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Deutschland: Entlang der Mosel Alles im Fluss

Die Mosel für Motorradfahrer: kleine Straßen, darunter auch alte Bergrennstrecken, die sich aus dem weinseligen Flusstal hinaufwinden auf die Eifel- und Hunsrückhöhen. Ideal für Schräglagenfans und Genusstypen.

Entlang der Mosel Teil 1

Die Applauskurve auch?“, fragt Peter Schmitz, Motorradwirt in Liesenich und profunder Kenner der besten Strecken an der Mosel. Wir versuchen gerade, einen Schlachtplan für die nächsten Tage zu entwerfen. Was ungefähr so schwer ist, wie aus einer gut sortierten Weinkarte die besten Tröpfchen auszuwählen. Klar ist immerhin eines: Statt nur brav an der Mosel entlangzutuckern, sollte man das Flusstal ab und an verlassen, sich möglichst oft auf korkenzieherartigen Sträßchen zu den Anhöhen von Eifel und Hunsrück emporschrauben. Ob mit oder ohne Abstecher zur Applauskurve bei Cochem, am Wochenende regelmäßig Austragungsort von Racer-und-Gendarm-Spielen, ist dabei ziemlich egal. Schön schräg kann die Gegend auch anderswo. Und wer sich bei all dem fröhlichen Treiben nun nicht dem Verdacht des unnützen Hin- und Herfahrens aussetzen will, findet an der Mosel natürlich viele Ziele, an denen es sich anerkannterweise lohnt, dem erhitzten Motor mal eine Pause zu gönnen.

Beispielsweise in Burgen, wo Willi Haberkorn nicht nur das „Hotel Aroma“ betreibt, sondern gleich daneben auch seine private Motorradsammlung zeigt und Besuchern gerne erlaubt, Aktfotos diverser Naked Bikes, meist deutsche Vorkriegsmodelle von zum Beispiel Imperia und Opel, zu machen. Noch ein paar Infos zu Wetter und Wasserstand - die sonnige Untermosel gilt als zweitwärmste und trockenste Region Deutschlands, das Rekordhochwasser im Winter 1993/94 reichte bis zur gelben Unterkante im ersten Stock von Willis Hotel -, und dann wird das Kühlwasser der FZ1 ordentlich auf Temperatur gebracht.

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Foto: Daams
Wo Flussreisende wie Asphaltcowboys gerne von Anker gehen: Bernkastel-Kues.
Wo Flussreisende wie Asphaltcowboys gerne von Anker gehen: Bernkastel-Kues.

An der majestätischen Burg Eltz, führt wohl kein Weg vorbei

Vorbei an der Burgruine Thurant gehts geschwind von Alken nach Pfaffenheck, eine Strecke, die das Prädikat „Alte Bergrennstrecke“ hier sicher ausreichend adelt und beschreibt. Atempause auf der Hunsrückhöhenstraße bis Buchholz, dort noch mal rechts ab und zurück zur Mosel. Genau genommen zur majestätischen Burg Eltz, an der wohl kein Weg vorbeiführt. Glücklich, wer dort den Hausmeister kennt oder wen ein KTM Supermoto fahrender Parkplatzwart wohlgesonnen durchwinkt. Ob sich acht Euro Eintritt für die vielleicht noch von 500-Mark-Scheinen bekannte Burg lohnen, mag dann jeder selbst entscheiden. So oder so ist aber bereits die Anfahrt via Moselkern, Lasserg, Münstermaifeld und Wierschem den Abstecher wert.

Aus Peters privatem Schatzkästchen, sprich: seiner Sammlung schöner Strecken, stammt der Schlenker von Müden über Müdenerberg nach Karden. Unten der immer kleiner werdende Fluss, vorn der kaum einmal geradeaus führende Asphalt, oben an den Hängen die reifenden Trauben für herzhaft körperreiche, bukettbetonte Weine - Herz, was willst du mehr? Ein Schluck aus der Serpentinenpulle kommt an der Mosel selten alleine, und so schunkeln wir als Nächstes von Pommern über Kail nach Klotten, unter den Reifen dabei auf den letzten Kilometern wieder mal eine Bergrennstrecke, diesmal sogar eine aktuelle.

