Vergleichstest: Barossi BT 450 LX gegen Yamaha WR 250 X Supermotos von Barossi und Yamaha im Vergleich

Kaum jemand kennt die Marke Borossi. Mit der Supermoto BT 450 LX soll sich das ändern. Gelingt der Angriff aus China auf die etablierte Konkurrenz? Die Yamaha WR 250 X stellt sich dem Duell.

Foto: Jkuenstle.de

Können wir wirklich eine 250er -Supermoto gegen eine 450er antreten lassen? Wir machen es einfach. Schließlich haben beide Bikes annähernd die gleiche Leistung. In der PS-Tiefgarage stehen eine Yamaha WR 250 X mit 31 PS und eine Borossi BT 450 LX mit 35 PS - kleine Dinger, um richtig Spaß zu haben! Moment mal, Borossi? Klingt italienisch, ist aber chinesisch. Jetzt nur keine Vorurteile! Schließlich steht vor uns eine Eins-zu-eins-Kopie der  2008er-Honda CRF 450, einem der erfolgreichsten Wettbewerbsbikes der letzten Jahre. Zudem hat Borossi jahrelange Erfahrung mit Straßen- und Offroad-Buggys und baut seit vier Jahren Motocross-Maschinen. Wollen wir doch mal sehen, wie gut die Kopie der Honda gelungen ist. Und ob sich die 250er-Yamaha verteidigen kann.

Die Motoren sind kalt,  die Borossi wird von einem Vergaser befeuert - also Choke ziehen. Nach einigen Umdrehungen nimmt der 450er-Eintopf seine Arbeit auf, stirbt aber nach Loslassen des kleinen Hebels gleich wieder ab, weil er sich nicht arretieren lässt. Mit dem linken Zeigefinger am Choke und den restlichen Fingern am Kupplungshebel geht's rein in den Stadtverkehr. Wegen der umständlichen Choke-/Kupplungsbedienung geraten die ersten Meter etwas holprig. Zudem fällt die sehr schwergängige Kupplung auf. Das gibt Muskeln im Unterarm! Doch Abhilfe naht: Ein preisgünstiger Nachrüstkit mit geänderten Kupplungsfedern und -zug ist demnächst erhältlich.

Dank Gleichdruck-Vergaser geht die Borossi butterweich ans Gas, während die WR mit spürbaren Lastwechselreaktionen nervt - Einspritzanlagen können nicht alles besser. Ansonsten gibt sich die WR 250 X bislang unauffällig. Die Kupplung braucht wenig Kraft, die Gänge sind äußerst leicht und präzise durchgesteppt.

In dieser Disziplin lässt die BT Federn. Die Gänge flutschen nicht so leicht und exakt, zudem fehlt ein sechster Gang für die Landstraße - von einer Wettbewerbsmaschine wie der Honda CRF 450 kann man eben doch nicht einfach alles kopieren. Obwohl das beim Motor durchaus gelungen ist. Zwar vibriert der Single recht kernig über den gesamten Drehzahlbereich und hackt unter 3000/min mächtig auf der Kette herum, darüber aber liefert er bis etwa 7000/min satten Druck, 500/min später liegen die maximalen 35 PS an. Kraftvoll schiebt  die BT aus engen Kurven und hängt die Yamaha ab, bis sich diese wieder per Höchstdrehzahl an den Gegner heransaugt. Im Verfolgungsmodus kennt die WR 250 X ohnehin lediglich zwei Gasgriffstellungen  - komplett auf oder komplett zu. Der Viertelliter-Einzylinder will gedreht werden, seine 31 PS gibt er bei 10600/min ab, erst bei knapp unter 12000/min ist Schluss. Dabei läuft die 250er sehr kultiviert und geschmeidig. Vibrationen? Kaum zu spüren. Die Yamaha gibt sich zahm, auch beim Klang. Die BT begeistert dagegen mit kraftvollem, pröttelndem Sound aus dem Edelstahl-Auspuff. Mit ihren markanten Vibrationen, dem tollen Klang und dem druckvollen Motor ist sie eindeutig das Raubein dieses Vergleichstests. Doch gerade das Raue, Ungehobelte passt gut zur Supermoto. Damit der flotte Fahrspaß kein jähes Ende findet, muss der Ölstand der BT oft und penibel kontrolliert werden. Der Motor fasst nämlich nur rund 0,7 Liter Öl, das Getriebe im separaten Gehäuse ähnlich wenig. Die Serviceintervalle von 3200 Kilometern bei reinem Straßenbetrieb sind recht kurz, laut Borossi aber vergleichsweise günstig.

