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BMW R 1200 GS Modellpflege von 2014 auf 2015 Mehr Schwungmasse für Standard-GS

Auch die BMW R 1200 GS in Standardausführung erhält nun mehr Schwungmasse zugunsten besserer Laufkultur. So wie die Adventure und alle anderen Wasserboxer-Modelle von Anfang an. Dazu noch einige neue Ausstattungsoptionen, fertig ist die Optimierung fürs Modelljahr 2015.

Ein perfekter, postkartenschöner Herbsttag. Draußen reißt die Morgensonne den Nebel in Fetzen. Ein polierter, klarer Himmel leuchtet hell. Nichts wie raus! Mit der für 2015 minimal aufpolierten BMW R 1200 GS. Moment mal, da parken ja zwei davon. Top-Tester Karsten Schwers will auch mit, hat das 2014er-Modell. Hhmm, und welche ist jetzt die neue? Des Zulassungskönigs neue Kleider: Die neue Lackvariante ist ein dunkleres Tiefschwarz statt des bisherigen Anthrazit. Sicherstes Unterscheidungsmerkmal ist der neue Schlüssel. Er ist in der Ausstattungsoption Keyless Ride autoartig groß.

Man muss ihn nur mit sich führen, um das Lenkschloss zu entsichern. Der Zentralschalter überm Lenkkopf schaltet die Zündung an. Ein klassisches Zündschloss samt kleinerem Schlüssel hat nur das 2014er-Modell. Den Druck aufs Startknöpfchen beantworten beide Boxer mit verheißungsvollem Bellen, verfallen dann in einen gleichmäßigen, dumpf klingenden Leerlauf. Ein Weckruf für die Konkurrenz? Seit dem Wechsel des Kühlkonzepts zur Saison 2013 rollten bereits über 55.000 Exemplare der komplett umgekrempelten BMW R 1200 GS von den Berliner Produktionsbändern. Hinzu kommen noch über 16.000 BMW R 1200 GS Adventure im Jahr 2014. Macht über 70.000 wassergekühlte GS. Den Koloss GS Adventure gibt’s nun auf Wunsch auch tiefergelegt.

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Großer Unterschied beim Anfahren

Von ihr erbte die Standardausführung der BMW R 1200 GS für 2015 generell größere Schwungmasse. Besonders die mittlere Kurbelwange wurde insgesamt dicker und größer im Durchmesser. Hinzu kommt ein neues, massiveres Zahnrad des Primärtriebs mit weniger Aussparungen und Bohrungen. Insgesamt rotieren tief im Bauch des Maschinenraums nun 8166 statt bislang 7039 Gramm. Ist das zu spüren? Nun ja, höchstens von sensiblen Naturen. Das Reaktionsmoment der längsliegenden, quer zur Fahrtrichtung rotierenden Kurbelwelle wirkt bei beiden GS etwa gleich stark: Gas geben im Stand, dann schwingen die 1200er erst nach rechts, rollen dann nach links in die Ausgangslage zurück.

Das Anfahren offenbart einen großen Unterschied: Nur der neue Motor erscheint „unabwürgbar“, so wie alle luftgekühlten GS-Modelle eh und je. Der 2014-Motor stirbt bei nachlässiger Betätigung der nicht ideal dosierbaren hydraulischen Ölbad-Kupplung mitunter unvermittelt ab. Einfach so. Ärgerlich an der Ampel, unglücklich beim Wenden auf Schotter. Mehr Gewicht macht den Boxer nun gutmütiger, er blubbert sich abgeklärter durch den Drehzahlkeller. Der Test auf Massenträgheit: anfahren, auskuppeln, wieder einkuppeln ohne Gas – dann steht der alte Boxer oft, während der neue weiterläuft. Einlegen des ersten Gangs quittieren beide BMW R 1200 GS mechanisch wie akustisch mit deutlichem Schaltschlag. Wo­bei das „neue“ Modell etwas geschmeidiger wirkt. Ist eher Serien­streu­ung als echte Ver­besserung.

