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Ducati Diavel Carbon und MV Agusta Brutale 800 Dragster im Test MV-Drilling gegen Ducati-Twin

Was machst du, wenn der geilste Arsch der Welt vor dir herfährt? Genau! Du hängst dich dran! Die Story eines Rennens Ducati Diavel Carbon gegen MV Agusta Brutale 800 Dragster.

Es war einer dieser Tage, an denen die Sonne die Gehirnmasse in Kahlköpfen weich kocht. Auf dem Schrottplatz, auf dem er arbeitete, flimmerten Asphalt, Alu und Stahl. Es war ihm egal, denn er hatte frei, die Lederkombi bereits übergestreift und stand neben seiner neuesten Errungenschaft: einer Ducati Diavel Carbon. 21.335 Euro teuer, 162 PS stark und 255 km/h schnell. Gerade als er seinen Kollegen die Bedeutung der zwei Displays erklärte, bog SIE fauchend ums Eck.

Die Jungs und er reckten ihre Hälse, verdrehten sie, fielen dabei fast um. Denn was dort gerade an ihnen vorbeifauchte, war mit Abstand der famoseste Hintern, den sie je gesehen hatten. Genauer gesagt waren es sogar deren zwei. Der eine gehörte einer MV Agusta Brutale 800 Dragster mit italienischem Kennzeichen. Der andere der Fahrerin. Das Duo bog gerade auf die Hauptstraße und gab Vollgas. „Los, Alter! Worauf wartest du?“, schrie sein Kumpel. „Hinterher! Fang sie ein. Frag nach einem Date oder ihrem Namen!“

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In nur 3,1 Sekunden von null auf 100 km/h

In Windeseile stieß er sich den Helm über den Kopf, flutschte in die Handschuhe und sprang auf den Sitz der Ducati Diavel Carbon. Gottlob kann man sich drauf verlassen, dass sie zuverlässig anspringt, dachte er, als der E-Starter die Schwungmasse in ihre Umlaufbahn schickte. Mit sonorem Klang nahm der italienische 90-Grad-Vau seine Arbeit auf. Er klickte den ersten Gang rein, griff zum breiten Lenker und donnerte zur Hofausfahrt. Die Kleine war vom Nachbargrundstück gerollt. Doch wo war sie nur hin? Nach rechts, dorthin, wo die Verladekräne am Kai standen? Oder nach links, auf die freie Straße? Sein Bauch entschied sich für den Kai, sein Kopf für die freie Straße. Er zwirbelte die Duc die Straße hinunter und dachte: „Wenn sie dorthin gefahren ist, treffe ich sie garantiert, denn es ist eine Sackgasse.“ Die Duc brüllte lüstern, grässliche Betonbauten rauschten an ihm vorbei wie Kulissen eines Albtraums.

Schalten brauchte man hier im Industriegebiet quasi nie, der erste Gang seines Monsters reichte bis 90 km/h. Und die Beschleunigung seiner Ducati Diavel Carbon war über alles erhaben: Wenn’s pressierte, beschleunigte die Diavel in nur 3,1 Sekunden von null auf 100 km/h. So stand er 30 Sekunden später einsam an der Kaimauer und blickte auf zwei Kräne, die ihren Stahlschrott in den Bauch eines anliegenden Schiffs warfen. Von der Kleinen und ihrer MV Agusta Brutale 800 Dragster keine Spur. Wieder mal zu spät, dachte er, blickte enttäuscht in den Fluss und tuckerte zurück bis zur nächsten Kreuzung. Ein Stoppschild zwang ihn anzuhalten. Manchmal läuft ein Großteil des Lebens in Sekundenbruchteilen vorbei.

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Futuristischer und ungelenker Dragster?

Ein dummer Zufall brachte ihn zum ersten Mal in den Sattel der Ducati Diavel Carbon: Er stand beim Ducati-Händler seines Vertrauens, wollte seine 916er abholen, doch die war nicht fertig. Sie drückten ihm den Diavel-Zündschlüssel als Ersatz in die Hände. Und das, was dieser offensichtlich pummelige Dragster mit ihm machte, kippte sofort einen Schalter um. Sicher, das Ding wog vollgetankt 239 Kilogramm, hatte mit 1590 Millimetern den Radstand eines kleinen Lkw, und den 240er-Hinterreifen konnte man notfalls auch zum Straßewalzen nehmen, doch auf wunderbare Weise passte alles zusammen und funktionierte harmonisch.