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Foto: jkuenstle.de

Die Landstraße windet sich durch den Schwarzwald, eine enge Kurve folgt der nächsten - das perfekte Revier für die kleinen Supermotos. Gut für uns, dass es hier noch richtig schlechte Straßen gibt. Denn hier zeigen die Fahrwerke, was sie können - oder eben nicht können. Den Gasgriff fast immer am Anschlag, surft die WR spielerisch durch schnelle Wechselkurven, fühlt sich dabei handlicher an als die Borossi. Fast schon wie eine 125er.  Ihr spielerisches Handling geht jedoch zu Lasten der Fahr- und Kurvenstabilität. In schnell gefahrenen engen Kurven fühlt sich die Yamaha etwas schwammig und  nicht ganz so präzise an - für die harte Gangart ist das Fahrwerk fast schon zu soft. Hier punktet die Borossi. Sie liegt deutlich stabiler und satter, vermittelt mehr Vertrauen. Grundsätzlich können sich beide Fahrwerke aber sehen lassen: Die Bikes überraschen mit in Zug- und Druckstufe einstellbaren Gabeln und Federbeinen, was in dieser Preisklasse nicht selbstverständlich ist. Trotz allem spricht die Upside-down-Gabel der BT 450 LX mit 48 Millimeter Durchmesser etwas unsensibel an, lässt eine direkte Rückmeldung vermissen. Während die Dämpfung der Gabel in Ordnung geht, ist das Federbein übertrieben straff gedämpft. Kurze, harte Schläge hämmert es direkt in das Kreuz des Fahrers.

Dem Kaufpreis entsprechend sind bei beiden Bikes keine High-End-Bremsanlagen verbaut. Sie verzögern fahrzeuggerecht, aber nicht atemberaubend. Die Yamaha braucht wenig Handkraft und überzeugt mit ihrer transparenten Bremse. Zwar verfügt die Test-Borossi bereits über die 320er-Scheibe des nächsten Modelljahres (optional auch fürs aktuelle Modell erhältlich; Serie: 240mm) und hat sogar eine Stahlflexleitung an Bord, dennoch lässt die Bremsdosierung zu wünschen übrig. Hohe Handkraft, maue Transparenz und die nicht lineare Bremswirkung sorgen für Punktabzug. Im nächsten Jahr wird es zusätzlich zur Basis-BT eine Supermoto S geben (Aufpreis rund 800 Euro), mit 320-mm-Bremsscheibe, breiteren Felgen und Reifen, anderer Lampenmaske sowie optionaler Vierkolben-Bremszange (plus 298 Euro) - die kräftiger zupacken soll.

Bereits nach rund 90 zügig gebratenen Kilometern drehen wir den Benzinhahn der Borossi auf Reserve, weil der Motor  stottert; eine Tankwarnlampe gibt es nicht. 5,4 Liter Testverbrauch im Schnitt sind kein Ruhmesblatt, aber akzeptabel. Die Yamaha fackelt 1,6 Liter weniger Sprit ab. 2013 kommt die BT 450 LX als sparsamere Einspritzversion mit vergrößertem Tank. Und schon im nächsten Jahr soll - und muss - sich qualitativ einiges ändern. Denn der erste Eindruck der BT 450 LX könnte besser sein. Der Spiegel  hängt zu lose am Ausleger, klappt wegen der Vibrationen ständig von alleine ein; die Tachonadel tanzt im Cockpit Samba und pendelt stark, die Lenkerschalter wirken billig. Dazu kommt noch die harte, schmale Sitzbank, die zwar Platz für zwei Personen bietet, aber mangels Soziusrasten nur allein besetzt werden darf. Die Kleinigkeiten summieren sich und ergeben ein zwiespältiges Bild. Zumal die Yamaha zeigt, wie es besser geht - freilich zum deutlich höheren Preis. Borossi ist sich der Schwächen bewusst und verspricht Besserung. Wir sind gespannt auf die nächsten Modelljahre.

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PS-Bewertung / Urteil

PS-Bewertung

Max. PunkteBorossiYamaha
Antrieb1004651
Fahrwerk1006368
Alltag und Fahrspaß502329
Gesamtsumme250132148
Platzierung2.1.


