen Blicke auch über den gewundenen Asphalt hinaus. Etwa zu jenem Vulkankegel, der wie ein grünes Dromedar in der Landschaft liegt, besiedelt von kletterkundigen Kühen, die als "Parasiten auf seinem Höcker weiden. Oder zum Badesee Lac Chambon, zur Festung von Murol und zur romanischen Kirche des Käsestädtchens St. Nectaire. Die Krönung ist dann zweifellos (das letzte Stück über die D 229) das mittelalterliche Montpeyroux, durch dessen Gassen wir steil bergan zum Festungsturm und dem Restaurant "Le Donjon zirkeln, Treffpunkt mit der quirligen Vanessa. Vollgestopft mit Infos - und mit Truffade, einer deftigen Käse-Kartoffel-Pfanne, die speziell Journalisten immer wieder energisch aufs Auge respektive in den Magen gedrückt wird - fahren wir zwei Stunden später weiter.

Entlockt die Strecke von Job über den Col des Supeyres nach St-Anthème, dank Vanessas Empfehlung kurzfristig in den Kreis der Top-Ten aufgenommen, dem verwöhnten Kurvengourmet eher ein "na ja, so heißt es wenig später am Col des Pradeaux auf der D 996 nach Ambert (außer Konkurrenz) "oh là là.

"Nee wie schade! Die Straße hoch zum Puy de Dôme ist seit etwa zwei Jahren für Kraftfahrzeuge gesperrt und damit der prominenteste Vulkangipfel der Auvergne, von wo aus man den anderen kegeligen Gesellen prima auf die markanten Häupter spucken kann, nur noch per pedes, Shuttle-Bus oder Rad zu erreichen. Alles nichts für uns heute, sodass Kandidatin vier, die Runde um den Puy de Dôme, ihres größten Reizes beraubt ist und schwer gehandicapt ins Rennen geht. Der Col (eher ein Cölchen) de Ceyssat sowie die Dörfer Champille, Ternant und Orcines markieren den Kurs. Für Abwechslung unterwegs sorgen, je nach Geschmack, die meditative Betrachtung des Puy de Pariou, der Besuch des Freizeitparks Vulcania oder die lustvolle Verproviantierung in der Boulangerie und Patisserie Lastique in La-Font-de-l‘Arbre. Das Vergnügen, auf der nahegelegenen Rennstrecke Charade eine Runde zu drehen, ist mit Motorrädern leider nicht möglich.

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Foto: Daams
Kunsthandweerk in Tauves, was an Strecke Nummer fünf liegt.
Kunsthandweerk in Tauves, was an Strecke Nummer fünf liegt.

Wer die Auvergne-Karte auf der Suche nach appetitlichen Strecken studiert, entdeckt neben Cols und Puys auch diverse Gorges, wild geschlängelte Schluchten, die zu den kühnsten Träumen Anlass geben. Zwei davon wollen wir als Nummer fünf und sechs der Liste näher inspizieren, die Gorges d‘Avèze zwischen Bourg-Lastic und Tauves sowie die Gorges de Courgoul zwischen Moulin Neuf und Compains. Doch statt atemberaubender Ausblicke auf tief unterhalb der Straße gurgelndes Wasser zu genießen, rauscht man meist selbst, entweder durch kühlen Wald oder durch die pastorale Abgeschiedenheit von Feldern und Wiesen. Die Ruhe vor dem Sturm. Im hübschen Tauves ein grand crème in der Bar La Belle Epoque, in Compains an dem von Drachentöter Georg bewachten Dorfbrunnen frisches Wasser für Daniels Camelbak - und dann Abflug ins 80 Kilometer entfernte Salers, unser heutiges Etappenziel und Headquarter für die südliche Auvergne.

Wie die Motorräder sind auch die Gedanken beschwingt unterwegs. Und landen bei der Hochzeit zu Kanaan, wo laut Johannes-Evangelium Jesus Wasser in Wein verwandelt hat. Was das mit dieser Geschichte zu tun hat? Nun, nichts gegen die bisherigen Strecken im Norden, aber irgendwie wirken Landschaft und Straßenverlauf jetzt zunehmend "süffiger. Und dass das pittoreske Salers mit seinem Ensemble aus Lavasteinhäusern zu einem der schönsten Dörfer Frankreichs zählt, stimmt Testerseelen ebenfalls alles andere als traurig. Wohl denen, die Zimmer reserviert haben und abends nicht weiterziehen müssen.

Eine in der Sonne leuchtende, blau-weiß-grüne Schildertafel weist den Weg zu Testkandidatin sieben, Col de Neronne und Col du Pas de Peyrol. Rote Verbotszeichen sperren LKW, Wohnwagen und andere rollende Hindernisse aus. Apropos: Gravillon, fieser Rollsplitt, der auf dem graumelierten Asphalt kaum zu erkennen ist, bremst in der Auvergne oft allzu ungestümen Vorwärtsdrang. Im ersten Abschnitt schmal und mit passing-places wie in Schottland, hangelt sich das Sträßchen hoch zum Col de Neronne - die Panoramen sind eine Wonne -, geht dann für eine Weile auf Talfahrt und erklimmt schließlich, unter Zuhilfenahme einer der wenigen Serpentinen dieser Tour, den Col du Pas de Peyrol.

