Suzuki GSX 650 F gegen Honda Gold Wing im Test Mit welchem dieser Reisemotorräder reist es sich besser?

In einer Villa wohnt es sich besser als in einer Zweizimmermietbude, ist doch klar. Genau so klar ist, dass man mit einer Gold Wing besser reist als mit einer 650er-Billig-Suzuki. Oder etwa doch nicht? Die Story einer Wette.

Foto: Rivas

Seit Nachbar Krause diese Kiste in der Garage hat, parkt sein Auto draußen. Muss es auch, denn es passt nicht mehr rein. Die Honda Gold Wing liegt nicht nur abmessungstechnisch im Kleinwagenbereich, sondern auch in puncto Gewicht. Mit allen Extras bringt sie 424 Kilogramm auf die Waage. Krause fährt vorwärts rein und pöttert im Rückwärtsgang wieder raus. Jedem, der seine Nase nur einen Zentimeter zu weit aufs Kraus’sche Grundstück steckt, erzählt er, wie stressfrei und luxuriös es sich in seiner teuren Zweiradvilla lebt. Aber: Ist eine Villa tatsächlich in allen Belangen besser, als eine Zweizimmerwohnung? „Liecht doch aufe Hand“, brummt Krause, „Sitzkomfort, Wetterschutz un’ Laufruhe sin’ unbezahlbar.“ Wirklich? Angesichts solcher Aussagen erinnert man sich gern an Jugendzeiten, in den weniger oft mehr war. Mehr Erlebnis. Deshalb wette ich mit Krause. Der meint: „Ein Gold Winger erlebt die gleiche Tour ungleich entspannter als der Fahrer eines Billigtourers.“ Topp, die Wette gilt. Reiseziel: Einmal rund um den Bodensee.

Donnerstag, 29. März 2012. Die Gold Wing parkt in der Redaktionsgarage. Mit einigen Zusatzfeatures wie Airbag und Navi zahlt man für das gute Stück 31300 Euro. Fuhrparkboss Rainer balanciert den Brocken aus der Parklücke und hockt sich hinter die riesige Scheibe. Ich nehme als Sozius Platz. Es gilt 150 Autobahnkilometer runterzuraspeln, denn das zweite Bike, eine Suzuki GSX 650 F, steht beim Suzuki-Importeur in Bensheim. Mit 7790 Euro ist die kleine Suzi eins der derzeit günstigsten Tourenbikes am Markt.

Gold Wing fahren als Sozius - das hat was. Kuscheliger Sessel, Stereosound aus hinten angebrachten Lautsprechern, entspanntes Zurücklegen an die Lehne des Topcases. Die Füße ruhen auf breiten Trittbrettern. So lässt es sich gleiten. Superlässig, superbequem. Falls es kalt wird, gibt’s auch noch eine Sitzheizung. Ich bin beeindruckt. Doch mein Schwärmen schlägt um. Denn die Bahn ist frei, und Rainer dreht auf. Ab 140 km/h wird’s ungemütlich für den Beifahrer, denn die Turbulenzen, die die Scheibe verursacht, stören enorm. Ich bedeute meinem Chauffeur, die Scheibe hochzufahren. Rainer biegt auf den nächsten Parkplatz. Denn die Scheibe lässt sich nicht elektrisch verstellen. Zwei anachronistisch wirkende Handhebel müssen erst gelöst werden, dann kann die Scheibe von Hand in die gewünschte Höhe gerückt werden. Bei einer Yamaha FJR oder einigen Touring-BMWs geschieht das elektrisch per Knopfdruck. Und während der Fahrt. Egal. Wir finden keine Stellung, in der die Turbulenzen wesentlich geringer werden. Zudem zieht’s von hinten - Verwirbelungen. Rainer gibt Vollgas. Der Tacho zeigt mit Mühe knapp 200 km/h. Bei dieser Geschwindigkeit entstehen dermaßen starke Luftwirbel, dass es dir als Beifahrer fast den Helm vom Schädel reißt. Okay, wir haben verstanden. Obwohl die Dicke stabil liegt, ist sie für die schnelle Gangart nicht gebaut. Das zeigt sich auch an der Tanke: Wer den Sechszylinderboxer richtig ausquetscht, der darf sich über einen Verbrauch von rund elf Litern auf 100 km nicht wundern.

