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Die Reise in den südwestlichsten Zipfel Europas Portugals wilder Westen

Die Reise in den südwestlichsten Zipfel Europas - nach Portugal - ist weit. Aber es lohnt sich, die spannende Mischung aus historischen Orten, hohen Bergen und rauen Küsten zu erkunden.

Der Weg ist nicht das Ziel, aber er ist zielführend. 2000 Kilometer Anreise bis in den Nordosten Portugals erfordern Durchhaltevermögen und geduldiges Sitzfleisch. Endlich die Grenze. "Bem-vindo a Trás-os-Montes", willkommen hinter den Bergen. So heißt die Gebirgsregion von Montesinho, oft als das rückständigste Gebiet des Landes bezeichnet. Aber was bedeutet schon rückständig? Trás-os-Montes ist vielmehr ursprünglich, einfach und einsam. Die Uhren ticken hier nicht in EU-Geschwindigkeit. Holprige Straßen winden sich durch die sanften, graubraunen Berge, über 1300 Meter hoch und Heimat zahlreicher Wölfe. Es ist Ende April, der Frühling ist zwar bestellt, aber noch nicht geliefert. Nur in den Tälern sprießt schon frisches Grün.

Die kleinen Orte wirken alt und arm, für schöne Gärten und bunte Fassaden reicht das Geld aus der Landwirtschaft nicht aus. Aber sie passen zur Melancholie der Landschaft. Die Navigation in diesem Netz kleiner Wege ist nicht einfach. Schilder sind Mangelware, die Landkarten ungenau. Nachdem ich die Ténéré zum dritten Mal in einer Sackgasse mitten im Acker wenden muss, versuche ich meiner Nase südwärts zu folgen, das Land hinter den Bergen hinter mir zu lassen.

Ein paar Stunden später habe ich den Sommer eingeholt. 28 Grad im Tal des Rio Douro. Es sieht fast aus wie an der Mosel, der breite, ruhige Fluss im Tal, die Hänge komplett mit Weinbergen besetzt, ab und an eine alte Burg, das gesamte Ensemble seit 2001 durch Unesco-Welterbe-Status geadelt. Aus den Reben am Rio Douro wird seit Jahrhunderten der berühmte süße Portwein gepresst.

Südlich des Flusses beginnt die Provinz Beira, ein Dorado für Freunde historischer Gemäuer. Die uralten Orte, zumeist bewacht von einer mehr oder weniger ruinösen Burg und meterdicken Festungsmauern, haben zum Teil mehr als 1000 Jahre auf dem steinigen Buckel. Trancoso, Sortelha und Belmonte sind die bekanntesten Städte. In Linhares kann ich mit der Yamaha durch den Ort bis hinauf zum wuchtigen Castello fahren. Vor der Post steht der historische Pranger. Seine Abnutzungsspuren verraten, dass er damals fleißig benutzt wurde.

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Foto: Joachim Deleker
Bewährte Strategie:  Einer arbeitet, sechs schauen zu.
Bewährte Strategie:  Einer arbeitet, sechs schauen zu.

Linhares liegt zu Füßen der Serra da Estrela, dem Sternengebirge. Tatsächlich kommt man den Sternen nirgendwo im Land so nah wie hier, misst doch der Torre 1993 Meter und ist das einzige Wintersportgebiet Portugals. Die Topografie verspricht jede Menge Spaß, und die Bergstraßen lösen das Versprechen ein. Egal von welcher Seite ich den Torre attackiere, hier sind die Wege das Ziel. Wobei manche Straßen derartig mit Löchern, Sand und Splitt verseucht sind, dass ich die Ténéré bisweilen eher trage als jage.

Die Landschaft oberhalb von 1500 Metern hat nichts Südländisches, erinnert viel eher an das norwegische Fjell. Kniehohe Büsche, Moose, Flechten, Steine, Schneereste und Schmelzwassertümpel, es ist karg und kalt. Das Hochplateau des Gipfels besetzen zwei alte Observatorien, der einzige Skilift des Landes und riesige Parkplätze. Wenig ansehnlich, aber Garant für konkurrenzlos weite Aussichten über das Sternengebirge.

Nach Süden gehen die Berge langsam in eine weite und sanfte Hügelei über. Ich quere den breiten Rio Tejo und bin damit im Alentejo, eine der einsamsten Regionen der Iberischen Halbinsel. Fahren im Alentejo bedeutet Ruhe, entspanntes Cruisen zwischen Eukalyptusalleen, Korkeichen und blumenübersäten Wiesen. Hin und wieder kleine und schöne Städte. Die Häuser sind nun nicht mehr erdfarben wie im Norden, sondern augen- und fotofreundlich weiß mit bunten Kanten.

