Jürgens Ecke

Auch wenn moderne Sportmotorräder von den Abmessungen und der Leistungsfähigkeit immer näher an die echten Rennmaschinen heranrücken, machen schon die ersten Runden auf den 600ern klar: Hinsichtlich des Grenzbereichsverhaltens trennen beide Konzepte Welten. Der Grund: Ein GP-Motorrad kann sich den Luxus gutmütiger Kontrollierbarkeit fast nicht leisten. Diese Motorräder sind kompromisslos auf Leistung, Grip und Handlichkeit ausgelegt. Auf der technischen Seite bleibt da kaum Spielraum, den Fahrer rechtzeitig und eindeutig über das Limit zu informieren. Der GP-Fahrer nützt daher bei seinem schwierigen Jobeine ganze Reihe anderer »Grenzbereichsindikatoren«. Er drehtendlose Trainingsrunden, studiert dieKonkurrenz auf der Strecke und jede Menge Datenaufzeichnungen, um sich ans Limit zu tasten.Bei Serienmotorräder und Hobbyfahrern gibt es diese Möglichkeit nicht. Wie viel Spaß man auf der Rennstrecke hat, hängt deshalb nach meiner Meinung entscheidend davon ab, welchesBike einem bei ähnlichen Rundenzeiten am besten sagt, wo es »langgeht«.Beispiel Kawasaki: Sie glänzte ohne Auffälligkeiten durch besondere Ausgewogenheit vonMotor und Fahrwerk. Die leichte Instabilität am Hinterrad deutet »da kommt jetzt gleich die Grenze« frühzeitig an und macht den Umgang mit ihr so angenehm.Viel Spaß macht auch die Triumph, weil man sie regelrecht ausquetschen kann. Fahrwerk und Bremse zeigen keinerlei Schwächen, und wegen des etwas schwachbrüstigen Motors ziehtman immer voll am Kabel.Eine echte Alleskönnerin ist die Suzuki, bei der sich Fahrwerksabstimmung,Sitzposition und Motorleistung in Regionen bewegen, die keine Wünsche offen lassen. Aber: Der Spielraum für Fahrfehlerchen wird dadurch kleiner.Ebenfalls erstaunlich die Honda: auf der Landstraße ein Multitalent, schafft sie auch den Spagat auf die Rennstrecke. Mit einer Einschränkung: der Kontrollierbarkeit im Grenzbereich. Es kann passieren, dass das Hinterrad ohne große Voranmeldung ausbricht.Nicht ganz einfach zu kontrollieren ist auch die Yamaha. Ein Kraftpaket, das man mit Vorsicht auspacken sollte. Das Heck taucht beim Beschleunigen ein und Front vermitteltnur wenig Gefühl für´s Limit. Die Folge: Rutscher über das Vorderrad sind besonders heikelabzufangen.Noch genauer als bei der R6 sollte man bei dem Vollblut-Racer Ducati schon vorher wissen, wie schnell man fahren kann. Sie wird es nicht verraten, erinnert mich in Sachen Stabilität und dem Schräglagenverhalten in langgezogenen Kurven am ehesten an 250er-GP-Motorräder.Das ist meine persönliche Reihenfolge, wenn es um gutmütiges Grenzbereichsverhalten geht. Für den Profi auf der Jagd nach schnellen Zeiten zweitrangig – für den Freizeitsportler beim Renntraining von elementarer Bedeutung. Denn der will schließlich mit heilen Knochen und heilem Motorrad wieder nach Hause fahren.

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