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Foto: Rivas

Bensheim. Die 650er steht bereit. Die Suzukianer haben Mittagspause und stehen drum herum. Zusatzfeatures wie ein verstellbarer Windabweiser auf der Scheibe, Hauptständer und ein Topcase treiben den Preis für die GSX-F auf 8398 Euro. „Die Kleine könnt ihr locker im Topcase der Gold Wing transportieren“, sagt ein Suzuki-Angestellter schmunzelnd. Rainer, ganz der Pragmatiker, klärt ihn auf: „Lustig wär’s zwar, aber die Gold Wing darf nur 177 Kilogramm zuladen.“

Schallendes Lachen der Suzuki-Mannschaft. Denn ihre Kleine darf 31 Kilo mehr laden. Danke für die Aufklärung. Oropax rein, Gepäckrolle drauf und los geht’s. Ludwigshafen soll Start- und Zielpunkt unserer Umrundung sein, bis dahin sind es noch 300 Kilometer, die zu 90 Prozent auf der Autobahn gefahren werden.

Der Windschutz des kleinen Tourers ist gar nicht übel. Die Luft strömt laminarer über die zierliche Scheibe, der Schutz ist jedoch gering und auf der Gold Wing wesentlich höher. Rastplatz, Wasser trinken, Plätze tauschen. Wow, wer von der 247 Kilogramm schweren GSX-F auf die Honda steigt, ist zuerst völlig perplex. Ich bin nur 1,67 Meter groß. Trotzdem erreiche ich durch die relativ schlanke Taille der Gold Wing mit beiden Füßen den Boden. Und das ist gut so. Um diesen Brocken zu balancieren, braucht man einen sicheren Stand. Wir biegen auf die A81. Kaum Verkehr. Gas auf. Die Verkleidungsscheibe der 1800er produziert Verwirbelungen an meinem Rücken. Egal in welcher Stellung. Dafür erlebe ich, wie seidenweich der Sechszylinder läuft und surrt. Mehr Laufruhe geht kaum. Wieder sind wir auf einem Rastplatz, Scheibe verstellen. Diesmal muss sie ganz runter, obwohl ich dann aufgrund meiner Größe nur auf die Abrisskante schaue. Zaghaft geht’s raus auf die Beschleunigungsspur. Wir nicken uns zu. Feuer frei! Jetzt hat die Dicke das Nachsehen. Von null auf 140 km/h braucht die Suzuki gerade mal 7,4 und die Honda 8,8 Sekunden. Das ist eine 40-Tonner-Sattelschlepper-Länge Differenz. Auch in der Elastizitätsprobe bis 140 km/h im letzten Gang dost die 86 PS starke Suzi ihre füllige Konkurrenz ein, der Honda-Boxer leistet 118 PS. Da hilft ihm sein massiges Drehmoment von 167 Nm auch nichts. Erst oberhalb von 140 km/h (im Bereich, wo es auf der Gold Wing leider ungemütlich wird) gibt sie sich im Durchzug überlegen.

So viel zu den Fakten. Wir stehen in Ludwigshafen, haben für die Rundreise anderthalb Tage kalkuliert. Ab jetzt heißt es gleiten. Und reisen statt rasen. Die Sonne sticht, und ein Rentnerpärchen umkreist die Wing. „Wie viel Gepäck passt da rein?“ wollen sie wissen. „150 Liter, verteilt auf zwei Koffer und Topcase“, antwortet Rainer. Wir mustern die beiden. Er knapp 1,90 Meter, sie 1,75 Meter. Beide ordentlich Holz vor der Hütte. Die 177 Kilo Zuladung haben sie locker ohne Gepäck. Und dann? „Eine Gold Wing wird nicht rausgezogen zum Nachwiegen“, sagt Rainer. Er muss es wissen. Schließlich ist er Fuhrparkleiter.