Die Ducati Diavel Carbon sah zwar aus wie ein futuristischer, ungelenker Dragster, fuhr sich aber wie ein Derwisch. In nur 8,9 Sekunden torpedierte ihn diese Kiste von null auf 200 km/h, und wenn es nötig war und man den Anker voll schmiss, verzögerten die Stopper absolut brachial – 10,1 m/s² waren möglich. Das fühlte sich so ähnlich an, als wäre man von einer Wand gebremst worden. Doch auch das Lenkverhalten ging völlig in Ordnung, denn mit der Kiste waren sogar ordentliche Schräglagen drin, und der fette 240er hatte gar nicht das Aufstellverhalten, das man Breitreifen gemeinhin unterstellt. Kurzum: Er war überrascht. Stand drei Tage vor seiner 916 und nach drei schlaflosen Nächten wieder beim Händler. Er behielt die 916, aber unterschrieb den Kaufvertrag.

800 cm³ Hubraum und 125 PS

Jetzt stand er mit seiner Ducati Diavel Carbon hier unter sengender Sonne an der Ampel. Der 1200er-Vau war längst eingefahren, bereit zu großen Taten, und er Single. Leider nicht aus Überzeugung. Sie kam wie Kai aus der Kiste, tauchte weder als Schatten in seinen breiten Rückspiegeln auf, noch hörte er den fauchenden, italienischen Dreizylinder der MV Agusta Brutale 800 Dragster. Sie flitzte einfach an ihm vorbei, ignorierte das Stoppschild und zeigte ihm kokett das wohlgeformte Rücklicht. Ehe er verstand, was an ihm vorbeigewischt war, bog sie auf die Hauptstraße, die aus dem Industriegebiet hinaus führte. Hinaus in die Freiheit. Dorthin, wo das Teerband wie aus einer gewaltigen Tube gequetscht schien.

Die Überraschung war ihr geglückt. Kaum abgebogen, gab die Kleine Vollgas und überrumpelte ihn damit völlig. Dreiviertelgas reicht, hatte er gedacht – und wunderte sich, dass ihm der kleine Dragster mit nur 800 cm³ Hubraum und lächerlichen 125 PS entwischte. Nein, Dreiviertelgas reichte eben nicht. Die MV Agusta Brutale 800 Dragster beschleunigte in nur 3,5 Sekunden bis auf 100 km/h, nach nur 10,8 Sekunden standen die 200 auf dem Tacho, ganz nebenbei ließ sie das Vorderrad über den Boden schweben. Egal, keine 500 Meter nach dem Ortsschild war er direkt hinter ihr. Und ertappte sich bei der Sondierung, welches Hinterteil ihm besser gefiel. Denn das Design-Team bei MV hatte einen super Job gemacht: Die Sitzbank wirkte wie zu heiß gewaschen und übereifrig gekürzt. Genau wie bei seiner Ducati Diavel Carbon gab es kein Heck, Fahrer wie Beifahrer schwebten frei über dem Hinterreifen. Im Fall der MV war dies ein 200er. Und der wirkte proportional gesehen wie ein 300er. Er baute auf seine Rennerfahrung, pirschte sich an und saugte sich neben sie, bereit, vor der nächsten Kurve davonzu­preschen. Und sie vielleicht irgendwo zu stoppen.

MV Agusta Brutale 800 Dragster mit 37 PS weniger

Doch was nach einem einfachen Plan klang, ließ sich nicht in die Tat umsetzen. Hätte er die Plätze getauscht, würde er nicht nur spüren, dass die Kleine zäh war, denn die MV-Sitzbank war bockelhart und die Kupplung schwergängig. Es wäre ihm auch Folgendes klar geworden: Die nur 192 Kilogramm schwere MV Agusta Brutale 800 Dragster hat zwar 37 PS weniger, doch sie kompensiert ihr Power-Defizit mit besserem Leistungsgewicht, kurzer Übersetzung und einer absolut brutalen Gasannahme – Vorwärtsdrang brutal. Einmal in Fahrt war die MV der Ducati Diavel Carbon in puncto Durchzug ebenbürtig, ja sogar ein wenig überlegen. Und das nicht nur fahrerseitig, weil die knackig kleine Italienerin vielleicht weniger wog als er. Auf den Punkt gebracht: Es gab keine Möglichkeit, die Kleine mit purer Power abzufangen. Er sah, wie sie mitunter durch die Kurve stocherte und rechnete sich Chancen aus.

