Die große Revanche: Supersport

Es sind noch keine zwei Wochen seit dem großen Acht-Stunden-Wettstreit der Supersportler in Calafat vergangen (siehe MOTORRAD 8/1999), da trifft sich die Bande erneut zu einem offenen Schlagabtausch. Diesmal jedoch sind die Bedingungen aufgrund der schnellen, breiten und vor allem topfebenen GP-Strecke etwas anders.Und tatsächlich ergibt sich eine deutliche Verschiebung der Machtverhältnisse. Die Yamaha R6, glorreiche Siegerin von Calafat, muß sich der italienischen Abgesandten beugen. Die Ducati 748 SPS bügelt auf dieser schnellen Strecke einfach alles platt. Knallt mit 1,59.46 Minuten eine sensationelle Zeit hin, räumt mit 238 km/h den Topspeed-Rekord der Klasse ab und sammelt in der Einzelwertung die zweitbeste Punktzahl des gesamten Felds ein. Sicherlich gereicht es der 748 nicht zum Nachteil, daß die gemessenen 105,5 PS die Konkurrenz vor Neid erblassen lassen. Diese Ducati marschiert wie vom Teufel besessen und dreht locker bis 12500/min, ehe der Begrenzer Einhalt gebietet. Die Racing-Töpfe und der passende E-Prom machen’s möglich. Die Regeln erlauben diese Vorteilsnahme, da diese Teile beim Kauf einer SPS-Version sozusagen serienmäßig für den Rennstreckeneinsatz mitgeliefert werden. Und Serienmäßigkeit ist beim Master Bike-Vergleich Voraussetzung.Da aber nicht allein Leistung zählt, kann die Ducati auch ihre sonstigen Stärken ausspielen. Zum Beispiel ihr traumhaftes Fahrwerk. Die für höchste Belastungen ausgelegte, rennmäßige Abstimmung der hochwertigen Federelemente in Verbindung mit dem verwindungssteifen Rahmen ergeben nahezu perfekte Voraussetzungen für schnelle Rundenzeiten. Zielgenau, spurstabil und unglaublich sicher gleitet die Duc um die vielen weiten Radien der Piste.Ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern sich Suzuki und Yamaha. Obwohl der Prüfstand die GSX-R 600 als ungewöhnlich schlappes Exemplar outet, kann sie die R6 um Haaresbreite schlagen. Der erreichte Rundendurchschnitt macht allerdings deutlich, daß die GSX-R nicht jedermanns Sache ist. Lediglich Barth und Cristóbal sind in der Lage, die Dunlop-bereifte Suzuki bis ans Maximum auszuquetschen. Die anderen vier Piloten fühlen sich auf der Yamaha deutlich wohler. Beste Noten gibt’s fürs R6-Chassis, Kritik für die bereits nach drei Runden nachlassenden Bremsen, mangelnden Grip beim Beschleunigen und die schrecklich harten Schaltgeräusche.Die Suzuki profitiert von der Ausgewogenheit ihres Fahrwerks. Vor allem die sehr fein ansprechende und sehr gut abstimmbare Gabel sorgt allgemein für anerkennende Worte. Dazu die gute und diesmal auch standfeste Bremse sowie die enorme Haftfähigkeit ihrer Dunlop-Reifen. Und trotz seiner relativ mageren leistungsausbeute läßt sich der Vierzylinder die Drehfreude nicht vermiesen.Konditionell zeigt sich die Honda CBR 600 F ebenfalls nicht in der allerbesten Verfassung. Auch wenn die gemessenen 98 PS nicht direkt mit den früheren Leistungmessungen des heimischen MOTORRAD-Prüfstands gleichzusetzen sind, verliert sie im direkten Vergleich zur Ducati ganze 7,5 PS. Die sind auch für einen Alleskönner wie die CBR nicht so einfach wettzumachen. Ihr Motor wirkt wenig agil, läßt den gewohnten Schub aus der Drehzahlmitte etwas vermissen und zeigt leichte Schwächen bei der direkten Umsetzung von spontanen Gasbefehlen. Fahrwerksseitig fehlt es vor allem an den nötigen Einstellmöglichkeiten. Der Honda-Pilot hat lediglich die Wahl zwischen einer soften oder supersoften Abstimmung. Zu weiche Federn und viel zu wenig Dämpfung verhindern noch schnellere Rundenzeiten. Einziges Glück der Honda: die Reifen. Wie die Suzuki profitiert auch sie von den superklebrigen D 207 GP-Reifen. So springt ein sensationeller Platz zwei für das Multitalent heraus.Dieses Glück bleibt der Kawasaki leider versagt. Mit enttäuschenden 2.02,82 Minuten hinkt die ZX-6R ihren Klassenkameradinnen hinterher. Der Entschluß, die Kawasaki mit den BT 56 SS-Gummis zu bestücken, mag einen politischen Hintergrund gehabt haben (Erstausrüster-Verträge?). Doch Sport sollte besser nichts mit Politik zu tun haben. Die Bridgestone-Pneus finden mit der ZX-6R zu keinem Zeitpunkt zusammen. Zu wenig Grip, schlechte Rückmeldung und ein daraus resultierendes Gefühl der Unsicherheit machen der Kawa einen Strich durch die Rechnung. Dazu eine bockige Gabel, ein zu weiches, sich aufschaukelndes Heck und ungewohnt schlecht zu dosierende, schlapp zubeißende Bremsen: Nichts geht mehr. Da hilft es wenig, daß die grüne Sportlerin in der Motorenwertung die besten Noten bekommt. Viel Kraft über einen breiten Drehzahlbereich und ein prima Getriebe, dessen Abstufung auf diese Strecke zugeschnitten scheint, sind für einen ernsthaften Angriff leider viel zu wenig.

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