Erschienen in: 16/ 2015 MOTORRAD

Aprilia Tuono V4 1100 RR, BMW F 800 R, Ducati Monster 821, Suzuki GSX-S 1000

Alpen Masters 2015 - Naked Bikes

Nackt in den Alpen, große Gefühle. Frei nach dem Motto „Keine Verkleidung, keine Probleme“ kommt der Spaß vor der Vernunft. Welches Naked Bike hat beim Alpen Masters 2015 die Nase vorn? Aprilia Tuono V4 1100 RR, BMW F 800 R, Ducati Monster 821 oder Suzuki GSX-S 1000?

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Je nackter, desto besser das Gefühl? Frei nach dem Motto „Keine Verkleidung, keine Probleme“ kommt der Spaß vor der Vernunft. Dieses Jahr messen sich die Aprilia Tuono V4 1100 RR, die BMW F 800 R, die Ducati Monster 821 Stripe und die Suzuki GSX-S 1000.

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aus MOTORRAD 16/2015
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Willkommen beim Fahrspaß. Naked Bike plus Dolomiten, das macht Grinsen von Ohrläppchen zu Ohrläppchen. Pässe fräsen, Superbenzin in Endorphine umwandeln, Tankfüllung für Tankfüllung. Wie in den anderen Kategorien auch gelten in den Alpen dabei ganz eigene Regeln. Massig Spitzenleistung ist schön, nutzt aber nichts, wenn die Kiste nach der fiesen Spitzkehre nicht aus dem Quark kommt.

Übertrieben harte Fahrwerke verlieren hier schon mal den sicheren Kontakt zur Straße, wenn der Frostaufbruch wieder extraderb ausfällt oder wenn die Piste nach dem Winter noch gemeinere Wellen schlägt. Druck übers gesamte Band, ausgewogenes Handling, ein gerüttelt Maß Alltags- und Reisetauglichkeit, so wünschen wir uns das perfekte Naked Bike für die Alpen.

Ducati Monster 821 Stripe mit vielversprechenden Eckdaten

Auftritt Ducati Monster 821 in der Sonderedition „Stripe“. Die zeichnet sich, neben einigen optischen Leckerbissen, in erster Linie durch eine im Gegensatz zur Standard-821 voll einstellbare Gabel aus. Eigentlich bringt die Ducati Monster 821 Stripe gute Voraussetzungen mit, 107 PS bei 209 Kilo sind vielversprechende Eckdaten. Doch das Fahrverhalten unseres Alpenmonsters kann nicht wirklich überzeugen, was in erster Linie von der inhomogenen Fahrwerksabstimmung herrührt. Vorne zu weich gefedert, taucht die Ducati schon beim Anlegen der etwas unsensiblen Bremse tief ab, um danach wie ein Jo-Jo wieder auszufedern.

Hinten dagegen bockelt die Ducati Monster 821 Stripe zu straff über Schlaglöcher, das alles erinnert ein wenig an längst vergangen geglaubte Ducati-Zeiten. Mit ausgiebiger Setup-Tüftelei ließe sich vielleicht ein wenig Linderung herbeidämpfen, aber so findet die Monster keine saubere Linie. Sie eiert oft mehr, als sie rollt, will nach jeder kleinsten Welle neu ausgerichtet werden. Nervig. Hinzu kommt eine arg forsche Gasannahme, selbst im gezähmteren Touring-Modus.


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Gerade unten heraus will sich irgendwie keine organische Verbindung zwischen dem Wunsch nach Vortrieb und dessen Umsetzung einstellen. Zur Ehrenrettung der Ducati Monster 821 Stripe sei vorgebracht: Wenn der tiefste Drehzahlkeller erst mal überwunden ist, gibt sich der Testastretta ungemein spritzig, dreht wunderbar nach oben heraus und klingt dabei herrlich vital. ABS und Traktionskontrolle arbeiten gut. Auch die Ergonomie ist, zumindest für kleinere Fahrer, überaus gelungen, sieht man einmal von den störend im Weg rumhängenden Soziusfußrastenhaltern ab. So bleibt unterm Strich für die Monster 821 nur ein etwas unrühmlicher vierter Platz.

Aprilia Tuono V4 1100 RR erfordert extrem aktiven Fahrstil

Über inhomogenes Fahrverhalten darf sich bei der Aprilia Tuono V4 1100 RR nun wirklich niemand beschweren. Auch wenn das Donnerbike über die Jahre merklich gezähmt wurde, besonders mit dem Modellwechsel und der Hubraumerweiterung auf 1100 Kubik, bleibt die Tuono im Herzen ein Racer für die Landstraße. An ihr ist alles aus einem Guss. Einem ehrlichen, harten, fordernden Guss. Die Sitzposition: hoch, nach vorne gebückt, so anstrengend wie gefühlsecht. Nach Komfort zu fragen, geschweige denn Soziuskomfort, verbietet sich. Der Motor: Schiebt jetzt auch unten heraus brauchbar, aber wahre Gefühle kommen erst bei mittleren Drehzahlen auf. 


 Aprilia Tuono V4 1100 RR im Fahrbericht

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Was dann zwischen 7000 und 12.000 Touren folgt, ist verdammt großes Kino, da ist die Aprilia Tuono V4 1100 RR eine echte Macht. Bloß lassen sich auf unserer rund 100 Kilometer langen Teststrecke die Passagen, in denen der V4 so richtig von der Leine darf, an einer Hand abzählen. Im Gegenzug quält man sich mit der Doppel-R ziemlich oft im immer noch viel zu langen Einser durch Spitzkehren, bemüht danach Vollgas, muss aber mit der einsetzenden Leistungseruption gleich wieder abdrehen, weil’s sonst schnell brenzlig wird.

