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China-Bikes CF Moto 650 NK und Benelli BN 600 R im Test Preiskracher oder China-Böller?

Ihre Vorgeschichte könnte unterschiedlicher nicht sein, doch ihre Herkunft eint die Mittelklasse-Nakeds CF Moto 650 NK und Benelli BN 600 R. Aus China auf den deutschen Markt - einmal direkt, einmal über Italien. Preiskracher oder China-Böller?

Achtung, jetzt bloß nicht in Klischees verfallen. China-Bikes – so naheliegend die Bezeichnung für die beiden ersten „großen“ Motorräder aus dem Land des Lächelns am deutschen Markt auch sein mag, irgendwie schwingt da schon eine Wertung mit. China-Bikes, das klingt nach billig um jeden Preis, nach Mängeln in der Qualität und nach abgekupferten Ideen.

Zugegeben, das letzte Stelldichein mit einem China-Bike verlief, treue Leser werden sich erinnern, erheiternd bis ernüchternd: Shineray XY 125 GY, MOTORRAD 12/2007. Das vernichtende Urteil damals: „Besser nicht kaufen.“ Aber daraus auf die beiden Testkandidaten zu schließen, wäre verfrüht, steigen hier mit CF Moto 650 NK und Benelli BN 600 R doch zwei vollwertige Mittelklasse-Motorräder in den Ring und nicht ein 500-Euro-Ebay-Schnapper. Außerdem: Seitdem hat sich viel getan. Als „Werkbank der Welt“ liefern chinesische Hersteller heute vom Smartphone bis zum Mittelklasse-Pkw voll konkurrenzfähige Produkte. Zeit also für eine Standortbestimmung.

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Ein Plus für Ergonomie, ein Minus für Zuverlässigkeit

Auftritt CF Moto 650 NK. Das erste komplett in China entwickelte und gefertigte Motorrad, das in Deutschland beim Händler zu erwerben ist. 650 Kubik Reihenzweizylinder, 61 PS, 4999 Euro. Das Konzept, Motor- und Rahmenkonstruktion weisen verdächtige Ähnlichkeiten mit Kawasakis erster ER-6n auf. Kawacopy 650 NK? Sei’s drum, Testfahrt.

Beim gemütlichen Beschnuppern auf der Schwäbischen Alb gefällt zunächst der Antrieb der CF Moto 650 NK. Sanfte Gasannahme bereits ab 2000 Umdrehungen, ein wunderbar linearer Leistungszuwachs mit durchaus kräftiger Mitte, dazu eine Überdreh-Reserve von gut 2000 Touren, nachdem der Motor bei 7500/min seinen Drehmoment- und Leistungszenit erreicht hat. Dass die Spitzenleistung mit gemessenen 57 PS für eine 650er recht überschaubar ausfällt – geschenkt. Die Kupplung arbeitet unauffällig und verlangt wenig Handkraft, das Getriebe der zweiten Testmaschine (dazu später mehr) erledigt seinen Job anstandslos und gefällt mit praxisgerecht ausgelegten Gangstufen. Insgesamt also ein gelungener Antrieb, dessen Charakter perfekt zum kleinen, wendigen Landstraßen-Flitzer passt.

Positiv geht es weiter: Die Sitzposition auf der CF Moto 650 NK gefällt. Aufrecht und bequem logiert der Pilot, darf sich über die schmale Taille und gelungenen Knieschluss freuen. Zwar ist der ­Lenker recht schmal und etwas seltsam gekröpft, unterm Strich steht beim Kapitel Ergonomie aber ein Plus. Dank 17-Liter-Spritfass und moderatem Verbrauch (4,5 Liter/ 100 km) ließe sich diese zudem über Etappen von 350 Kilometern am Stück genießen.

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An Federgabel und Bremse hapetrs bei der CF Moto

Ließe. Konjunktiv, wohlgemerkt. Denn echter Fahrgenuss will sich auf der CF Moto 650 NK nicht recht einstellen. Verantwortlich dafür zeichnen in erster Linie die Federgabel und die Bremse. Erstere ist viel zu hart. Fast fühlt es sich an, als presste sich Sand statt Öl durch den Dämpfer. Ansprechverhalten ist für die Gabel ein Fremdwort, entsprechend bockig keilt die CF über welligen Asphalt und Schlaglöcher. Kaum besser die Bremse: Die Wirkung ist noch ausreichend, mit beherztem Zupacken lässt sich das Vorderrad zum Blockieren bringen. Das Fehlen eines ABS wäre angesichts des niedrigen Preises zu verschmerzen, aber die schlechte Dosierbarkeit lässt halbwegs punktgenaue Verzögerungsmanöver zum Glücksspiel werden. Einem langen Leerweg im Hebel mit recht hohem Widerstand folgt unvermittelt ein eher teigiger Druckpunkt. So macht Bremsen keinen Spaß.

