Alpen-Masters 2005 (1. Teil) MOTORRAD sucht den Alpenkönig

20 ausgewählte Motorräder, zehn endlose Testtage, 11800 knallharte
Kilometer, ungezählte Kehren und Kurven – im aufwendigsten und härtesten Test suchte MOTORRAD die besten Bikes für die Alpen.

Foto: Jörg Künstle
Motorrad fahren und Alpen. Alles, was der Motorradfahrer sonst nur vereinzelt und weit verstreut vorfindet, verdichtet sich hier zu einem einzigartigen Konglomerat. Im Labyrinth unzähliger Kehren und Kurven wer-
den nahezu alle Wünsche von Schräglage, Fernsicht und Freiheit real. Das Gefühl, nach schwieriger Anfahrt oben auf einem Pass zu stehen, den Alltag abgeschüttelt und den Gefahren der Bergwelt getrotzt zu haben, ist unvergleichlich. Die Alpen sind eine auf der Welt einmalige Spielwiese für Motorradfahrer. Nach der Kurve ist vor der Kurve – quasi eine gigantische Aneinanderreihung von Glücksmomenten: zu spüren, dass man das Vorderrad wieder und wieder auf der Ideallinie balanciert, den Kurvenverlauf richtig eingeschätzt hat. Oder gefahrene Pässe schlicht im olympischen Sinn zusammenzuzählen. Motorrad fahren in den Alpen ist ein Glückscocktail, den sich jeder vom Zweiradbazillus Befallene wenigstens einmal im Leben gönnen sollte.

Die Idee
Für den aufwendigsten Alpentest, den MOTORRAD je durchgeführt hat, wurde eine Strecke gesucht, die alle Herausforderungen der Bergwelt auf kurzer Distanz miteinander kombiniert. Die Wahl fiel auf die Region um das Stilfser Joch. Auf einer 64 Kilometer langen Runde reihen sich straßenbauliche Widrigkeiten und Schönheiten der Bergwelt aneinander. Ein optimales Terrain also, um den neuen Alpenkönig zu krönen. Dabei geht es um ganz spezielle, für Alpentouren typische Fragestellungen: um fahrdynamische Aspekte, um die optimale Getriebeübersetzung, ob den Motoren oberhalb von 2000 Höhenmetern die Puste ausgeht,
welches Zweirad Beladung am besten verkraftet oder auf Dauer am bequemsten ist.
Die Motorradauswahl
Die Testmaschinen sollten einen möglichst breit gefächerten Querschnitt aus dem aktuellen Angebot repräsentieren. MOTORRAD hat daher in vier Kategorien eine
entsprechende Mischung von insgesamt 20 Modellen zusammengestellt. So konnten unterschiedliche Konzepte berücksichtigt werden. Beispiele: Die Spreizung bei den Supersportlern reicht vom Höchstleistungs-Highlight, der Suzuki GSX-R 1000, bis zur moderaten Honda CBR 600 F. Oder bei den Naked Bikes musste die Harley-Davidson Street Rod der aggressiven Benelli TnT 1130 Paroli bieten. Im ersten Teil
des Alpen-Masters werden die Sieger der einzelnen Kategorien ermittelt, die dann
im großen Finale in der nächsten Ausgabe von MOTORRAD in einem Konzeptvergleich gegeneinander antreten, bei dem der neue König der Berge gekürt wird.

Logistik und Statistik
20 Motorräder standen also am Fuß des Stilfser Jochs zu Testfahrten bereit. Vor-
her jedoch mussten alle Bikes einen leicht
veränderten Top-Test-Parcours auf dem MOTORRAD-Testgelände bewältigen (siehe auch Kasten auf Seite 48: So testet MOTORRAD). Weitere Zahlen: zehn Testtage, zwei Fotografen mit über 6300 Belichtungen, neun Testfahrer, 11800 Alpenkilometer, unzählbare Kehren und Kurven, 31,5 Kilogramm Spaghetti, 86 Liter Bier, 228 Liter Sprudel, 31 frische Lachfalten, kein einziger Sturz.