Die Menschen des Alentejo leben zumeist von der Landwirtschaft, sind schwermütiger und ruhiger als beim Nachbarn Spanien. Diese melancholische Einstellung wird als Saudade bezeichnet. Ob ein Grund dafür das Träumen von der glorreichen alten Zeit ist? Als Portugal eine Seefahrernation mit Weltmacht war, als Ferdinand Magellan als Erster die Welt umsegelte, Pedro Álvares Brasilien und Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckten.

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Foto: Joachim Deleker
Wild rollt der Atlantik an die Costa Vicentina bei Praia de Monte Clérigo.
Wild rollt der Atlantik an die Costa Vicentina bei Praia de Monte Clérigo.

Die geplünderten Schätze der Kolonien, ob aus Brasilien, Marokko, Angola oder Timor, machten Portugal zu einem der reichsten Länder. Die Kolonialzeit endete erst 1999 mit der Rückgabe von Macau an China. Aus und vorbei. Heute gehört Portugal eher zu den Sorgenkindern der EU, profitiert vom Geldsegen aus Brüssel. Der allerdings fließt bisweilen in zweifelhafte Projekte. Des Öftern wankt die XT über wellige, verwarzte und fast verkehrsfreie Alleen, die urplötzlich von schnurgeraden, viel zu breiten Schnellstraßen mit Seitenstreifen abgelöst werden. Große Schilder verraten den Sponsor: die EU. Ist so was wirklich nötig?

Vorbei an der historischen Stadt Évora mit ihrem Römertempel peile ich die Küste an, halte Südwestkurs. Die Weite des Alentejo begleitet mich, sorgt für stressfreies Gleiten mit Tempo 90. Leichter Nordwestwind, glasklare Luft, ein paar am tiefblauen Himmel segelnde Wolken, 22 Grad. Perfekt. Lange bevor ich das Meer erreiche, rieche ich die frische und salzige Luft.

Am Leuchtturm des Cabo Sardao endet die Stichstraße. Auf den Klippen nisten Störche. Einzigartig, baut Meister Adebar seinen Horst doch für gewöhnlich auf Dächern oder Masten. Bis zum Cabo de Sao Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas, den die Römer für das Ende der Welt - Finis terrae - hielten, reicht das Wellensurfer-Paradies der Costa Vicentina.

Zumeist ist die Küste steil, zerklüftet und unzugänglich. Hier und da führen schmale Wege zu traumhaften Buchten am Meer, ausgelegt mit feinstem Sandstrand, den Wellen ausgeliefert, garniert mit kleinen Cafés und Lichtjahre entfernt vom Trubel der Algarve. Den schönsten Spot entdecke ich auf dem Torre de Aspa, 130 Meter über dem Meer. Der Wind bläst mit sieben Beaufort, hat meterhohe Wellen aufgetürmt, die sich in einem breiten Streifen vor der Steilküste brechen. Dumpfes Donnern und wirbelnde Gischt erfüllen die Luft. Wilder Westen, ungezähmte, raue Natur, menschenleer, begeisternd schön.

Das Gegenteil erwartet mich an der Südküste, der Algarve, Urlaubstraum für Millionen Sonne-Strand-Meer-Süchtige. Aber nicht für Motorradfahrer. Fast die komplette Küstenlinie ist dicht besiedelt mit Ferienwohnungen, Appartements und Hotels, manche geschmackvoll und stilsicher, andere langweilig, pompös oder abschreckend. Wenigstens gibt es keine der monströsen Betonburgen wie am spanischen Mittelmeer. Aber auch kaum noch alte und originale Orte wie Ferragudo oder Silves. Und die Küste? Oft unzugänglich, weil im Besitz von Ferienanlagen, dann aber überraschend, bizarr und fantastisch schön. Wasser, Wind und Zeit haben die weichen Felsen modelliert, Höhlen, Zinnen und Türme geschaffen, dazwischen bilderbuchschöne Buchten zum Baden und Sonnen. Hier entstehen die Fotos, die die Algarve in den Reiseprospekten zum Traumziel adeln.

Foto: Joachim Deleker
Wind und Wellen haben an der Algarve bizarre Felsen modelliert, wie hier am Ponta da Piedade bei Lagos.
Wind und Wellen haben an der Algarve bizarre Felsen modelliert, wie hier am Ponta da Piedade bei Lagos.