Bisher eine durch und durch süßsaure Erfahrung also. Ein bitterer Beigeschmack mischt sich allerdings darunter, betrachtet man Verarbeitungsqualität und Zuverlässigkeit der CF Moto 650 NK. Unappetitliche Schweißnähte, wackelige Kupplungshebel und ausgeleierte Spiegelgelenke sind an sich schon ärgerlich genug. Schwerer wiegt aber der Ausfall der ersten Testmaschine. Die nervte zunächst mit rubbelnden Bremsen und knorpeliger Schaltbarkeit, quittierte dann auf dem Prüfstand mit einer festgegangenen Kupplungsstange den Dienst. Nach der Reparatur gönnte sie sich dann beim Fotofahren aus unerklärlichen Gründen 15 Minuten Auszeit, in der sie keinen Mucks von sich gab. Einzelfall? Schwer zu sagen. Zwar schlug sich die von MotoDoc in Schwäbisch Gmünd bereitgestellte Ersatzmaschine dann frei von Ausfällen, der subjektive Qualitätseindruck der CF Moto macht aber wenig Hoffnung auf Langlebigkeit.

Fahrwerk der Benelli überzeugt, Motor weniger

In Sachen Zuverlässigkeit, so viel vorweg, trat die Benelli BN 600 R souverän auf. Vom groben Finish der Aluguss-Rahmenteile und den Lenkerarmaturen einmal abgesehen, vermittelt die Benelli einen wertigen, massiven, haltbaren Eindruck. Der Vierzylinder wurde in Italien konstruiert, in China für den Weltmarkt gebaut, um dann wieder in Italien für den europäischen Markt mit höherwertigen Fahrwerkskomponenten (50-Millimeter-Marzocchi-USD vorn, Sachs-Federbein hinten) und Bremsen (Brembo-Radial) fit gemacht zu werden. Das Ergebnis: eine Benelli für 6790 Euro. Und auch die kann sich Plagiatsvorwürfen nicht ganz entziehen. Der Rahmen, die Schwinge, das Heck – irgendwo hat man das schon gesehen. Immerhin fährt die Benelli Shiver, Pardon, BN 600 R, wie schon der erste Fahrbericht von MOTORRAD (19/2013) zeigte, gar nicht mal schlecht. Gabel und Federbein (Letzteres einstellbar in Vorspannung und Zugstufe) sprechen sauber an und kommen auch bei flotter Gangart noch mit. Die Bremse ist in Wirkung und Dosierbarkeit erste Sahne. Damit ließe sich in feinster Piratenmanier über die Landstraßen räubern.

Schon wieder Konjunktiv. Denn im genauen Gegenteil zur CF Moto überzeugt bei der Benelli BN 600 R zwar das Fahrwerk, weniger aber der Motor. Der gönnt sich beim Anlassen erst mal einen großen akustischen Auftritt. „Phrroowäääääärrrr-rrr-rrrr-rrrrrrrrr“, knurrt es laut und heiser aus dem großen Underseat-Auspuff. Das klingt nach einem abgerichteten Dobermann. Als ob der Arme Tollwut hätte. „Oha, der beißt!“, warnen sofort die Synapsen. Doch diesbezüglich kann leider weitgehend Entwarnung gegeben werden. Zwar rollt der Vierling mit ordentlichem Anfahrdrehmoment los, fällt dann aber in ein tiefes Loch, aus dem er erst jenseits der 7000/min herausfindet.

Ordentlich Zug auf die Kette ab 9500 Touren

Eine echte Oldschool-600er. Richtig Musik gibt’s dann von 9500 Touren bis zum Begrenzer. Hier bringt die Benelli BN 600 R ordentlich Zug auf die Kette. Auch wenn der Prüfstand schließlich stramme 90 PS attestiert (8 PS über Werksangabe), fühlt sich die BN 600 R fast überall lethargisch an, wird beim Durchzug von der wesentlich schwächeren CF Moto gnadenlos eingedost. Dazu trägt auch der unsäglich schwergängige Gasgriff bei. Der fühlt sich nicht nach Betätigung der Drosselklappen an, sondern eher, als würde daran eine Bowlingkugel aus einem Eimer Leim gezogen. Auch das Ansprechverhalten lässt noch etwas Feinschliff vermissen, einem leichten Rucken aus dem Schiebebetrieb folgt ein Nachschieben, besonders im oberen Drehzahlbereich. Ein Stück weit entschädigt der Verbrauch: Auf der Testrunde begnügte sich die Chitalienerin mit 4,7 Litern.