Die Teststrecke
Alles dreht und windet sich um das Stilfser Joch, den 2758 Meter hohen Pass, den die 48 Kehren der steileren Ostrampe legendär gemacht haben. Bereits im Oktober 1825 konnte die Stilfser-Joch-Straße nach nur fünfjähriger Bauzeit für den Verkehr freigegeben werden. 2000 Arbeiter hämmerten damals ohne schweres Gerät weitgehend von Hand die Straße in den Hang. Die Kehren waren so angelegt, dass ein sechsspänniges Pferdefuhrwerk sie in einem Zug schaffen konnte. Seit dem Bau wurde die Passstraße permanent verbessert, umgebaut, renoviert. Baustellen gibt es praktisch jedes Jahr, denn die Erosion sorgt
in dem steilen Gelände für regelmäßige Schäden an den Brüstungen. Wer ganz früh hinauffährt, sollte wegen der vielen Steine auf der Straße vorsichtig sein. Denn der morgendliche Streckendienst sorgt erst später für einigermaßen freie Fahrt.
Dreh- und Angelpunkt der MOTORRAD-Testrunde war der rund 1500 Meter hoch gelegene Ort Trafoi, von dort sind noch 46 der 48 Kehren bis zum Joch zu
bewältigen. Die durchschnittliche Steigung beträgt sieben Prozent, maximal sind es zwölf. Auf den ersten Kilometern bis Kehre 32 schlängelt sich die Straße mit hellem, rutschigen Belag durch ein Waldstück.
Danach bietet sich ein beeindruckendes Panorama: Links erhebt sich der höchste Berg Italiens, der 3905 Meter hohe Ortler mit seinen vielen Gletscherzungen. Auf den folgenden 8,2 Kilometern nimmt die Vegetation immer mehr ab, bis man schließlich nur noch von Fels und Geröll umgeben ist. Die Strecke wirkt, als hätte Zorro sie
mit einem riesigen Degen in den Berg geritzt. Die Herausforderung ist der ständige Wechsel der Straßenbeschaffenheit. Neu asphaltierte Passagen wechseln sich mit notdürftig geflickten ab, oft treten die alten Natursteine wieder ans Tageslicht. Die Kehren des Stilfser Jochs sind prädestiniert zum Testen von Einlenkverhalten, Stabilität und Handlichkeit, aber auch die Motoren werden dort extrem gefordert.
Passhöhe, 2758 Meter über dem Meer. Ein Hauch von Rummel: Würstchenbuden, Hotels, Kioske. Von hier geht es auf
bestem Asphalt in sanften Schwüngen
abwärts. Nach vier Kilometern zweigt der Umbrail-Pass in Richtung Schweiz ab,
Motorradfahrer haben an der Grenzstation praktisch immer freie Fahrt. Es folgt ein holperiges Straßenstück – ideales Testterrain für ABS-Bremsen und Federelemente –, das schließlich für einige Kilometer in festgefahrenen Schotterbelag übergeht. Wieder auf festem Boden, folgt eine Abfahrt mit wechselndem, teils aufgebrochenem Asphalt und tiefen Senken, die das Chassis an seine Grenzen bringen.
Im Münster-Tal führt die Testrunde durch einige Ortschaften. Auf dieser oft durch Schritttempo geprägten Sektion
zeigen sich Lastwechselreaktionen oder Konstantfahrruckeln. Zurück in Italien,
dominieren dann weit geschwungene, gut ausgebaute Straßen. An der Kirche von Glorenza biegt der Testtrupp auf eine
lange Gerade. Und schon ist man wieder am Fuße des Stilfser Jochs. Die letz-
ten Kilometer zwischen den Orten Prato und Trafoi sind gespickt mit weiten und
engen Kurven sowie kniffligen Schikanen. Schnelles Umlegen der Maschinen ist gefragt. Dabei offenbaren sich Schwächen im Handling, mangelnde Schräglagenfreiheit, Lastwechselreaktionen und das Aufstellmoment beim Bremsen. Zurück in Trafoi: Die Speisekarte des Hotels Tannheim wartet auf mit Vollgas- oder Knieschleiferteller. Eben ein typisches Biker-Hotel, dessen Wirt noch selber fährt.

Auswahl: MOTORRAD-Master-Tests

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