PS-Urteil


Yamaha WR 250 X
In der Summe ihrer Eigenschaften ist die WR das bessere weil ausgewogenere Motorrad. Hier stimmt die Qualität, lediglich das maue Drehmoment und der dünne Sound trüben den Fahrspaß.

Borossi BT 450 LX
Kein schlechter Einstand. Die Basis stimmt, am Finish fehlen aber noch die letzten 15 Prozent. Mit etwas Arbeit kann das Testergebnis demnächst anders aussehen.

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Technische Daten

Yamaha WR 250 X

Antrieb 
Einzylinder-Viertakt-Motor, vier Ventile/Zylinder, 22,6 kW (31 PS) bei 10 000/min*, 24 Nm bei 8 000/min*, 250 cm³, Bohrung/Hub: 77,0/53,6 mm, Verdichtungsverhältnis: 11,8:1, Zünd-/Einspritzanlage, 38-mm-Drosselklappen, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Kupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat, Kette

Fahrwerk 
Doppelschleifen-Leichtmetallrahmen, Lenkkopfwinkel: 64,8 Grad, Nachlauf: 76 mm, Radstand: 1425 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 46 mm, einstellbar in Zug- und Druckstufe. Zentralfederbein mit Umlenkung, einstellbar in Zug- und Druckstufe. Federweg vorn/hinten: 270/265 mm

Räder und Bremsen 
Leichtmetall-Speichenräder, 3.0 x 17/4.0 x 17, Reifen vorn: 110/70 R 17, hinten: 140/70 R 17, Erstbereifung: Bridgestone BT 090 „G“, 298-mm-Einzelscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel vorn, 230-mm-Einzelscheibe mit Einkolben-Schwimmsattel hinten

Maße und Gewicht 
Länge/Breite/Höhe: 2115/810/1190 mm *, Sitz-/Lenkerhöhe: 905/1150 mm, Lenkerbreite: 795 mm, 137,5 kg vollgetankt, v./h.: 47,6,/52,4 %

Hinterradleistung im letzten Gang
20,6 kW (28 PS) bei 125 km/h
Verbrauch Kraftstoffart: Super bleifrei. Durchschnitts-testverbrauch: 3,8 Liter/100 km, Tankinhalt 7,6 Liter, Reichweite: 200 km
Grundpreis 6895 Euro (zzgl. Nebenkosten)


Borossi BT 450 LX

Antrieb 
Einzylinder-Viertakt-Motor, vier Ventile/Zylinder, 22 kW (30 PS) bei 7 500/min*, 42,5 Nm bei 6 500/min*, 449 cm³, Bohrung/Hub: 96,0/62,5 mm, Verdichtungsverhältnis: 11:1, CDI, Vergaser, 35-mm-Drosselklappe, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbad-Kupplung, Fünfganggetriebe, Katalysator, Kette

Fahrwerk 
Leichtmetall-Brückenrahmen, Lenkkopfwinkel: 63,48 Grad, Nachlauf: k.A., Radstand: 1500 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 48 mm, einstellbar in Zug- und Druckstufe. Zentralfederbein mit Umlenkung, einstellbar in Zug- und Druckstufe. Federweg vorn/hinten: 310/270 mm

Räder und Bremsen 
Leichtmetall-Speichenräder, 2,5 x 17/3.5 x 17, Reifen vorn: 110/70 17, hinten: 140/70  17, Erstbereifung: Kings Tyre, 320-mm-Einzelscheibe mit Doppelkolben-Schwimmsattel vorn, 240-mm-Einzelscheibe mit Einkolben-Schwimmsattel hinten

Maße und Gewicht
Länge/Breite/Höhe: 2265/830/1275 mm *, Sitz-/Lenkerhöhe: 910/1150 mm, Lenkerbreite: 810 mm, 136 kg vollgetankt, v./h.: 47,5/52,5 %

Hinterradleistung im letzten Gang 23 kW (31,2 PS) bei 112 km/h
Verbrauch Kraftstoffart: Super bleifrei. Durchschnitts-testverbrauch: 5,4 Liter/100 km, Tankinhalt 8,0 Liter, Reichweite: 148 km
Grundpreis 5198 Euro (zzgl. Nebenkosten)

* Herstellerangabe

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