Zwiespältig wie der Motor geriet auch die Sitzposition. „Unten Sport, oben Tour“, so lässt sich das Ensemble von hohen Fußrasten, spitzem Kniewinkel und breitem Tank in Verbindung mit einem ebenfalls breiten, gut positionierten Lenker zusammenfassen. Das fühlt sich machomäßig an, ist auf die Dauer aber unbequem. Erstaunlich effektiv ist bei der Benelli BN 600 R hingegen der kleine Windschild.

Preiskracher sind beide nicht

Was bleibt also unterm Strich? Zwei China-Nakeds, deren Charakter unterschiedlicher nicht sein könnte. Beide mit Stärken und Schwächen. Die CF Moto 650 NK hat das stimmigere Konzept (auch wenn das nicht ganz neu ist), verpatzt mit minderwertigen Fahrwerkskomponenten und schlechter Qualität aber die Ausführung. Umgekehrt die Benelli BN 600 R: Motorcharakteristik, Ansprechverhalten und Ergonomie lassen die Möglichkeiten ungenutzt, die das an sich gute Fahrwerk bieten würde. Preiskracher sind beide nicht, vom mauen Gegenwert angesichts des bärenstarken Wettbewerbs einmal abgesehen, wird auch der Wertverlust verheerend ausfallen. Aber prinzipiell funktionieren sie, die Benelli mehr noch als die CF Moto. Also auch keine China-Böller – verglichen mit der Shineray von 2007 jedenfalls ist das ein Quantensprung. Was uns zurückbringt zur eingangs gestellten Frage: Wo stehen die chinesischen Hersteller derzeit gemessen am westlichen Standard? Zugespitzt formuliert muss die Antwort lauten: so nah dran und doch so weit weg.

Daten und Messwerte

Motor

 

 Benelli BN 600 RCF Moto 650 NK
BauartVierzylinder-Viertakt-
Reihenmoto
Zweizylinder-Viertakt-
Reihenmotor
Einspritzung4 x Ø 38 mm2 x Ø 38 mm
KupplungMehrscheiben-
Ölbadkupplung
Mehrscheiben-
Ölbadkupplung
Bohrung x Hub      65,0 x 45,2 mm83,0 x 60,0 mm
Hubraum600 cm³649 cm³
Verdichtung11,5:111,3:1
Leistung60,0 kW (82 PS)
bei 11 500/min
45,0 kW (61 PS)
bei 9000/min
Drehmoment52 Nm bei 10.500/min      56 Nm bei 7000/min

Fahrwerk

 

 Benelli BN 600 RCF Moto 650 NK
RahmenGitterrohrrahmen aus
Stahl mit verschraubten
Alugussteilen
Brückenrahmen
aus Stahl
GabelUpside-down-Gabel,
Ø 50 mm
Telegabel,
Ø 41 mm
Bremsen vorne/hinten    
Ø 320/240 mmØ 300/240 mm
Räder3.50 x 17; 5.50 x 173.50 x 17; 4.50 x 17
Reifen120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17     120/70 ZR 17; 160/60 ZR 17
BereifungMetzeler
Sportec M5 Interact
Continental
RoadAttack 2, vorne „C“

Maße + Gewicht

 

 Benelli BN 600 R      
CF Moto 650 NK
Radstand1430 mm1415 mm
Lenkkopfwinkel66 Grad65,5 Grad
Nachlauf98 mm102 mm
Federweg vorne/hinten    
120/123 mm125/130 mm
Sitzhöhe¹820 mm820 mm
Gewicht vollgetankt¹228 kg206 kg
Zuladung¹142 kg147 kg
Tankinhalt/Reserve15,0/4,0 Liter   17,0 Liter
Service-Intervalle10 000 km6 000 km
Preis6790 Euro4999 Euro
Preis Testmotorrad6790 Euro4999 Euro
Nebenkosten325 Eurok.A.