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Neue BMW R 1200 GS mit Schaltassistent Pro

Der Schaltassistent Pro als neues Extra funktioniert beim Hochschalten unter Last prima. Ohne zu kuppeln einfach den nächsten Gang reinsteppen. Fertig. Wroupp, wroupp, geht es mächtig vorwärts. Die 125 PS stehen gut im Futter. Für normale Fahrer ist der Schaltautomat entbehrlich, für sportive Naturen nicht schlecht. Beim Runterschalten braucht es etwas Gefühl und lieber höhere Drehzahlen, damit’s ohne Kupplung ruckfrei geht. Hätte man noch vor wenigen Jahren jemals einem BMW-Boxer solch sportive Drehfreude zugetraut? Gilt speziell im Fahrmodus „Dynamic“. Die Fahrmodi beeinflussen neben Gasannahme auch ABS und Traktionskontrolle. Ob die 2014er BMW R 1200 GS noch einen Tick befreiter wirkt, noch feiner, aggressiver am Gas hängt? Schwer zu ­sagen. Identisch sind die Fahrleistungen.

Und die Laufkultur? Nun, der beschwerte Motor der 2015er BMW R 1200 GS läuft ein wenig weicher – minimal sanfter, vibriert etwas weniger, pulsiert tieffrequenter. Das spürt man aber, wenn überhaupt, bloß beim direkten Umstieg. Speziell rund um 5000 Touren wirken die Vibrationen des bisherigen Boxers minimalst härter, trockener. Aber das sind Nuancen. Lieber aufs famose Fahrgefühl, auf den enormen Fahrspaß konzentrieren. Hinter dem breiten Lenker ist man jederzeit Herr der Lage. Ach was, aller Lagen. Du fährst aufrecht und erhaben. Eine GS ist eine GS. Gespeist von einem ­Gefühl aus Leichtigkeit, Geborgenheit und Souveränität. Alles geht so einfach, so sicher, so entspannt. Auf Anhieb.

Die 2015er BMW R 1200 GS wiegt ein Kilo mehr

Ein Präzisionswerkzeug, das keine Eingewöhnung erfordert. Einlenken? Spielerisch. Kurskorrekturen? Kinderleicht. Lenkpräzision? Vorbildlich. Die Bremsen knackig und wirkungsvoll, das Handling agil. Freude am Fahren, eingebaut ab Werk: „Zehn Minuten Fahren müssen reichen, um Begeisterung zu wecken“, beschreibt Josef Miritsch als Leiter der Boxerbaureihen bei BMW das Credo. Herrlich fahraktiv sind beide BMW R 1200 GS, ein Gütesiegel. Als Ernte stetiger Verbesserung, kontinuierlicher Weiterentwicklung. Und zwar seit 1980, der R 80 G/S als Urmeter aller Reiseenduros. Ihre Erbin, die aktuelle R 1200 GS, verkörpert perfekt motomobile Vielseitigkeit, stellt zusammen mit der BMW R 1200 GS Adventure jede dritte BMW!

Klasse funktioniert das Fahrwerk. Rund 20 Zentimeter lange Federwege bügeln Teer glatt. Das semiaktive Fahrwerk Dynamik ESA ist per Knopfdruck spürbar an Zuladung und Straßenbeschaffenheit anzupassen, variiert die Dämpfung zusätzlich selbsttätig je nach Fahrzustand. Wobei dich die BMW R 1200 GS nicht in Watte packt, dich die Asphaltbeschaffenheit spüren lässt. Aber nicht darunter leiden lässt. Bereits die 2014er-GS trägt unauffällig einen Lenkungsdämpfer. Er stört nicht bei niedrigem Tempo, macht den Geradeauslauf narren­sicher. Viele durchdachte Details fügen sich zu einem Ganzen. Per Drehknauf ist die Scheibe mit einer Hand zu verstellen, dank optionalem Tempomaten sogar in Fahrt. Vario-Koffer mit Teleskopmechanismus fügen sich als Extra perfekt ans Heck. Ein Sensor schaltet das optionale Tagfahrlicht im Tunnel automatisch auf Abblendlicht um.

Michelangelo sagte: „Perfektion ist keine Kleinigkeit, aber viele Kleinigkeiten ergeben Perfektion.“ 251 Kilogramm wiegt die neue BMW R 1200 GS, ein Kilo mehr als bislang. In Vollausstattung mit allen drei Paketen an Zusatzausstattungen (Touring, Dynamik, Comfort) an Bord. Damit ordern bei der BMW-Niederlassung in Stuttgart 95 Prozent aller Käufer ihre GS. Das treibt den Preis ohne Koffer oder Kreuzspeichenräder auf rund 18.000 Euro hoch. Viel für ein Motorrad, ­wenig für ein fantastisches Fahrgefühl. Das Phänomen, die Generation GS, geht noch weiter gestärkt in die nächste Runde.

