Auf den Punkt gebracht

Mitunter rächt es sich, wenn man sich die Sache zu einfach
macht. Zum Beispiel bei der MOTORRAD-Punktewertung:
Wenn nur Gesamtpunktzahl und Platz registriert werden und
danach das zweirädrige Weltbild steht, läuft etwas schief!

Der vorliegende Vergleich ist ein gutes Beispiel. Siegerin nach
Punkten ist die neue K 1200 S. Und sie gewinnt zu Recht. Jedenfalls, wenn man alle Eventualitäten heranzieht, die einem so unter die
Räder kommen können. Und genau das versucht MOTORRAD mit der 1000-Punkte-Wertung. Weil unsere Leserschaft breit gefächert ist, jeder andere Ansprüche hat. Auf der K 1200 S kann ein Sport-
fahrer durchaus Spaß haben und ein Fernreisender entspannt
ankommen. Selbst wenn der Weg das Ziel ist.

Doch auch wer keine Kompromisse machen möchte, kann mit
der Punktewertung glücklich werden. Um zu zeigen, wie das funktioniert, hat MOTORRAD den umfangreichen Kriterien-Katalog für
dieses Mal farblich unterteilt, und zwar nach sportlichen Merkmalen (braun), der touristischen Eignung (blau) und den Dingen, die im
Alltag wichtig sind (grün). Natürlich ist diese Trennlinie nicht immer gestochen scharf und mancher wird das eine oder andere Kriterium anders zuordnen wollen. Trotzdem: Grundsätzlich wirft eine derart betrachtete Punktewertung ein helles Licht auf den Charakter eines Motorrads, liefert ein genaues Persönlichkeitsprofil.

Die vorliegende Wertung zum Beispiel zeigt, dass die sportlichste BMW aller Zeiten trotz gewaltiger Leistung und trotz verhältnismäßig geringen Gewichts von einem waschechten Sportler japanischen oder italienischen Ursprungs noch ein gehöriges Stück entfernt ist. Der Grund: Ein reinrassiges Sportmotorrad definiert sich keineswegs nur über Motorleistung. Es sind vielmehr herausragende Leistungen im dynamischen Bereich, die ein Motorrad zum Sportler adeln. Handlichkeit, Zielgenauigkeit, Lenkpräzision, Stabilität, Bremsdosierung – in diesen Disziplinen kann die BMW trotz des toll funktionierenden ESA, das MOTORRAD im Unterschied zum Top-Test in Heft 20 mit Extra-Punkten im Kapitel Ausstattung würdigt, wegen ihrer Kompromissbereitschaft nichts Überragendes leisten. Eben weil
sie sich auch im Touring-Bereich famos schlägt. So gesehen ist ihr zweiter Platz in diesem Kapitel aller Ehren wert.

Der zweite Platz in der Touren-Wertung ist allerdings höher anzu-
siedeln. Denn im Vergleich zur Sportwertung, wo die K 1200 S sich punktemäßig ziemlich exakt zwischen Fireblade und FJR 1300 einsortiert, rückt sie hier der Yamaha ganz dicht auf den Pelz. Nur drei Pünktchen trennt die respektable Sportlerin in der Summe von den Reise-Qualitäten einer FJR. Trotzdem kann sie wegen ihrer geringen Reichweite in den Augen eines Langstrecklers kolossal durchfallen.

Womit wir trotz aller Qualitäten auch im dritten Kapitel an den
eklatanten Schwächen der neuen BMW nicht vorbeikommen.
Der Verbrauch speziell im unteren Drehzahlbereich bei wenig Last,
wie er beim MOTORRAD-Landstraßenverbrauch gefahren wird,
spottet jeder Beschreibung. Und Anmutung und Verarbeitung
entsprechen nicht dem, was man sich von einem 15000-Euro-
Motorrad wünscht. Gerade der letzte Punkt aber ist es, der einem Technik-Ästheten – ganz isoliert betrachtet – den Spaß an der
neuen K 1200 S nachhaltig verderben kann. Genauso, wie piekfeine Verarbeitung und bezaubernde Detaillösungen an einem sonst
nur durchschnittlichen Motorrad ein Kaufgrund sein können.

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