Wir gleiten über kleinste Straßen von Bodmann über Möggingen Richtung Konstanz im Niemandsland zwischen dem Boden- und dem Untersee. Die Wege sind schmal, löchrig und kurvig. Ich bin überrascht, wie viel das Fahrwerk der Gold Wing wegbügelt. Der Fahrer bekommt kaum etwas davon mit. Gabel und Federbein dämpfen mit viel Komfort, wirken aber keinesfalls zu weich. Zum Sänftenverhalten trägt der opulente Sessel sicher seinen Teil bei. Der Honda-Sattel ist wie ein gut gepolsterter Fernsehsessel. Das kommt umso drastischer rüber, wenn man auf die schmale Suzuki-Bank umsteigt, die im direkten Vergleich mit dem Sitzkomfort eines Holzbalkens aufwartet. Auch sind die Federelemente der 650er straffer, geben Bodenunebenheiten direkter und unmittelbarer an den Fahrer weiter. Unter fahrdynamischen Aspekten ist dieses Feedback vorteilhaft. Beim Schleichen über Mittelklassewege stört es nur. Übernachtung in Konstanz und erster Anruf bei Krause. „Un’? De Wing isset Beste, watt es jibt! Oder?“, hofft mein Nachbar. „Wir sind uns noch nicht sicher“, sagt Rainer und verweist auf den Folgetag.

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Foto: Rivas

Da stehen wir an der Schweizer Grenze, und ein Zöllner fragt Rainer, der auf der Gold Wing sitzt: „Führen sie Waren mit sich?“ Rainer versteht Wagen und meint: „Nee, das ist kein Auto, sondern ein Motorrad.“ Willkommen im Land, in dem man maximal 80 km/h fahren darf - im Grunde genommen die optimale Tourengeschwindigkeit. Mit der Dicken ist das gar kein Problem. Sechster Gang, 1700 Touren - nur ICE fahren ist noch relaxter. Lediglich der etwas schwergängige Gasgriff steht der absoluten Leichtigkeit des Seins im Weg. Wer jetzt allerdings glaubt, solch lässiges Gleiten wäre mit zwei Zylindern und 1176 Kubik weniger unmöglich, den belehrt die GSX-F eines Besseren. Trotz ihres Hubraumhandicaps liegt der gefühlte optimale Schaltpunkt bei 4000/min. Beim Cruisen stehen meist zwischen 3500 und 4500/min auf dem Display. Man ertappt sich auch auf der GSX oft dabei, im sechsten Gang mit nur 2000/min durch den Ort zu rollen. Merken tut man’s erst, wenn man die Gänge vor der Ampel wieder zurück klicken muss.

Es regnet. In Uttwill parken wir die Bikes vor einem Café und genießen einen Tiefschwarzen.  Eine vielleicht fünfzigjährige Kundin, die figurmäßig erfolgreich bei der medialen Topmodel-Suche teilnehmen könnte, tritt lächelnd an uns heran. Sie will wissen, wer von uns die weiße Maschine fährt. Rainer hebt die Hand, lässt den Zündschlüssel baumeln. „Wenn’s nicht regnen würde“, summt die Dame, „würd’ ich mit dir glatt einmal um die Welt fahren.“ Verdammt, denke ich, dieser Punkt geht an Krause. Und er ist durch nichts zu toppen.

Zurück im Sattel. Fotograf Arturo, gebürtiger Mexikaner schickt uns auf der Suche nach skurrilen Landschaften durchs Naturschutzgebiet Rheindelta nahe Bregenz. Ich sitze auf der Gold Wing. Für Kleine ist die Sicht bei Regen fatal. Tropfen auf dem Helmvisier, Tropfen auf der Scheibe, Abrisskante vor der Nase - nur Blindflug ist noch bescheidener. Wir stochern über dreckverschmierte Straßen. In dieser Situation fühlt man sich auf der Suzuki sicherer. Sie ist überschaubarer, und das Fahrwerksfeedback ist direkter. Wir folgen einem Weg, der immer schmaler wird. Man ahnt schon, wo das hinführt. Richtig. Bauernhof, Sackgasse, freilaufender Hund. Gottlob sitze ich auf der Suzuki. Hart bremsen, rumrutschen, 180 Grad kehrt marsch. Dass Rainer nicht von der Gold Wing gerissen und zerfleischt wird, liegt in erster Linie am Herrchen, das seinen Hund zurückpfeift. Ansonsten  Denn Wendemanöver auf engstem Raum sind mit der Dicken ein Graus. Der Mix aus großem Spiel im Antriebsstrang und schwergängigem Gasgriff sowie vor allem die Eigenheiten des Verbundbremssystems stempeln das Wenden am Lenkeinschlag zu einer Aktion, für die man unglaubliche Erfahrung braucht. Und dennoch oft flucht.