Technische Daten BMW R 1200 GS

Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor, Bohrung x Hub 101,0 x 73,0 mm, 1170 cm³, 92,0 kW (125 PS) bei 7700/min, 125 Nm bei 6500/min, Brückenrahmen aus Stahlrohr, längslenkergeführte Telegabel, Ø 37 mm, Zweigelenk-Kardan-Einarmschwinge aus Aluminium, Zentralfederbein, Doppelscheibenbremse vorn, Ø 305 mm, Scheibenbremse hinten, Ø 276 mm, ABS, Reifen 120/70 R 19; 170/60 R 17, Radstand 1507 mm, Lenkkopfwinkel 64,5 Grad, Nachlauf 100 mm,
Federweg v./h. 190/200 mm, Gewicht vollgetankt* 251 kg, Tankinhalt 20,0 Liter, Preis ab 14.700 Euro, Preis/Nebenkosten Testmotorrad 18.590/380 Euro.

Das ist neu im Modelljahr 2015

Kleine Modellpflege kennzeichnet den 2015er-GS-Jahrgang. Dazu zählt vor allem die erhöhte Schwungmasse, wie sie bei der BMW R 1200 GS Adventure und R 1200 RT von Anfang an rotierte. Die Adventure gibt es nun auch tiefergelegt.

BMW R 1200 GS

  • erhöhte Schwungmasse der Kurbelwelle: Gewicht von 6189 auf 7004 Gramm erhöht, Massenträgheit von 8150 auf 11.250 kg/mm2 vergrößert. Das neu designte Primärrad wiegt 1162 statt bislang 850 Gramm
  • Schaltassistent Pro erlaubt Hoch- und Runterschalten ohne Kupplungsbetätigung (Sonderausstattung)
  • Keyless Ride (Sonderausstattung)
  • neue Farbe Alpinweiß uni in Verbindung mit Antriebs- und Fahrwerkskomponenten in Schwarz
  • neue Farben Frozen Darkblue metallic und Blackstorm metallic

BMW R 1200 GS Adventure

  • Tieferlegungsoption um 50 auf 840/ 860 Millimeter (Sonderausstattung): Federwegseinschränkung auf den Wert der BMW R 1200 GS, also 190/200 statt 210/ 200 mm; Federungs-/Dämpfungs-Setup speziell an Anforderungen der GS Adventure angepasst. Tieferlegung ist nur mit optionalem Dynamic ESA erhältlich
  • niedrigere Sitzbänke von BMW R 1200 GS (minus 20 mm, Sonderausstattung)
  • Schaltassistent Pro und Keyless Ride (als Sonderausstattung)
Foto: Sdun
Josef, genannt „Sepp“, Miritsch (51) ist als Diplom-Ingenieur Fahrzeugtechnik Leiter der Boxer-Baureihen bei BMW.
Josef, genannt „Sepp“, Miritsch (51) ist als Diplom-Ingenieur Fahrzeugtechnik Leiter der Boxer-Baureihen bei BMW.

Interview Josef Miritsch

„Vielseitigkeit und Ausgewogenheit“

Josef, genannt „Sepp“, Miritsch (51) ist als Diplom-Ingenieur Fahrzeugtechnik Leiter der Boxer-Baureihen bei BMW.

Die BMW R 1200 GS ist das meistverkaufte Motorrad in Deutschland. In welchen Ländern noch?

Die BMW R 1200 GS ist auch das meistverkaufte Motorrad in Italien, Großbri­tannien (Stand Juni 2014), der Schweiz, Österreich, Belgien, Finnland, Nor­wegen, den Niederlanden, Polen und Rumänien (Stand Dezember 2013).

Wie hoch ist der Anteil der BMW R 1200 GS Adventure an den produzierten wassergekühlten R 1200 GS?

Der Anteil der Adventure an der R 1200 GS ist 37,5 % (per Oktober 2014).

Wie hoch ist aktuell der Anteil der R 1200 GS an der Gesamtproduktion von BMW Motorrad?

Die aktuelle BMW R 1200 GS hat einen Anteil an der Produktion von 20,6 % (Stand Ok­tober 2014). Die GS Adventure liegt bei 12,3 % (Stand Oktober 2014). Derzeit liegt der Anteil der Boxer-Baureihe (alle R-Modelle) bei knapp über 50 Prozent.

Das bestverkaufte BMW-Motorrad aller Zeiten heißt R 1200 GS. Hat der Wasserboxer ab 2013 der Nachfrage noch einen Schub verpasst?

