Familienduell 600er-Vierzylinder von Yamaha Alles so schön bunt hier

Basic, flippig, nobel, radikal - Yamaha hat für jeden Anspruch die passende 600er. Von der braven XJ bis zur brandschnellen R6. Man muss nicht von allen guten Geistern verlassen sein, um diese miteinender zu vergleichen. Aber es hilft.

Jetzt stell’n wir uns mal janz dumm: Watt is n Motorrad? Ein Motorrad, also, ähm, das ist doch – na ja, das ist eben Motorrad. Richtig. Und was ist eine XJ 600? Puuuh, hüstel, denk – eine XJ, ist streng genommen auch ein Motorrad. Genau. Und eine R6? Auch. Und was machen die beiden? Nun – was sie halt so machen, solche Motorräder: zünden, auspuffen, federn, bremsen, blinken, hupen scheinwerfen – was gerade so anfällt. Na also. Das reicht doch für einen experimentellen Vergleich.
XJ gegen R6. Dazwischen die Bindeglieder Fazer und Thundercat. Vier 600er-Vierzylinder, alle Yamaha, mit einem nominellen Leistungsspektrum von 61 bis 120 PS. Eine Familien-Saga für Hartgesottene.
Erstes Kapitel: »Die Tasche meiner Mutter«. Jeder kennt solche Taschen. Sie sind mittelgroß, einfach strukturiert, liegen gut in der Hand und designmäßig weit über der Zeit. Sie riechen nach Pfefferminz und Eau de Cologne, tragen Gesangbücher, Geschenke und Schokolade, und als Kind hätte man am liebsten in so einer Tasche gewohnt. Weiß der Henker, warum die XJ 600 N gerade diese Erinnerung weckt. Vielleicht liegt’s am altbackenen Steppmuster des Sattels. Oder an der heimeligen Sitzposition. Jedenfalls stellt sich völliges Wohlbehagen ein. Man lässt sich durch die Gegend schaukeln, stets vom guten Gefühl begleitet, eine höhere Macht habe alles im Griff.
Zweites Kapitel – »die Fremde am Pool«. Sie wirkt mondän. Fast unnahbar. Aber tief in ihrem Inneren... Hallo, t’schuldigung, was war denn jetzt eigentlich in der Tasche? Wie? Na, die Tasche, war die leer? Oha – da ist was schief gelaufen. Wir unterbrechen das Programm an dieser Stelle und schalten um auf »Warentest«.
Ab jetzt nur noch knallharte Facts. Wir waren bei der FZS 600 Fazer. Hochmodern, angesichts der XJ. Jung, frech, erfolgreich. Zeitgemäßes Design, schnittige Halbschale, lässig drehender, turbinenartiger Motor. Und dann dieses widerstandslose Handling. Für Digital-Freaks ein Traum, für Analogiker schlimm. Sie finden das Gesamtpaket Fazer viel zu synthetisch, nicht zuletzt wegen des eckigen Tanks, der keinen klassischen Knieschluß erlaubt. Die FZS gehört zu den wenigen Motorrädern, die von außen kleiner wirken als von innen. Sie bietet Platz en masse, und die nicht gerade perfekt schützende Verkleidung scheint meterweit weg.
3400 Mark liegen zwischen Fazer und XJ 600 N. Dafür gibt’s einen Leistungszuschlag von satten 34 PS, ein gehöriges Plus an Stabilität, und ein Paar piekfeine Bremsen.
Kapitel drei hätte ursprünglich »Frau Rettich, die Donnerkatze und ich« heißen sollen. Schade eigentlich, dass es niemand hören will. Wäre echt interessant gewesen. Die Donnerkatze nämlich war in ihrem ersten Leben eine richtig ehrgeizige Sportlerin. Sie trug zwar gewaltig an ihrem Übergewicht, doch ignorierte es konsequent. Die Rettich, damals Vorsitzende bei »Katzen und Depression«, hatte das Problem... Hallo!
Okay. Kapiert. Thundercat – also. Auch YZF 600 R genannt. Der einzige namentlich bekannte Supersport-Tourer unserer Hemisphäre. Das rührt von besagter Vergangenheit – aber Schwamm drüber. Wir lassen das Super weg, sagen einfach Sporttourer und fertig.
Ausgereifte Sporttourer sind ja sehr feine Motorräder. Sie vereinen gleich so viele Tugenden auf sich. Die Thundercat macht da keine Ausnahme. Von allen Seiten umgibt sie dich mit ihrer unaufdringlichen Präsenz. Sie kann touren und sporteln und ganz prima soziusen. Ihre Sitzbank ginge auch als geborene Birkenstock durch. Hinzu kommt eine gewisse Noblesse, ausgelöst vom sonor klingenden, geschmeidigen Motor, den Federelementen, unter denen selbst lumpige Teerdecken wie schwere Berber wirken, und diesem vollwertigen Handling, frei von jedweder halbwüchsigen Nervosität. Ein gutes, reichhaltiges Fahrgefühl: dynamisch, komfortabel, immer auf der entspannten Seite. Kurven fühlen sich wie Kurven an, 140 km/h wie 140 km/h.