So verführerisch es ist, sich auf der Passhöhe gleich unterhalb des Puy Mary an einem der Terrassentische häuslich niederzulassen: Mit Kurs Nordost düsen wir gleich weiter ins einsame, nahezu baumlose Cezallier, wo bereits als Schönheit vom Lande Kandidatin acht auf uns wartet, die Runde um den Col de la Pierre Plantee. Start wie auch Ziel ist Boutaresse, dazwischen liegt in Ardes eine Mittagspause im Restaurant Chez Chantal - neue Männer braucht das Land -, ein Abstecher hoch zum Col de la Pierre Plantee - ist hier vor uns schon jemals wer gewesen? - sowie als Zugabe der auf der Karte nicht eingezeichnetet Col de Vestizoux. Unübersehbar dagegen die schwarzen Striche der Reifen, denen man auf den extrem rauen Straßen beim Verschleißen förmlich zusehen kann.

Foto: Daams
Strecke Nummer neun: kurz hinter dem Col du Pas de Peyrol.
Strecke Nummer neun: kurz hinter dem Col du Pas de Peyrol.

Auf einer wieder mal begeisternden Verbindungsetappe treiben wir die Maschinen via Vallée de Cheylade und Col de Serre zurück zum Pas de Peyrol, um von dort im Sturzflug durchzustarten zur Nummer neun auf unserer Liste, der Strecke hinab ins Vallée de la Jordanne mit anschließender Auffahrt zum Col du Perthus. Tak, tak, tak, tak. Ganze Salven von Gravillon, zentimeterdick und flächendeckend gestreut, prasseln auf der letzten Sektion gegen die schutzlosen Unterseiten der Motorräder, sodass diese Kandidatin eigentlich disqualifiziert werden müsste. Aber wer will sich darüber schon lange echauffieren, spätestens beim Absacker auf der mondbeschienenen Place Tyssandierd‘Escous von Salers ist aller Ärger hoffentlich verflogen.

Zum Abschluss fehlt nur noch die Zehnte im Bunde. Das sollte eigentlich die Route des Crêtes nach Aurillac sein, doch eine Invasion grauer Wolken lässt uns umdisponieren und den zwischen Col de Neronne und Trizac liegenden Col d‘Aulac ansteuern. So grandios bei klarer Sicht auf dieser Strecke die Eindrücke sein mögen, im nebeligen Dunst müssen sie verblassen. Das kann aber das Fazit nicht verwässern: Die Auvergne steht nicht nur im Alphabet ganz weit oben - ob mit oder ohne objektiv subjektiver Punktewertung.

Zeichnung: Archiv

Infos

Die Auvergne ist eine durch Vulkanketten gekennzeichnete Region südlich von Clermont-Ferrand im Zentrum Frankreichs. Motorradfahrer verwöhnt sie mit einer Fülle verschlungener, wenig frequentierter Strecken.

Anreise:
Das Städtchen le Mont-Dore, Startpunkt der vorliegenden Tour, erreicht man am schnellsten über die Autobahn. Von Dortmund beispielsweise sind es via Luxemburg, Nancy und Dijon etwa 970 Kilometer; ab Chalon Süd geht es über Landstraßen ans Ziel.

Unterkunft:
Für eine genussvolle Erkundung der Auvergne in gepäckfreien Tagesetappen empfiehlt sich ein zentraler Standort. In Le Mont-Dore liegt das Hotel Le Puy Ferrand, Telefon 0033-473651899, www.hotel-puy-ferrand.com, Halbpension ab 60 Euro. Mit mittelalterlichem Charme punktet in Salers das Hotel Saluces, Telefon 0033-471407082, www.hotel-salers.fr, Zimmer ab 65 Euro. Einen guten Eindruck macht auch das Hotel Bellevue bei Murol, Telefon 0033-473886106, www.lachotelbellevue.com, EZ ab 29 Euro. Noch als Geheimtipp gehandelt wird die inmitten von unberührter Natur am Lac du Pêcher bei Chavagnac versteckte Ecolodge, Telefon 0033-471208309, www.ecolodge-france.com, EZ mit Frühstück ab 82 Euro. Wer Camping liebt, wählt in St-Bonnet-prè-Orcival die familiäre Anlage Camping de la Haute Sioule, Telefon 0033-473658332, www.camping-auvergne.info, Zelt mit zwei Personen und Motorrad 15 Euro.

Foto: Daams
Zu guter letzt der Überblick der Strecken in der Auvergne.
Zu guter letzt der Überblick der Strecken in der Auvergne.

Literatur und Karten:
Wissenswertes zu Land und Leuten liefern "Auvergne, Berry" aus der Reihe der Grünen Reiseführer von Michelin für 19,90 Euro sowie "Auvergne, Cevennen, Massif Central" vom Reise Know-How Verlag Rump für 19,50 Euro. Bei der Suche nach optimalen Strecken hilfreich sind Michelins Blätter 326 und 330, jeweils Maßstab 1:150000 und für 4,50 Euro vor Ort erhältlich. Gut auch die - endlich mal reißfeste - Karte 522 von Michelin im Maßstab 1:200000 für 6,65 Euro.

Adressen:
Atout France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt/Main, Tel. 0900-1570025 (0,49 Euro/Min), www.franceguide.com. 20 speziell für Motorradfahrer ausgearbeitete Routen finden sich unter auvergne-moto.fr.

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