Reportage VIP-Renntraining am Sachsenring Profi-Rennfahrer als Instruktoren für Hobbyracer

Preisfrage: Was passiert, wenn fünf Profi-Rennfahrer am Sachsenring auf fünfundzwanzig vollgaswütige Hobbyfahrer treffen? Es wird bestimmt kein Kaffeekränzchen!

Foto: racepixx.de

Ulrich Jager fliegt auf eine blinde Kuppe zu. Er hält voll drauf, obwohl er nicht weiß, wo es lang geht. Sein Wegweiser? Das Heck vor ihm. Da muss er dranbleiben, das darf er nicht verlieren. Es gehört Pascal Eckhardt, Ex-IDM-Supersport-Fahrer. Der Hobbyracer Ulrich folgt der Linie und dem Instinkt des Profis: Sitzen bleiben und schneller werden. Hoch, runter, kreuz und quer! Der Sachsenring ist die reinste Achterbahn. Nach dem ersten Turn reißt sich Ulrich den Helm vom Kopf. Schweißtropfen perlen von seiner Stirn, die Haare kleben nass am Kopf: „Ohne Instruktor ist man hier anfangs völlig verloren“, sagt der 42-jährige Sportlehrer aus dem Saarland. Jedes Jahr geht er sieben bis neun Tage auf die -Strecke. Hockenheim- und Salzburgring, da kennt er jeden Winkel, aber nicht hier.

Es folgten 24 weitere Kandidaten dem PS-Aufruf zum ersten VIP-Training auf dem Sachsenring: geführtes Heizen mit echten Rennfahrern. Darunter Max -Neukirchner aus der Moto2-WM, Dario Giuseppetti, Christian Kellner und Pascal Eckhardt, allesamt bekannt aus der IDM, sowie René Raub, der langjährige Langstrecken-WM-Fahrer. Jeweils fünf Hobbyracer klemmen sich hinter einen der -Profis. Die Einteilung erfolgt nach Rundenzeiten, um möglichst homogene Teams zu bilden. Zwei Tage mit je sechs 20-Minuten-Turns liegen vor ihnen.

Nach jedem Turn löchern die Teilnehmer ihre Instruktoren: Wo kann ich noch früher ans Gas gehen? Grip, Linie, Bremspunkte? Ulrich kämpft mit der heim-tückischen Omega-Kurve und der folgenden Dreifach-Links über eine blinde Kuppe. „Am Anfang ist es schwer, die Ideallinie zu finden. Da braucht man vor sich jemanden, dem man hundert Prozent vertrauen kann“, erklärt er.

Mittags speisen alle gemeinsam in der Catering-Box. Die VIP-Teilnehmer diskutieren über die Erlebnisse auf der Strecke, die Rennfahrer über ihre Arbeitskollegen.Es fallen Sätze wie: „Der Jörg Teuchert ist ein Tier! Der labert nicht nur, der zieht sein Ding durch!“ Irgendwann imitiert Dario Giuseppetti den Italo-Racer Valentino Rossi stilecht mit brüchigem Englisch: „Hello my good ol‘ frriiends. I am Valentino. Bridgestone makes veeery good tyres. It’s se best you can get.“

Früher Nachmittag, über 30 Grad Außentemperatur. Gnadenlos brennt die Sonne auf die ostdeutsche Strecke. Die Luft flimmert, die Lederkombis tropfen, die Köpfe glühen. Ulrich trinkt literweise Wasser, um nicht bewusstlos von seiner Aprilia RSV4 zu kippen. Aber unser Hobbypilot lässt es richtig knacken. Immer wieder feuert er mit Pascal Eckhardts Gruppe um den Kurs und verbessert seine Rundenzeit. Nach dem vierten Turn läuft es endlich rund: „Jetzt weiß ich, wo die Brems- und Beschleunigungspunkte sind! Ist ein tolles Gefühl, kontrolliert an sein Limit herangeführt zu werden.“ Auch die anderen Gruppen werden schneller: „Die Jungs ziehen echt ordentlich am Kabel und sind alle gut drauf“, würdigt der IDM-Superbike-Fahrer Dario Giuseppetti den Ehrgeiz seiner Gruppe.

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Foto: racepixx.de

Nach dem letzten Turn spaziert der Italo-Berliner mit den Teilnehmern über die Rennstrecke und gibt Tipps zu einzelnen Passagen. Zur schnellen Sachsenkurve rät der 27-Jährige, der auch den ADAC Junior Cup betreut: „Bei langen Kurvenradien müsst ihr viel Druck auf die kurvenäußere Raste geben, das erhöht den Grip beim Rausbeschleunigen“. Zur abschüssigen Fahrerlagerkurve sagt er schmunzelnd: „Einige von euch haben das Knie schneller am Boden als ich… Aber schön aufpassen, hier macht Stürzen richtig Aua.“ Und er gibt einen abschließenden Ratschlag: „Letzten Endes müsst ihr Gas geben, es hilft alles nix! Dann kommt der Speed und damit auch der Spaß.“ Ulrich steht mit einem Bier auf der Rennstrecke, die Abendröte im Gesicht. Er lacht.

Schließlich plaudert Redakteur Robert Glück noch aus dem Nähkästchen. Wie aufwendig etwa eine Fotoproduktion ist. Und wie gefährlich: „Wenn bei Gruppenfahrten ein Testfahrer zuckt, führt das schnell zum Sturz. Auch wenn alles ganz leicht aussieht, ist es echte Vertrauenssache.“ Der Abend klingt mit Grillfleisch, Fassbier und leichten Gesprächen aus.

Zweiter Tag. Die Streckenführung ist verinnerlicht. Alle wirken sicherer und angriffslustiger, auch unser Hobbyracer Ulrich Jager. „Wir können gerne den Speed anheben“, erwidert Pascal Eckhardt den Wunsch der Gruppe. Gegen Mittag meint Ulrich zufrieden: „Nach eineinhalb Tagen fühle ich mich hier richtig wohl. In einige Ecken könnte ich gefühlt sogar noch schneller reinfahren als Pascal es gerade vorgibt.“

Mit dem steigenden Speed wollen jetzt viele Teilnehmer auch ihr Fahrwerk sauber einstellen. Der Fahrwerksspezialist Rüdiger Kranz von Mototech betreut jeden einzeln. Er drückt das Heck von Ulrichs Aprilia RSV4 tief ein und beobachtet, wie es ausfedert. „Das kommt schön sämig raus, und auch das Reifenbild sieht gleichmäßig aus“, meint der Experte und erklärt: „Bei vielen ist die Zugstufe zu weich abgestimmt, dann springt die Kiste wie ein Ziegenbock!“ Am Ende bringt er das Fahrwerk-Einmaleins auf die folgende Faustregel: „Bei Schwierigkeiten mit dem Motorrad ist entweder das Federbein beschissen oder der Luftdruck ist beschissen oder der Fahrer fährt beschissen - oder alles zusammen!“ Gut. Alle grinsen und nicken.

Der scharfe Geruch von Gummi und Benzin wabert noch eine Weile durch die Box. Das erste PS-VIP-Training ist Geschichte. Sportlehrer Jager: „Echt klasse! Wenn der Termin passt, komme ich nächstes Jahr wieder.“ Mal sehen, was seine Schüler davon halten.

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