Auf der R6 wirkt das Leben nicht halb so verbindlich und irgendwie zu kurz. Kurven entarten zu Geraden, 140 km/h vermitteln dir den Eindruck zu stehen. Das Motorrad ist immer komplett unter dir. Beim Bergabfahren stellt sich mitunter Unbehagen ein: Man könnte ja vornüberpurzeln. Du klopfst die Gänge, hältst die Drehzahl zwischen 10000 und 13000, haust die Sechser um die Ecken wie noch kein Motorrad zuvor - und doch schenkt sie dir nur ein kleines Lächeln und die Gewissheit, dass sie all das noch viel, viel besser kann. Die R6 ist die stressigste 600er unter der Sonne. Und die genialste. So klein, so leicht, so direkt und transparent. Alles scheint aufs Höchste verdichtet, nirgendwo auch nur ein My Luft, diese Maschine ist wie ein Vakuum-Pack.
Und wie weit ist jetzt die XJ 600 N von der YZF-R6 entfernt? Genau 7500 Mark, 59 PS und 54,3 Prozent Fahrwerk. Trotzdem hängt der Supersportler die Tasche auf der Landstraße nicht einfach so ab – solange er den Pfad der Tugend nicht verlässt, versteht sich. Um dranzubleiben, muss die XJ freilich alles geben, drehen, was der alte Vierzylinder hergibt, während die R6 quasi auf der Standgasdüse läuft, dabei aber die gleiche Menge Sprit verbraucht. Richtig lustig wird’s, wenn die Strecken schön mies werden, löchrig, pickelig, frostbeulig, und der Überflieger mit seiner straffen Fahrwerksabstimmung zu kämpfen beginnt. Dann mogelt sich die XJ mitunter sogar an ihm vorbei. Durchschlagende Gabel hin oder her.
Es kommt wie so oft auf die Einstellung an. Wer will, erlebt auf einer Basic-600er genauso viel wie andere mit einem High-End-Produkt. Oder mehr. Von besonderem Reiz ist beispielsweise: zu fahren, bis sich die Balken biegen. Das Potenzial einer Maschine voll auszunutzen – falls es wirklich mal pressiert. Will man das gleiche im Sattel einer R6 erfahren, ist entweder eine Rennstrecke vonnöten oder ein ziemlich großes Loch im Kopf.
Auf dem weiten Feld zwischen Basic und High-End siedeln die Fazer und die Thundercat. Wobei die Fazer in ihrer agileren Art dichter an die R6 herankommt und trotzdem näher an der Basis bleibt. Ja, die FZS 600 ist die Inkarnation der eierlegenden Wollmilchsau. Vor allem jetzt, nach der 2000er Modellpflege. Größte Errungenschaft der menschenwürdige Rücksitz, dank tiefer angebrachter Sozius-Rasten. Ebenfalls nicht zu verachten: der größere Tank mit 20 statt 18 Litern Volumen. Neu sind außerdem die Federbasisverstellung an der Gabel, der höhere Lenker, eine Uhr und die Warnblinkanlage. Umsonst gibt’s das natürlich nicht. Die Fazer kostet jetzt 13390 Mark. Das sind knapp 700 mehr als bisher. Aber immer noch ein ziemlich guter Deal für ein Motorrad, das außer stricken und häkeln eigentlich alles kann.
Das Triebwerk der FZS ist fast baugleich mit dem der Thundercat, hat laut Prüfstand zwar sieben PS weniger, fühlt sich aber trotzdem agiler an. Kleinere Vergaser ersparen ihm die Schlappe bei 5000/min, von der die YZF seit Jahren gequält wird. Immer wieder plumpst die Thundercat in dieses Loch, das sie aus eigener Kraft nur schwer überwindet und eben drum lieber gleich nach dem Getriebe schreit.
Beim Getriebe aber hört der Spaß auf. Die Damen und Herren Yamaha mögen zwar wunderbare Motoren bauen, mit der Konstruktion guter Schalteinheiten tun sie sich jedoch ziemlich schwer. Ob Thundercat, Fazer, XJ oder R6 – alle haben Schwierigkeiten, in die Gänge zu kommen. Die R6 etwas mehr. Von den versprochenen Verbesserungen am 2000er-Modell ist nichts zu spüren. Unter Last vom Ersten in den Zweiten kracht wie gewohnt heftig. Und beim Heranrollen an rot beampelte Kreuzungen heißt es nach wie vor: rechtzeitig mit dem Sortieren der Gänge beginnen. Übrigens wurde die R6 mit neuen geschmiedeten Kolben und einer ordentlichen, geschraubten oberen Stoßdämpferaufnahme bestückt.
Im Groben war’s das. Hier stünde jetzt eigentlich das Kapitel: »Hunde, wollt ihr ewig lesen«. Aber so etwas gehört sich nun wirklich nicht. Also – ganz seriös: Gibt’s noch was? Na klar. Diese Sachen wie Windschutz, Licht und Startverhalten. Stehen in der Punktewertung. Okay. Aber bei der Donnerkatze, da war noch was offen. Wo steht diese im Vergleich zur R6? 1095 Mark links von ihr, 25 Kilogramm rechts und acht PS drunter – laut Prüfstandsdiagramm. Und genauso fühlt sich’s auch an. Nicht schlecht, aber anders. Weich, rund.
Es bleibt dabei: Fazer und R6 sind am nächsten verwandt. Thundercat und XJ haben diese Gutmütigkeit gemein. Fazer und Thundercat tragen zufällig den gleichen Motor. XJ und R6 zufällig den gleichen Familiennamen.

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