Unterwegs auf einer Idyllischen Straße Rundkurs im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald

Eine Idee für die ersten Ausfahrten im Frühling: die Idyllische Straße, ein 130 Kilometer langer Rundkurs im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald. Kurz genug zum Einfahren nach langer Pause, lang genug für die Frage, was denn eigentlich "idyllisch" für die Menschen bedeutet. Wir hätten da ein paar Antworten parat.

Foto: Biebricher

Beschaulich, ländlich, friedlich, einfach - so umschreibt der Duden den Begriff idyllisch. Und ist es nicht genau das, worauf wir bei den kleinen Fluchten aus dem Alltag abfahren? Raus aus der Stadt, ab aufs Land. Harmonie statt Hektik. Weg mit Stau und Stress, her mit der Muße. Genau deswegen probieren wir die Idyllische Straße. Welche Straße sonst soll die Erfüllung all dieser Wünsche und Sehnsüchte versprechen?

Schon der Start ist purer Genuss. Langsam bahnt sich der Löffel seine Spur durch die cremige Landschaft eines köstlichen Kiwi-bechers, daneben wie frisch gefallener Schnee die duftige Haube eines Cappuccinos. Wir sitzen im Zentrum von Welzheim unter den Sonnenschirmen des Eiscafés „Garda“. Die temperamentvolle Inhaberin Elide Badin (41) beantwortet die zugegeben etwas überfall-artige Frage, was denn für sie Idylle bedeute, spontan mit: „Gefühl, Amore, Wald, Romantik, Harmonie, Fröhlichkeit.“ Und auch wenn an dem strategisch günstig gelegenen Gottlob-Bauknecht-Platz, wo in regelmäßigen Abständen zum Beispiel eine Cagiva Elefant vorbei-trompetet, kaum Langeweile aufkommt, hat mein Begleiter Benni recht: „Es heißt doch Idyllische Straße, nicht Idyllische Ortschaft!“ Also „Ciao Welzheim!“, übrigens alte Limesstadt mit picobello restauriertem Römerkastell, und auf zum Ebnisee.

Der auf ein paar schwungvollen Bögen durch den Wald erreichbare Stausee, einst für die Flößerei angelegt, ist beliebter Motorradtreff. Interessanter als die Armada von Tretbooten sind deshalb die Geräte, die sich mittels hurtiger Hubkolben bewegen lassen. Etwa die knatschgrüne GSX-R 1100 mit Krüger-Junginger-Einarmschwinge von Martin Hütter. Der 26-jährige Metallbauer, der an der Suzi alle GFK- und Karbonteile in Eigenbau hergestellt hat, lacht: „Idyllisch ist, wenn ich mich abends nach dem Geschäft aufs Motorrad setzen und gemütlich mit meiner Freundin an den Ebnisee fahren kann, um mich zu entspannen.“ Ähnlich relaxt die Einstellung von Joe Ortelt (48). Der Lagerist - man nennt ihn auch „den Indianer“ - sieht aus, als spiele er in einem Western mit, und lässt die Pferdchen seiner aufgehübschten 883 Hugger am liebsten gemächlich traben. „Ich will von meiner Umwelt auch etwas wahrnehmen. Idyllisch ist die Natur, wie Gott sie geschaffen hat; oder wie das Universum sie uns zur Verfügung gestellt hat, um das Hiersein genießen zu dürfen."

Dank eines Übernachtungstipps von Juniorchefin Silvia, die zusammen mit ihrer Mutter den Kiosk Wörner am Ebnisee betreibt, klingt der Abend bei schmackhaftem Rehbraten nebst einiger Hopfenkaltschalen angenehmst aus. Im Flur des Gasthauses ein vergilbtes Schild: „Und drückt der Alltag mit Kummer und Plage, denk an die schönen Urlaubstage.“ Knallhartes Kontrastprogramm dann im Frühstücksfernsehen: Im nur 40 Kilometer entfernten Stuttgart demonstrieren immer noch Tausende gegen die „Tieferlegung“ des Bahnhofs. Noch mehr „Unidylle“ fand ebenfalls ganz in der Nähe statt: der Amoklauf von Winnenden, trauriges Beispiel dafür, dass eine gewaltfreie Welt wohl Utopie ist. Aber jetzt Schluss mit „the dark side of life“, zurück auf die Idyllische Straße.