Ein ähnlich radikales Bild beim Fahrverhalten: Das Paket aus Handlichkeit, Lenkpräzision, Stabilität und Rückmeldung, welches die Tuono ins Feld führt, ist, mit wenigen Ausnahmen, beim ganzen Alpen-Masters unerreicht. Doch die Aprilia Tuono V4 1100 RR lässt einen so hart dafür arbeiten wie sonst nur ein Supersportler. Vollbremsung bergab, da werden die Arme ganz schwer und das Heck furchtbar leicht; dann wie auf rohen Eiern um die Spitzkehre, weil so viel Gewicht auf dem Vorderrad lastet. Für zügiges Vorankommen ist ein extrem aktiver Fahrstil gefragt, Hanging-off ist nicht tabu. Weite, schnelle Radien, den Sahne-V4 rennen lassen, im feinnervigen Kontakt mit dem Vorderrad – die Tuono brilliert in den Bereichen, die hier in den Dolomiten kaum gefragt sind. Platz drei.

Suzuki GSX-S 1000 schön handlich und ausgewogen

Und damit zur Suzuki GSX-S 1000, die sich ohne großes Federlesen in Sachen Fahrleistungen bei der absoluten Elite einreiht. Nur die Kompressor-Kawa ist schneller auf 140, nur die BMW S 1000 XR zieht auf 2000 Metern besser durch. Alle Achtung! Macht unterm Strich und allein dafür schon mal einen klaren Sieg im Motorenkapitel. Auch in Sachen Fahrwerk gibt sich die Suzuki keine Blöße. Sie kann zwar nicht ganz mit der messerscharfen Präzision oder Stabilität der Aprilia Tuono V4 1100 RR mithalten, fährt aber insgesamt schön handlich und ausgewogen und dabei weitaus kräfteschonender als die Italienerin. Die Sitzposition ist sportlich-versammelt, trotzdem entspannt. So lässt es sich stundenlang Pässe räubern. Allerdings besser allein, denn ein Sozius findet auch auf ihr keinen wirklich erträglichen Platz. Und auch das Gepäck muss mangels adäquater Unterbringung überschaubar ausfallen.


 Suzuki GSX-S 1000 im Fahrbericht

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Hervorragend dagegen sind Verbrauch und Reichweite. Mit 4,9 Litern im Schnitt liegt sie satte 1,7 Liter unterhalb der Aprilia Tuono V4 1100 RR. In der Praxis macht das bei vergleichbarem Tankinhalt den Unterschied zwischen „Eine Runde geht noch“ und „Wann kommt bloß die nächste Tanke“. Alles in allem jedenfalls liefert die Suzuki GSX-S 1000 eine ziemlich runde Vorstellung ab. Abgesehen von einem etwas ruppigen Ansprechen, das hier und da die Linie versaut, kann man ihr nichts vorwerfen. Für Soloalpinisten mit sportlichen Ambitionen ein rundum gelungenes Motorrad zum mehr als fairen Preis.

BMW F 800 R funktional und ausgewogen

Bedeutet auch: Die BMW F 800 R gewinnt die Kategorie Naked. Und zwar mit deutlichem Punkteabstand. „Nicht doch, die läuft wie eine Kaffeemühle und klingt auch so“, entweicht es Andrea, als er vom Gruppensieg der BMW erfährt. Und Kollege Oscar aus Spanien findet sie „irrsinnig langweilig“. Beiden kann man beipflichten, doch der Sieg der F 800 R ist, trotz ihres beträchtlichen Leistungsmankos, so klar wie verdient. Warum? Weil die BMW das Fahren in den Alpen unglaublich einfach macht. Die Kategorie „Easy going“ hatten wir eigentlich im letzten Heft, doch die F 800 R ist die eigentliche Königin des Easy Going.

Mag sein, dass der Motor rappelig läuft und dass er dabei den Charme eines Küchengeräts versprüht. Aber er zieht auch im zweiten Gang wunderbar dosiert, gleichmäßig und unaufgeregt aus jeder noch so verzwickten Kurve. Druck im Keller, geringe Lastwechselreaktionen, Getriebe perfekt abgestuft, damit nimmt die BMW F 800 R der fast doppelt so starken Aprilia Tuono V4 1100 RR im Motorenkapitel sogar einen Punkt ab. 


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Funktional und ausgewogen – so wie der Antrieb ist auch das Fahrverhalten. Das an sich einfache Fahrwerk bügelt stabil über Schlaglöcher, lässt sich kaum aus der Ruhe bringen. Wo die Aprilia Tuono V4 1100 RR spitz fordert, rollt die BMW F 800 R rund und unangestrengt und damit ab dem ersten Meter bemerkenswert flott. Diese Qualität macht sich besonders bei Regen bemerkbar, dann, wenn der Asphalt teilweise extrem rutschig wird. Hier ist die Fahrt auf der Tuono ein Ritt auf Messers Schneide, während sich die BMW aufgrund ihrer hervorragenden Balance und der stressfreien Ergonomie um Welten einfacher dirigieren lässt.

Satt schlägt die F 800 R auch im Kapitel Alltag zu, macht zehn Punkte auf die schon gute Suzuki GSX-S 1000 und 20 auf die Aprilia. Einstellbares Fahrwerk (hinten elektronisch), Tankanzeige, Hauptständer, Bordwerkzeug, einstellbare Hebeleien, Heizgriffe, Koffersystem, Reichweite, Zuladung – vieles aufpreispflichtig, aber eben alles da, so sammelt man Punkte. Weil darüber hinaus sowohl Fahrer- als auch ­Soziuskomfort gruppenbeste Wertungen sind, ist der Sieg eindeutig. Ab ins Finale.


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23.07.2015 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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