MOTORRAD-Messwerte

 

Benelli BN 600 R       CF Moto 650 NK
Höchstgeschwindigkeit203 km/h180 km/h*
Beschleunigung

0–100 km/h4,3 sek5,1 sek
0–140 km/h7,7 sek10,1 sek
0–200 km/h25,1 sek-
Durchzug

60–100 km/h5,5 sek5,2 sek
100–140 km/h7,1 sek6,6 sek
140–180 km/h11,9 sek-
Verbrauch Landstraße/100 km4,7 Liter4,5 Liter
Reichweite Landstraße319 km378 km

¹MOTORRAD-Messung; *Herstellerangabe

Foto:
Die Leistungs- und Drehmomentkurven untermauern die subjektiven Fahreindrücke.
Die Leistungs- und Drehmomentkurven untermauern die subjektiven Fahreindrücke.

Die Leistungs- und Drehmomentkurven untermauern die subjektiven Fahreindrücke. Bis 7500/min liegt die CF Moto 650 NK teils deutlich vor der Benelli, was sie ihrem leichten Hubraumplus und den größeren Einzelhubräumen verdankt. Ein schön zu fahrender Landstraßenmotor. Erst oben heraus legt die Benelli kräftig zu und überflügelt den Twin klar. Die Dellen im Drehmomentverlauf der BN 600 R sind aber deutlich spürbar, ebenso das Erreichen der Spitzenleistung mit Einsetzen des Begrenzers – das nervt. Was das Diagramm nicht zeigt: Der schwergängige Gasgriff und das ungeschliffene Ansprechverhalten lassen die Benelli BN 600 R recht träge wirken.

Leistung an der Kurbelwelle. Messungen auf dem Dynojet-Rollenprüfstand 250, korrigiert nach 95/1/EG,
maximal mögliche Abweichung ± 5%

Foto: Bilski
Noch nicht ganz am Ziel: Die beiden aktuell erhältlichen China-Nakeds 
präsentierten sich als durch und durch süßsauer. Wie sich wohl die nächste Generation schlagen wird?
Noch nicht ganz am Ziel: Die beiden aktuell erhältlichen China-Nakeds präsentierten sich als durch und durch süßsauer. Wie sich wohl die nächste Generation schlagen wird?

MOTORRAD-Testergebnisse

1. Benelli BN 600 R
Fahrwerk okee, Motor nee. Echte Fans der Marke Benelli werden die BN 600 R wohl keines Blickes würdigen, aber immerhin stimmt die Qualität – und der Sound lässt garantiert niemanden kalt.

2. CF Moto 650 NK
Billig, aber nicht günstig. Dabei bringt die CF Moto 650 NK durchaus gute Anlagen mit. Wegen Fahrwerksschwächen und zweifelhafter Qualität kann dennoch nur abgeraten werden.

Hintergrund Benelli und CF Moto

Made in China

Benelli – ein großer ­Name mit einer wechselhaften Historie. Gegründet 1911, begann die Motorradproduktion in Pesaro 1921. Nach dem Krieg errangen Tarquino Parvino, Mike Hailwood und Jarno Saarinen GP-Siege auf Benelli. 1971 übernommen durch Alessandro de Tomaso, dem auch Moto Guzzi gehörte, spielte Benelli in der Folge meist die zweite Geige und wurde 1989 verkauft. Nach erneutem Verkauf 1997 gelang ein kurzes Comeback unter dem Ex-Rennfahrer und neuen Eigner Andrea Merloni. Ende 2005 kaufte Qianjiang, einer der größten chinesischen Roller- und Motorradhersteller, Benelli. Die Dreizylinder-Modelle werden weiterhin in Italien gefertigt, die Roller sowie die Benelli BN 600 R laufen in China vom Band. Für die Zukunft ist eine komplett neue Modellreihe vom 125-cm³-Einzylinder bis zum 750-cm³-Twin angekündigt.

CF Moto – hierzulande dürfte der Name bestenfalls Kennern des Quad-Markts ein Begriff sein, hier ist die Firma größter chinesischer Exporteur. Gegründet 1989 als Teilezulieferer, fertigt CF Moto seit 1996 ganze Motoren und seit 2000 komplette Motorräder für den chinesischen Markt. Die CF Moto 650 NK ist das erste Mittelklasse-Modell des Herstellers und als erste CF in Deutschland erhältlich. Die Touren-Version mit Koffern (650 TK) steht in den Startlöchern, angekündigt ist außerdem eine Adventure-Variante der 650er. Für Aufsehen sorgte die jüngst mit KTM geschlossene Partnerschaft: Teilekits von Duke 200 und 390 (gefertigt von Bajaj in Indien) werden von CF Moto in China montiert und können so vergleichsweise günstig angeboten werden. Darüber hin­aus übernimmt CF Moto den Import der größeren KTM-Modelle in China.

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