Kaum zurück auf deutschem Boden, empfängt uns Sonnenschein. Wir genießen die Kurven zwischen Lindau, Tettnang und Markdorf auf fahrzeugspezifische Weise. Sicherlich ist die Dicke keine Sportmaschine, doch sie überrascht mit Lenkpräzision und unterhält mit souveränem, schönem Kurvenswing, der nie Stress aufkommen lässt. Gold Wing fahren ist wie ein Jahresurlaub. Die Suzuki hingegen vermittelt den Spass nur im Hier und Jetzt. Er generiert sich stärker aus Dynamik und Sportlichkeit, schränkt die Tourentauglichkeit jedoch nicht ein. „Watt nu?“, will Krause wissen, als ich wieder über seinen Zaun schaue. „Mit der Dicken erlebst du Dinge, die sind nicht bezahlbar.“ Krause grinst breit: „Sach ich doch.“

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MOTORRAD-Fazit

Mit einer Gold Wing kauft man sich nicht nur ein tourentaugliches Prestigeobjekt, das relativ geringem Wertverfall unterliegt, sondern auch ein Lebensgefühl. Allein diese Dinge führen einen technischen wie fahrdynamischen Vergleich mit einem günstigen Tourer ad absurdum. Die Laufruhe des Sechszylinderboxers ist auch heute noch State of the Art, und bis auf die Turbulenzen ist der Komfort kaum zu toppen. Suzuki hat mit der 650er ein überzeugendes Gesamtpaket mit sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis geschnürt, mit dem auch Fahranfänger gut zurechtkommen.

Foto: Rivas

Technische Daten

 

Honda Gold WingSuzuki GSX 650 F
Motor
BauartSechszylinder-Viertakt-BoxermotorVierzylinder-Viertakt-Reihenmotor
EinspritzungØ 40 mmØ 36 mm
KupplungMehrscheiben-Ölbadkupplung Mehrscheiben-Ölbadkupplung 
Bohrung x Hub74,0 x 71,0 mm65,5 x 48,7 mm
Hubraum1832 cm3656 cm3
Verdichtung9,8:111,5:1
Leistung87,0 kW (118 PS) bei 5500/min63,0 kW (86 PS) bei 10500/min
Drehmoment167 Nm bei 4000/min62 Nm bei 8900/min
Fahrwerk
RahmenBrückenrahmen aus AluminiumDoppelschleifen-rahmen aus Stahl
GabelTelegabel, Ø 45 mmTelegabel, Ø 41 mm
Bremsen v/hØ 296/316 mmØ 310/240 mm
AssistenzsystemeVollintegral-Bremssystem mit ABSABS
Räder3.50 x 18; 5.00 x 163.50 x 17; 5.00 x 17
Reifen130/70 R 18; 180/60 R 16120/70 ZR 17; 160/60 ZR 17
BereifungBridgestone vorne G 709, hinten G 704Bridgestone vo. BT 011 „N“, hi. BT 020 „G“
Maße + Gewichte
Radstand1690 mm 1470 mm 
Lenkkopfwinkel61,0 Grad64,0 Grad
Nachlauf109 mm108 mm
Federweg v/h140/105 mm130/128 mm
Sitzhöhe**750 mm800 mm
Gewicht vollgetankt**424 kg247 kg
Zuladung**177 kg208 kg
Tankinhalt25 Liter19 Liter
Service-Intervalle 12 000 km6000 km
Preis28300 Euro7790 Euro
Preis Testmotorrad31300 Euro***8398 Euro***
Nebenkostenzirka 355 Eurozirka 135 Euro
MOTORRAD-Messwerte
Höchstgeschwindigkeit*200 km/h205 km/h
Beschleunigung
0–100 km/h4,2 sek4,2 sek
0–140 km/h8,8 sek7,4 sek
0–200 km/h21,2 sek
Durchzug
60–100 km/h5,5 sek5,0 sek
100–140 km/h6,5 sek5,6 sek
140–180 km/h9,9 sek7,4 sek
Verbrauch
Verbrauch Landstraße6,8 Liter/Normal5,6 Liter/Normal
Reichweite Landstraße368 km339 km

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