Doch bei einem Tausch hätte er bemerkt, dass das Gestocher nicht an mangelnden Fahrkünsten, sondern eher an der verbesserungswürdigen Gasannahme des Dreizylinders lag. Der rau laufende MV-Drilling ist bei Weitem nicht so gut erzogen wie der in allen Lebenslagen geschmeidig laufende Ducati-Twin. Zwar geht die MV Agusta Brutale 800 Dragster im zahmsten der drei festen Fahr-Modi (R = Rain) zaghafter ans Gas, doch selbst in diesem kann sie der Ducati Diavel Carbon in puncto Ansprechverhalten nicht das Wasser reichen. Oben heraus gießen beide Motoren ordentlich Öl ins Feuer. Das Beschleunigungsgefühl ist auf den zwei Bikes tatsächlich Dragster-like. Und vielleicht wäre es der kleinen MV beim Spurt von null auf 100 km/h sogar möglich, die nominell stärkere Konkurrenz zu verblasen. Dafür spricht ihr etwas längerer erster Gang, der bis 109 km/h reicht – schalten entfällt. Dagegen spricht allerdings die Wheelie-Neigung der Kleinen: Wer im Sportmodus aus dem Stand beschleunigt, wird mit einem Wheelie nicht unter 45 Grad Vorderradanstieg bestraft – und muss vom Gas. Leider.

Also hing er an ihr dran, bereit zum Angriff, wann immer sich die Gelegenheit bieten würde. Die Kleine zog durch, bis beide in einen Kurven-Irrgarten eintauchten. Hier war er ihr unterlegen. Trotz des recht harmonischen Lenkverhaltens der Ducati Diavel Carbon gelang es ihm nicht, die wieselflinke MV Agusta Brutale 800 Dragster zu überholen. Die 800er war handlicher, leichter, und wenn man sich mit ihrem recht kippeligen Lenkverhalten angefreundet hatte, gab es für die Diavel keine Chance. Ich probiere es einfach auf der Bremse, dachte er, als beide auf die nächste Kurve zurasten. Doch wie so oft entscheidet bei diesen Aktionen nicht nur die Hardware.

Beide Bikes waren mit radial verschraubten Vierkolben-Bremszangen und 320er-Bremsscheiben ausgestattet. Die relativ nach hinten orientierte Sitzposition mit ihren nach vorn positionierten Fußrasten plus der lange Radstand verringern bei der Ducati Diavel Carbon die Überschlagsneigung. Bei der MV Agusta Brutale 800 Dragster sieht das anders aus: kurzer Radstand, effektive Bremse, nach vorn geneigter Fahrer. Schneller als einem lieb ist, hebt das Hinterrad ab, der Pilot muss die Bremse lösen, will er sich nicht überschlagen – alles übrigens ohne ABS. Trotzdem: Öffnet man die Bremse, reguliert nach, lässt sich eine Verzögerung bis zu 9,2 m/s² realisieren. Alles blanke Theorie. Denn es nützt alles nichts, setzt man den Bremspunkt zu früh. So wie er. Die Kleine schoss wie ein Derwisch auf die Kurve zu und zeigte ihm wieder keck ihr Rücklicht. Kaum aus der Kurve heraus, wellte sich ein wintervernarbter Asphalt vor den Rädern, und er witterte erneut Morgenluft, vertraute auf das gelungenere Fahrwerks-Setup. Denkste.

Beide Fahrwerke sportlich straff abgestimmt

Das Fahrwerk der Ducati Diavel Carbon war sportlich straff abgestimmt, die Federelemente sprachen sauber an. Gleiches galt auch für die der MV Agusta Brutale 800 Dragster, das konnte er beim Hinterherfahren sehen. Doch leider stellte sich der 240er seiner Diavel leicht auf und verhagelte ihm so die Ideallinie auf diesem Geläuf. Ich muss die Kleine irgendwie stoppen, dachte er, registrierte aber, dass sie im Kreis gefahren waren: Nur noch ein paar Kilometer, dann waren sie wieder im Industriegebiet. Vielleicht erfahre ich dann auch, wo sie arbeitet, dachte er und folgte in Schlagdistanz. Sie stießen auf Autoschlangen, die das Ende der Jagd bedeuteten, denn mit den breit bauenden, ausladenden MV-Spiegeln passte die Kleine nicht durch die Gasse.