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Einem übervollen Fahrerlager gleicht an schönen Wochenenden die Moselpromenade in Cochem - nicht zuletzt wohl ein Verdienst der für ihre raffinierten Kreationen mehrfach dekorierten italienischen Eisdiele „Bortolot“. Den Plan, das Areal für Motorräder zu sperren, hat die Stadt nach Protesten der ortsansässigen Gastronomen übrigens schnell wieder fallen lassen.

Nichts dagegen wird es heute mit einem Besuch der markanten Reichsburg von Cochem; und auch die „Große Abendfahrt mit Tanz“ auf einem Ausflugsboot muss ohne uns stattfinden, scusi. Dann doch lieber die ominöse Applauskurve, eingebettet in einen flott gesteckten Rundkurs Cochem-Landkern-Büchel-Cochem. Tipp an alle Tiefflieger: Bis zur Nordschleife sind’s nur rund 40 Kilometer. Und wer’s noch nicht wusste: Bei Büchel, Standort des Jagdbombergeschwaders 33, sind vermutlich 20 US-Atombomben gelagert. Zumindest pfeifen das WikiLeaks und andere Spatzen von den unterirdischen Bunkerdächern.
Und nun zum Rendezvous mit dem Apollofalter.

Entlang der Mosel Teil 2

Der auffällig gepunktete Schmetterling ist in Deutschland fast ausgestorben, größere Populationen findet man nur noch an der Mosel, etwa in den Weinbergterrassen zwischen Cochem und Bremm. Vorausgesetzt natürlich, die feinen Falter scheuen nicht vor FZ1 & Co. Schluss mit der Schmetterlingssuche dürfte aber sowieso spätestens sein, wenn es von Bruttig über Fankel nach Altstimmig geht, dabei immer auf der Suche nach der passenden Drehzahl. „Eine Gute-Laune-Strecke, manche Kollegen kommen dafür sonntagmorgens extra aus dem Ruhrpott hierher“, erklärt mein ortskundiger Begleiter.

Starken Adrenalinschüben sind auch Winzer ausgesetzt, zumindest dann, wenn sie im Bremmer Calmont arbeiten, dem steilsten Weinberg der Welt, und sich dabei anseilen müssen. Wie gut, dass zwischen Bremm, Beuren und Alf nur darauf zu achten ist, dass die 150 Pferde der Yamaha nicht durchgehen. Wer Berge gerne als Aussichtspunkt nutzt, bitte schön: Oberhalb von Pünderich bietet sich am Reiler Hals ein märklinhaft schöner Blick auf das mit 92 Bögen längste Eisenbahn-Hangviadukt Deutschlands. Bekannt ist die einst für Munitionstransporte der Wehrmacht genutzte Strecke noch heute als Kanonenbahn - oder alternativ als Saufbähnchen, da der durstige Reisende beispielsweise schon in Zell den Wein bestellen konnte, mit welchem ihn der Winzer am Bahnhof von Reil empfangen sollte.

Foto: Daams
Serpentinen für Senioren bei Müden.
Serpentinen für Senioren bei Müden.

„Was jetzt kommt, ist für mich das Schönste, was es hier zu fahren gibt“

Auch Aussichtspunkte kommen an der Mosel selten alleine. Vom hübschen Enkirch führt ein Holpersträßchen nach Starkenburg, dort dann ein Feldweg bis zum Panoramapunkt mit Blick auf die Flussschleife und Traben-Trarbach: schon schön. Aber nur Vorgeschmack auf das, was wenig später die Ruine Grevenburg zu bieten hat: 20 Prozent Gefälle beziehungsweise Steigung inklusive einer fiesen Serpentine mit Umkippgarantie für Ungeübte, dazu eine bewirtschaftete Aussichtsterrasse unter Lindenbäumen, wo man sich nicht bloß sattsehen kann. „Was jetzt kommt, ist für mich das Schönste, was es hier zu fahren gibt“, stimmt Peter auf die zehn Kilometer von Traben-Trarbach nach Longkamp ein. Wer wollte da widersprechen? Appetitlich frischer Asphalt und eine Streckenführung wie eine aus lauter S und U bestehende Buchstabensuppe: Wohl bekomms! Reichlich Trauben, Besuchertrauben, dann in Bernkastel-Kues. Der durch die Mosel getrennte Doppelort zu Füßen der Burgruine Landshut ist überaus beliebte Anlaufstelle für Busse und Dampfer - und gerade deshalb auch Auslöser von Fluchtreflexen. Abschiedsgruß also an die am Ufer vertäute „Theodor Heuss“, Leinen los für die Yamaha.

