Harley-Davidson Forty-Eight, Indian Scout und Victory Gunner im Test

Bollern, Blubbern, Brummen

Sie haben 13.000 Euro übrig und wollen dafür einen amerikanischen Cruiser kaufen? Harley-Davidson Forty-Eight, Indian Scout und Victory Gunner buhlen um Ihre Gunst.

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Bildergalerie: Harley-Davidson Forty-Eight, Indian Scout und Victory Gunner - drei Charakterköpfe, die bei Sound, Flair und Aussehen ganz eigene Wesensarten offenbaren.   24 Bilder

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12 Seiten Vergleichstest
aus MOTORRAD 22/2015
Preis: 2,00 €

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Weniger Funktion, mehr Erlebnis. Wer mit dem Gedanken spielt, einen US-Cruiser in seine Garage zu stellen, pfeift auf Erbsenzählerei und Performance. Im Bauch muss es kribbeln, Motorradfahren als Kick für die Seele, das sollen Bikes der Kategorie „long and low“ bieten. Vorhang auf für unsere drei Probanden, die urige Harley-Davidson Forty-Eight, die bullige Victory Gunner und die leistungsstarke Indian Scout.

Harley-Davidson Forty-Eight

Gleich richtig in Wallung kommt die Körpermitte bei der Harley-Davidson Forty-Eight. Das Milwaukee-Eisen hüpft im Stand lässig in seinen Federelementen. Der Motor schüttelt sich. Hier arbeitet eine luftgekühlte Verbrennungsmaschine. Die pulsiert. Immer und überall. Dazu klackern die Stoßstangen vor sich hin. Mechanik als akustische Untermalung des Alltags. Und aus dem Auspuff tönt der satte Sound des 1200er-Motors. Bollern ab dem ersten Meter. Das Eisen nimmt dich gefangen, will sich mit dir auseinandersetzen. Will mit dir arbeiten. So muss sich ein aufs Wesentliche reduzierter Cruiser anfühlen.

An der Harley-Davidson Forty-Eight ist nichts dran, was nicht sein muss. Spartanisch, aber stilvoll steht sie auf ihren breiten Rädern. Selbst der Tank beschränkt sich aufs Bunkern weniger Liter. Peanut – die Erdnuss gibt die Form vor. 7,9 Liter inklusive Reserve schwappen drinnen herum. So sieht das Limit aus. Dazu das Farbkleid: Schwarz pur. Nur an ein paar Stellen durch zarte Akzente auf dem Tank oder ein bisschen Chrom unterbrochen. Würde ein Rebell je eine andere Farbe wählen? In sich gibt das ein stimmiges Gesamtbild. Pack dein Flanellhemd und deine Schiebermütze ein und fahr los. Egal ob Glemseck101 oder Wheels and Waves, mit der Forty-Eight bist du immer mittendrin. Ohne eine Schraube zu ändern. Nix Customizing. Alles passt aus der Kiste heraus.

Optik fordert Leidensfähigkeit

Allerdings: Nach einer Tankfüllung weißt du auch, dass die Optik von dir einiges an Leidensfähigkeit fordert. Schmerzen als Beweis, dass du lebst, fühlst, atmest. Der Weg zum Glück. Hört sich merkwürdig an, ist aber so. Kurze Federwege, ein schmaler, weit vorne liegender Lenker und die ebenfalls vorn liegenden Fußrasten fesseln dich auf den V-Twin. Trotzdem oder gerade deswegen: Bei jedem Schaufenster, das den Weg kreuzt, wandert der Blick zur Seite. Schnell den Coolnessfaktor checken. Und einen Haken dran machen. Etwas weniger Lässigkeit verströmt die Harley-Davidson Forty-Eight beim Fahren unter nüchternen Gesichtspunkten. Elastizität zeichnet den Motor nicht aus. Untenrum geht wenig, obenraus auch nicht viel. Viel Schwungmasse rotiert da im Inneren. Immer im richtigen – einem sehr engen – Drehzahlbereich gehalten, treibt dich die Harley aber lässig voran. Eben nicht als Beschleunigungs-Hero, sondern als Held zum Kopf-Freipusten.

