Die Last mit der Last

»Wer im Urlaub Gepäck braucht, soll mit dem Auto fahren.« Das Glaubensbekenntnis der Kreditkartengeneration findet unter den Bikern immer mehr Anhänger. Die schaffen Platz für eine Zahnbürste selbst in der engsten Lederkombi und definieren Stauraum über die Quadratmeterzahl versiegelten Bodens im bundesdeutschen Autobahnnetz. Und der konservative Rest der Zweiradjünger, der morgens gern in die seit Jahren bekannte Unterhose schlüpft und abends im gepflegten knitterfreien Zweireiher sein Dinner nimmt? Braucht irgendetwas, um sein Gepäck unterzubringen. Am besten Koffer.Da MOTORRAD-Redakteure aber in der Regel selbst zum Schlafen nicht aus der Lederkombi steigen, sollen diese Dinge nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Zu prüfen waren vielmehr die fahrdynamischen Aspekte, denn so manche Bikes reagiert auf den Anbau von Koffern mit unwilligen Fahrwerksreaktionen. Also wurde jeder Koffer und Tankrucksack mit jeweils fünf Kilogramm Ballast im praktischen Bierdosen-Format gefüllt. Als zweites Kriterium stand das unfallfreie Befestigen und Lösen der Koffer vom Motorrad im Lastenheft. Um es kurz zu machen: Alle Koffersysteme, also sowohl die integrierten an BMW, Triumph und Ducati als auch die nachgerüsteten am Rest des Felds wirkten sich - einmal abgesehen von dem trägeren Handling - nicht gravierend nachteilig auf die Fahreigenschaften aus. Selbst das gerade erst fertig gewordene Five-Stars System mit Givi-Koffern an der SV 650 S nicht, obwohl der Hersteller ausdrücklich darauf hinweist, nicht schneller als 130 km/h zu fahren. Gravierende Unterschiede offenbaren sich aber im täglichen Umgang mit den Koffern. Vorbildlich auf ganzer Linie ist das BMW-System. Vorteil Nummer eins: Die Koffer lassen sich mit dem Zündschlüssel öffnen und entriegeln. Vorteil Nummer zwei: Die Kofferträger, die sich bei den Nachrüstsystemen durch die Bank als unansehnliche Rohrgebilde präsentieren, fallen bei BMW überhaupt nicht auf. Einziger Nachteil des Systems: Dadurch, dass die Koffer eng am Motorrad angebracht sind, ist deren Innenseite zerklüftet, und es geht speziell bei der K 1200 RS wegen der Ausbuchtung für den Schalldämpfer Stauraum verloren. Triumph hat dieses Problem durch die Möglichkeit, den Schalldämpfer abzusenken, gelöst, während die Ducati-Koffer weit oben angebracht sind, die Fummelei am Verschluss aber auf die Nerven geht.Und die Nachrüst-Koffer? Bauen durch die Bank ziemlich breit, wobei die Honda CBR 1100 XX mit Krauser-Koffern den Vogel abschießt. Ein weiterer Nachteil bei Krauser: Beim Anbringen muss genau darauf geachtet werden, dass der Verschluss zuschnappt. Geschieht das nicht, wird der fröhliche Sport-Tourist von seinen eigenen Koffern überholt, wie beim Megatest geschehen. Einfacher sind da die Givi-Koffer zu bedienen, die eindeutig fest oder los sind. Eine Aussage, die bei den Softbags der beiden Yamaha nicht so ohne weiteres zu treffen ist, weil sie nur mit Gurten unter der Sitzbank verspannt werden. Außerdem ist ihr Volumen im Gegensatz zu den Hartschalen-Koffern deutlich eingeschränkt.

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