Mit Kurs Nordwest kreuzen wir zum Winzerdörfchen Ürzig, schnupfen in garantiert hochwassersicherer Lage an den Hängen der Mosel noch eine ordentliche Prise Aussicht, staunen über dank EU-Stilllegungsprämien verwilderte Weinberge und steuern schließlich wieder hinab zum Fluss. Dieses Mal soll die Liaison nicht so flüchtig sein. Auch wenn der Cruising-Modus kaum seine Domäne ist: Auf breit gewalztem Bundesstraßenteppich begleitet der Bolide leise brabbelnd die Mosel, nimmt wie ein Staatschef die Parade der prominenten Lagen ab. Kröver Nacktarsch, Burger Hahnenschrittchen, Briedeler Herzchen, Zeller Schwarze Katz - das alles geht nun wirklich am besten ohne Hatz. Die Ruhe vor dem finalen Sturm.

Foto: Daams
Entlang der Mosel fährt es sich eher gemütlich - die interessanten Straßen befinden sich jedoch etwas abseits des Flusses.
Entlang der Mosel fährt es sich eher gemütlich - die interessanten Straßen befinden sich jedoch etwas abseits des Flusses.

„Es wünsch mir jeder, was er will, Gott gebe ihm noch mal so viel“, heißt es auf der Fassade des niedlichen Kapellenhäuschens im Zeller Ortsteil Merl. „Geile Kurven und die Bestzeit“, möchte man den Spruch spontan ergänzen. Jedenfalls hat es der liebe Gott hier wieder mal besonders gut gemeint und uns die Strecke von Merl nach Grenderich beschert, alljährlich Austragungsort des Hunsrücker Bergrennens. Ein paar Serpentinen und Flussschleifen weiter findet sich dagegen das ideale Pflaster zur Entdeckung der Langsamkeit, das idyllische 150-Seelen-Nest Beilstein, genannt auch „Dornröschen der Mosel“.

Eine emanzipierte Göttin des Weines in Gestalt der lebenslustigen Winzerin Marie-Theres Heß aus Bruttig-Fankel bittet uns abends in ihr Gewölbe zur Probe der köstlichen Rebensäfte. Anschließend würden wir ein Himmelreich geben für eine Harley mit Anhänger, um all die Flaschen zu transportieren, die man nach einer solchen Verkostung gerne mit nach Hause nähme. Tipp fürs kleine Gepäck: eine Flasche Elbling Classic, Chefins Lieblingswein, gewonnen aus der ältesten Traube der Mosel.

Foto: Daams
Die Geraden an der Mosel sind kurz- aber sehr schön.
Die Geraden an der Mosel sind kurz- aber sehr schön.

Zum Pflichtprogramm einer Moseltour gehören zweifellos das Deutsche Eck in Koblenz und die Porta Nigra in Trier. Zu langweilig oder schon bekannt? Dann schnell nach Binningen zu Motorradsport Schmitt. Eine Top-Adresse, bekannt unter anderem bei allen Motorradhotels der Region. Hilfsbereit ersetzt Firmeninhaber Charly sogar nachts noch gerissene Ketten oder besorgt sonntags neue Reifen - und wenn’s ein angefahrener Slick ist. Benzin im Blut hat auch Sohn Kevin: Der GSX-R 600-Pilot gewann unlängst in Oschersleben wie auch die 1000 Kilometer von Hockenheim (und wurde schließlich zweifacher Deutscher Meister 2010). Wo er das wohl gelernt hat?

Foto: Werel

Infos

Wer hätte das gedacht? An der Mosel gibt es nicht nur gute Weine, sondern auch so viele geniale Motorradstrecken, dass man oft vor Freude weinen möchte.

Anreise: Ob zügig auf der Autobahn bis Koblenz oder Trier, ob kurvig durch die Eifel oder den Hunsrück - die Wahl der optimalen Anreiseroute an die Mosel ist wie auch beim Wein letztlich Geschmackssache.