Dabei kommt der Kopf schnell wieder ins Spiel. Stichwort Kurve. Klar, die Schräglagenfreiheit fällt nicht üppig aus. Geschenkt. Was aber viel mehr für pulsierende Hirnströme sorgt: Wie soll das Ding ums Eck gehen? „Störrisch“ beschreibt das Lenkverhalten der Harley-Davidson Forty-Eight nur unzureichend. Das Biegen von Eisenbahnschienen dürfte leichter sein. Zwar zieren zum neuen Modelljahr eine Gabel mit um zehn auf 49 Millimeter Durchmesser gewachsenen Standrohren und neue Federbeine die 1200er, Besserung verschaffen sie aber nicht. Auch die 2015er-Forty-Eight zeigte sich bockig im Kurvengeschlängel. Aber wir hatten das schon weiter vorn: Die Forty-Eight ist für die aktive Auseinandersetzung gemacht und schöpft gerade daraus ihren Charme. Jethelm auf, dunkle Sonnenbrille auf die Nase, das Bollern genießen, abschalten – dann zeigt dir die Harley den Weg. Und lässt dich dabei extrem gut aussehen.

Victory Gunner

Aus Bollern wird bei der Victory Gunner Blubbern. 1731 cm³ verströmen schon, lässig auf dem Seitenständer lehnend, viel Souveränität. Groß, breit, mächtig fällt das Bike und auch das Sitzarrangement aus. Platz nehmen in der Zentrale der Macht. Die Harley schüttelt sich, die Gunner schiebt. Immer. Der Motor packt einen fetten Punch aus. Der Blick schweift nach links und rechts. Wo geht’s zum nächsten Dragstrip, wo darf nach Herzenslust geburnt werden? Die Suche bleibt erfolglos. Die kommende Straßenampel muss fürs nervöse Erhitzen des Heckgummis herhalten. Die Arme greifen zum breiten Lenker, die Füße finden auf den eher mittig angebrachten Rasten Platz. Der Rücken beugt sich nach vorn. Der Drehzahlmesser vermeldet den idealen Einkuppelbereich. Gelb, Grün – Feuer! Der Heckreifen bemüht sich um Grip. Strike. So muss das sein. 120 Nm quasi ab dem Moment, ab dem du die Kupplung das erste Mal ausrückst, und 139 Nm in der Spitze entspannen dein Leben. Der Büffel hat gesprochen, sein Revier markiert.

Die Victory Gunner ist das Muscle-Car des Trios. Inhaliert Sauerstoff wie ein fetter V8 und beamt dich beim Aufreißen der Drosselklappen genauso vorwärts. Zumindest oft und auf jeden Fall gefühlt. In der Realität widersetzen sich die wahren Werte der Fahrleistungen deinem Traum vom Beschleunigungspotenzprotz. Denn erstens trägt die Victory viel Masse mit sich rum, und zweitens dürfen die Gangstufen fünf und sechs nicht frei ausdrehen. Die letzte Getriebestufe ist zudem als Overdrive ausgelegt. Nur wenn du das im Hinterkopf hast und immer schön am Gas bleibst, reicht’s, um die Harley auf Distanz zu halten. Bei der Indian gelingt das nicht immer. Fast identische Leistung, aber weniger Kilos – die Gleichung kann nicht dauerhaft aufgehen.

Geradeaus sollte es gehen. Immer.

Trotzdem, der dicke Victory-Motor begeistert, werkelt stets unaufgeregt unter dir. Ausgleichswellenberuhigt schickt er keine Vibration durch Ross und Reiter. Hier kommt der Panzer, der dich überallhin trägt. Das suggeriert auch der Look. Suede Sagebrush Green Metallic heißt das Farbkleid. Da fehlen nur die Striche für die erlegten Gegner. Bevor’s zu martialisch wird, haben die Victorianer dem Twin den Namen Freedom verpasst. Kein Widerspruch. Denn friedvoll kann der Motor. Seidenweich, laufruhig hängt er am Gas. Bis du ihn weckst. Kaum stehen die Klappen im Akrapovic-Zubehörauspuff auf Durchzug, schaltet die Victory Gunner – der Kanonier – auf Angriff. Markig blubbert es hinten heraus. Ohne übertrieben laut zu sein. Nur eben gut vernehmbar. Sound als Massage für die Seele, Sorgen werden weggeschossen. Heute ist die Straße dein Zuhause.

Aber nicht jede. Geradeaus sollte es gehen. Immer. Kurven sind nicht das Ding der Victory Gunner. Das liegt weder an den ABS-unterstützten Bremsen noch am Fahrwerk oder den Reifen, von denen der hintere erfreulich schmal ausfällt. Auch musst du kein Schräglagenjunkie sein, um die Gunner an ihre Grenzen zu bringen. Und wir sprechen hier nicht vom Abschleifen der Angstnippel an den Rasten. Vielmehr übernehmen kurz nach deren Erdkontakt Rahmenelemente und Auspuff funkende Aufgaben. Aus Souveränität wird Erschrecken, wenn die Fuhre gen Kurvenäußeres strebt. Also lieber große Bögen fahren. Und in den Pausen den Treffenkalender studieren. Wo geht’s zum nächsten US-Car- und Bike-Meeting? Zwischen den vierrädrigen Kumpels Ford Mustang oder Dodge Challenger fühlt sie sich daheim. Viel Leistung für Straßenmalerei, Rock ’n’ Roll im Herzen und den V-Twin-Beat als Pulsschlag, hierfür ist die Victory Gunner wie gemacht. Turnt an. Das einzige Problem: Wie kommt die Fender Stratocaster mit?