In Albufeira habe ich die Nase voll vom nervigen Fahren an der Küste, peile die Serra do Caldeirao an. Endlich fühlen sich Mann und Maschine wieder wohl, kurven stundenlang über schmale Straßen, bergauf, bergab, hier und da ein altes Dorf, manche von ihnen sind nur über staubige Pisten zu erreichen. Und doch spült es mich abends wieder ans Meer nach Fuzeta. Im Restaurant an der Praca da Republica bestelle ich ein fantastisches Thunfischsteak auf portugiesische Art, mit reichlich Olivenöl und Zwiebeln. Dazu ein leckerer Rotwein zum Abschluss meiner Portugal-Tour. Morgen gehts nach Andalusien. Dann aber erschreckt mich der Wetterbericht im TV. Über dem Mittelmeer liegt ein fettes Tief, bringt der Iberischen Halbinsel dreitägigen Dauerregen. Oha. Überall? Nein, im äußersten Westen soll es schön bleiben.

An der Costa Vicentina also, ohnehin mein Portugal-Favorit. Vorsehung? Zufall? Egal, jedenfalls drehe ich die Yamaha anderntags um und fahre zurück in den wilden Westen.

Infos

Foto: Joachim Deleker
Reisedauer: 10 Tage, Gefahrene Strecke: 2000 Kilometer.
Reisedauer: 10 Tage, Gefahrene Strecke: 2000 Kilometer.

Nirgendwo sonst in Europa kommt der Frühling so zeitig wie in Portugals Süden. An der Algarve kann es selbst im Winter 20 Grad warm werden. Allerdings ist die überbewertete Algarve kaum ein Grund für die lange Anreise. Viel spannender sind die Serra da Estrela, der Alentejo und die Südwestküste.

Anreise:
Die größte Bürde einer Reise nach Portugal ist die lange Anreise. Von Köln bis Porto kommen über 2000 Kilometer zusammen. Stressfreier und bequemer ist es, einen Teil der Strecke mit dem Autozug zurückzulegen. Pro Person und Motorrad kostet die einfache Fahrt beispielsweise von Düsseldorf je nach Saison ab 249 Euro. Infos unter www.bahn.de/Autozug, Telefon 01805/996633. Günstige Motorradtransporte per LKW gibt es unter www.ridersprojekt.de. Aus dem süddeutschen Raum bis Faro und zurück kostet ein Bike 450 Euro. Infotelefon: 0821/311648.

Reisezeit:
Portugals Süden ist ein Ganzjahresziel. Im bergigen Nordosten des Landes und in der Serra da Estrela (Wintersportgebiet!) kommt der Frühling dagegen erst im April. Die Temperaturunterschiede zwischen Meer und Bergen sind beträchtlich, der meiste Regen fällt in den Wintermonaten. Im Hochsommer muss im Landesinneren, vor allem in der Weite des Alentejo, mit Temperaturen bis 40 Grad gerechnet werden. Außerdem ist dies die Hauptreisezeit mit entsprechender Überfüllung der sehenswerten Orte, Unterkünfte und Strände. Erst ab Mitte September wird es wieder erträglicher. Allerdings ist das Land dann von der Sonne verdörrt. Die besten Reisemonate sind April bis Juni sowie Mitte September bis Ende Oktober.

Unterkunft:
Selbst in der Nebensaison finden sich auch abseits der wenigen touristischen Zentren Unterkünfte. Einige Pensionen und Campingplätze öffnen aber erst Anfang Mai und schließen im Oktober. Besser ist die Lage in den größeren Orten und entlang der Küste. Im einsamen Landesinneren finden sich auch passende Plätze zum freien Zelten.

Literatur:
Der Portugal-Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag (22,90 Euro) entpuppte sich als allwissender Begleiter. Für den Süden des Landes empfiehlt sich das brandneue Algarve-Handbuch aus dem Reise Know-How Verlag (17,90 Euro). Hier wird sogar eine Version zum Download angeboten. Fürs Einstimmen zu Hause eignet sich der DuMont Bildatlas Algarve für 8,50 Euro. Von Reise Know-How kommen die nicht ganz fehlerfreie Portugal-Karte im Maßstab 1:350000 sowie die sehr detaillierte Algarve-Karte im Maßstab 1:100000 für jeweils 8,90 Euro. Gewohnt gut ist die Michelin-Karte Nummer 733 im Maßstab 1:400000 für 5,50 Euro.

Infos:
Am einfachsten funktioniert die Information im Internet, beispielsweise auf diesen Seiten: www.portugal-aktuell.de
www.visitportugal.com
www.portugal-links.de
www.visitalgarve.pt

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