Eine Umleitung führt auf schmalem Geläuf über Spatzenhof und Rotenmad nach Nonnenmühle. Am liebsten möchte man sie knuddeln, die Landschaft, die sich hier sehr puppenstubig gibt. Aber tut man das als Lenker einer Wide Glide, auf den Lippen vielleicht ein „born to be wild“? Auf den Streuobstwiesen werden sich demnächst die Äste biegen wie Turnvater Jahn bei der Rumpfbeuge, werden die Felder bald tragen. Kartoffeln gibt’s bei Bauer Heinrich, wer Benzin braucht, steht an der Tanke statt neben einem Golf schon mal neben einem Güldner, der bereits vor 50 Jahren wacker über den Acker getreckert ist.

Fast ein Kulturschock dann Murrhardt. Ein Moloch! 15000 Einwohner zählt das Städtchen - schnell weiter nach Sulzbach. Die Straße jetzt deutlich breiter, die Tachonadel keck bei 120. Und die Idylle? Biegt hinter Spiegelberg rechts ab und saust auf vier kurvigen Kilometern durch den Wald bergan bis Vorderbüchelberg.

Ein Harleyluja für mehr Bodenfreiheit. Für einen Stopp im Gasthof Ritter ist es noch zu früh, also durchstarten nach Wüstenrot. Schaffe, schaffe, Häusle baue (und net nach de Mädle schaue). Oder doch lieber: Hubraum statt Wohnraum? Vor der Kirche in Wüstenrot treffen wir Frank Trübendörfer. Der smarte 26-Jährige, Fachmann für Versicherungen und Bausparverträge, ist ein geschulter Redner und referiert aus dem Stegreif: „Idyllisch bedeutet für mich: kein Tourismus, kein Schwerverkehr, eine Landschaft mit Sensationen und Attraktionen, kleinen Dörfern und Cafés fernab der Stadt.“

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Foto: Daams

Auch wenn eine Lage abseits industrieller Ballungszentren heute zunehmend attraktiv erscheint: Oft war - und ist - sie nicht unbedingt Garant für Wohlstand. So nannte man die Gegend rund um Murrhardt früher Klämmerlesgäu, weil die Menschen ihren kargen Lebensunterhalt mit dem Anfertigen und Verhökern von Wäscheklammern verdienten. Da hat es Bernd Sturm in Großerlach-Böhringsweiler doch deutlich besser getroffen. Wie die abgetrennten Köpfe von Aliens sehen sie aus, die bunten Motorradtanks, die der 56-jährige Airbrushkünstler quasi als Visitenkarte auf seinem Jägerzaun gespießt hat. Schnell sind wir im Gespräch und hören, was Bernd unter Idylle versteht: „Schön ruhig dahingleiten und abspannen, ohne ständig in den Rückspiegel zu gucken: Wer drängelt da schon wieder, muss ich schneller fahren?“ Was man von Böhringsweiler vielleicht sonst noch wissen muss: Drei Häuser, sechs Einwohner, elf Hunde, drei Pferde und zwei Hängebauchschweine zählt das Nest, in dem altersschwache Kreaturen übrigens in einer Art Tierhospiz aufopferungsvoll betreut werden.

Zum alten Eisen respektive Holz gehört das Wasserrad in Oberrot-Hammerschmiede. Rost und morsche Bretter - eine Säge treibt das Rad schon lange nicht mehr an. Noch ein paar Jährchen beschieden ist aber hoffentlich gleich nebenan der Gaststätte von Anni und Richard Süpple, wo es sich prima pausieren lässt. Dabei kann den Geschichten der Wirtin genauso gelauscht werden wie dem an- und abschwellenden Sound vorbeikachelnder Lokalmatadore, deren Druckwellen das fragile Ensemble möglicherweise doch vorzeitig zum Einsturz bringen.