Er stieg ab. Ging nach vorn. Tippte sie an und sagte: „Ich fahre jetzt schon 40 Kilometer hinter dir her, und du ignorierst mich.“ „Ignorieren? Nee, ich kann bloß nichts in den Spiegeln sehen, die vibrieren so.“ Schöne Lüge. Aber egal. Sie stellte die Regeln für ein Date auf: zurück zum Schrottplatz. Wer dort den 200-Meter-Sprint im Duell MV Agusta Brutale 800 Dragster gegen Ducati Diavel Carbon verliert, muss den anderen einen Abend lang freihalten. So standen sie wieder am Anfang der Story, Füße am Boden, Hand am Gas, volle Konzentration. Für ihn war es diesmal egal, ob er gewinnt. Er hatte bereits gewonnen.

Foto: Gargolov

Daten und Messwerte

Ducati Diavel Carbon: Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, 1198 cm³, 119 kW (162 PS) bei 9250/min, 131 Nm bei 8000/min, Gitterrohrrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 50 mm, Gewicht vollgetankt 239 kg, Preis inkl. Nebenkosten 21.335 Euro.

MV Agusta Brutale 800 Dragster: Dreizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 798 cm³, 92 kW (125 PS) bei 11.600/min, 81 Nm bei 8600/min, Gitterrohr­rahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 43 mm, Gewicht vollgetankt 192 kg, Preis inkl. Nebenkosten 13.665 Euro.

Ducati Diavel Carbon     MV Agusta Brutale 800 Dragster
Höchstgeschwindigkeit255 km/h*230 km/h (245 km/h*)
Beschleunigung 0–100 km/h3,1 sek3,5 sek
Beschleunigung 0–140 km/h4,7 sek5,4 sek
Beschleunigung 0–200 km/h8,9 sek10,8 sek
Durchzug 60–100 km/h3,3 sek3,3 sek
Durchzug 100–140 km/h3,4 sek3,3 sek
Durchzug 140–180 km/h3,8 sek3,8 sek
Verbrauch Landstraße4,7 l/100 km5,9 l/100 km
Theoretische Reichweite Landstraße    361 km281 km

*Herstellerangabe

Auf dem Leistungsdiagramm ist die MV Agusta Brutale 800 Dragster der Ducati Diavel Carbon hoffnungslos unterlegen. Von dieser Übermacht ist auf der Straße allerdings nicht mehr so viel spürbar, denn die MV ist kürzer übersetzt, wiegt 47 Kilo weniger und geht sehr aggressiv ans Gas, setzt Gasbefehle ultradirekt um. Das homogenere Fahren ist definitiv mit der Ducati möglich, deren V2 nicht nur weicher läuft, sondern auch die besseren Manieren hat: Der Twin hängt perfekt am Gas und gibt sich nur unterhalb von 2500/min etwas rau und rappelig. In puncto Gasannahme ist bei der MV noch reichlich Luft nach oben.

Foto: Gargolov
Er hing ihr dicht am Hinterrad. So dicht, dass sie das Grollen des Ducati-Vaus eigentlich hören müsste. Doch sie blieb cool. War sie taub?
Er hing ihr dicht am Hinterrad. So dicht, dass sie das Grollen des Ducati-Vaus eigentlich hören müsste. Doch sie blieb cool. War sie taub?

Fazit

Echtes Dragster-­Feeling kommt bei beiden auf, denn sie thematisieren Beschleunigung auf ihre ureigene Art und vermitteln es den Fahrern als großes Kino. Wobei die MV Agusta Brutale 800 Dragster eher als normales Naked Bike mit Dragster-Designanleihen einzustufen ist, sehr zierlich wirkt und die Ducati Diavel Carbon aufgrund ihrer merkwürdigen Ergonomie und des Designs am ehesten als Beschleunigungsmaniac durchgeht. Die überarbeitete Diavel gefällt als Monster mit besten Tischmanieren. Gegen sie wirkt die MV wie ein Pocketbike mit unsensibler Gasannahme.

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