Der Flieger "Das Schlimmste: die Mitreisenden"

Das Flugzeug ist schnell, sauschnell, macht locker über 800 Sachen. Das Problem ist nur: Der Vogel startet nicht vor der Haustür, sondern braucht ja einen
verdammten Flughafen, und der liegt weit draußen zwischen Krautfeldern. Pünktlich um 5.47 Uhr drückt sich die S-Bahn wie eine Wurst aus dem Tunnel in die Haltestelle Stadtmitte. In der Wurst hängen müde Leute und muffige Luft. Es ist eins vor sechs, der Zug passiert Stuttgart-Vaihingen, als vom benachbarten Sitz ein komisches Geräusch kommt. Unmittelbar darauf stinkt es. Der Typ, ein junger, gegelter Dunkelhaariger mit Trainingshose, guckt, als wäre nix gewesen. Aber der Mief wabert über den hässlich blau karierten Sitzen bis zum Flughafen. Überhaupt das Schlimmste an den Öffentlichen: Mitreisende. Und dass man sie sich nicht aussuchen kann.
Taxi wäre besser gewesen. Nicht nur der besseren Luft, auch der Zeit wegen. Für den Flug um 7.10 Uhr hätte man bis zwanzig vor sieben einchecken können. Bis dahin bleiben 28 Minuten. Lausige zwei mehr hätten es für die spätere Bahn sein müssen. Oder auch nicht. Ein Anzugtyp mit holziger Rasierwasserschleppe und Aktenkoffer presst sich durch die Schlange, und ohne weiteres lotst ihn der Offizielle ganz nach vorne zum Schalter. Er sagt nur: »Hamburg«. Damit ist die Sache geritzt. Zu spät kommen und einen auf eilig und wichtig machen, statt sich brav anzustellen. Das wär’s gewesen.
Es ist fünf nach sieben, als die Flugbegleiterin verkündet, das »boarding« sei »completed«, woraufhin sich aus dem Cockpit Kapitän Achim Unger mit der vollmundigen Ansage eines »nahezu pünktlichen Fluges« meldet. Was von seiner Rede zu halten ist, zeigt sich, als das Flugzeug um kurz vor halb acht immer noch auf der Startposition wartet. Im »Kicker« des Nebenmanns findet sich Pete Sampras als »weißer Riese« betitelt. Während in der »Bild« drei Mädchen gestehen: »Wir sind 14 und hatten gerade unseren ersten Sex.« Ein Geschäftsmann Mitte 30 vertieft sich auffallend lang in die drei, fortwäh-
rend Daumen und Zeigefinger aneinander reibend. Man muss nicht in seinem Kopf sein, um zu wissen, was seine Hose denkt.
Erst dann, schon 7.32 Uhr, schwillt das Dröhnen der Triebwerke an, die Startbahn rast, die Bäume ziehen ruhig vorbei, bis der Jet die Nase hebt und seine 70 Passagiere wie in einem riesigen Fernsehsessel kollektiv nach hinten klappt. Im Kopf ein wattiges Gefühl, Druck auf den Ohren. Die Bäume sind da nur noch grüne Teppiche am Boden, und zwischen den Teppichen liegen bunt verteilt kleine Klötzchen in der Gegend herum. In den Klötzchen wohnen Menschen. Unter dem Sitz steckt eine Schwimmweste, in der Business Class gibt es belegte Brötchen, weiter hinten, immerhin, ein Getränk. Annika de Buhr, Moderatorin von »heute nacht«, gestattet im Lufthansa-Magazin einen Blick in ihr Handgepäck und verrät: »Ich ziehe dunkle Schokolade mit hohem Kakaoanteil vor.« Eine Tafel halte locker mehrere Tage. Ihre Figur bestätigt das.
Plötzlich, 8.10 Uhr, tut es einen Schlag. Das Fahrwerk. Flachdachhallen kommen
in den Blick, Hochhäuser, die Autobahn, ein Klärwerk, Wald, Schienenstränge, der Landeanflug auf Düsseldorf. Wo der Canadair Jet um 8.16 Uhr auf die Rollbahn aufsetzt, und zwar eher unsanft.
In nur 16 Minuten wird der Regionalexpress 10110 dem Bahnhof Köln-Messe/
Deutz entgegenhasten. Wo aber fährt er ab? Tausende Schilder in der Ankunftshalle: Behindertentoilette, Mietwagen. Laufschritt, 8.24 Uhr. Gepäckausgabe, Taxistand. 8.27 Uhr. Souvenirs, Zeitschriften. 8.30 Uhr. Laufschritt, Laufschritt. Ein Servicemensch mit roter Krawatte: »Zug nach Köln? Ja, der fährt nicht hier vom Terminal ab, da müssen Sie erst mit dem Shuttlebus zum Bahnsteig. Gehen Sie dort vorne rechts ...« 8.32 Uhr. Weg ist der Zug. »Der nächste«, sagt der Herr an der Information, »geht schon um 8.51 Uhr«.
Im Wagen riecht es stechend scharf, irgendwie katzenpissig. Das ist, ganz bestimmt, der Geruch der Niederlage. Das dürfte feststehen, während der Regionalexpress vorbei an adretten Einfamilienhäuschen und Pferdeweiden, einer Thyssen- und einer Zamek-Fabrik zurück Richtung Süden eilt, wo Corinna mit dem ICE und Rolf mit der ZZR wohl längst eingetrudelt sind. Obwohl sie beide viel später
gestartet waren.
Als sich die Zugtüren nach 35 Minuten endlich am Deutzer Bahnhof auftun, klingelt das Telefon. »Hallo, hier ist Corinna.« »Wo bist du?« »Na, am Treffpunkt.« »Allein?« »Nicht allein. Und du?« »Noch am Bahnhof.« Und fünf Minuten später, den Schildern »Messe« folgend, vor einem dämlichen Bauzaun, wo die Arbeiter den Kopf schütteln. Zum Tanzbrunnen? Hm, zurück zum Bahnhof, unter den Gleisen durch und dann... Na gut, dann aber gemächlich.

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