Vorbei an Gaildorf, Standort der Ventiltriebsproduktion von Mahle sowie Heimat des für seine internationalen Motocross-Rennen bekannten Gaildorfer MSC, gleitet die Wide Glide auf meist gut ausgebauter Strecke nach Untergröningen. Dort am Brauereigasthof „Zum Lamm“ - Schaukurve direkt vor den rustikalen Holztischen an der Bürgersteigkante - rechts ab Richtung Leinzell.

Die Idyllische Straße macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre, hoppelt wie ein Feldhase hakenschlagend durch ein lieblich gewelltes Wald-und-Wiesen-Meer zur Frickenhofer Höhe. Der 310-Kilo-Brocken aus Milwaukee natürlich immer hinterher.

Übermütig tanzt der schmale 21-Zöller auf geflicktem Parkett. Mit leichtem Kribbeln schleifen die Stiefelabsätze in der ein oder anderen Biegung kosend über den Teppich aus grauem Asphalt. Wem das an Kurzweil nicht reicht: In Eschach-Seifertshofen bittet das Schwäbische Bauern- und Technikmuseum, in Rotenhar die Schnitzelfabrik zum Stopp. Auch wenn man die Zeit in solchen Momenten und Gegenden gerne anhalten möchte: Irgendwie geht’s immer weiter, selbst hier. 1983 bis 1990 machte das nahe Mutlangen wegen der Proteste gegen die damalige Stationierung der atomaren Pershing-II-Raketen Schlagzeilen. Lang ist das her, heute piksen auf der Frickenhofer Höhe neben Kirchtürmen auch Windräder friedlich in den Himmel.

Quasi als Vorläufer regenerativer Energiekonzepte standen einst im Welzheimer Wald 26 wassergetriebene Mahl- und Sägemühlen, etliche davon sind noch zu besichtigen. Ein besonders hübsches Exemplar ist die Heinlesmühle bei Hellershof. Verträumt im Tal der Schwarzen Rot gelegen, klapperten hier schon im 12. Jahrhundert die Räder. Werkzeugmacher Günter Fürstenau (58) hat in die Heinlesmühle eingeheiratet und betreibt sie nun als Freizeitmüller, um von seinem Beruf mal abzuschalten. Idyllisch ist für ihn neben dem Bachlauf und der Natur drum herum auch die Ruhe.

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Foto: Daams

Paradox dabei: „Wenn das Wasserrauschen nachts weg ist, kann ich nicht schlafen.“ Wunderbar schlafen kann man in den Gästezimmern von Eddis Biker-Residenz. Der im Welzheimer Wald seit Jahren bekannte Gastronom und Honda Fireblade-Fan betreibt in Althütte ein neu eingerichtetes Motorrad-Gasthaus mit interessanten Angeboten hinsichtlich Clubleben, Essen, Trinken oder Übernachten, nachdem sein alter Biker-Treff am Eisenbachstausee von Großinvestoren „plattgemacht“ worden war. Weitere Treffs für Motorradfahrer liegen sehr nahe am erwähnten Ebnisee, wo sich Biker darüber streiten, ob die Showkurve oder die Kaffeequalität wichtigere Kriterien für einen vernünftigen Treff sind, sowie etwas weiter nördlich auf der Löwensteiner Platte.

Zurück in Welzheim, wo die Ankunft der Idylleforscher nicht unbemerkt bleibt. „Möchten Sie noch einen Cappuccino trinken?“, ruft uns Elide Badin vom Eiscafé „Garda“ aus einladend zu. Und fragt, kaum haben wir Platz genommen: „Kennen Sie Giacomo Leopardi?“ Wie ein in einen See geworfener Stein hat das Thema Idylle offenbar konzentrische Kreise gezogen.