Ja, die Nachfrage nach der flüssigkeitsgekühlten R 1200 GS hat nochmals spürbar angezogen. Mit 26.631 Einheiten 2013 wurde der bisherige Bestwert eines BMW-Motorrades (luftgekühlte R 1200 GS im Jahr 2005: 25.705 Exemplare) noch übertroffen.

Ist die große wirtschaftliche (und psychologische) Bedeutung, welche die R 1200 GS für BMW Motorrad hat, nicht auch eine Bürde – „da darf niemals etwas schiefgehen“?

Die BMW R 1200 GS ist sicherlich seit Jahren unser wichtigstes Modell, und wir sind uns der hohen Verantwortung gegenüber unseren Kunden bewusst. Das hohe technologische Niveau zu halten, sehen wir eher als Herausforderung und weniger als Bürde. Der Blick auf unsere wachsende Modellpalette zeigt auch, dass wir keine Monokultur wollen. Mit der R nineT und der S 1000 R brachten wir beispielsweise auf Anhieb zwei volumenstarke Modelle auf den Markt.

Weshalb kommt nun die größere Schwungmasse in allen Modellen mit wasser­gekühltem Boxer zum Einsatz?

Sehr positive Rückmeldungen zur BMW R 1200 GS Adventure und zur R 1200 RT, die nach der GS eingeführt wurden, veranlassten uns, bei der GS die gleiche Kurbelwelle einzusetzen. Hinzu kommt die Vereinheitlichung der Motoren für mittlerweile fünf Boxermodelle mit luft-/flüssigkeitsgekühltem Antrieb, inklusive R 1200 R und R 1200 RS, durch identische Kurbelwelle und das Primärrad. Grundsätzlich geht es hier nicht um das Thema Gewichtsmehrung. Nur das Massenträgheitsmoment beeinflusst das Laufverhalten des Grundmotors.

Für 2015 stehen potente Wettbewerber in den Startlöchern (KTM 1290 Super Adventure, neue Ducati Multistrada, neue Honda Africa Twin). Ist die große BMW R 1200 GS dafür gut genug gerüstet?

Wir begrüßen diese Entwicklung und die daraus entstehende Belebung des Marktes. In unserer langfristigen Produktplanung ist natürlich auch die Entwicklung des Wettbewerbs berücksichtigt. Wie sehen unsere Modelle für die Zukunft sehr gut positioniert.

Wird BMW sich am Wettrüsten der Reiseenduros, 150 PS und mehr, in Zukunft beteiligen?

Die Boxer-GS hat das Segment begründet und von Anfang an die Spitzenposition belegt. Dies gelingt ihr nicht durch vereinzelte Spitzenleistungen, sondern durch unerreichte Vielseitigkeit und Ausgewogenheit. Im Sinne unserer Kunden legen wir auch zukünftig großen Wert auf die Erweiterung dieser Eigenschaften und nicht auf singulär hohe Motorleistung. Für sportlich orien­tierte Kunden schließen wir mit der neuen S 1000 XR eine weitere Lücke. Sie bedient das Adventure-Sport-Segment.

Führt immer mehr elektronische Ausstattung bei Reiseenduros nicht zu potenziellen Pro­blemen auf Fernreisen in entlegenen Gebieten?

Diese Frage wird uns seit der Ein­führung der BMW R 1200 GS mit CAN-Bordnetz im Jahr 2004 immer wieder gestellt. Zahlreiche Kunden bewältigten zusammen viele Millionen Kilometer auf unseren GS rund um den Erdball ohne technischen Ausfall, das stärkt das Vertrauen in die Technologie.

Im MOTORRAD-Dauertest über 50.000 Kilometer trat an der aktuellen BMW R 1200 GS ein kapitaler Getriebeschaden auf. Liegt dazu die Schadensanalyse vor? War die Ursache des Lagerdefekts das Platzen einer einzelnen Kugel?
Der Analysebericht des Lagerherstellers liegt inzwischen vor. Aufgrund der extremen Beschädigung der Teile lässt sich die Schadensursache nicht mehr exakt feststellen, die Schaden­hypothese Kugelbruch bleibt bestehen.

Fazit

Mit einer GS kauft man mehr als ein Motorrad. Nämlich alle Optionen. Die clever konstruierte, durchdachte R 1200 GS verkörpert perfekt motomobile Vielseitigkeit: flott über die Hausstrecke, herrlich souverän über Alpenpässe, mit Sozia und Gepäck in den Urlaub. Eine für alles! Der nun etwas gutmütigere, da „unabwürgbare“ Boxer tut dem Konzept gut.

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