Indian Scout

Bliebe noch Kandidat Nummer drei, die Indian Scout. Die mit der längsten, wenn auch unterbrochenen Historie. 1920 erschien die erste Scout. Vier Modelltypen entstanden bis 1942 in Springfield (Massachusetts/USA). Indian-Motorräder waren so verbreitet, dass sie in den 30er-Jahren fest zum Straßenbild in den USA gehörten. Bis 1953 der Konkurs folgte und eben 2011 die Wiederbelebung durch Polaris. Was das mit der aktuellen Scout zu tun hat? Viel. Motorräder entwickeln sich dann zu Volumen-Sellern, wenn sie ausgereift sind und ihrem Fahrer die Handhabung möglichst einfach machen. Diesem Credo folgt die Scout ohne Wenn und Aber.

Klar, ihr Äußeres gibt die Cruiser-Linie vor. Aber sie unterscheidet sich grundlegend von Harley-Davidson Forty-Eight und Victory Gunner. In ihrem Zentrum werkelt ein wassergekühlter V-Motor, mit 1131 cm³ der kleinste unter den dreien. Der dreht unten gut, in der Mitte kräftiger und oben auch viel weiter aus als die anderen beiden. Cruiser­untypisch geht ihm erst jenseits der 8000er-Marke die Puste aus. Bei dieser Drehzahl hätten sich die Antriebe von Harley und Victory schon in ihre Bestandteile zerlegt. Die Indian Scout besitzt klar die modernsten Anlagen. Dazu schmeichelt sie sich mit feinster Verarbeitung ein.

Hochwertig, ohne Akzente zu setzen

Schutzbleche aus Metall, schöne Fräskunst auf den Motordeckeln, dazu hier und da ein passender Tupfer Chrom: Die Indian Scout bedient sich großzügig im Zutatenkatalog für Cruiser. Sie verzichtet bewusst auf Ecken und Kanten – beim Antrieb und beim Design. Rahmen und Anbauteile in Grau getaucht, da wird Understatement zum Programm. Das wirkt hochwertig, ohne Akzente zu setzen, die das Auge gefangen nehmen – positiv wie negativ. Und so geht’s weiter. Der Motor rumpelt nicht die Spur, die Sitzposition gibt sich angenehm langstreckentauglich, das Fahrverhalten überaus ausgewogen. Zudem haut die Indian erst bei ordentlichen Schräglagen Macken ins kurvige Teerband. Allerdings fällt sie mit dieser Vorstellung in Sachen Charakter etwas hinter die Harley Forty-Eight und die Victory Gunner zurück. Dadurch, dass diese zwei eben nicht perfekt, nicht glatt gebügelt sind, kitzeln sie mehr im Bauch, steigern den Erlebniswert. Bei der Indian Scout ergibt sich dieser übers Fahren.

Daran ändern auch die Remus-Töpfe nichts. Die sollen bollern, entlassen aber eher ein Brummen. Der Ton verdeutlicht es: Hier herrscht Gleichmäßigkeit als Maxime. Aber bevor jetzt auch nur irgendjemand an das Wort „langweilig“ denkt – er kommt noch, der Kick. Und zwar genau dann, wenn du genug hast vom Hipster- oder Rockabilly-Dasein. Wenn die Show zu Ende ist, wenn die Funktion die Oberhand gewinnt. Sprich: Wenn du einfach nur Motorrad fahren willst, Charme keine Rolle spielt, sondern Kurven. Fährt die Scout voran, sehen die anderen beiden kein Land. Schräg und schick? Geht doch. Mit der Indian Scout stehst du automatisch auf der Cruiser-Pole-Position. Entlarvst die anderen als Blender. Die machen auf cool, kommen im Alltag aber schon mal ins Schwitzen. Der Scout passiert das nicht. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei – so lässig zieht sie um die anderen Kreise. Sie zeigt, dass auch ein Cruiser gemäßigt sportlich ums Eck gehen kann. Eben annähernd wie ein Motorrad funktionieren kann, ohne cruisertypische Nachteile, die Harley und Victory aufweisen.

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