Die an dieser Stelle enden sollen mit im Internet gefundenen Auszügen zu Giacomo Leopardi, einem italienischen Grafen und Dichter: „Durch seinen radikalen Nihilismus und eine schonungslose Selbstanalyse schuf er den Stil des kosmischen Pessimismus. (...) Kluge Skepsis gegenüber dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Fortschrittswahn, leichtgläubigem Positivismus und Nationalismus.“ Mal sehen, was wir auf der zweiten Runde Idyllische Straße noch für skurrile Geschichten ausgraben.

Foto: Werel

Infos

Nordöstlich von Stuttgart schlängelt sich die Idyllische Straße durch den Naturpark Schwäbisch-Fränkischer-Wald: Ein Eldorado für alle, die, statt immer nur zu eilen, gerne mal verweilen - an Motorradtreffs, Badeseen oder Wassermühlen.

 

Anreise
Das vorgestellte Gebiet ist vollständig von Autobahnen umschlossen (A 6, 7, 8 und 81). Welzheim, häufig Startpunkt für den Rundkurs der Idyllischen Straße, erreicht man aus nördlicher Richtung beispielsweise über die A 81, Abfahrt Mundelsheim; von Süden über die A 8, Abfahrt Aichelberg.

Unterkunft
Wer die Strecke nicht in einem Rutsch abreißen möchte, findet idyllische Nachtruhe beispielsweise in folgenden Quartieren: Gasthaus „Zum Goldenen Ritter“, Schulstraße 5, 71579 Spiegelberg-Vorderbüchelberg, Telefon 0 71 94/3 71, www.zum-goldenen-ritter.de, EZ 26 Euro; Brauerei-Gasthof „Zum Lamm“, Haller Straße 2, 73453 Untergröningen, Telefon 0 79 75/2 84, www.lammbrauerei.de, EZ ab 24,50 Euro; Hotel „Zum Heurigen“, Kaisersbacher Straße 25, 73642 Welzheim-Aichstrut, Telefon 0 71 82/ 49 50 03, www.zum-heurigen-aichstrut.de, EZ 40 Euro; Hotel „Schassberger“, Winnender Straße 10, 73667 Ebnisee, Telefon 0 71 84/ 29 20, www.schassberger.de.

Literatur und Karten
Reiseführer speziell zur Idyllischen Straße gibt es keine - was aber gerade bei diesem Thema vielleicht sogar ganz hilfreich, weil der unbeschwerten Entspannung dienlich ist. Möchte man dennoch nicht uninformiert unterwegs sein, empfiehlt sich der von Dieter Buck für Wanderungen und Radtouren konzipierte Band „Ausflugsziel Schwäbisch-Fränkischer Wald“ aus dem Silberburg-Verlag für 14,90 Euro. Auch wenn die Ausschilderung, symbolisiert durch einen weißen Vogel auf grünem oder braunem Grund, meist gut ist: An einigen Abzweigungen fehlen Hinweise auf den Verlauf der Idyllischen Straße. Immer wieder mal kann es außerdem lohnen, die vorgegebene Route zu verlassen und nach noch „idyllischeren“ Nebenstrecken zu forschen. In solchen Fällen hilft die „Shell Regional Karte, Blatt 14“ im Maßstab 1:150000 für 7,50 Euro. Noch genauer: „Die Freizeitkarte“ von Allianz im Maßstab 1:100000; wegen des Blattschnitts sind zur vollständigen Abdeckung die Blätter 26, 27 und 28 für jeweils 6,95 Euro notwendig.

Adressen
www.naturpark-schwaebisch-fraenkischer-wald.de, www.schwaebischerwald.com, www.muehlenwanderweg.com,www.limesstrasse.de, www.welzheim.de,www.murrhardt.de,
www.gaildorf.de, www.biker-residenz.de

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