Motorrad fahren: Hier noch mal, und zwar in der Reihenfolge ihrer Beschreibung im Text, zehn ausgesucht schöne Strecken:
1. Alken-Pfaffenheck (Bergrennstrecke), 2. Müden-Müdenerberg-Karden (Weinberge), 3. Pommern-Kail-Klotten (Bergrennstrecke),4. Cochem-Landkern-Büchel-Cochem (Applauskurve), 5. Bruttig-Fankel-Altstimmig (bitte hier Vernunft walten lassen), 6. Bremm-Beuren-Alf (steilster Weinberg), 7. Traben-Trarbach-Longkamp (Peter Schmitz Favorit), 8. Ürzig-Kröv (Weinberge), 9. Kröv-Enkirch-Briedel-Zell (B 53, Parade der Top-Lagen), 10. Merl-Grenderich (Bergrennstrecke).

Ausflugsziele: Kein Ersatz für einen Reiseführer, sondern Anregung für zehn lohnende Zwischenstopps: 1. Privatsammlung von Motorrad-Oldtimern in Burgen (www.cafe-hotel-aroma.de/oldtimer.html; Telefon 0 26 05/8 49 76 37), 2. Burg Eltz (www.burg-eltz.de, Telefon 0 26 72/95 05 00), 3. Eiscafé „Bortolot“ (Telefon 0 26 71/37 40) und Motorradtreff an der Moselpromenade in Cochem, 4. „Burgschenke Grevenburg“ (Telefon 0 65 41/65 12), 5. Altstadt von Bernkastel-Kues (www.bernkastel.de), 6. Winzerort Beilstein, das „Dornröschen der Mosel“ (www.beilstein-mosel.de), 7. Weinprobe bei Hess-Becker in Bruttig-Fankel (www.hess-becker.de, Telefon 0 26 71/81 17), 8. Zusammenfluss von Mosel und Rhein am Deutschen Eck (Koblenz), 9. Porta Nigra in Trier (berühmtes römisches Stadttor), 10. Motorradsport Schmitt in Binningen (www.schmitt-junglas.com, Telefon 0 26 72/26 69).

Foto: Daams
Alte Weinpresse bei Bremm.
Alte Weinpresse bei Bremm.

Unterkunft: Als touristisch voll erschlossene Region bietet die Mosel ein vielfältiges Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten: Die Palette reicht vom Campingplatz bis zur Luxusherberge, es finden sich Quartiere direkt am Fluss wie auch etwas abseits davon in der Eifel und dem Hunsrück. Besonders motorradfreundlich sind folgende Häuser: Pension & Gasthaus „Moselhöhe“, Hauptstraße 30, 56858 Liesenich, www.moselhoehe.de,Telefon 0 65 45/18 43, EZ 36 Euro. Hotel & Restaurant „Zur Post“, Bahnhofstraße 24, 56818 Klotten, www.hotelzur post-klotten.de, Telefon 0 26 71/71 16, EZ ab 39 Euro. Café Hotel garni „Aroma“, Bergstraße 1, 56332 Burgen, www.cafe-hotel-aro ma.de, Telefon 0 26 05/8 49 76 37, EZ ab 32 Euro. Motor Hotel „Sonnenblick“, Hollstraße 24, 56290 Lütz, www.sonnenblick-luetz.de, Telefon 0 26 72/25 14, EZ ab 35,50 Euro. Apartments mit Außenschwimmbecken und Liegewiese am Weinberg vermietet das Ferienweingut Hess-Becker, Christophorusweg 8, 56814 Bruttig-Fankel, www.hess-becker.de, Telefon 0 26 71/81 17, Apartment ab 44 Euro.

Literatur/Karten: Wer nicht ins Blaue an die Mosel fahren möchte, findet Wissenswertes zu Land und Leuten, jeweils unter dem Titel „Mosel“, im Marco Polo Reiseführer für 9,95 Euro sowie im Dumont Reise-Taschenbuch für 14,95 Euro. Zur Orientierung unterwegs empfiehlt sich die Allianz-Freizeitkarte „Rhein/Mosel/Südliche Eifel“ im Maßstab 1:110 000 für 6,95 Euro; im Preis inbegriffen ist ein Freizeitführer mit 66 Ausflugstipps.

Adressen: www.mosel.de, www.mosel-reisefuehrer.de, www.die-mosel.de, www.mosel24.com, www.mosellandtouristik.de, www.weinland-mosel.de. www.hunsrueck-bergrennen-revival.de

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